Kapitel 16

Die erste Nacht solo (Böse sein, Teil 1)

„Ich stieg erst aus dem Zug aus, als er seinen Zielbahnhof erreichte. Das war so nach drei oder vier Stunden. Es war auf jeden Fall lang genug, um eine größere Distanz zwischen meine Brüder und mich zu bringen. Loterton, wie die Stadt hieß, war schon recht groß, aber verglichen mit Go City, war sie ein Dorf. Das Erste, woran ich dachte, als ich den Zug verließ, war Schlaf. Ich klaute mir das erstbeste Auto das ich sah, und machte mich auf die Suche nach einem Hotel.“

Nach einer Viertelstunde Fahrt hielt Shego in ihrem geklauten Auto an einer Tankstelle und fragte nach dem Weg.
„Entschuldigung Officer,“ hauchte sie zu dem Polizisten, der gerade dabei war eine Tüte Kartoffelchips zu bezahlen.
„Gibt es ein Problem?“ fragte er pflichtbewusst.
„Nein, nein, ich bin nur neu in der Stadt und würde gerne wissen, ob sie mir hier ein gutes Hotel empfehlen können. Und mit gut meine ich mit vielen, vielen Sternen.“
„Naja, wenn sie noch circa zehn Minuten die Straße runter fahren, kommen sie an ein Grand Hotel. Fünf Sterne. Das wird ihren Ansprüchen sicher genügen.“
„Vielen, vielen Dank, Officer.“
Der Polizist tippte sich an die Mütze und sagte: „Ich bin hier um zu helfen. Genießen sie ihren Aufenthalt.“
„Das werde ich.“

„Ich hätte zu gerne sein Gesicht gesehen, als er merkte, dass jemand seine Waffe geklaut hatte. Doch erstmal war für mich wichtiger, mich etwas auszuruhen.“

„Einen guten Abend wünsche ich. Wie kann ich ihnen helfen?“ fragte der Mann hinter der Rezeption des Grand Hotels.
„Ich hätte gerne ein Zimmer,“ antwortete Shego. „Oder noch besser, geben sie mir eine Suite. Am besten, gleich die Größte, die sie haben.“
Der Hotelangestellte zog eine Augenbraue hoch und betrachtete den blassen Teenager, der mit nur einer Tasche als Gepäck angereist war, von oben bis unten.
„Nun,“ sagte er schließlich, „die Präsidentensuite wäre verfügbar, aber;--“
Shego knallte ein dickes Geldbündel auf den Tresen.
„Ihr Hotel hat fünf Sterne, doch trotzdem hat ihre Präsidentensuite ein 'aber'?“

„Als ich dann kurz darauf die Tür zu meiner Suite geöffnet hatte, traf mich fast der Schlag. Ich kannte so etwas aus dem Fernsehen, doch ich war nie selber in so einem großen Hotelraum.“

Für einige Momente wurde Shego zu dem Kind, dass sie nie war. Sie sah sich mit weit geöffneten Augen um und erkundete jeden Winkel.
Die Minibar.
„Wow. Deutsche Schokolade!“
Das Badezimmer.
„Oh mein Gott! Die Wanne ist ein Whirlpool!“
Der Balkon.
„Hey, ihr da unten! Ich blicke voller Verachtung auf euch herab!“
Der Fernseher.
„Naja, der Monitor im Go Tower war viel größer. Aber die haben hier Kabelfernsehen! Und ich habe die Kontrolle über die Fernbedienung.“
Schließlich sprang sie mit einem Salto auf das riesige Bett und hüpfte darauf auf und ab, als würde es nichts wichtigeres auf der Welt geben. Als sie sich dann rückwärts ins Bett fallen ließ, kam ihr doch noch etwas wichtigeres in den Sinn und sie griff zum Telefon, auf dem edlen Nachttisch.
„Zimmerservice? Könnten sie mir noch mehr ihrer unglaublich flauschigen Kissen hinauf schicken? So sieben oder acht. Nein, nehmen wir gleich zehn. Danke.“

„Und als ich in dem, bis dahin, gemütlichsten Bett meines Lebens lag, hatte ich plötzlich keine Lust mehr zu schlafen. Ich war zu aufgeregt und wollte jetzt unbedingt was erleben. Ich zog meine chicste Abendgarderobe an und wollte mich ins Nachtleben stürzen. Doch schon vor dem Hotel bekam ich ungebetenen Besuch.“

„Entschuldigen sie, Miss?“ sagte der Polizist von der Tankstelle und tippte Shego dabei auf die Schulter.
„Oh, sie sind's,“ antwortete sie etwas überrascht.
„Ich glaube, sie haben etwas, das mir gehört.“
Shego spielte unschuldig mit einer Haarsträhne und fragte: „Wer? Ich?“

Der Polizist packte Shego am Arm und zog sie fest, aber diskret genug um kein Aufsehen zu erregen, in eine Seitengasse.
„Tun sie nicht so. Sie haben meine Waffe gestohlen und ich gebe ihnen jetzt noch diese eine Chance. Geben sie sie mir wieder und wir vergessen das Ganze.“
„Ist es ihnen peinlich?“
Er zögerte mit seiner Antwort.
„Etwas.“
„Und sie können ihren Pensionsanspruch verlieren, wenn sie die Waffe nicht zurück bekommen.“
„Eventuell.“
„Also weiss niemand, dass sie hier sind?“
„Glauben sie nicht, dass...“
„Ich glaube nicht, ich weiss.“
Mit einem Schlag setzte sie den Polizisten ausser Gefecht. Dann brach sie ein Kellerfenster auf und stopfte ihn dort hinein. In dem Keller befand sich alles was sie brauchte. Ein Stuhl, ein langes Seil und mehrere Rollen Klebeband.

„Und so hatte der Polizist eine Nacht, gefesselt und geknebelt, in einem fremden Keller verbracht.“

Nach getaner Arbeit nahm sich Shego ein Taxi. Natürlich hielt für sie sofort eines an.
„Mir steht der Sinn nach Feiern. Bringen sie mich zum exklusivsten Nachtclub der Stadt.“
Das Taxi setzte sich in Bewegung und hielt wenige Minuten später vor dem „Exklusiv“, einem Nachtclub, dessen Besitzer anscheinend über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügte.
Und der Türsteher stand dem in nichts nach.
„Hey, stehen sie auf der Liste?“ fragte der so hohe wie breite Mann, dessen Namensschild den allzu klischeehaften Namen „Butch“ trug.
„Natürlich nicht, aber ich gebe dir einen guten Grund, um mich trotzdem reinzulassen.“
„Ach wirklich?“
„Wirklich. Siehst du den Müllcontainer da drüben?“
„Jetzt bin ich aber gespannt.“
„Siehst du ihn oder nicht?“
„Den da?“
„Genau den. Kannst du sehen, wie er von innen aussieht?“
„Nicht von hier.“

„Kurz darauf konnte er es. Bis er wieder aufwachte und mit drei seiner Freunde die Tanzfläche nach mir absuchte, war mir schon wieder langweilig. Zum Glück hatten sie mich bald gefunden und ich konnte endlich wieder ein paar Nasen brechen.“

Vier gebrochene Nasen und ein größerer Tumult später, war Shego schon wieder auf dem Weg ins Hotel. Da zufällig ein roter Sportwagen in der Nähe des „Exklusiv“ stand, tat sie das diesmal sogar mit Stil.
Auf halbem Wege fiel ihr dann etwas ins Auge, dass den Abend perfekt machen würde. Mit quietschenden Bremsen stoppte sie das Auto vor einem Modeladen, dessen in Weiss und Gold gehaltenes Schaufenster ein interessant designtes, grünes Kleid zeigte. Ohne darauf zu achten, ob ihr jemand dabei zusah, schmolz Shego ein Loch ins Glas, kletterte dort hindurch und kam nach weniger als einer Minute mit dem Kleid, einer Bluse und einem paar Stiefel wieder hinaus.

„Nach diesem gelungenem Abend musste ich wirklich erstmal schlafen. Als ich am nächsten Tag so um die Mittagszeit wieder aufwachte, fiel mir als erstes auf, wie sich in der Ferne Polizeisirenen dem Hotel näherten.“

Shego sprang aus dem Bett auf und rannte zum Fenster. Sie beobachtete, wie fünf Polizeiautos auf das Hotel zu kamen, direkt davor anhielten und eine ganze Kolonne Polizeibeamter durch die Eingangstür stürmte.
Ob sie wirklich hinter ihr her waren oder sich ein anderer Notfall im Hotel ereignete hatte, interessierte Shego gar nicht. Sie stopfte alles was sie hatte, inklusive des Inhalts der Minibar, in ihre Reisetasche, ersetzte die Pantoffeln an ihren Füßen durch festes Schuhwerk, kümmerte sich nicht weiter darum, dass die noch ihren Pyjama trug und kletterte vom Balkon aus, die Regenrinne hoch aufs Dach. Dort nahm sie einmal kräftig Anlauf, sprang aufs Dach des Nachbarhauses und versteckte sich dort hinter einigen rostigen Regentonnen.
„Mein Herz klopfte wie wahnsinnig. Es war nicht, dass ich wirklich Angst vor der Polizei hatte, mir wurde nur plötzlich klar, dass man mich jagen würde. Früher war ich sicher. Ich gehörte zu Team Go. Das perfekte Alibi! Jetzt war ich nur ein streitsüchtiger Teenager, der sich einen Dreck um Gesetze scherte und wenn ich mich nicht jeden Tag mit einem SWAT-Team prügeln wollte, musste ich ab jetzt immer einen Fluchtweg parat haben. Nicht, dass mich diese Tatsache von irgendetwas abgehalten hätte.“