Kapitel 1

Am Anfang war ein Knall (Team Go Begins, Teil 1)

Die Tür des Fahrstuhls öffnete sich auf der Penthouse-Etage des Schooley/McCorkle Hotels. Shego rollte langsam auf den Flur hinaus, gefolgt von den zwei Filmemachern.
"Wow", sagte Julian leise.
Weder er noch Washington waren jemals im Penthouse eines Grand Hotels.
"Wenn sie den Flur schon beeindruckend finden, sollten sie mal sehen, was sich hinter der Tür befindet", sagte Shego und blieb vor einem Netzhautscanner stehen.
Sie zog eine kleine Dose aus einem Fach an ihrem Rollstuhl. Darin befand sich eine Kontaktlinse. Sie setzte sie in ihr linkes Auge ein, tippte eine vierstellige Nummer auf einer Tastatur neben der Tür und ließ sich ihr Auge scannen. Mit einem lauten Klicken öffnete sich die Tür.
"Diese Netzhautscanner sind ein Witz", lachte Shego. "Die Dinger konnte man schon Ende des 20. Jahrhunderts so überlisten und man kann es jetzt immer noch. Keine Bange, wir brechen hier nicht ein, ich habe es so legal gemietet, wie man es unter einem falschen Namen machen kann. Wenn ich die Kontaktlinse aber nicht drin gehabt hätte, würde es hier innerhalb von zwei Minuten von Mitarbeitern des Globalen Gerechtigkeitsnetzwerks wimmeln. Treten sie ein."
Shego rollte voraus. Julian und Washington folgten ehrfürchtig, nur um einen Schritt hinter der Türschwelle mit offenem Mund stehenzubleiben.
"Jetzt kommt schon", stöhnte Shego genervt, "das ist nur das größte Zimmer im teuersten Hotel der Stadt. Ich dachte, es wäre nett, wenn wir den Film vor einem ansprechenden Hintergrund drehen. Habe ich recht?"
Julian musste sich eine Art mentaler Ohrfeige verpassen, um sich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren.
"Ähm, ja. Ja, das war eine gute Idee. Washington, bau die Kamera auf."
Washington versuchte gerade einem inneren Zwang zu widerstehen. Das Bett, dass er vor sich sah, war so riesig und sah so weich und gemütlich aus, dass er am liebsten einen Salto auf die Matratze machen wollte, nur um dann wie ein kleines Kind darauf auf und ab zu springen. Er hatte diesen Zwang eigentlich ganz gut unter Kontrolle, bis er merkte, dass er schon lange einen Salto auf die Matratze gemacht hatte und nun wie ein kleines Kind darauf auf und ab sprang.
"Washington!" rief Julian. "Arbeit! Jetzt!"
Washington stellte das Springen ein, ging langsam von dem Bett runter und holte eine kleine Kamera aus seinem Rucksack.
Die Kameras hatten sich, im Gegensatz zu Netzhautscannern, in den letzten Jahrzehnten ziemlich gut entwickelt. Ich will nicht weiter darauf eingehen, aber mehr als diese eine Kamera war nicht mehr nötig um einen professionell aussehenden Film zu drehen.
Shego fragte: "Wo soll ich hin?"
Julian sah sich kurz um und antwortete: "Wie wäre es, vor dem Fenster?"
"Ungern. Man weiss nie, wer im Haus gegenüber sitzt und seine Waffe auf einen richtet. Ich habe mir einfach zu viele Feinde gemacht, in den fast hundert Jahren, die ich innerhalb dieser Existenzebene zugebracht habe und leider sind einige von ihnen viel jünger als ich."
"Dann...probieren wir es eben neben dem Fenster."
"Sie sind der Regisseur. Aber wenn sie oder der Glatzkopf die Minibar anrühren, sind sie tot."
Washington schluckte die letzten Reste eines Schokoriegels herunter und hoffte, dass Shego nicht mitbekommen hatte, wo er ihn her hatte.

Einige wenige Minuten später waren Bild und Ton optimal eingerichtet und Shego hatte ihr Make Up noch etwas aufgefrischt. Mit anderen Worten: es konnte losgehen.
"Sind sie bereit, Shego?"
Sie seufzte.
"Ja, bin ich."
"Dann lass laufen, Washington."
"Kamera läuft, Ton läuft, ihr könnt loslegen."
Sekundenlanges Schweigen.
"Ähm, wollen sie sich vorstellen?" fragte Julian.
"Ach so, ich dachte, sie sagen erst etwas. Dann...ja, gut. Also, mein Name ist Shego. Viele von ihnen kennen mich als die gefährlichste und meistgesuchte Frau auf der Welt." Den letzten Satz betonte sie voller Stolz. "Ich werde einige Dinge über mich erzählen. Dinge, die ich loswerden wollte, bevor ich sterbe. Das soll keine Beichte sein und ich erwarte auch keine Vergebung oder so etwas, ich fände es nur schade, wenn all diese Dinge mit mir sterben würden. Ich habe sie nie aufgeschrieben und die wenigen Menschen, die genug über mich wussten um davon zu berichten, sind mittlerweile tot." Ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. "Keine Angst, ich habe sie nicht umgebracht. Ich habe zwar den einen oder anderen Menschen auf dem Gewissen", das Lächeln wich einer gewissen Melancholie, die sich auch in ihrer Stimme abzeichnete, "aber die, die mir...etwas bedeutet haben, sind ohne meine Hilfe gestorben."
Shego sah nachdenklich zu Boden. Kurze Zeit später sah sie mit einem gezwungen wirkendem Lächeln zu Julian und fragte: "Also, was wollen sie wissen?"
"Wie wäre es, wenn sie am Anfang beginnen?"
"Der Anfang wovon?"
"Ihr Anfang. Ihre Kindheit, ihre Eltern...Team Go."
Shego zog erstaunt eine Augenbraue hoch.
"Team Go? Es gibt nicht viele Menschen, die über Team Go und mich Bescheid wissen."
"Vielleicht ist es an der Zeit, das zu ändern."
"Vielleicht." Sie sah nachdenklich in die Kamera und spielte dabei unbewusst mit einer Haarsträhne. Dann holte sie tief Luft und begann zu erzählen. "Über meine Eltern gibt es nicht viel zu sagen. Ich kann mich auch nicht wirklich an sie erinnern. Ich weiss nicht mehr wie sie aussahen oder ihre Stimmen klangen. Ich glaube aber, dass ich sie sehr mochte. Sie starben als ich 10 war. Dieser verdammte Meteor hat einfach alles geändert."
"Meteor?"
"Sie haben wohl doch nicht so gut recherchiert, wie ich anfangs gedacht habe. Es war ein Dienstag. Ich habe Dienstage schon immer gehasst, doch diesen Dienstag im Jahr 1990 hasse ich besonders."

Besagter Dienstag im Jahr 1990.
Ein Garten am äußersten Rande von Go City.
Es war ein schöner Garten. Sehr gepflegt und aufgeräumt. Das dazugehörige Haus war auch nicht zu verachten. Es gab ein kleines, buntes Blumenbeet, direkt unter dem Küchenfenster und einen Teich mit Fischen, an dem sich des öfteren Katzen zu schaffen machten, wenn sie kein Hausbewohner vertrieb. An diesem Tag war keine einzige Katze in der Nähe. Als ob sie es geahnt hätten.
Das Prunkstück des Gartens war aber ein Baum. Eine Eiche, um genau zu sein. Sie war schon da, bevor das Haus gebaut wurde und vermutlich würde sie immer noch da stehen.
Hoch oben befand sich ein Baumhaus. Keines von den wackeligen, schlecht zusammengezimmerten Baumhäusern mit schiefen Brettern und hervorstehenden, krummen Nägeln. Diesem sah man die Liebe, mit der es gebaut wurde, sofort an und der Grund für all die Liebe befand sich darin.
Fünf Kinder. Vier Jungs und ein Mädchen, allesamt Geschwister. Die jüngsten, Zwillinge, waren gerade ein paar Monate alt, der Älteste war schon 15.
"Er hat es aber verdient!" sagte das kleine Mädchen mit dem interessanten Namen "Shego" verärgert.
"Das glaube ich nicht", sagte Hego, ihr ältester Bruder. "Was hat er denn getan?"
"Er hat mich an den Haaren gezogen! Ganz fest!"

"David Fincher. Nicht verwandt mit dem gleichnamigen Filmemacher. Ein kleiner Mistkerl, der den ganzen Tag nichts anderes getan hat, als mich zu ärgern. Aber ich habe es ihm gezeigt."

"Wenn dich jemand an den Haaren zieht, ist das kein Grund, ihn in die Hand zu beissen und ihn die Treppe hinunter zu werfen."

"Ich war schon immer Charmanter als meine Brüder."

Mego, der zweitälteste der Geschwister sagte mit einem Lächeln: "Du kannst froh sein, dass ihm nichts ernstes passiert ist und dass ich da war um ihn davon abzuhalten, dich zu verpetzen. Es ist allein mein Verdienst, dass du weder von der Schule geflogen bist, noch Hausarrest hast."
"Trotzdem solltest du dich bei ihm entschuldigen."
"Tut mir leid, Mego."
"Nicht bei ihm, bei David."
"Warum sollte ich das tun? Er ist jeden Tag gemein zu mir."
"Erstens entschuldigen sich gute Menschen immer, wenn sie etwas falsch gemacht haben und das, was du getan hast, war falsch. Zweitens..."
"Zweitens ärgert er dich nur, weil er in dich verknallt ist", mischte sich Mego ein.
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih!!!! Dieser Stinker soll in mich verknallt sein!?"
"Das Haareziehen ist ein eindeutiges Zeichen, Schwesterchen. Kleine Jungs ziehen die Mädchen, die sie mögen, immer an den Haaren."
"Das habe ich nie getan."
"Klar, alle Jungs, ausser Hego, unserem Tugendbold."
"Es gehört sich einfach nicht, ein Mädchen so zu behandeln."
"Stimmt, aber wie willst du ihr denn sonst zeigen, dass du sie magst?"
"Blumen? Pralinen? Ein netter Brief?"
"Klingt gut, aber vielleicht solltest du dich, als briefeschreibender Blumenfreund mal fragen, warum du noch immer keine Freundin hattest?"
Hego seufzte und sagte leise: "Ich bin doch so schüchtern."
Die kleine Shego gab ein würgendes Geräusch von sich.
"Hört auf damit! Jungs sind doch voll eklig!"

"Meine Brüder lachten über diese Bemerkung. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was daran so lustig war, doch das sollte bald meine geringste Sorge sein. Hego bemerkte es als Erster."

Hegos Lachen verstummte schlagartig.
"Was ist?" fragte Mego.
"Hört ihr das?"
Shego und Mego lauschten angestrengt.
"Nein," sagte Shego, "aber ich rieche etwas. Die Zwillinge haben wieder eine Bombe platzen lassen."
"Warte. Du hast recht, Hego, was ist das?"
"Keine Ahnung, aber es wird lauter."

"Ich hätte es damals nicht zugegeben...und um ehrlich zu sein, ist es jetzt das erste Mal, dass ich es überhaupt zugebe, aber meine Brüder haben mir zu dem Zeitpunkt eine ganz schöne Angst eingejagt. Dann habe ich es auch gehört. Es war eine Art Pfeifen, zusammen mit einem lauten Donnergrollen. Schwer zu beschreiben, doch ich werde dieses Geräusch nie vergessen. Es hat sich tief in meinem Gehirn eingebrannt und wird erst dann wieder seinen Weg durchs Universum fortsetzen, wenn ich nicht mehr bin. Wäre übrigens nett wenn ihr mich umbringen würdet, falls ich jemals wieder so einen pseudophilosophischen Quatsch von mir gebe."

Mittlerweile war es unmöglich dieses Geräusch nicht zu hören. Trotzdem wurde es immer lauter und brachte das Baumhaus zum zittern.
Hego schnappte sich die Zwillinge und rief: "Nichts wie raus hier!"
Naja. Er versuchte es, doch mehr als "Nichts..." brachte er nicht mehr raus, bevor ein lauter Knall als Vorbote einer noch viel lauteren Stille auftrat.

Shego sah auf ein Bild an der Wand. Ein schrecklich kitschiges Bild, von einem Sonnenaufgang, über einem Sandstrand. Sie bemerkte gar nicht wie lange sie es anstarrte, bevor Julian es wagte, sie anzusprechen.
"Ähm, Shego?"
Als ob sie aus einer Art Trance erwachte, drehte sie sich wieder zur Kamera.
"Mir hat einmal jemand die rhetorische Frage gestellt, wie es wohl wäre, wenn man in die Sonne geschossen würde und was das Letzte wäre, was man dann spürt. Ob man für den Bruchteil einer Sekunde den schlimmsten Schmerz seines Lebens verspürt oder ob alles zu schnell geht um etwas zu merken. Natürlich wusste ich die Antwort darauf nicht. Die Einzigen, die darauf die Antwort wüssten, haben garantiert keine Möglichkeit mehr, sie den Lebenden mitzuteilen. Was ich aber weiss, ist, dass das Letzte was man spürt, wenn man von einem Meteoriten getroffen wird, ein Kribbeln ist. Es tut nicht weh, es kribbelt nur. Ein unangenehmes Kribbeln. Ich weiss natürlich nicht, ob das für alle Meteoriten gilt, aber bei diesem war das so. Er traf genau unser Baumhaus. Es hat schon etwas ironisches. Meine Brüder und ich befanden uns direkt in der Mitte der Explosion und uns ging es gut. Unsere Eltern befanden sich etwas ausserhalb und starben. Wir hatten immer eine Theorie deswegen. Wir glaubten, dass wir auch gestorben waren, aber dass der Meteor uns wieder ins Leben zurückholte und unsere Verletzungen kurierte, als er uns mit unseren Superkräften ausstattete. Oder erinnern sie sich noch an den Schauspieler Dennis Hopper? Der hat sich mal, als er jung war, in die Mitte eines Kreises aus Dynamit gestellt und diesen hochgejagt. Er war völlig sicher, denn alles war so berechnet, dass sich die Druckwellen gegenseitig neutralisierten. Vielleicht war es bei uns so ähnlich." Shego entflammte ihre rechte Hand und spielte ein bisschen mit der Flamme in ihrer Handfläche. "Hm. Nur eines von vielen, vielen ungelösten Mysterien des Universums."