Kapitel 15

Das Ende von Team Go

„Es war mal wieder soweit. Aviarius hatte, wie so oft, in den letzten zwei Jahren, wieder irgendetwas böses vor und natürlich machten wir uns auf, um dies zu verhindern.“

Team Go saßen in ihrem Jet, wie immer auf dem Weg zu Aviarius' Geheimversteck.
„Woran denkst du, Schwesterchen?“ fragte Hego, als er bemerkte wie Shego im hinteren Teil des Jets nachdenklich aus dem Fenster sah.
„Nichts,“ stöhnte sie. „Hab mir nur die Wolken angesehen. Kümmere dich lieber darum, dass der Flieger nicht abstürzt.“

„Aviarius hatte zu dem Zeitpunkt sein Nest, so nannte er sein Versteck, aufgerüstet und einige Flugabwehrgeschosse installiert. Die haben uns ein- oder zweimal ganz schöne Probleme bereitet.“

„Ist dir aufgefallen, dass du nur noch streitend mit uns kommunizierst? Ich meine damit noch mehr als du es immer getan hast?“
„Vielleicht liegt das daran, dass ihr mir auf die Nerven geht?“
Shego meinte es todernst, doch ihre Brüder fingen nur an, unbekümmert über diese vermeintlich scherzhaft gemeinte Bemerkung zu lachen.
„Ach Schwester, sei doch nicht immer so böse. Davon bekommt man nur Sorgenfalten,“ lachte Mego und stieß sie mit seinem Ellenbogen an.

„Irgendwie bin ich im Laufe der Zeit zu einem Witz für meine Brüder verkommen. Sie nahmen mich einfach nicht mehr ernst. Das lag wohl daran, dass ich vor jeder größeren Mission verkündete, dass etwas schiefgehen würde. Und es ging immer etwas schief und immer waren irgendwie meine Brüder daran Schuld. Allerdings konnten wir danach auch immer die jeweilige Mission beenden, was meiner Glaubwürdigkeit schon irgendwie schadete. Ja, in all den Jahren haben wir immer die bösen Jungs geschnappt. Ich hatte mir nur gewünscht, dass wir dabei nur einmal NICHT in eine allzu offensichtliche Falle getappt wären. Meine Brüder hat aber immer nur das Endergebnis interessiert. Und da sie auch zu blöd waren um Sarkasmus zu erkennen, glaubten sie immer, wenn ich ihnen sagte, wie sehr ich sie hasse, dass ich nur Scherzen würde.“

Als es dann schließlich wieder soweit war, dass Team Go vor den Toren von Aviarius' Versteck stand, gingen wieder die Diskussionen über das weitere Vorgehen los.
„Wir könnten es zur Abwechslung mal durch das Kellerfenster probieren. Es ist zwar vergittert, aber ich bezweifle, dass das in irgendeiner Form ein Problem für uns darstellt.“
Shego murmelte irgendetwas unverständliches vor sich her.
„Was meinst du?“ wollte Mego wissen.
„Ach nichts. Ich glaube nur...wir sollten mal etwas ganz innovatives ausprobieren. Ihr geht rein und ich bleibe hier draussen und gebe euch Rückendeckung.“
„Angst?“
„Nein, aber mit so etwas rechnet Aviarius doch garantiert nicht,“ sagte sie gelangweilt.
Hego runzelte nachdenklich die Stirn.
„Da könntest du recht haben. Wie wäre es, wenn wir vielleicht gleich etwas ganz anderes ausprobieren und uns von allen Seiten nähern. Mego, du gehst durchs Kellerfenster. Shego klettert durch die Luftschächte, die Zwillinge gehen durch die Kanalisation und ich nehme die Vordertür.“
Shego seufzte: „Wie auch immer,“ und Hego hielt seine Hand zum Team Go-Schlachtruf hin.
Seine Brüder legten ihre Hände enthusiastisch dazu, seine Schwester weniger enthusiastisch, und fast alle riefen: „Gooooo Team Gooooooo!!!“
„Wir halten Funkstille, es sei denn, jemand steckt in Schwierigkeiten oder hat Aviarius gefunden. Viel Glück, alle miteinander!“
Die Teammitglieder verteilten sich in alle Richtungen. Nur Shego blieb da wo sie war, setzte sich auf einen Felsen, holte eine Feile hervor und feilte die Krallen an ihren Handschuhen.

„Mein Plan war simpel. Ich wollte ein paar Minuten warten, dann einfach so zurück nach Hause fliegen und für immer von dort verschwinden. Ich hätte das nicht gekonnt, wenn meine Brüder ebenfalls zu Hause gewesen wären. Es ist schweirig den Go Tower zu verlassen, ohne dass die Anderen etwas davon mitbekommen. Schon seit Monaten hatte ich eine gepackte Reisetasche in meinem Schrank stehen.“

Nach ungefähr 10 Minuten stand Shego vom Felsen auf, drehte sich um und ging zum Jet.

„Ich sah keinen Grund, warum meine Brüder es diesmal nicht auch ohne mich schaffen sollten.“

Kaum war Shego in den Jet eingestiegen, hörte sie einen Funkspruch von Mego.
„Ähm, Leute? Ich stecke in der Klemme! Ich brauche ganz dringend Hilfe!“
Shego ignorierte ihn. Kaum zwei Sekunden später kam auch ein Funkspruch von den Zwillingen.
„Es hat...“ „..uns auch erwischt!“
Shego startete die Triebwerke.
„Mist, ich sitze ebenfalls in der Falle!“ rief dann auch Hego über sein Funkgerät. „Shego, wir brauchen dich!“

„Dieser eine Satz erlangte meine Aufmerksamkeit. Das war das erste Mal, dass ich ihn hörte.“

Sie schaltete die Triebwerke wieder aus und hielt inne.

„Doch ich dachte mir, dass sie es wie immer, trotzdem schaffen würden.“

Gerade wollte sie die Triebwerke wieder einschalten, als eine laute Explosion sie davon abhielt. Sie sah zum „Nest“ und bemerkte eine nicht zu übersehende Rauchsäule auf dessen Spitze. Nur kurz darauf gab es eine zweite Explosion, die ein Loch in die Aussenwand riss.

„Und in dem Moment war ich plötzlich nicht mehr so sicher, ob sie mich nicht vielleicht doch noch brauchen würden, also rannte ich so schnell ich konnte los.“

Als Shego schließlich am Ort des Geschehens ankam, erschrak sie fast zu Tode. Aviarius stand lachend hinter einer riesigen Laserkanone. Ihre Brüder lagen regungslos neben einem Schutthaufen, der wohl in seinem vorherigen Zustand eines der Löcher in der Wand ausfüllte.

„Bis zum heutigen Tag weiss ich nicht, was da genau passiert ist, aber plötzlich war mir klar, dass ich, bevor ich gehe, noch etwas erledigen musste.“

„Endlich habe ich Team Go beseitigt!“ lachte Aviarius und begutachtete die Körper seiner Gegner. „Hm. Die leben ja immer noch. Naja, Superhelden müssen widerstandsfähig sein. Aber...waren das nicht eigentlich fünf?“
Kaum hatte er diese Frage ausgesprochen, tippte ihm auch schon das fünfte Teammitglied auf die Schulter und verpasste ihm, als er sich umdrehte, einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht. Noch bevor Aviarius zu Boden fallen konnte, hielt ihn Shego fest, hob ihn hoch, schleuderte ihn wie in einem Wrestlingmatch auf den harten Steinboden und trat ihm zur Sicherheit nochmal in den Magen.

„So, du glaubst also, du bist ein Vogel,“ flüsterte Shego ihrem halb bewusstlosen Gegner ins Ohr. „Glaubst du dann auch, dass du fliegen kannst?“
Sie packte ihn am Hals, hob ihn daran hoch und schleifte ihn zu einem der Löcher in der Aussenwand.
„Du hast schon so oft versucht uns umzubringen, es aber nie geschafft. Ich glaube, es ist an der Zeit, dir zu zeigen, wie es richtig geht. Lektion Nummer eins.“ Sie hielt Aviarius an seinem Hals, durch ein Loch nach draussen. „Wenn du unten aufkommst, bist du tot.“
Und so ließ sie Aviarius fallen.
Weniger als eine Sekunde später stieß Hego sie völlig unerwartet zur Seite und sprang seinem Erzfeind hinterher.
Er schaffte es, Aviarius noch in der Luft einzuholen, ihn festzuhalten und auf seinen blau glühenden Füßen aufzukommen. Der Krater, den er verursachte, war riesig, doch auf diese Weise wurde keiner der beiden durch den Sturz verletzt.
Mego blieb unten und kümmerte sich um Aviarius. Wenige Minuten später kam Shego mit ihren restlichen Brüdern aus dem Gebäude.
„Was hast du dir nur dabei gedacht?“ fragte Hego mit hörbarer Enttäuschung in seiner Stimme.
Mego fragte: „Was hat sie sich wobei gedacht? Hätte jemand die Güte mich aufzuklären?“
„Was glaubst du wohl, was ich mir dabei gedacht habe?“
„Wobei denn!?“
„Nun, jeder kann mal die Kontrolle verlieren, Shego. Und ich habe auch nicht alles gesehen, also vielleicht sah es für mich schlimmer aus, als es war.“
„Und noch immer sagt mir niemand, was passiert ist.“
„Wir haben...“ „...eine Ahnung.“
„Was ist daran so schwer zu verstehen? Dieser Mistkerl wollte uns umbringen. Nicht zum ersten mal und garantiert nicht zum letzten mal! Also wollte ich dieses Ärgernis ein für alle mal aus der Welt schaffen!“
„Superhelden töten aber nicht!“ sagte Hego laut, aber sichtlich darum bemüht, seinen Ärger zu unterdrücken.
Mego flüsterte den Zwillingen zu: „Ich glaube, jetzt kann ich mir auch zusammenreimen, was da passiert ist.“
„Warum töten wir nicht? Er versucht uns jede Woche umzubringen! Genau wie der Großteil aller anderen Schurken, die wir jagen! Und was passiert? Wir klopfen ihnen auf die Finger, werfen sie ins Gefängnis und wenn wir ihnen beim nächsten mal begegnen, geht das Spiel von vorne los!“
„Naja, bis jetzt sind wir immer,--“
„Da hast du recht! Bis jetzt! Wie lange wird das Glück wohl noch auf unserer Seite sein? Ich habe nur versucht, uns einen Vorteil zu verschaffen.“
„Aber das Gute wird man nie vernichten können.“
Das war der Moment, bei dem bei Shego auch die letzte Sicherheitsleine riss.
Sie verpasste Hego eine schallende Ohrfeige und schrie wütend: „Wach auf, du Vollidiot! Wer hat dir denn diesen Mist erzählt?! Und überhaupt, warum glaubst du, dass du als Anführer so toll bist und das wir auf dich hören müssen? Was ist eigentlich in euch alle gefahren!?“
„Also ich meinte ja schon immer...“
Jetzt drehte sie sich, noch immer mehr als wütend, zu Mego.
„Das tust du doch ständig! Immer muss es nur um dich gehen! Es sei denn, du baust Mist, dann sind es immer wir! Und dafür, dass du soviel Mist baust, redest du noch immer sehr oft über dich! Und was euch beide angeht,“ sie wandte sich nun den Zwillingen zu, „müsst ihr immer eure Sätze gegenseitig beenden!?“
„Müssen...“ „...wir nicht.“
„Aber ihr tut es trotzdem!!“
Hego legte seine Hand auf die Schulter seiner Schwester.
„Shego, was,--“
„Nimm die Hand da weg! Ich könnte jeden einzelnen von euch umbringen! Und das ist mein Ernst!! Lasst mich in Ruhe! Lasst mich einfach nur in Ruhe!“
Shego schubste Hego zur Seite und lief davon. Ihre Brüder und Aviarius sahen ihr fassungslos hinterher.
„Hey, Bruder, ich habe gerade genau soviel Angst vor ihr, wie wir alle, aber willst du sie tatsächlich einfach so gehen lassen?“
„Weisst du Mego, sie kommt garantiert bald zurück. Wir sind eine Familie und etwas Urlaub vom eigenen Leben tut jedem mal gut.“
„Aber sie ist ganz alleine.“
„Hey, du redest von Shego. Wenn es jemanden in dieser Familie gibt, der auf sich selbst aufpassen kann, dann doch wohl sie.“
„Aber sie verschwindet mit unserem Jet.“
„Ja, das ist in der Tat nicht so schön. Sieht so aus, als ob wir auf die Polizei warten müssen, damit sie uns von hier wegbringen.“

„Ich flog zurück zum Go Tower, schnappte mir meine Reisetasche, hob einen Teil von den 2,5 Millionen ab, die ich bis dahin gespart hatte und setzte mich in den erstbesten Zug, ohne zu sehen, wo er überhaupt hinfuhr. Ich habe meine Brüder nur bei einigen, wenigen Anlässen wiedergesehen. Meistens noch nichtmal freiwillig.“
„Ja, wir haben von einigen gehört,“ sagte Julian.
„Dann brauche ich ja auch nicht weiter davon zu erzählen. Als ich in dem Zug saß, stellte sich mir eine Frage. Was mache ich, als das mit Superkräften ausgestattetes Kampf-Ass, das ich nunmal bin, nachdem ich aufgehört habe, nach den Regeln meiner Superhelden-Brüder zu leben? Die Antwort: Was immer ich will.“