„Das 'Villain'-Magazin weist dir eine Telefonnummer zu. Interessierte können darauf ihre Jobangebote sprechen, du hörst die Nachrichten gegen eine kleine Gebühr ab und entscheidest dann, welchen Job du annehmen willst.“
„Sie haben drei Nachrichten“, sagte die kalte Stimme des Anrufbeantworters.
Als die erste Nachricht startete, stammelte eine näselnde Stimme: „Ääääh...ja. Ja, hallo. Ich habe ihre Anzeige gelesen und ich hoffe...ich hoffe, dass sie wirklich so gut sind, wie sie sich dort beschreiben. Es ist wichtig. Naja, vielleicht werden sie es nicht für wichtig halten, eventuell sogar lächerlich finden, aber das bin ich gewohnt. Wissen sie, viele Menschen finden meine Sammelleidenschaft etwas merkwürdig, aber um genau zu sein sind...“(piep)
In dem Moment stoppte die Nachricht. Jeder Anrufer hatte nur wenige Sekunden Zeit um die wichtigen Daten zu nennen und dieser Anrufer hatte die Zeit überschritten.
Shego sagte leise: „Tja, zu lang gequasselt,“ zu sich selbst und hörte die nächste Nachricht ab.
Zu ihrer Überraschung war darauf die selbe Stimme wie vorhin zu hören.
„Ähm, ja, ich bin es wieder. Da...habe ich mich vorhin wohl ein bisschen verquatscht, aber ich dachte mir, ich erzähle ihnen lieber vorher, worum es geht. Obwohl mir einige Menschen davon abgeraten haben. Wenn ich es mir genau überlege...sollte ich...es...ihnen...nein, doch ich sage ihnen worum es geht. Also sie müssen...nein, warten sie. Lieber nicht. Oder...naja, ich sage es ihnen doch. Kennen sie diese...diese Kuscheltiere? Man nennt sie Knudd...“(piep)
Gerade als Shego sich fragte, ob auch die dritte Nachricht von dem selben, merkwürdigen Mann sein würde, beantwortete sich diese Frage von alleine.
„Ha...hallo, ich nochmal! Diesmal mache ich es kurz. Sie müssen etwas für mich stehlen. Meine Nummer ist 555-0313.“
„Es wird euch überraschen, dass ich diesen Job annahm. Nicht weil ich es nötig gehabt hätte, sondern einfach nur, weil es der Erste war! Ich war in dem Moment wohl etwas sentimental, anderenfalls hätte ich diesen Auftrag einfach ignoriert. Nach einer kurzen, telefonischen Rücksprache traf ich mich mit meinem Auftraggeber. Einem merkwürdigen Mann namens Dave.“
Daves Apartment befand sich in einem, mal ganz nett ausgedrückt, ziemlich schäbigem Haus. Schon als Shego es von aussen sah, fragte sie sich, ob sie nicht einfach wieder umdrehen und auf den nächsten Auftrag warten sollte. Schließlich dachte sie sich aber, dass es wohl weniger vorteilhaft für ihre Reputation wäre, gleich den ersten Job einfach so hin zu schmeissen.
Sie betrat das Haus und klopfte an die Tür des Apartments 7G.
„Ja?“ meldete sich einige Sekunden später Daves näselnde Stimme, auf der anderen Seite der Tür.
„Ich will zu Dave.“
„Zu wem?“
„Dave!“
„Dave ist nicht da, Mann!“
Shego entflammte eine ihrer Hände und wollte schon Kleinholz aus der Tür machen, als ihr wieder einfiel, was Dave ihr am Telefon gesagt hatte.
Seufzend sagte sie: „Wibir hababeben tebelebefobonibiert.“
„Sibind sibie aballeibeine?“
„Ja. Äh, ba. Jaba. Ach, lass mich rein.“
Mehrere Sekunden lange war das Rasseln und Klicken von mehreren Schlössern und Türketten zu hören, bevor Dave seine Tür einen Spalt weit öffnete und mit einem Auge hinaus blinzelte.
„Kann ich jetzt rein oder muss ich erst...ach, was soll's?“
Shego trat einmal mit Schwung gegen die Tür. Das ein hohles Klopfen erklang, als die Tür gegen Daves Kopf schlug, störte sie nicht weiter. Shego war sich sicher, dass das Geräusch von Daves Kopf und nicht von der Tür ausging.
„Also, ich soll ein Verbrechen für sie begehen?“ fragte sie, als sie die Wohnung betrat.
Dave rieb sich die Stirn.
„Das wird sicher eine Beule geben. Warum sind sie so unfreundlich?“
„Können sie die Wahrheit vertragen?“
„Nein.“
„Ich mag sie nicht. Und das ist die Wahrheit.“
Während Dave Shego dabei beobachtete, wie sie sich eine Glasvitrine voller Plüschtiere ansah, schien er aufgrund ihrer Aussage Tränen in den Augen zu haben.
„Möchten...sie etwas trinken?“
„Nein. Sagen sie mir weshalb ich hier bin, geben sie mir meinen Vorschuss und dann lassen sie mich meine Arbeit machen. Diese schrecklichen Viecher hier in der Vitrine machen mich wahnsinnig. Und von ihnen will ich gar nicht erst anfangen.“
Plötzlich schien sich Daves Persönlichkeit komplett zu verändern.
Er schubste Shego so hart von der Vitrine weg, dass sie stolperte und auf dem Boden landete.
Dann schrie er: „Das sind keine schrecklichen Viecher! Das sind wertvolle Sammlerobjekte! Wie kann eine schöne Frau wie sie nur so derart ignorant sein!? Beleidigen sie mich, meine Mutter, meine Religion und alles andere in meinem Leben, aber wenn sie die Knuddelwuddel beleidigen, bekommen sie mächtigen Ärger!“
Völlig unbeeindruckt stand Shego auf, klopfte sich den Schmutz von der Kleidung, packte Dave an den Schultern und hing ihn an seinem Pullover auf einen Kleiderhaken an der Wand.
Anschließend setzte sie sich auf einen staubigen Sessel gegenüber von ihm und fragte: „Ich soll noch mehr von diesen schrecklichen Viechern klauen, stimmt's?“
„Das sind KNUDDELWUDDEL!!“ schrie Dave. „Aber ja, das ist im Groben ihr Auftrag.“
Während er zappelnd versuchte von dem Kleiderhaken los zu kommen, lehnte sich Shego zurück, schlug die Beine übereinander und warf noch einen Blick auf die Vitrine.
„Also sie haben genug Geld um einen Profi für einen Diebstahl anzuheuern, aber nicht um in den nächsten Spielzeugladen zu gehen und sich ein paar dieser dummen Knuddelwuddel zu kaufen?“
„Die sind nicht dumm! Das sind Sammlerobjekte! Haben sie eine Ahnung, wie viel einige von denen Wert sind?! Mein ganzes Geld geht nur für Knuddelwuddel drauf! Glauben sie, ich wohne gerne in diesem Dreckloch? Nur indem ich einen Goldstern-Pandaru verkauft habe, konnte ich überhaupt erst das Geld für sie aufbringen!“
„Ich gebe zu, das ist schon irgendwie beeindruckend.“
„Sehen sie? Und sie müssen jetzt für mich in das Haus des Käufers einbrechen, um sowohl meinen Goldstern-Panadaru, als auch eine Flaminkuh zu stehlen. Von denen existieren nur zehn Stück auf der Welt! Damit würde ich in die Königsklasse der Knuddler aufsteigen. Wenn sie mich von dem Haken herunterholen, erzähle ich ihnen alle Details.“
„Er erzählte mir keine wirklichen Details. Er sagte mir nur, dass dieser Mann, in dessen Haus in einbrechen sollte, als der Verrückteste aller Knuddelwuddel-sammler galt und dass die beiden gesuchten Objekte vermutlich stärker gesichert wären, als die britischen Kronjuwelen. Ich glaubte ihm kein Wort und war mir sicher, nur einen weiteren wirrköpfigen, aber ansonsten harmlosen Plüschtiersammler vorzufinden.“
Es war eine dunkle, kalte und nebelige Nacht in dem kleinen, spießigen Vorort, in den sie ihr Auftraggeber geschickt hatte.. Lautlos wie ein Ninja näherte sich Shego dem unauffälligen Reihenhaus, in dessen inneren sich die zwei gesuchten, schrecklichen Viecher befinden sollten.
Nachdem sie einige Sekunden die Umgebung beobachtete, kam Shego zu dem Schluss, dass dies ein leichter Job werden würde.
Der streunende Hund, der, nachdem er es gewagt hatte eine Pfote auf den Rasen des Grundstücks zu setzen, von einem im Boden versteckten Katapult hoch in die Luft geschleudert wurde, ließ sie ihre Meinung ändern.
„Na also, vielleicht langweile ich mich doch nicht zu Tode,“ sagte sie und kletterte blitzschnell auf eine Straßenlaterne.
Von dort sprang sie auf einen Baum, im Garten vor dem Haus, welchen sie als Sprungbrett aufs Dach benutzte. Nach der beinahe lautlosen Landung verharrte sie dort eine halbe Minute bewegungslos. Als sie sicher war, dass sie niemand gesehen oder gehört hatte, machte sie mit ihrer Arbeit weiter und schlich hinauf zu einem offenen Dachbodenfenster.
„Sehr leichtsinnig“, dachte sich Shego und überprüfte mit der aus Film & Fernsehen bekannten „Spraymethode“, ob sich um das Fenster herum vielleicht irgendwelche Lichtschranken befinden würden.
Dem war nicht so, also suchte sie auch noch nach altmodischen Stolperdrähten oder ähnlichem. Zu ihrer eigenen Überraschung entpuppte sich das Fenster als scheinbar völlig ungesichert.
„In dieser Nacht lernte ich eine wichtige Lektion. Sammler von Kuscheltieren, besonders wenn sie irgendwelche teuren Sammlerobjekte besitzen, lassen NIEMALS irgendetwas ungesichert.“
Kaum hatte Shego einen Fuß auf den Boden gesetzt, öffnete sich unter ihr eine Falltür. Erschrocken rutschte sie eine lange Rutschbahn hinab.
„Mir wird gerade klar, dass ich in meinem Leben sehr viel Zeit auf irgendwelchen, unter Falltüren versteckten Rutschbahnen verbracht habe.“
Zu ihrem Erstaunen landete sie mitten in dem Raum, den sie gesucht hatte. Um sie herum befanden sich dutzende von Knuddelwuddeln. Jedes einzelne von ihnen hinter einer dicken Glasscheibe. „Na das war ja einfach,“ sagte sie sarkastisch und stand auf. Doch kaum war sie wieder auf den Beinen, öffnete sich eine weitere Falltür unter ihr und sie landete mit einem lauten Platschen in einem großen Schwimmbecken. Sie hatte keine Zeit um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, denn im Bruchteil einer Sekunde schwamm aus allen Richtungen ein halbes Dutzend Krokodile auf sie zu.
„Bis zum heutigen Tag habe ich keine klare Erinnerung mehr daran, wie ich den Krokodilen entkommen bin. Ich war derart in Panik, dass wohl mein Unterbewusstsein für mich kämpfte. Ich erinnere mich nur dunkel an viel zu viele Zähne um mich herum. Ich glaube, ich war auch längere Zeit unter Wasser. Vielleicht aber auch nur wenige Sekunden. Als ich wieder zu mir kam, kletterte ich aus dem Wasser, drehte mich um und sah die Krokodile auf der anderen Seite, wie sie anscheinend versuchten so viel Abstand wie möglich zwischen sich und mich zu bringen. Trotzdem. Krokodile? Nicht mein Ding.“
Pitschnass und leicht verletzt verließ Shego durch eine nicht allzu gut versteckte Tür den Raum und ging die Treppe ein Stockwerk hinauf. Auf ihrem Weg zum Raum mit den Knuddelwuddeln, kam sie an einem Wandkasten mit der Aufschrift „Sicherheitssystem“ vorbei. Im Vorbeigehen schlug sie einmal kräftig darauf ein. Die Funken, die dieser Schlag verursachte, waren ein sicheres Zeichen dafür, dass das Sicherheitssystem nun abgeschaltet war.
Als sie den gesuchten Raum erreichte, schnappte sich Shego die beiden Plüschtiere, holte nochmal tief Luft und rannte blitzschnell aus dem Haus. Sie rannte immer weiter und hielt erst an, als sie Daves Haus erreichte.
„Das war er also. Mein erster Auftrag als Miet-Schurke. Immerhin wurde ich gut entlohnt. Für die nächste Ausgabe des „Villain“-Magazins hatte ich aber den Text meiner Anzeige geändert. Der Zusatz lautete: 'Keine Sammler von irgendwelchen Plüschtieren'. Habt ihr Hunger? Ich rufe wieder den Zimmerservice an.“