Irgendwo in Go City geschah mal wieder ein Verbrechen.
Auch wenn Team Go sein Bestes gab um Verbrechen zu verhindern, oft konnten sie es einfach nicht. Sie waren nur zu fünft und trotz aller Bemühungen waren die Verbrecher in Go City noch immer in der Überzahl.
Diesmal hatte es ein Handtaschenräuber nicht nur geschafft, vier alten Damen auf einmal ihre Taschen zu entreissen, er war auch noch derart flink und schien wirklich ausnahmslos jede Abkürzung und jeden toten Winkel der Stadt zu kennen, so, dass unsere Superhelden tatsächlich Probleme hatten, ihn einzufangen. Dennoch gaben sie nicht auf.
Noch nichtmal, als er in die stinkenden Untiefen der Kanalisation flüchtete.
„Genau so verbringe ich am liebsten meine Freitag-abende,“ seufzte Shego, als sie zusammen mit ihren Brüdern ins Abwasser sprang. „Bis zu den Fußknöcheln in,--“
„Beruhige dich, Schwesterchen. Verbrechensbekämpfung ist leider nicht immer ein sauberes Geschäft.“
„Ich für meinen Teil bin ja nur froh, dass unsere Anzüge Wasserdicht sind“, sagte Mego mit zugehaltener Nase. „Ich hoffe nur, der Gestank wird jemals wieder rausgehen.“
Hego hob seine Hand.
„Würdet ihr bitte für einen Moment ruhig sein?“
Seine Geschwister verstummten und lauschten. In noch nicht allzu weiter Entfernung, waren sich schnell entfernende Schritte zu hören.
„Er ist da entlang. Hinterher!“
Das Team rannte los und stieß schon hinter der nächsten Kurve auf ein Problem. Der Abwasserkanal teilte sich plötzlich in drei mögliche Richtungen.
Hego überlegte nicht lange.
„Die Zwillinge und ich gehen nach links, Mego nimmt die Mitte und Shego geht nach rechts. Wir bleiben über Funk in Kontakt. Los!“
Ohne zu zögern lief jeder in den für ihn vorgesehen Tunnel.
„Hego hier,“ meldete er sich über sein, in einem Armband integriertes, Funkgerät. „Sagt Bescheid, wenn ihr den Delinquenten gefunden habt. Over.“
Shego antwortete gewohnt sarkastisch: „Müssen wir das? Ist es nicht viel lustiger wenn ich ihn woanders verstecke und ihr ihn dann sucht?“
„Ach Shego, lass mich dich nicht jeden Tag aufs Neue zu mehr Ernsthaftigkeit in unserem Beruf ermahnen. Und du hast das 'Over' vergessen. Over.“
„Dann hör auf, uns immer wieder die offensichtlichsten Dinge aufs Brot zu schmieren. Und ich rede nicht vom 'Over'. Over.“
„Ich will nur, dass alles glatt geht. Over.“
„Du bist ein Kontrollfreak! Zeig doch mal etwas Vertrauen. Over.“
„Ich vertraue euch, aber,--“
In diesem Moment wurde Hego von einem kurzen Schrei seiner Schwester unterbrochen.
„Der Gauner, den wir verfolgt hatten, lauerte mir hinter einer Ecke auf und attackierte mich mit einer Eisenstange. Er hat mich nicht sehr stark erwischt, aber das Funkgerät ging dabei drauf. Also zeigte ich ihm, dass man es nicht wagen sollte, meine Spielsachen kaputt zu machen.“
Als der Räuber ein zweites mal auf Shego einschlagen wollte, teilte sie mal eben so die Eisenstange mit nur einem leuchtenden Schlag ihrerseits in zwei Hälften. Während ihr Gegner sie noch verdutzt ansah zog sie ihn schon an sich heran und rammte ihm ihr Knie in den Magen.
„So, wegen dir laufe ich also durch die Abwässer von Go City?“
Sie hob ihr Gegenüber hoch und warf ihn gegen die gegenüberliegende Wand. Als er wieder aufstehen wollte, bekam er von Shego noch einen Tritt.
„Ich mag keine Abwässer. Und du?“
Mit diesen Worten drückte sie seinen Kopf in die Kloake und hielt ihn einige Zeit unter Wasser. Währenddessen durchsuchte sie seine Taschen.
„Hey, wo ist deine Beute?“ fragte sie, als sie seinen Kopf wieder nach oben zog.
„Es, --“ versuchte der Räuber zu antworten, doch er wurde sofort wieder mit dem Kopf ins Abwasser gedrückt.
Plötzlich kam Hego um die Ecke und erwischte seine Schwester auf frischer Tat.
„Shego! Was machst du da?“
Etwas erschrocken zog sie den Kopf des Gangsters wieder aus dem Wasser und ließ von ihm ab.
„Er...hat mich angegriffen. Ich hab mich nur verteidigt.“
„Indem du ihn im Schmutzwasser ertränkst?“
„Was hat..“ „...sie gemacht?“ fragten die Zwillinge, die in diesem Moment ebenfalls um die Ecke kamen.
„Ich hab gar nichts gemacht! Er hat mich mit einer Eisenstange attackiert und es kam zum Kampf. Er wollte mich hinterrücks umbringen!“
„Und darum versuchst du dasselbe bei ihm?“
Shegos Opfer meldete sich hustend zu Wort.
„Ich habe irgendetwas verschluckt. Etwas, dass da im Wasser schwamm. Und da schwimmen schlimme Dinge im Wasser.“
„Und da sollen wir jetzt Mitleid mit dir haben?“ fragte Mego, der schließlich als Letzter um die Ecke kam.
„Sie hat meinen Kopf unter Wasser gehalten!“
„Igitt. Warum hast du das denn gemacht?“
„Wir haben gekämpft! Er kam plötzlich mit einer Eisenstange aus einer dunklen Ecke gesprungen und wollte meinen Kopf zu Püree hauen, aber weil er etwas schmutziges Wasser geschluckt hat, ist er plötzlich das Opfer? Irgendetwas verstehe ich da nicht.“
Hego seufzte tief.
„Mego? Kannst du mit den Zwillingen zusammen den Mann hier herausbringen? Ich muss mich mal mit unserer Schwester unterhalten.“
„Gut, aber ich möchte darauf hinweisen, dass ich und die Zwillinge, da wir ja auch ihre Brüder sind, eigentlich ein Recht darauf haben, dieser Standpauke beizuwohnen?“
„Hinweis vermerkt, aber das wird keine Standpauke.“
Enttäuscht brachten Mego und die Zwillinge den Handtaschendieb zurück an die Oberfläche.
„Was ist los mit dir?“ fragte Hego und legte seine Hand auf die Schulter seiner Schwester.
„Nichts. Was soll mit mir sein?“
„Du scheinst mir in letzter Zeit etwas aggressiv zu sein. Ich meine, noch aggressiver als sonst.“
„Aha.“
„Zuletzt schienen mir die Ganoven, wenn du sie alleine, ohne unsere Hilfe gefangen hattest, irgendwie...naja...sie hatten ziemlich viele Blessuren.“
„Sie leisten Widerstand. Keiner von denen geht freiwillig ins Gefängnis.“
„Ja, das sehe ich ein. Obwohl deine Brüder und ich es schaffen, sie nicht so herzurichten.“
„Ich bin eben ein Mädchen und muss dreimal so hart kämpfen wie ihr.“
„Ja klar. Du weisst genau wie ich, dass du die beste Kämpferin von uns bist.“
„Ja,“ sagte Shego mit einem stolzen Lächeln, „das ist wahr.“
„Aber ich habe auch den Verdacht, dass du jedesmal, wenn gerade niemand hinsieht, den von uns in Gewahrsam genommenen Schurken noch einen Tritt verpasst.“
Shego atmete schockiert ein.
„Was? Ich? Niemals.“
„Manchmal. Aber wirklich nur, wenn niemand hinsah.“
„Hör mal, Schwester, du weisst, dass wenn du ein Problem hast, du immer zu mir kommen kannst.“
Sie sah zu Boden und murmelte: „Ja ja.“
Dann kam Hego ein schrecklicher Verdacht.
„Oder bin ich am Ende das Problem!?“
Seine Schwester blickte zu ihm auf und sah ihm in die Augen.
„Nein,“ sagte sie. „Es ist alles gut.“
„Wenn du das sagst? Komm, übergeben wir den Bösen der Polizei.“
„Kann ich schon nach Hause? Ich brauche ganz dringend eine Dusche.“
Hego lächelte seine kleine Schwester an.
„Natürlich. Geh schonmal vor und sag deinen Brüdern Bescheid. Wir machen für Heute Feierabend. Ich bringe ihn alleine weg.“
„Ist gut.“
Shego lief zur nächsten Leiter und kletterte wieder zurück an die Oberfläche.
„Natürlich habe ich Hego angelogen,“ erzählte Shego dem Filmteam. „Nichts war in Ordnung. Und er war Teil des Problems. Warum ich nichts gesagt habe? Ich weiss es nicht! Normalerweise fiel es mir schon immer leicht, Familienmitgliedern oder irgendwem sonst, ihre Fehler vorzuhalten. Andererseits spreche ich auch nicht gerne über meine Probleme. Nun, das Problem war, dass mir meine Familie mehr und mehr auf die Nerven ging. Ihre Neurosen kamen immer stärker zum Vorschein. Am besten konnte man das immer dann erkennen, wenn wir mal wieder gegen Aviarius kämpften. Fast schon einmal die Woche heckte er irgendetwas Neues aus. Dann warfen wir ihn ins Gefängnis, er brach aus, kam mit irgendeinem neuen Plan an und so weiter.“
„Erinnert mich an jemanden,“ sagte Julian lächelnd.
Obwohl sie es versuchte, konnte Shego ein Lächeln ihrerseits nicht verstecken.
„Wir müssen ihr damit unglaublich auf die Nerven gegangen sein. Wie auch immer. Vielleicht war es die ständige Wiederholung des Aviarius-Faktors, die schließlich zum Bruch führte, aber eigentlich sollte man meinen, dass eine ständige Wiederholung einen klüger macht.“