„Ich wachte auf und hatte keine Ahnung wo ich war. Ich lag in einem Bett, trug aber noch immer meinen Kampfanzug. Allerdings hatte ich meine Stiefel ausgezogen. Der Raum, in dem ich mich befand, kam mir irgendwie bekannt vor – und auch wieder nicht. Ich versuchte mich langsam aufzurichten, und spürte dabei den schlimmsten Muskelkater meines Lebens. Dieser sorgte dafür, dass ich mich schlagartig an den Kampf mit Jack erinnerte. Als ich mich ratlos umsah, entdeckte ich auf einem Tisch, am anderen Ende des Raumes, der allem Anschein nach ein ziemlich teures Hotelzimmer war, den kleinen Metallwürfel, um den ich mit ihm gekämpft hatte.“
Shego versuchte ihren Muskelkater zu ignorieren, als sie zur Bettkante rutschte. Sie konzentrierte sich so sehr darauf und den multi-thermonuklearen Flux-Transmooker, dass sie nichts weiter um sie herum bemerkte.
Deshalb sprang sie auch erschrocken ins Bett zurück, als sie einen Fuß auf den Boden setzte und dieser nicht nur irgendwie viel zu weich war, sondern auch noch ein röchelndes Geräusch von sich gab.
Während Shego sich so kampfbereit wie möglich machte, richtete sich Jack langsam neben dem Bett auf. Auch er kämpfte sichtbar mit dem schlimmsten Muskelkater seines Lebens.
Jack betrachtete für einige Sekunden die mit glühenden Händen auf dem Bett stehende Shego und warf danach erst einen Blick über seine linke, dann über seine rechte Schulter.
„Okay, warum sind wir in diesem Hotelzimmer, Frau?“
„Das solltest du doch genau wissen!“
„Oh, du hast recht. Nein, warte mal. Ich habe keine Ahnung. Also, was soll...“
Jack hielt inne und drehte sich ruckartig um. Sein Blick fiel auf den Flux-Transmooker, dann drehte er sich wieder zu Shego. Sie sahen sich für einen kurzen Moment in die Augen. Es war, als hätten sie telepathische Fähigkeiten entwickelt, denn sie dachten in dem Moment genau das selbe.
So gut sie konnten rannten beide zu dem Tisch. Jeder wollte als erster da sein, doch obwohl er nur ein paar Schritte entfernt war, war dieser Weg für beide eine große Anstrengung.
Schließlich erreichten sie beide gleichzeitig ihr Ziel. Jeder griff den Metallwürfel so fest er konnte mit einer Hand. Es kam zu einem kleineren Gerangel, welches ein abruptes Ende fand, als sie den Würfel auf Augenhöhe brachten und einen Blick auf ihre Hände warfen.
Erneut hatten beide den selben Gedanken.
„Oh, verflucht!“
Jeder von ihnen trug einen glitzernden Ring, der auf unheimliche Weise wie ein Ehering wirkte.
Jack sprach es als erster aus: „Das...ist ein schöner Ring. Deiner ist auch schön. Sind das etwa...“
„Ich hoffe nicht. Ich meine, das müsste bedeuten, dass wir...“
„Müsste es nicht. Vielleicht tragen wir die nur so.“
„Genau. Es bedeutet gar nichts.“
„Absolut nichts.“
„Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“
„Nein.“
„Ich auch nicht.“
„Was ist, wenn wir wirklich geheiratet haben?“
„Ich bin erst 20! Mein ganzes Leben liegt noch vor mir! Ich habe keine Lust auf eine Ehe! Schon gar nicht mit dir!“
„Autsch.“
„War nicht persönlich. Doch, war es. Ich kenne dich gar nicht und eigentlich sind wir Gegner und wie lautet eigentlich dein richtiger Name?“
„Jack.“
„Du heisst wirklich so? Ich dachte, das wäre dir spontan eingefallen.“
„Nein, nein. Ich bin wirklich Jack. Aber jetzt weisst du mehr von mir, als ich von dir.“
„Ich bin Shego.“
„Dachte ich es mir doch. Hab schon von dir gehört.“
Es klopfte an der Tür. Im Bruchteil einer Sekunde waren Shego und Jack wieder in der Realität:
Sie konnten sich nicht an die letzten Stunden erinnern, waren scheinbar verheiratet, vielleicht aber auch nicht, befanden sich in einem Hotelzimmer, kämpften eigentlich um ein Geheimprojekt der Regierung und jemand war an der Tür.
„Sollten wir aufmachen?“ flüsterte Shego.
„Wer auch immer an der Tür ist, bringt vielleicht Licht in unsere Situation. Aber ich werde das Flux-Dingsie keinesfalls loslassen.“
„Schön. Ich auch nicht.“
Gemeinsam, immer noch den Würfel festhaltend, schlichen sie zur Zimmertür.
Dort angekommen fragten sie gleichzeitig: „Wer ist da?“
„Ihre Kutsche steht bereit,“ sagte eine Stimme auf der anderen Seite.
Shego und Jack sahen sich fragend an und formten lautlos mit ihren Lippen das Wort: „Kutsche“.
Mit einer Hand öffnete Shego die Tür einen Spalt weit. Im Flur stand ein Mann im schwarzen Frack, mit einem Zylinder auf dem Kopf.
„Ihre Kutsche!“ sagte er. „Für ihre gemeinsame Rundfahrt durch Las Vegas. Sie war im Angebot inbegriffen.“
Jack riss die Tür so ruckartig auf, dass sich sowohl Shego, als auch der Mann im Frack erschraken.
„Was für ein Angebot?“ fragte Jack.
„Na sie wissen schon. Das Superangebot, dass ihnen Blutarskys Kirche nur diesen Monat bietet!“ Das vermeintliche Ehepaar zog jeweils eine Augenbraue hoch. „Eine romantische Hochzeit, ein romantisches Wochenende in einer romantischen Suite im romantischen Lonthi-Hotel, Zimmerservice im Preis nicht inbegriffen, und eine romantische Kutschfahrt durch die romantische Glitzerwelt von Las Vegas...bei Tag! Nicht bei Nacht, wie es alle anderen machen. Das alles für unglaublich günstige und romantische 499 $!“
„Das ist sehr viel Romantik für 499$,“ sagte Jack trocken.
„Sie kriegen hier nirgendwo mehr Romantik für weniger Geld. Okay, vielleicht. Las Vegas ist eine große Stadt, aber dieses Angebot ist garantiert nur sehr schwer zu schlagen.“
Shego fragte ungewohnt schüchtern: „Und wir haben dieses Angebot in Anspruch genommen?“
Der Mann sah das Ehepaar kurz an und lächelte wissend.
„Das muss ihnen nicht peinlich sein. Hey, wenn ich von jedem Ehepaar, dass sich am nächsten Morgen nicht mehr an seine Hochzeit erinnern konnte einen Cent bekommen würde, dann hätte ich es nicht mehr nötig mit einer Pferdekutsche durch Las Vegas zu fahren. Apropos. Sind sie dann soweit?“
Mit den Worten: „Nein danke, wir lassen die Kutschfahrt ausfallen,“ schloss Shego die Tür.
„Okay, ich warte noch fünf Minuten vor dem Hotel auf sie, falls sie es sich anders überlegen!“ rief der Mann durch die Tür hindurch. „Wenn nicht, denken sie daran, dass wir ihnen das Geld nicht zurückerstatten. Oh, und irgendwo in ihrem Zimmer müsste der Papierkram zu finden sein. Nur damit sie einen Beweis dafür haben, dass sie wirklich verheiratet sind!“
Shego und Jack hörten dem Mann gar nicht mehr zu. Sie sahen sich minutenlang wortlos an. Keiner von ihnen wusste, was er jetzt sagen oder tun sollte. Dann brachte Jack es auf den Punkt:
„Mir ist schlecht. Ich muss mich hinlegen.“
„Ich auch.“
„Wer bekommt das Bett?“
„Bis ich wieder klar denken kann, ist das irrelevant.“
„Sehe ich auch so.“
„Gut.“
„Gut.“
„Nein, nicht gut.“
Sie legten den Flux-Transmooker auf den Tisch und schlichen langsam zum Bett. Jeder von ihnen legte sich so nah an den Rand wie möglich, damit auch ja eine große Lücke zwischen beiden Ehepartnern entstand.
Es dauerte nicht lange und die Stille wurde für beide unerträglich.
„Ich schalte mal den Fernseher ein,“ sagte Shego und griff zur Fernbedienung, auf dem Nachttisch neben ihr.
Auf dem Bildschirm erschien eine irgendwie nervös wirkende, junge Frau, die sich mit drei ihrer Freundinnen unterhielt.
„Als ich heute morgen aufwachte, lag neben mir dieser völlig fremde Mann im Bett. Und so wie es aussieht, habe ich ihn letzte Nacht geheiratet,“ sagte sie, gefolgt vom lauten Applaus und Gelächter eines unsichtbaren und wahrscheinlich nur auf einem Tonband existierenden Publikums.
Vor Schreck ließ Shego fast die Fernbedienung fallen, als sie hektisch versuchte, den Kanal zu wechseln.
„Hey, du wirst ja rot im Gesicht,“ sagte Jack lachend zu Shego.
„Und du wirst gleich blau ums Auge.“
„Hab nichts gesagt.“
„Und das solltest du auch nicht mehr.“
Angestrengt versuchte Shego einen Sender zu finden, auf dem irgendetwas lief, dass sowohl interessant, als auch im Anbetracht ihrer Situation neutral war. Als sie die Kanäle zum dritten Mal durchzappte, bemerkte sie, dass Jack sie beobachtete.
„Was ist?“ fragte sie genervt.
„Eigentlich ist es lächerlich, wie wir uns verhalten. Ich meine keiner von uns wollte den Anderen heiraten, also lassen wir die Ehe einfach wieder annullieren. Danach kämpfen wir weiter um das Dingens, das uns in diesen Schlamassel gebracht hat. Aber ich weiss, dass du jetzt erstmal genau so dringend eine Pause brauchst, wie ich.“
„Aha. Das weisst du woher?“
„Ich hab bemerkt, wie es dich schon anstrengt, die Fernbedienung zu halten. Wenn dein Muskelkater nur halb so schlimm ist wie meiner, empfinde ich aufrichtiges Mitleid mit dir. Naja, ungefähr 25% aufrichtig. Der Rest ist pure Heuchelei. Vergiss nicht, dass ich einer der Bösen bin. Wir empfinden kein Mitleid.“
„Jajajajaja. Mach schneller. Worauf willst du hinaus?“
„Wir sind fast ebenbürtige Kämpfer, sitzen im selben Boot und teilen uns ein Hotelzimmer. Machen wir das Beste daraus und halten den Zimmerservice auf Trab. Wir lassen es uns Heute gut gehen und nehmen morgen sowohl unser Leben als Singles, als auch unsere Rivalität wieder auf. Also, was hältst du davon?“
Shego sah Jack mit einem ernsten Gesichtsausdruck an. Jack lächelte nur zurück, erwartete aber auch, dass sein Gegenüber ihn sofort wieder attackieren würde.
„Du willst wissen, was ich davon halte? Ruf den Zimmerservice. Ich könnte jetzt eine Massage gebrauchen. Meine Schultern sind völlig verspannt.“
„Natürlich habe ich meinen Auftrag ernst genommen, aber gegen eine Pause war ja nun wirklich nichts einzuwenden. Und irgendwie mochte ich Jack. Nicht so sehr, dass ich mich über die unverhoffte Heirat gefreut hätte, aber er war mir schon ziemlich sympathisch. Wir hatten auch soviel gemeinsam, dass es schon fast unheimlich wurde. Er hatte vier Schwestern. Die waren zwar keine Superhelden wie meine Brüder, aber genau so nervig. Und seine Superstärke hatte er ebenfalls durch einen Meteor. Nur war seine Geschichte weniger spektakulär und auch irgendwie peinlich. Als er drei Jahre alt war, hat er sich alles mögliche in die Nase gesteckt. Und eines Tages war es ein Meteoritensplitter, der zufällig durch sein Fenster geflogen kam. Wir hatten den selben Spaß daran, Hotelpagen und Zimmermädchen, durch boshafte Kommentare zum weinen zu bringen, wussten aber eine gute Massage zu schätzen. Er legte genau wie ich hohen Wert auf ein modisches Auftreten. Wir mochten die gleiche Musik und uns gingen die gleichen Dinge auf die Nerven . Ich gebe es nur ungern zu, aber am Ende des Tages fand ich es gar nicht mehr so schlimm, mit ihm verheiratet zu sein. Naja, das verheiratet sein störte mich immer noch, aber nicht mehr, mit wem ich es war. Dann zerstörte er alles.“
Shego und Jack sahen lächelnd dabei zu, wie eine Gruppe, erfolglos die eigenen Tränen zurückhaltendes Hotelpersonal, das Drei-Gänge-Menü aus ihren Zimmer entfernte.
„Und wir meinen es so, wie wir es gesagt haben!“ rief ihnen Shego hinterher, als der letzte Angestellte wimmernd die Tür hinter sich schloss.
„Also, wie sollen wir weiter vorgehen?“ fragte Jack Shego.
„Wie meinst du das?“
„Du hast ja bestimmt nicht vor die Rechnung für den Zimmerservice zu bezahlen. Planst du einen stillen oder lauten Abgang? Und wenn wir die Ehe annulliert haben, wann fangen wir wieder an, um den Flux-Transmooker zu kämpfen?“
„Lauter Abgang. Über den Rest reden wir später. Apropos später. Was hast du denn so vor, nachdem ich den Flux-Transmooker bei meinem Auftraggeber abgeliefert habe?“
„Nachdem ich ihn bei meinem Auftraggeber abgeliefert habe, werde ich wohl ein neues Leben beginnen.“
„Der berühmte, letzte Job?“
„Ganz recht. Danach werde ich ehrlich.“
Shegos Mundwinkel senkten sich nach unten.
„Du meinst 'ehrlich' im Sinne von `keine Verbrechen mehr'?“
„Genau so. Ich werde mich jetzt nicht der Polizei stellen und für meine Verbrechen büßen, aber ich werde mir von meinem Ersparten ein unauffälliges Häuschen kaufen und dort ein unauffälliges Leben leben. Das Leben als Schurke machte zwar eine Zeit lang Spaß, aber auf Dauer ist das nichts für mich.“
„Aber du wirst jetzt nicht anfangen, deine Superkraft für das Gute zu verwenden, oder?“
„Och, nö. Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber ansonsten versuche ich soviel Abstand wie möglich zwischen mich und meine böse Vergangenheit zu bringen.“ Jack klatschte einmal in die Hände. „Aber zuerst brauche ich eine Dusche.“
Shego räusperte sich und trank einen Schluck Wasser. Dann erzählte sie ihre Geschichte weiter.
„In diesen Sitcoms wachen die Menschen nicht nur eines Morgens verheiratet auf, sie trennen sich auch wegen Kleinigkeiten von ihren Partnern. Meine Kleinigkeit war Jacks Gerede über seinen Rückzug vom Schurkendasein. Ich war lange genug ehrlich. Es hat sich nicht gelohnt und ich würde auch garantiert nicht nach so kurzer Zeit wieder in dieses Leben zurückkehren wollen. Und als Jack mir von seinen Plänen erzählte, verlor ich jeglichen Respekt vor ihm. Nur eine Minute zuvor wollte...wollte ich mit ihm ausgehen. Dieser Gedanke ist mir nicht oft in meinem Leben gekommen, aber bei Jack war ich mir ziemlich sicher, dass ich ihn wiedersehen wollte. Doch jetzt stand er für mich ganz plötzlich auf einer Stufe mit diesen Trotteln, die als Gemüse verkleidet auf der Straße Flugzettel verteilen, um die Miete für den Keller ihrer Mutter zu bezahlen. Er war für mich gestorben. Kaum war er unter der Dusche verschwunden, schnappte ich mir den Flux-Transmooker und flüchtete lautlos durchs Fenster. Warum er ihn einfach unbewacht liegen gelassen hat? Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Aber als ob der Tag nicht schon schlimm genug gewesen wäre, wurde alles noch schlimmer, als ich die Beute zu Deruyter brachte.“
„Und was wurde aus Jack?“ fragte Julian.
Shego trank noch einen Schluck Wasser.
„Hab ihn nie wieder gesehen und bis zu seinem Tod nie wieder etwas von ihm gehört.“
„Auch nicht, um die Ehe zu annullieren?“
„Nein.“
„Das bedeutet also, sie blieben miteinander verheiratet?“
„15 Jahre, um genau zu sein. Aber nur auf dem Papier. Dann hat der Tod uns geschieden. Jack hatte einen Privatdetektiv angeheuert. Für den Fall, dass ihm etwas passieren sollte, sollte er mich ausfindig machen und mir sagen, dass unsere Ehe nun offiziell beendet ist. Und was soll ich sagen? Der Privatdetektiv hat mich ausfindig gemacht.“
„Was ist denn passiert?“
„Er wurde überfahren. Ein Unfall. Hätte jedem passieren können.“
„Jack schien aber nicht wie jeder gewesen zu sein. Er hatte schließlich diese Superkräfte.“
Shego lehnte sich etwas vor und lächelte.
„Genau das gleiche dachte ich mir auch. Also habe ich Nachforschungen angestellt. Er war trotz allem immer noch mein Ehemann. Aber wie sich herausstellte, war es wirklich ein Unfall. Das müsst ihr euch vorstellen! Nach dem, was er mir erzählte, überlebte er Todeslaser, Riesenroboter, blutgierige Mutanten! Ich habe gesehen, wie er durch eine dicke Betonmauer gebrochen ist! Aber dann will er eines morgens Brötchen kaufen, sieht in die falsche Richtung und wird von einem Lastwagen getötet. Ich glaube, damit kann man das Leben an sich im Großen und Ganzen zusammenfassen. Egal wer oder was du bist, irgendwo wartet ein Lastwagen auch auf dich.“