Kapitel 17

Rund um die Welt, bis ins Gefängnis und von dort in die Arbeitswelt (Böse sein, Teil 2)

„Da war ich also. Mein Leben als Kriminelle hatte nun offiziell begonnen. Ich nahm in einem wirklich bezauberndem, kleinen Café, noch in Sichtweite des Hotels, mein spätes Frühstück zu mir. Natürlich hatte ich mich zwischendurch richtig angezogen. Da kam mir plötzlich eine Idee. Wie wäre es, wenn ich mir die Welt ansehen würde? Ich war lange genug an meine Familie gekettet. Jetzt, wo ich frei war, sollte ich diese Freiheit auch wirklich genießen. Ich fing klein an. Die Metropolen der USA. Dann probierte ich es in Kanada. Toronto gefiel mir so gut, dass ich mir dort ein Apartment mietete. Dies machte ich zu einer Gewohnheit. Wo immer es mir gefiel, besorgte ich mir eine dauerhafte Unterkunft. Eine Zeit lang hatte ich...ich glaube bis zu 65 Häuser und Apartments auf der ganzen Welt gemietet oder gekauft. Meistens weniger. Man sollte immer einen Ort haben, an den man sich im Notfall zurückziehen kann. Wie auch immer. Dann ging ich für ein paar Monate nach Südamerika. Später verließ ich auch den Kontinent, ging nach Europa, Australien, Asien. Innerhalb von drei Monaten lagen acht Haftbefehle in vier Ländern auf drei Kontinenten gegen mich vor. Ich hatte mich während meiner Weltreise zurückgehalten. Zumindest ging ich nicht mehr ganz so auffällig vor, wie in dieser einen Nacht in Loterton. Im Herbst 1998, also acht Monate später, kam ich wieder zurück in die USA. Ich hatte überall auf der Welt kleine Besitztümer angehäuft. Notgroschen und Unterkünfte. Jetzt wusste ich aber nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Die Welt war einfach keine Herausforderung für mich. Da dachte ich mir, ich könnte ja mal etwas neues ausprobieren, gab der Polizei einen anonymen Tipp wo ich zu finden sei und ließ mich verhaften.“

Shego befand sich in einer gemütlich eingerichteten Hütte in Apsley, Kanada. Das Feuer im Kamin brannte und warf lange Schatten an die Wand gegenüber, während Shego angespannt in einem großen Sessel saß und durch die Kanäle ihres Fernsehers zappte. Als sie zu einem Nachrichtensender gelangte, stoppte sie kurz und las die dort eingeblendete Uhrzeit.
„Es ist tatsächlich gleich halb neun. Wo bleiben die?“ murmelte sie. „Ich weiss ja, dass Kanadier freundlich sind, aber sollten die tatsächlich so freundlich sein, dass sie international gesuchte Verbrecher einfach in Ruhe lassen?“
Kaum hatte sie den Satz beendet, flog mit einem lauten Krachen die Tür auf. Gleichzeitig zersplitterten die Fenster um sie herum und in nur ein paar Sekunden war die Hütte mit einem kompletten Sondereinsatzkommando gefüllt.
Die Männer um sie herum schrien die üblichen Dinge wie „Keine Bewegung!“, „Die Hände über den Kopf!“ oder „Auf den Boden!“, aber es verstand sich wohl von selbst, dass Shego keiner der Anweisungen Folge leistete. Stattdessen sprang sie mitten in die Gruppe hinein und verpasste jedem, der sich nicht rechtzeitig duckte erstmal mindestens ein blaues Auge.

„Es sollte ja echt aussehen. Aber ich hatte immerhin eine Hand hinter dem Rücken.“

Trotz allem dauerte es eine Weile, bis man Shego in Gewahrsam nehmen konnte.

„Wie gesagt, es sollte echt aussehen. Danach ging alles ziemlich schnell. Ich wurde in Rekordgeschwindigkeit ins Eisner-Gefängnis, oder „Der traurigste Ort auf Erden“, wie man es auch nannte, geworfen.“

Als sich die Tür hinter ihr schloss, betrachtete Shego ihre Gefängniszelle. Sie war nicht allzu groß, hatte ein vergittertes Fenster, ein Hochbett und als Krönung eine Toilette in der hinteren Ecke. An der Wand waren Sprüche an die Wand geschmiert wie „C.H. liebt A.M.“, „Der Aufseher stinkt“ oder auch „Ich bin unschuldig“, ergänzt durch ein scheinbar später hinzu gefügtes „Ha ha, ich auch“.
„Wow, sieht genau so aus, wie im Fernsehen“, sagte sie zu sich selbst.
Zu ihrer Überraschung antwortete eine leise Stimme: „Merkwürdig, nicht wahr? Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
Unter der untersten Pritsche kletterte eine zierliche Frau, mit kurzen, schwarzen Haaren und einer Brille hervor.
„Du bist dann also meine Zellengenossin?“ fragte Shego verärgert.
„Ganz recht. Ich bin Anja.“
„Shego.“
„Du darfst ruhig das obere Bett haben. Wenn du das nicht willst, lass mich wenigstens ab und an unter dem unteren Bett liegen. Das ist der einzige Ort hier, an dem ich wenigstens etwas ungestört sein kann.“
„Okay,“ sagte Shego mit einem leicht desinteressierten Unterton.
„Und keine Angst, normalerweise rede ich nicht viel. Wenn du also kein Gespräch anfangen willst, werde ich auch nichts sagen.“
Shego kletterte auf die obere Pritsche, schüttelte ihr Kissen auf machte sich auf der Matratze breit.

„Das freut mich,“ sagte sie. „Je weniger du redest, desto weniger muss ich dir wehtun.“
„Solltest du aber irgendwelche Fragen haben, frag mich wann immer du willst. Ansonsten gebe ich jetzt Ruhe.“
„Wie ist das Essen hier?“
„Mittwochs und Freitags hervorragend, ansonsten nicht so toll.“
„Aha. Warum?“
„Weiss ich nicht. Niemand weiss das. Es ist einfach so.“
Als Anja wieder unter die Pritsche kriechen wollte, wurde Shego aber doch neugierig.
„Weswegen bist du eigentlich hier?“ fragte sie. „Nicht, dass es mich wirklich interessiert, aber wenn wir uns schon eine Zelle teilen...“
„Brandstiftung.“
„Oh,“ sagte Shego etwas nervös.
„Aber keine Angst, ich zünde nur Gebäude an, die ich auch verlassen kann. Solange ich hier also eingesperrt bin, wirst du keine böse Überraschung meinerseits erleben.“
„Ist vermerkt. Ich bin hier wegen,--“
„Ich weiss schon. Und die haben dich nur wegen der Sachen in diesem Land verknackt.“
„Woher weisst du das?“
„Wenn du ins Gefängnis kommst, gibt es immer mindestens eine Person, die den Grund deiner Verurteilung kennt. Die erzählt es dann mindestens drei anderen Leuten, welche es ebenfalls drei anderen erzählen und so weiter.“
„Kommt mir bekannt vor.“

„Eigentlich war die Zelle ganz gemütlich. Ich hatte nicht vor, für immer dort zu bleiben, höchstens eine Woche. Doch schon am nächsten Morgen hielt ich es nicht mehr aus.“

„Das war das Ekelhafteste, was ich je gegessen habe,“ beschwerte sich Shego, als sie nach dem Frühstück in ihre Zelle zurückkehrte.
„Man merkt, dass du noch nie in Norwegen warst. Im Gegensatz zu dem Essen dort, war das hier eine Delikatesse. Aber morgen ist Freitag, da ist das Essen besser.“
„So lange bleibe ich gar nicht hier. Willst du mitkommen?“
„Nein, danke. Nächste Woche werde ich ohnehin entlassen.“
„Wollte dich auch nicht wirklich mitnehmen. Hab nur aus Höflichkeit gefragt.“
„Okay. Und? Was hast du vor wenn du draussen bist?“
Shego hielt nachdenklich inne.
„Ich...muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe. Das Übliche, schätze ich. Umher reisen und Gesetze brechen. Irgendwelche Vorschläge?“
„Du könntest,--“
„Aber Vorschläge, die nichts mit Brandstiftung zu tun haben.“
Anja kratze sich einige Sekunden stumm am Kopf.
„Wie wäre es, wenn du deine kriminellen Talente gegen Geld zur Verfügung stellst.“
„Bitte?“
„Werde Freiberufler. Gib eine Kleinanzeige im „Villain“-Magazin auf. Schurken suchen immer jemanden wie dich für besondere Aufträge. Soweit ich weiss hast du dich bis jetzt nur geprügelt und Klamotten gestohlen. Als freiberuflicher Bösewicht könntest du viele, neue Dinge lernen. Du wirst angeheuert für Einbrüche in stark gesicherte Einrichtungen, wie z.B. Labors. Oder für Geldeintreibungen. Oder als Bodyguard.“
„Klingt interessant. Kann ich ja mal versuchen. Also Anja, war nett dich kennen gelernt zu haben.“

Die alte Shego trank einen Schluck Wasser.
„Erst war mir Anjas Vorschlag egal. Ich habe meine Brüder nicht verlassen, nur um die Angestellte von irgendwem zu werden. Doch als ich etwas darüber nachdachte, hörte sich der Vorschlag gar nicht mehr so schlecht an. Auf diese Weise könnte ich Kontakte knüpfen, die sich später vielleicht noch als hilfreich erweisen würden. Ausserdem könnte ich mir endlich einen Namen unter den Schurken machen, denn bis dahin galt ich nur als hochgefährliche Unruhestifterin. Am wichtigsten war aber, dass ich dann endlich wieder etwas zu tun hatte! Die Langeweile hätte mich noch umgebracht. Nachdem ich also aus dem Gefängnis ausgebrochen bin, habe ich eine Kleinanzeige aufgegeben.“
„Entschuldigung,“ unterbrach sie Julian, „darf man fragen, wie sie ausgebrochen sind?“
„So wie ich es mein ganzes Leben tat.“
„Und wie genau?“
„So wie immer,“ sagte sie mit einem breiten Grinsen. „Es war keine besondere Anzeige. Das Übliche. Hab meine Talente aufgezählt und was ich gerne machen würde. Es dauerte keine Woche, bis ich meinen ersten Anruf erhielt.“