Kapitel 10

Familien können nerven (Der Anfang vom Ende, Teil 2)

„Hego hatte uns eine Überraschung versprochen. Anstatt uns sofort zu sagen, worum es ging, machte er mit uns einen Spaziergang durch die Stadt. Schließlich blieben wir auf einer Brücke am Hafen stehen und sahen uns den Go Tower, das Wahrzeichen von Go City, an.“

„Okay, das...ist ein sehr großes „Go“. Vielleicht das größte, dass ich je gesehen habe“, sagte Mego.
„Und? Was haltet ihr davon?“ wollte Hego wissen.
Shego antwortete mit zurückhaltender Begeisterung: „Naja, es steht zumindest niemandem im Weg. Stell dir mal vor, die hätten das mitten auf die Hauptstraße gesetzt. Da wäre niemand dran vorbeigekommen. Die Staus wären schrecklich. Warum zeigst du uns das? Wir kennen den Go Tower. Wir sind in dieser Stadt aufgewachsen.“
Hego lächelte. „Dann wisst ihr doch sicher auch, was sich im Go Tower befindet, oder?“
„Nichts“, stöhnte Shego. „Ursprünglich sollte da mal etwas drin sein, ist es aber nicht. Der Go Tower steht leer.“

„Falls ihr es nicht wisst. Ende der 1970er Jahre war geplant, dass eine Weltausstellung in Go City stattfinden sollte. Der damalige Bürgermeister gab eine Menge Steuergelder dafür aus, um die Stadt dafür herzurichten. Hinzu kamen noch Millionen an Sponsorengeldern und sogar staatliche Zuschüsse! Der Go Tower wurde errichtet und er sollte Infostände und so einen Kram beinhalten. Dann war der Bürgermeister eines Tages mitsamt der Millionen verschwunden. Es gab keine Weltausstellung und der Go Tower blieb unbenutzt. Und weder der damalige Bürgermeister, noch das Geld, wurden je wiedergefunden. Ende.“

Hegos Grinsen verbreiterte sich. „Nun, jetzt steht der Go Tower nicht mehr leer.“
„Und was ist jetzt da drin?“ fragte Mego.
„Lasst es mich so ausdrücken. Der Go Tower ist von nun an die ultimative Festung der Gerechtigkeit.“
„Cool. Also was ist da drin?“
Hego brachte seine Geschwister zum Tower.
Ihre Fragen beantwortete er nur immer wieder mit: „Wartet es ab.“
Schließlich blieben sie direkt vor der Tür stehen.
„Überraschung Nummer 1. Um in den Go Tower hinein zu gelangen, muss man sein Leuchten benutzen.“
Hego brachte seine Hand zum Glühen und legte sie auf ein Feld, direkt neben der Tür, welche sich nur kurz darauf langsam öffnete.
„Boah“, staunten die Zwillinge.
„Okay Bruder, meine Aufmerksamkeit hast du damit erreicht“, sagte Mego und Shego fragte, noch immer leicht desinteressiert: „Liegt für den Fall der Fälle auch ein Schlüssel unter der Fußmatte?“
„Nein. Tut es nicht. Tretet ein.“
Die Zwillinge rannten als Erste an der schweren Eisentür vorbei, ins Innere des Towers. Mego folgte ihnen sofort. Shego seufzte einmal, bevor auch sie losging.
„Na? Na? Was haltet ihr davon?“ fragte Hego und hüpfte aufgeregt von einen Fuß auf den anderen.

„Vor mir befand sich die größte Kommandozentrale, die ich je gesehen hatte. Eigentlich war es auch die erste Kommandozentrale, die ich je gesehen hatte, aber das ist nicht wichtig. Überall blinkten Lichter und dann war da dieser riesige Monitor. Es war einfach überwältigend. Selbst für so eine Zynikerin wie mich.“

„Wow“, keuchte Mego.
Shego stand mit weit aufgerissenen Augen da und sah sich um. Die Zwillinge fragten sich, auf welchen, der blinkenden Knöpfe sie zuerst drücken sollten.
„Habe ich es also tatsächlich geschafft, euch sprachlos zu machen. Kommt, ihr habt ja noch nicht alles gesehen. Und wehe, ihr zwei da hinten drückt auf irgendwelche Knöpfe!“
„Tun...“ „...wir nicht,“ antworteten die Zwillinge in der für sie üblichen, sich gegenseitig ergänzenden Art.

„Er zeigte uns alles. Den Jet und die ausfahrbare Startbahn, das Motorboot, den Strahlenschutzbunker, die Küche, die Toiletten, wie man den Überwachungssatelliten benutzt und so weiter.“

„Großer Bruder“, sagte Shego, „ich muss zugeben, das hast du gut gemacht.“
Hego wurde rot im Gesicht.
„Sie hat recht, Hego. Wenn uns etwas gefehlt hat, dann war es so ein Hauptquartier. Egal, was kommen mag, wir sind darauf vorbereitet.“
Dann stellte Shego die entscheidende Frage.
„Wieviel hast du denn dafür bezahlt?“
„Ach, das habe ich eigentlich ziemlich billig bekommen. Den Go Tower gab es fast umsonst. Ich musste ein paar Vereinbarungen mit der Stadt treffen, so läuft zum Beispiel eine spezielle Telefonleitung direkt zu unserem Hauptquartier und manchmal müssen wir noch andere Dinge für sie tun. Ich erzähle euch später noch alles. Das Equipment hat auch gar nicht mal so viel gekostet. Ich meine, wenn man bedenkt, wie groß der Monitor ist und dass wir einige Satelliten anzapfen können und dass wir einen Jet haben und so weiter. Es waren nur knapp 64 Millionen Dollar. Hollywoodfilme kosten mehr!“
„64 Millionen?“ fragte Shego.
„Ja.“
„Das ist wirklich billig. Okay, ich kenne die Preise für Superheldenkram nicht, aber 64 Millionen sind ja ein Klacks. Abgesehen davon, das wir nur 65 MILLIONEN DOLLAR BESESSEN HABEN, VON DENEN DU SCHON EINE MILLION AN DEN TYPEN VOM JUGENDAMT VERSCHWENDET HAST!!!“
Hego blinzelte einmal.
„Du...brauchst nicht zu schreien. Ich stehe direkt vor dir.“
Mego fragte: „Bedeutet das, wir sind pleite?“
„Nein, ich habe doch gesagt, es waren nur knapp 64 Millionen.“
„Also sind wir nur fast pleite.“
„750 Dollar haben wir noch. Das...sind fast 1000.“
Shego schloss ihre Augen, atmete einmal tief ein und hielt die Luft an. Ihre Brüder sahen sie in den atemlosen Sekunden fasziniert an und erwarteten, dass sie jeden Moment explodieren würde. Dies trat aber nicht ein.
Stattdessen atmete sie nach einiger Zeit einfach wieder aus und sagte ruhig: „Gut, beruhigen wir uns wieder.“
„Ich war die ganze Zeit ruhig!“
„ICH SAGTE BE...beruhigen wir uns. Also, nüchtern betrachtet ist das hier alles ganz toll. Wir sind Superhelden, wir brauchen ein Hauptquartier mit lauter nützlichem Schnickschnack. Ausserdem glaube ich, dass Vince das Geld früher oder später ebenfalls für so etwas ausgegeben hätte. Es tun sich hier nur ein paar Probleme auf. Erstens hättest du uns fragen können.“
„Es sollte halt eine Überraschung sein.“
„Schön. Wir sind überrascht. Zweitens frage ich mich, wie wir jetzt für uns sorgen sollen, wo wir nur 750 Dollar besitzen.“
„Also, wohnen können wir hier. Das kostet uns nichts. Strom bekommen wir durch Solarzellen und Generatoren, also kostet uns das auch nichts. Und ich arbeite ja tagsüber bei Bueno Nacho, und ab und an kann ich von dort kostenlos was mitnehmen, weshalb wir schon wieder etwas Geld sparen.“
„Jaaa!“ jubelten die Zwillinge.
Shego sprang in gespielter Freude auf und ab.
„Yeah, ich werde jeden Tag Nachos und Chimmeritos essen! Ich glaube, ich bin im Himmel und freue mich schon auf die mir blühenden Gesundheitsschäden.“
„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich mich hier mal einschalte“, sagte Mego, als plötzlich eine Sirene losging.
„Ein Notfall! Wir werden gebraucht!“ rief Hego.

„Dieser schreckliche Alarm ging jedesmal los, wenn sich eine Katze auf einen Baum verirrt hatte. Es war ein ekelhaftes, nicht zu ertragendes Geräusch. Aber diesmal ging es nicht um eine Katze, sondern um einen Geldtransporter, der von einigen Gangstern gekapert wurde, und sich nun eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte. Wir sprangen sofort ins Go-Mobil...ein dämlicher Name...um bei dem Spaß mitzumachen. Übrigens, zu dem Zeitpunkt hatte niemand von uns einen Führerschein, aber dank Vince brauchten wir diese Formalität nicht. Die Zwillinge haben wir übrigens unter der Aufsicht eines Superhelden-Babysitters gelassen. Lange Geschichte, aber Hego fand ihn über den Typen, der auch unsere Kostüme gemacht hatte.“

„Da sind sie!“
„Ja, Hego, wir können sie sehen. Der Geldtransporter, mit den Männern, die auf die Polizeiwagen hinter ihnen schießen.“
„Musst du selbst bei einer Verfolgungsjagd so negativ sein, Schwesterchen?“
„Musst du selbst bei einer Verfolgungsjagd so defensiv fahren? Gib Gas!“
„Ich will nur keinen Unfall verursachen!“
„Aber du willst doch sicher auch die Gangster schnappen.“
„Soll ich vielleicht fahren?“
„Gut Idee. Lass Mego fahren!“
„Nein, Mego fährt jetzt nicht!“
„Warum nicht? Glaubst du etwa, ich bin nicht so ein toller Fahrer wie du?“
„Nein, aber wenn ich jetzt anhalte, damit wir die Plätze tauschen, verlieren wir die Gangster aus den Augen!“
„Nicht, wenn ich hinterm Steuer sitze.“
Hego trat auf die Bremse.
„Okay, dann fahr du.“
Er und Mego stiegen aus und tauschen schnell die Plätze. Kaum war Hego eingestiegen, düste sein Bruder schon mit Vollgas los.
„Hey, ich bin noch nicht angeschnallt!“
„Ich doch auch nicht“
„Solltest du aber. Bist du angeschnallt, Shego?“
„Ja, obwohl Sicherheitsgurte auch schon einige Todesfälle verursacht haben. Hey, was ist da vorne los?“
Einer der Gangster hatte es geschafft, die Reifen von einem seiner Verfolger zu zerschießen. Der Polizeiwagen kam ins schlingern, seine Hintermänner versuchten auszuweichen und alles endete in einem riesigen, die Straße verstopfenden, Haufen Blech. Mego schnallte sich an.
„So festhalten, ich spring drüber.“

„Ich hatte euch ja erzählt, dass Vince uns unseren jeweiligen Stärken entsprechend trainiert hatte. Megos Stärke waren unvernünftige Autostunts.“

„Okay, ihr könnt die Augen wieder öffnen, wir sind sicher gelandet.“
„Ich hatte die Augen gar nicht geschlossen“, sagte Shego.
„Ich auch nicht.“
„Oh, dann...war ich wohl der Einzige“, murmelte Mego.
Plötzlich flog etwas großes aus dem Geldtransporter auf das Go-Mobil zu.
Shego und Hego schrien: „Vorsicht!!“
Mego trat auf die Bremse und riss das Lenkrad herum. Als das Auto zum stehen kam, erkannte Team Go, mit was sie beinahe kollidiert wären. Es war einer der Gangster!
„Shego, steig aus“, befahl ihr Hego.
„Warum ich? Warum überhaupt?“
„Jemand muss sowohl erste Hilfe leisten, als auch ihn verhaften.“
„Warum machst du das nicht?“
„Weil du die Jüngste von uns bist und das gleich noch sehr gefährlich werden könnte.“
„Hey, ich bin besser als...“
„Bitte, keine Diskussionen, die Gangster entkommen.“
Zähneknirschend stieg Shego aus. Mego fuhr sofort weiter.
„Hey, du, Gangster“, rief Shego während sie sich mit glühenden Händen auf den langsam davonkriechenden Mann zubewegte, „ich verhafte dich hiermit. Und wenn du brav bist, kümmere ich mich vorher noch um deine Verletzungen.“

„Ha! Ich lasse mich doch nicht von einem kleinen Mädchen verhaften!“
Der Gangster stand auf, doch kaum hatte er den ersten Fuß auf den Boden gesetzt, beschloss er, dass es weniger schmerzhaft wäre, sich eben doch von einem kleinen Mädchen verhaften zu lassen.
„Weisst du was, ich glaube, ich ergebe mich.“
„Schmerzen?“
„Man hat mich aus einem fahrenden Auto geworfen, also ja!“
„Okay, ich bringe dich erstmal von der Straße runter. Aber keine Tricks.“
Der Gangster legte seinen Arm um Shegos Schulter und humpelte gemeinsam mit ihr an den Straßenrand.
„Warum hat man dich rausgeworfen?“ fragte sie, während sie sich seinen Fuß näher ansah.
„Naja, ich stand einfach nah genug dran.“
„Wo dran?“
„An der Tür. Aua!“
„Definitiv gebrochen. Und sonst gab es keinen Grund, warum man dich rausgeworfen hat?“
„Nein. Mein Boss brauchte einfach eine Ablenkung und weil ich gerade so schön da stand, bin ich auf die Straße geflogen.“
„Dafür geht es dir aber erstaunlich gut. Deinen Fuß scheint es wirklich am schlimmsten erwischt zu haben. Hast Glück gehabt.“
„Abgesehen davon, dass ich jetzt in den Knast wandere.“
Shego zögerte etwas, die nächste Frage zu stellen: „Und...und dass man dich einfach so fast umgebracht hätte, stört dich gar nicht?“
„Naja, etwas. Ich werde mich, sollte ich ihnen jemals wieder begegnen, auf jeden Fall versuchen zu rächen. Aber ich hätte das Selbe getan.“
„Echt?“
„Ja, doch. Einer der Vorteile, wenn man böse ist. Man muss sich nicht um Regeln kümmern. Naja, um ein paar, aber deine Mitmenschen können dir egal sein. Wenn sie dir auf die Nerven gehen, werde sie los.“
Shego lächelte schief.
„Manchmal wünschte ich, ich könnte das auch einfach so, aber...das geht nicht.“
„Warum nicht? Wenn dich jemand nervt, bumm, hau ihm eine rein.“
„Zumindest das habe ich schonmal gemacht“, seufzte sie.
„Wie jetzt?“
„Ach, das geht dich gar nichts an.“
Der Gangster grinste.
„Da ist wohl jemand schlecht gelaunt.“ Er zog eine Packung Zigaretten aus der Tasche und steckte sich eine in den Mund. „Sag mal, gab es nicht mehr von euch? Wenn ja, hat einer von euch Feuer?“
Shego hielt ihre Hand vor die Zigarette, und entflammte ihre Hand so stark, dass der Glimmstengel bis auf den Filter abbrannte.
„Rauchen ist ungesund. Und die Anderen kommen gleich, die müssen nur noch deine Freunde schnappen.“
„Da wärst du wohl gerne dabei, oder?“
„Doch stattdessen muss ich hier den Babysitter für dich spielen.“
„Wärst du böse, hättest du mich einfach liegen gelassen und wärst jetzt da, wo die Action ist.“
„Aber da ich Superheld bin, kann ich das nicht machen.“
„Und darum gibt es mehr Schurken als Superhelden. Wir sind cool. Ihr nicht.“

Die alte Shego warf einen kurzen Blick auf die Uhr an der Wand.
„Gleich Mitternacht. Wir machen besser Schluss für Heute. Meinen Gesprächspartner habe ich der Polizei übergeben. Meine Brüder konnten den Rest der Bande schnappen. Es soll eine spannende Jagd gewesen sein, aber ich war ja leider nicht dabei. Dann...bis morgen.“
Washington schaltete die Kamera aus und gähnte.
„Sie kennen nicht zufällig ein gutes Hotel?“ fragte Julian.
Shego griff in die Schublade einer Kommode und warf Julian eine Schlüsselkarte zu.
„Hab euch ein Zimmer hier im Hotel gemietet.“
„Eins für beide?“
„Hey, ihr habt die Chance in einem der teuersten Hotels der Welt zu übernachten, also beschwert euch nicht. Wir sehen uns morgen um Punkt 9:00 Uhr wieder hier. Gute Nacht.“
Shego schob ihre beiden Gäste aus ihrem Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Kaum war sie alleine, atmete sie einmal tief durch und fuhr zum Balkon. Es war ein fast wolkenloser Himmel und ein heller Vollmond schien auf sie herab. Sie schloss die Augen und genoss für einige Sekunden das Mondlicht auf ihrer Haut.
Als sie die Augen wieder öffnete, flüsterte sie leise: „Verdammt“ und fuhr mit einer Träne im Augenwinkel zurück in ihr Zimmer.
Julian und Washington hatten mittlerweile ihr Zimmer ebenfalls erreicht.
Bei Betrachtung der 2x2x2 Meter großen Abstellkammer, in der Waschküche des Hotels, in der die beiden ihre Nacht verbringen sollten, hatte auch Washington eine Träne im Auge, wenn auch aus anderen Gründen.
„Naja“, sagte Julian, „wir können den Anderen trotzdem noch sagen, dass wir in diesem Hotel übernachtet haben und müssen sie nichtmal anlügen. Wir...lassen einfach ein paar Details weg.“