Kapitel 2

Ein neues Zuhause (Team Go Begins, Teil 2)

"Kommen wir nun zu etwas erfreulicherem. Meine Brüder und ich wurden ins Go City-Waisenhaus gebracht."
Julian hob zögernd seine Hand.
"Ähm, entschuldigung, aber was ist daran erfreulich, wenn ich fragen darf?"
"Es dauerte gute 70 Jahre, bis wieder jemand aus meiner Familie starb."
"Oh, okay."
"Also, es gab ein ziemliches Trara wegen dem Meteor. Natürlich sind Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen, Fernsehteams und hunderte Schaulustige deswegen angerückt. Sie haben alle angenommen, dass meine Brüder und ich nicht da gewesen sind, als es passierte. Wie bereits erwähnt, waren wir völlig unverletzt und wenn wir jemandem erzählt hätten, dass wir eigentlich einen direkten Treffer abbekommen hatten, hätte es uns ohnehin niemand geglaubt. Trotzdem hat man uns, bevor es ins Waisenhaus ging, erstmal in ein Krankenhaus gebracht. Dort wurden wir untersucht, doch die Ärzte haben nichts gefunden. Wir standen noch nichtmal unter Schock. Wir haben zwar nicht gesprochen, wenn man uns nicht gefragt hat, sogar die Babys waren ruhig, aber mit uns schien alles in Ordnung zu sein. Abgesehen von der Tatsache, dass wir gerade unsere Eltern durch etwas verloren hatten, was unwahrscheinlicher war als ein Sechser im Lotto. Dann trafen wir Mr Pink zum ersten mal."
"Pink?"
"Pink! Er war der Leiter des Waisenhauses und schon aufgrund des Namens hatte er es schwer. Versuchen sie mal von einer Gruppe elternloser Blagen ernstgenommen zu werden, wenn sie so einen Namen haben. Und richtig schlimm wurde es ja erst, als einige Jahre später dieser eine Film herauskam. Vergesse ständig seinen Namen. Den durften sich Kinder zwar nicht ansehen, aber das hat ja noch nie jemanden von irgendetwas abgehalten. Wo war ich stehen geblieben?"
"Mr Pink."
"Genau. Mr Pink."

Ein kalter, steriler Warteraum im Go City-Krankenhaus.
Hego, Mego und Shego saßen nebeneinander auf den unbequemen Stühlen. Hego und Mego hielten jeweils ein Baby im Arm. Niemand sagte etwas. Sie brauchten nichts zu sagen. Sie dachten alle dasselbe.
Plötzlich öffnete sich die Tür und ein dürrer Mann, mit einem dicken Schnauzbart steckte seinen Kopf in den Raum.
"Hallo," sagte er, "drei traurige Kinder und zwei Babys? Hier bin ich richtig. Pink ist mein Name. Mr. Pink."
"Und abgesehen davon, dass sie Mr Pink sind, sind sie...?" fragte Shego, während Mr Pink sich ihnen näherte.
"Der Leiter des Waisenhauses, in das ihr jetzt kommt."

"Waisenhaus. Diese zehn Buchstaben ließen uns zusammenzucken. Uns war klar, dass es jetzt nicht mehr so weiterging wie früher, aber irgendwie hat niemand von uns an ein Waisenhaus gedacht."

"Seht es positiv, das Waisenhaus ist klasse."
Hego seufzte.
"Egal wie toll ihr Waisenhaus ist, unser Zuhause war bestimmt besser."
"Ts, warum sagen das immer alle? Kommt jetzt bitte mit mir mit. Elternlose, aber ansonsten gesunde Minderjährige, die sich nach Mitternacht noch im Krankenhaus aufhalten, werden im Keller eingesperrt und müssen für den Rest ihres Lebens die Pillen zählen, die die Patienten vergessen haben zu schlucken oder einfach wieder ausgespuckt haben."

"Mr Pink hatte einen sehr interessanten Humor. Nein, wartet. Sein Humor war eher merkwürdig. Oder...ich glaube "bizarr" ist eine bessere Umschreibung. Eigentlich waren wir uns ziemlich sicher, dass er keinen Humor hatte und mit "wir" meine ich jedes Kind und jeden Mitarbeiter im Go City-Waisenhaus. Mit der Zeit hatte man sich aber daran gewöhnt und eigentlich war er gar kein so übler Kerl. Vor allem gefiel mir seine unsensible Art. Es gibt nichts schlimmeres als diese bedrückende Stimmung, wenn jemand stirbt. Und wenn man dann alleine ist. Mr Pink hat uns immer so behandelt, als ob nichts wäre. Manchmal ist ein Fuß, der dir in den Hintern tritt, besser als eine Hand, die dir tröstend auf die Schulter klopft."

Eine halbe Stunde später fuhr Mr Pinks Minivan, mitsamt Shego und ihren Brüdern im Go City-Waisenhaus vor.
Es war eigentlich nur eine alte Luftballon-Fabrik, aus der man alle Maschinen und krebserregenden Stoffe entfernt, dafür aber mehrere Wände eingesetzt hatte. Diese Wände hatte man gestrichen, ein paar schöne Bilder aufgehängt, Teppichböden verlegt, alles Kindersicher gemacht und schon wurde aus "Mittermeiers Luftballon-Fabrik" das Go City-Waisenhaus.
Mr Pink öffnete die hintere Tür des Wagens und sagte in seiner gewohnt direkten Art: "So, willkommen in eurem neuen Zuhause. Vermutlich werdet ihr hier länger bleiben. Ich würde euch gerne sagen, dass demnächst eine liebevolle Familie kommt, die euch adoptieren wird, aber erstens bezweifle ich, dass ihr eine neue Familie wollt und zweitens ist es heutzutage schon schwer genug Einzelkinder zu vermitteln, da ist die Vermittlung von fünf Geschwistern, von denen zwei schon Teenager sind, ein Ding der Unmöglichkeit."

"Hego schluchzte etwas, als Mr Pink das sagte. Weichei."

Gemeinsam näherten sie sich dem Haupteingang.
"Sobald wir drin sind, werdet ihr die Anderen kennenlernen. Nicht alle sind nett und ich verlange auch nicht, dass ihr euch mit allen anfreundet, doch macht mir bloß keinen Ärger. Ihr seht mir aber auch nicht so aus, als ob ihr das vorhättet."
"Naja, Shego eventuell", flüsterte Mego.
"Was?"
"Nichts."

"Wenn man ins Gefängnis eingeliefert wird, gibt es immer einen Insassen, der aus irgendwelchen Gründen weiss, weswegen du sitzt, egal was du getan hast, und der erzählt es mindestens drei anderen. Die erzählen es dann auch jeweils drei anderen und so weiter. Genau so war es im Waisenhaus."

Kaum hatten sie das Gebäude betreten, wurden sie von dutzenden Augen angestarrt. Vereinzelt war ein Tuscheln, manchmal auch ein Kichern zu hören.

"Sie wussten es. Wir waren die, aus den Nachrichten. Die, die nur wegen einer Laune des Universums hier waren. Wir waren die Meteoritenkinder."

Mr Pink blieb stehen.
"Was ist, hängt mir etwas aus der Nase? Ihr habt noch Zeit genug, um die Neuen anzustarren, also gibt es keinen Grund, um das jetzt zu erledigen."
Die Kinder verstreuten sich langsam in alle Richtungen.
Nur ein kleines Mädchen blieb stehen und sagte: "Mr Pink, ihnen hängt tatsächlich etwas aus der Nase."
"Ist es grün?"
"Ja."
"Keine Panik, das ist normal."
"Es sieht aber eklig aus."
"Ich weiss und ich bin froh, dass ich meine Nase nicht ohne die Hilfe eines Spiegels sehen kann. Jetzt geh bitte und mach irgendetwas anderes."
"Okay."
Kaum war das Mädchen zur Tür raus, betrat eine ziemlich gestresst wirkende Frau durch die selbe Tür den Raum.
"Endlich sind sie wieder da. Sie glauben nicht, was Dennis West wieder angestellt hat?"
"Er hat für alle Anderen Hagebuttentee gekocht und danach über seine Gefühle gesprochen?"
"Nein."
"Wäre aber mal etwas anderes. Schick ihn in mein Büro, er soll es mir selber erzählen. Oh, und geht es seinem Opfer gut?"
"Nun, Ted hatte sich ja noch nie um Mundhygiene gekümmert, also weiss ich nicht, ob er seine Vorderzähne wirklich vermissen wird."
"Okay. Ich bringe die Neuen eben noch in ihr Zimmer, dann komme ich."
"Aber putzen sie sich vorher die Nase."

"Unser Zimmer war...nett. Es gab fünf Betten, wovon eines aber noch am selben Tag durch ein Doppel-Babybett ersetzt wurde. Jedes Bett hatte einen Nachttisch, wir hatten ein Fenster, einen Teppich, elektrisches Licht, sowie einen Schrank und ein Regal, falls wir mal irgendwann wieder etwas besitzen sollten. Es war besser, als man es von einem Waisenhaus erwartet."

"So, nur für euch, die Familienresidenz. Ruht euch jetzt aus, wenn ihr könnt. Morgen gehen wir einkaufen. Ihr könnt ja nicht für immer die selbe Kleidung tragen."

"Hatte ich übrigens erwähnt, dass sogar unsere Kleidung nach dem Einschlag des Meteoriten viel sauberer war als vorher?"

"Was habt ihr denn für kleine Füße?" lachte ein ungewaschener Junge hinter ihnen.
Mr Pink drehte sich um, während Shego, Mego und Hego auf ihr Füße sahen.

"Aus irgendwelchen Gründen wurde uns erst in diesem Moment bewusst, dass wir wirklich winzige Füße hatten. Zumindest Hego und ich. Naja, und die Babys."

"Dennis", sagte Mr Pink zu dem Jungen, "genau dich wollte ich sprechen."
"Ted hat sich die Zähne selber ausgeschlagen. Fragen sie ihn."
"Brauche ich nicht, denn egal was er sagen wird, ich glaube dir nicht."
"Warum nicht? Warum bin ich immer der Böse?"
"Weil du immer der Böse bist! Fang gefälligst an deinen verdammten Kopf zu gebrauchen!"
"Sonst was? Rausschmeissen können sie mich nicht."
"Nein, aber ich kann dich im Schrank einsperren, bis du zur Vernunft gekommen bist."
Dennis lachte nur kurz das typische, desinteressierte Lachen eines großmäuligen Minderjährigen.
"Das machen sie doch ohnehin nicht."
"Und was wenn doch?"
Irgendetwas in Mr Pinks Stimme machte Dennis nervös.
"Dann...dann rufe ich das Fernsehen an."
"Kannst du gerne machen, ich bezweifle aber, dass sie dir glauben werden."
Dennis wurde noch nervöser.
"Warum?", fragte er.
"Sieh dich an. Du bist ein hässlicher, stinkender Schläger. Deine Chancen währen größer, wenn du ein nettes, süßes Kind wärst." Er zog Shego zu sich heran. "Wie war nochmal dein Name?"
"Äh, Shego."
"Interessanter Name. Jetzt sag mal bitte: "Mr Pink hat mich mit einer Eisenstange verprügelt.", Shego."
"Mr...Pink hat mich mit einer Eisenstange verprügelt?"
Mr Pink schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und jammerte: "Oh nein, wie konnte ich nur? Ich bin ein Monster! Sie zeigt keinerlei Anzeichen für eine derartige Misshandlung und ich weiss genau, dass ich es nicht getan habe, aber trotzdem glaube ich ihr. Weißt du warum?" Er deutete auf Shego. "Kleines, liebes Mädchen." Dann deutete er auf Dennis: "Du."

"Das war das letzte mal, dass mich jemand so genannt hat."

Mr Pink fuhr fort.
"Du hast nicht viele Möglichkeiten in deinem Leben und es wird Zeit, dass du dich für die richtige entscheidest. Ein kleiner Hinweis: Was du zur Zeit so treibst ist falsch. Und jetzt geh mir aus den Augen."
Dennis ballte seine Fäuste und sagte leise, aber nicht zu leise: "Wenn sie nicht sie wären."
Mr Pink lächelte.
"So wie es aussieht, hast du ja auf einmal so etwas wie Respekt vor anderen Menschen. Auch wenn es nur ich bin. Komm schon, schlag zu." Dennis blinzelte nur überrascht. "Die Chance kommt nie wieder, schlag mich. Ich gewähre dir einen freien Schlag. Mal sehen, ob du dich dann besser fühlst."
Dennis holte aus und zielte auf Mr Pinks Magengegend, doch der blockte den Schlag mit links ab und schlug ihm mit der flachen Hand auf die Stirn. Shego, Hego und Mego versuchten nicht zu auffällig zu grinsen, als Dennis auf seinem Hintern landete.
"Siehst du?" sagte Mr Pink. "Ist gar nicht so witzig, oder."

Shego naschte eine Erdbeere, aus einer Schüssel auf dem Tisch.
"Ich kenne tatsächlich einige Menschen, bei denen Pinks Ansprache genutzt hätte. Bei Dennis war das nicht der Fall, aber zu ihm komme ich später."
"Spielte er eine wichtige Rolle in ihrem Leben?"
"Ja und nein. Wie ich bereits sagte, zu ihm komme ich später, denn viel interessanter war das, was in dieser Nacht passierte."