Nach einer kurzen Mittagspause, erzählte Shego ihre Geschichte weiter.
„Eine Woche später hatte ich meinen nächsten Auftrag. Diesmal war es sogar etwas professionelles, wenn auch nichts großes. Ich sollte dem Besitzer eines Restaurants Angst einjagen, damit er seine Schulden bezahlt. Und ich habe ihm Angst eingejagt! Das war der Moment, in dem es für mich bergauf ging. Ich wurde immer beliebter. Die Aufträge kamen im Stundentakt und führten mich rund um die Welt. Gute zwei Jahre ging das so. Dann änderte sich mal wieder alles.“
Shego sollte ihren Auftraggeber im „C'est trop cher“, einem unglaublich teuren, französischen Restaurant treffen. Pünktlich, wie man es von einem Schurken eigentlich nicht erwarten sollte, saß sie am für sie reservierten Tisch. Alleine. Der Mann, der eigentlich dort sitzen und auf sie warten sollte, ein gewisser Mr Deruyter, war noch nicht eingetroffen. Auch 1 ½ Stunden später hatte sich niemand, ausser dem Kellner, ihrem Tisch genähert.
Dann wurde es Shego zu bunt. Sie stand auf und ging zum Ausgang.
„Es war ein Wunder, dass ich überhaupt so lange gewartet habe.“
Sie war nur einen Schritt von der Tür entfernt, als ihr ein Kellner auf die Schulter tippte.
„Entschuldigung?“
„Was!?“ zischte sie ihm wütend zu.
Der Kellner wich einen Schritt zurück und sagte leise: „Ähm...Mr Deruyter empfängt sie jetzt.“
Shego schnaubte einmal durch die Nase.
„Das wurde aber auch Zeit.“
„Bitte folgen sie mir,“ sagte der Kellner und führte sie durch Speisesaal und Küche.
Vor einer Tür blieben sie stehen.
„Hier ist er drin?“ fragte Shego und las das Schild an der Tür. „Das ist die Herrentoilette.“
„Keine Sorge,“ sagte der Kellner, „es hat alles seine Richtigkeit.“
„Das...ist die Herrentoilette!“
Mit den Worten: „Wenn sie gestatten“ hielt der Kellner ihr die Tür offen. „Bitte, gehen sie rein.“
Wenn Blicke töten könnten, wäre der arme Mann in dem Moment verstorben, in dem Shego die Herrentoilette betrat.
„Hallo?!“ rief sie, als sich die Tür hinter ihr schloss. „Frau anwesend! Nicht erschrecken!“
Die Tür der hintersten Toilettenkabine öffnete sich und ein großer Mann im dunklen Anzug kam heraus.
„Kommen sie bitte her,“ sagte er.
„Kommen sie doch bitte her,“ antwortete Shego.
Der Mann deutete auf die Toilettenkabine.
„Mr Deryuter wird sie hier empfangen.“
Shego riss die Augen weit auf, sagte: „Oh nein, wird er nicht,“ und drehte sich um.
„Aber hier ist keine Toilette!“ rief man ihr hinterher. „Das ist ein verstecktes Büro.“
„Ich wollte gar nicht bleiben, aber andererseits war ich jetzt nach all der Warterei und dem Aufenthalt auf dem Herrenklo auch viel zu wütend um einfach so zu gehen.“
Sie drehte sich wieder um und stapfte wütend auf das vermeintliche Toilettenbüro zu. Glücklicherweise hatte man sie nicht belogen. Anstelle einer Toilettenschüssel befand sich tatsächlich ein edel ausgestattetes Büro hinter der Sperrholztür mit Münzeinwurf. Das machte sie aber auch nicht fröhlicher.
„Sie müssen Shego sein,“ empfing sie Mr Deruyter, hinter seinem Schreibtisch sitzend.
Shego schlug wütend mit der Faust auf eben diesen und sagte: „Ganz recht. Ausserdem bin ich ziemlich genervt. Man lässt mich nicht warten! Wenn überhaupt, lasse ich sie warten! Und ausserdem, was soll das hier mit der Toilette!?“
Deruyter zündete sich unbeeindruckt eine Zigarre an.
„Wissen sie, jemand wie ich hat viele Feinde. Und wenn jemand mit, sagen wir, einem Maschinengewehr in mein Restaurant gestürmt kommt, ist diese Toilette garantiert der letzte Ort zu dem er gelangen wird. Ich bin hier sicher.“
„Und was ist, wenn er anstelle eines Maschinengewehrs eine Bombe hat und den ganzen Laden einfach in die Luft jagt?“
Deruyter ließ enttäuscht die Zigarre aus seinem Mundwinkel hängen und fragte einen der vier Bodyguards, die um ihn herum standen: „Warum sagt das jeder?“
Shego stemmte ihre Hände in die Hüften und fragte: „Also, was wollen sie?“
„Sie sollen etwas für mich klauen. Einen Multi-trans-ultra...irgendwas. Dieses Ding.“ Er zog eine Akte aus einer Schreibtisch-Schublade und übergab sie Shego. „Da drin steht alles, was sie wissen müssen. Ach ja, 500.000 jetzt,“ Deruyter warf ein dickes Geldbündel auf den Tisch, „4.500.000 bei Lieferung bis in spätestens fünf Tagen.“
„Die Aussicht auf fünf Millionen, bei einem einzigen Einbruch, ließ mich meinen Ärger vergessen. In der darauf folgenden Nacht studierte ich die Akten. Ich sollte einen 'Multi-thermonuklearen Flux-Transmooker' stehlen. Er befand sich in einem Geheimlabor, mitten in Las Vegas. Der Clou war, dass das Labor gar nicht wirklich geheim war. Es stand gut sichtbar für alle zwischen den Hotels und Casinos. Allerdings diente der Eingangsbereich als Frittenbude. Es war als eines dieser Themen-Restaurants getarnt. Ihr wisst schon, so eines von denen, die entweder im 50er Jahre-Look oder mit lauter Requisiten aus Hollywoodfilmen daher kommen. Dieses hier trug den Namen 'Area 51' und sollte eben ein Geheimlabor der Regierung darstellen. Oben gab es 'Roswell-Burger' und im Keller experimentierte man mit neuen Technologien.“
Zwei Nächte später im „Area 51“. Zwei leicht gelangweilte Wachleute standen vor einer schweren Eisentür im Keller.
„Hey Bob“, sagte einer der beiden. „Wie lange machen wir das hier eigentlich schon?“
„Was haben wir heute, Bill?“
„Sonntag, Bob.“
„Aha. Welches Datum, Bill?“
„26. März, Bob.“
„Aha. Welches Jahr, Bill?“
„2000, Bob.“
„Aha. Exakt 912 Tage, Bill.“
„912 Tage, Bob?“
„912 Tage.“
„Das sind ja 2 ½ Jahre!“
„Yep. Und nicht einmal ist etwas ungewöhnliches passiert.“
Als sie diese aufregende Unterhaltung führten, konnten Bill und Bob ja nicht ahnen, dass Shego sich ihnen langsam durch den Luftschacht näherte.
„Hey Bill.“
„Ja, Bob?“
„Ob das bedeutet, dass wir unseren Job wirklich gut machen?“
„Vielleicht.“
„Oder meinst du, das bedeutet, dass hier ohnehin nichts aufregendes passiert und die auch ohne uns klarkommen?“
„Vielleicht.“
„Ob es jemandem auffällt, wenn wir uns heute Nacht mal frei nehmen?“
„Vielleicht. Aber wohl eher nicht. Kino?“
„Kino. Popcorn geht auf mich.“
„Cool.“
Bill und Bob ließen ihre Waffen fallen und verdünnisierten sich. Kaum waren sie zur Tür raus, kletterte Shego aus dem Luftschacht und schüttelte ungläubig den Kopf. Dann widmete sie sich der schweren Eisentür.
Um sie zu öffnen, musste man eine sechs-stellige Zahlenkombination, in eine Tastatur neben der Tür eingeben. Da Shego die Kombination nicht kannte, zog sie es vor, einmal gegen die Tastatur zu treten. Der daraus resultierende Kurzschluss öffnete die Tür von alleine.
In dem Labor dahinter, befanden sich noch zwei Wachleute.
Sie richteten ihre Waffen auf Shego und riefen: „Halt!“
Dann fragte einer der beiden: „Wo sind Bob und Bill?“
Shego antwortete wahrheitsgemäß: „Die sind im Kino.“
„Ohne uns?“
„Diese Kameradenschweine!“
„Gehen wir auch, hier passiert ohnehin nie etwas aussergewöhnliches.“
„Spring mal für eins, Süße.“
Die Wachmänner drückten der fremden, grünen Frau im Vorbeigehen ihre Waffen in die Hand und freuten sich auf einen gemütlichen Kinoabend. Shego sah ihnen kurz hinterher, warf die Waffen auf den Boden und wollte nun endlich erledigen, weshalb sie eigentlich herkam.
Sie ging eine Stahltreppe hinab und gelangte zu einem großen Glaszylinder, in dessen Inneren sich ein kleiner, metallischer Würfel, nicht viel größer als ein „Rubik-Würfel“, befand. Dieser Würfel war der Multi-thermonukleare Flux-Transmooker.
Während sie mit einem grün leuchtenden Zeigefinger ein Loch ins Glas schnitt und den Würfel herausholte, sagte Shego zu sich selbst: „Bin mal gespannt, ob heute noch irgendetwas interessantes passiert.“
Kaum hatte sie den Satz beendet, wurde mit einem lauten Knall ein Loch in die Wand hinter ihr gerissen. Eine dichte Staubwolke umhüllte Shego. Sie schloss die Augen so fest sie konnte und hielt schützend einen Arm vor Mund und Nase. Als sich der Staub senkte und Shego vorsichtig die Augen öffnete, waren die Umrisse eines Mannes im Loch zu erkennen.
„Halt!“ rief er. „Legen sie sofort das Multi-thermo-Dings wieder zurück. Ich kann nicht zulassen, dass sie es einfach so mitnehmen.“
Jetzt war der Mann gut zu erkennen. Er war groß, muskulös, hatte kurze, schwarze Haare und trug etwas, das aussah wie ein Superheldenkostüm.
„Es hätte aber auch ein Pyjama sein können. War in dem Moment schwer zu erkennen.“
Shego musterte den Mann von oben bis unten und räusperte sich. Sie ging zu einem völlig verstaubten Cola-Automaten, nur ein paar Schritte von dem geheimnisvollen Mann entfernt, riss ein Loch dort hinein, nahm sich die erste Dose die sie sah und trank in aller Ruhe ein paar Schlucke daraus. Der Mann sah ihr dabei gelassen zu.
„Geht's wieder?“ fragte er.
„Ja, danke. War ein bisschen staubig.“
„Tut mir leid, das kommt vor, wenn man Löcher in Betonwände schlägt.“
„Glaube ich sofort. Ach ja, wer bist du und warum glaubst du, dass du mich am Diebstahl dieses komischen, kleinen Würfels hindern kannst?“
Der Mann stemmte seine Hände in die Hüften, blickte symbolisch zu Himmel und sagte mit stolzer Stimme: „Ich bin...La Maravilla Enmascarada!“
„Ja, ähm, du bist gar nicht maskiert,“ sagte Shego unbeeindruckt. „Und das Loch in der Wand hast du ja toll hinbekommen und du bist ja zugegebenermaßen ganz hübsch, aber dich als Wunder zu bezeichnen, geht vielleicht etwas zu weit. Ausserdem gibt es einen Luchadore, der bereits so heisst.“
„Ach Mist. An dem Namen feile ich noch. Es ist schwierig, einen passenden zu finden. Sag doch solange Jack zu mir.“
„Okay...Jack. Warum glaubt ein dahergelaufener, namenloser Superheld wie du, dass er diesen rechtmäßig von mir geklauten, multi-thermonuklearen Flux-Transmooker jetzt einfach wieder an seinen rechtmäßigen Besitzer zurückgeben könnte?“
Jack ging zu einem Tisch, der rechts von ihm stand.
„Ich bin gar kein Superheld, ich bin ein Schurke. Und ich will das Ding gar nicht zurückgeben, ich will es ebenfalls stehlen. Wir verfolgen also beide das gleiche Ziel. Da wir aber leider verschiedene Auftraggeber haben, sieht es so aus, als müssten wir trotzdem darum kämpfen. Und mit Verlaub, ich bin stärker als du. Vorsicht, Tisch.“
Jack schleuderte den schweren Tisch in Shegos Richtung, als wäre es ein Fußball. Shego bewegte sich keinen Millimeter zur Seite. Sie schlug nur einmal kräftig, mit glühenden Händen, auf den heran fliegenden Tisch ein und dieser zersprang in dutzende Kleinteile.
„Ich sollte mich jetzt darüber ärgern,“ sagte Jack, „aber irgendwie bin ich froh, dass dieser Abend doch noch interessant wird.“
„Geht mir genau so.“
„Kann ich vorher noch etwas trinken, bevor wir loslegen?“
„Bedien dich ruhig. Offen ist der Automat ja schon.“
„Und so begann der längste und beste Kampf meines Lebens. Ihr werdet sicher gehört haben, dass Kim Possible die einzige Person war, die es mit mir aufnehmen konnte. Nun, das stimmt nicht. Jack war ebenfalls dazu in der Lage. Vielleicht war er sogar noch besser als sie. Immerhin habe ich mit Kim niemals 30 Stunden am Stück gekämpft! Und trotz seiner Stärke beschränkte er sich nicht auf simples draufhauen. Er benutzte seine Superkraft noch nichtmal während des Kampfes! Er kannte mindestens vier verschiedene Arten Kung Fu und sogar einige Kampfsportarten, die mir fremd waren! Wir bekämpften uns auf den Straßen, auf Dächern, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Casinos, in Restaurants, in Fahrstühlen, auf Fahrstühlen, auf Rolltreppen, sogar in ein oder zwei Brunnen. Und jeder, der versucht hat dazwischen zu gehen, bekam ebenfalls eins auf die Mütze. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin keinesfalls masochistisch veranlagt, aber wie jeder gute Kämpfer liebe ich es, meine Fähigkeiten und Grenzen im Kampf auszutesten. Das war der beste Test meines Lebens! Keiner von uns wollte aufgeben. Am Ende waren wir beide so erschöpft, dass wir auf einer Parkbank saßen und uns immer wieder gegenseitig geohrfeigt haben. Zumindest sollten es Ohrfeigen sein. Zu dem Zeitpunkt konnten wir aber nicht mehr wirklich fest zuschlagen. Dann fehlten uns irgendwie 15 Stunden. Dieser Blackout führte zu etwas, was ich gerne als 'die Sitcom-Episode meines Lebens' bezeichne.“