Kapitel 21

Der letzte Schritt (Böse sein, Teil 6)

„Es gibt Dinge, die einen als böser gelten lassen, als andere. Du kannst der beste Dieb auf der Welt sein, aber gegen einen Serienkiller wirst du immer harmloser wirken. Ich war nie ein Serienkiller. Ich war bis dahin auch noch nichtmal ein normaler Killer. Gut, ich hatte versucht Aviarius zu töten, aber es hat ja nicht geklappt, also hatte noch nie jemanden getötet, als ich Jack verließ und den Flux-Transmooker zu Deruyter brachte.
Ich zog mich erstmal für ein paar Stunden in eines meiner Apartments zurück. Ich musste mich umziehen. Die Massage, die ich erst kurz zuvor erhalten hatte, schien schon wieder ihre Wirkung zu verlieren. Ausserdem fühlte ich mich irgendwie komisch. An diesem Abend lernte ich eine Fähigkeit, die mir mein ganzes Leben lang gute Dienste leistete. Die Fähigkeit, solche unnützen Emotionen wie Liebeskummer völlig zu unterdrücken. Ich hatte etwas abzuliefern und einen Haufen Kohle zu kassieren. Da bleibt keine Zeit für Emotionen.“

Shego machte in ihrem Sportwagen eine Vollbremsung vor dem „C'est trop cher“. Das laute Quietschen der Reifen jagte allen Umstehenden einen tüchtigen Schrecken ein. Regelrecht erstarrt, sahen sie zu, wie die Fahrerin aus ihrem Auto ausstieg.
„Kommt jetzt endlich jemand um meinen Wagen einzuparken oder muss ich gewalttätig werden?!“ rief Shego.
Sofort kam ein Angestellter des Restaurants angelaufen und setzte sich in ihren Wagen.
„Parke ihn nicht zu weit weg. Ich liefere nur etwas ab,“ sagte sie ihm noch und ging schnurstracks auf den Eingang des Restaurants zu.
„Wir sind völlig ausgebucht. Haben sie reserviert?“ fragte man sie sofort nach dem Betreten, doch Shego ging einfach weiter.
Sie ging quer durch den Speisesaal und schließlich in die Küche. Das Küchenpersonal war viel zu beschäftigt um dem unbefugten Betreten irgendeine Form von Aufmerksamkeit zu schenken. Genau so ignorierte auch Shego die Anstrengungen der Menschen um sie herum, das gewünschte Essen zuzubereiten.
Schnell war die Herrentoilette, in der sich Deruyters Büro befand erreicht. Diesmal zögerte Shego nicht, diesen Ort zu betreten.
Keine zwei Sekunden später verließ sie die Herrentoilette wieder. Ihr Gesicht hatte eine leicht rötliche Färbung angenommen und ausserdem schien sie es ziemlich eilig zu haben. Nachdem sie einige Sekunden durchgeatmet hatte, öffnete Shego die Tür erneut, diesmal aber nur einen Spalt weit.
„Entschuldigung,“ rief sie hindurch, „hatte Mr Deruyter hier nicht sein Büro?“
„Er hat es woanders hin verlegt,“ antwortete ihr jemand.
„Und wo ist es jetzt?“
„Im Keller. Die Herrentoilette, gleich gegenüber der Treppe.“
„Okay, danke.“
„Ja ja, jetzt lassen mich bitte alleine!“
„Aber natürlich!“
Shego ging die Treppe zum Keller hinab. Zaghaft klopfte sie an die Tür zur Herrentoilette.
„Hallo? Bin ich hier richtig?“
Von der anderen Seite der Tür näherten sich Schritte. Ein Mann im schwarzen Anzug, mit einer dunklen Sonnenbrille auf der Nase, öffnete die Tür und musterte Shego einige Sekunden.
„Ist das Licht da drin so hell, dass man eine Sonnenbrille braucht? Egal, sag deinem Boss, ich habe was er wollte,“ sagte Shego genervt.
Ohne ein Wort zu sagen schloss der Mann die Tür wieder, nur um sie einige Momente später wieder zu öffnen.
„Treten sie ein,“ sagte er.
Ohne ein Wort zu sagen oder den Mann eines Blickes zu würdigen, betrat Shego die Herrentoilette und ging zur hintersten Kabine.
„Schön sie wiederzusehen,“ begrüßte sie Mr Deruyter.
Shego betrachtete die drei Bodyguards, die um seinen Schreibtisch standen und antwortete nur mit einem: „Warum tragen die alle Sonnenbrillen? Selbst wenn wir uns nicht in einem Gebäude befinden würden, ist die Sonne doch ohnehin schon untergegangen.“
„Das ist so ein Gewerkschafts-ding,“ antwortete einer der Bodyguards.
Deruyter räusperte sich.
„Ich hatte mir etwas Sorgen gemacht. Man erzählt sich, dass das Labor nun ein riesiges Loch in der Wand hätte, was nun wirklich nicht ihr Stil zu sein scheint. Ausserdem soll sich jemand, der auf ihre Beschreibung passt, quer durch Las Vegas geprügelt haben. Und nach alldem haben sie sich nicht bei mir gemeldet. Aber so wie es aussieht waren meine Sorgen wohl unbegründet. Bekomme ich jetzt endlich was ich will?“
„Haben sie mein Geld?“
„Aber natürlich. Soviel Geld habe ich immer dabei,“ sagte Deruyter völlig frei von Sarkasmus, holte einen mit Geld gefüllten Aktenkoffer unter seinem Schreibtisch hervor und öffnete ihn. „Haben sie den Würfel?“
„Glauben sie, ich würde ohne ihn hier aufkreuzen?“
„Hey, man kann niemandem vertrauen. Schon gar nicht den Schurken,“ antwortete Deruyter mit einem schiefen Lächeln, als Shego den Flux-Transmooker auf den Schreibtisch legte.
„Bedeutet das, ich sollte das Geld lieber nachzählen?“
„Nein, aber ich werde sie nicht davon abhalten.“
Shego nahm ein Geldbündel aus dem Koffer und blätterte es kurz durch.
„Ich zähle es zu Hause. Wenn etwas fehlen sollte, komme ich wieder und hole es mir.“
„Dann hoffe ich, dass wir uns aus einem freudigerem Anlass wiedersehen werden.“
„Wie auch immer.“
Mit dem Koffer unter ihrem Arm verließ Shego die Herrentoilette. Vor der Tür sprach sie einer der Bodyguards an.
„Bitte nehmen sie doch die Hintertür. Auf diese Weise müssen sie mit dem Geld nicht durch das gesamte Restaurant gehen. Und ausserdem haben wir ihr Auto schon im Hinterhof geparkt.“
Shego kniff dem Mann, der einen Kopf größer war als sie, wie einem Kleinkind in die Wange und sagte lächelnd: „Ihr seht mit euren Sonnenbrillen vielleicht aus wie Idioten, aber wenigstens denkt ihr mit.“
Mit versteinertem Gesicht antwortete der Bodyguard: „Miss, bitte unterlassen sie das Kneifen. Auch ich habe meine Grenzen.“
„Wie auch immer.“

„Als ich die Kellertreppe hinauf ging, beschlich mich schon ein komisches Gefühl. Ich ignorierte es aber und dachte, es wäre ein Überbleibsel vom Stress der vergangenen Tage. Vermutlich war es das auch. Was aber nicht bedeutet, dass nichts passiert sei.“

Der Hinterhof des Restaurants war dunkel. Die einzige Lichtquelle, war eine nicht allzu hell leuchtende Laterne, die zudem auch noch einen Wackelkontakt hatte. Im sich ständig ein und ausschaltenden Schein der Laterne, stand Shegos Auto.
Dessen Besitzerin sah sich kurz um, bevor sie darauf zu ging. In der Dunkelheit konnte sie nichts sehen. Dafür hörte sie aber etwas. Das charakteristische Klicken einer Schusswaffe, wenn man sie zum Abfeuern bereit macht.
Ohne groß nachzudenken, warf Shego einen grünen Feuerball in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Für einen Moment konnte sie eine kleine Gruppe von bewaffneten Männer erkennen. Einen von ihnen traf der Ball in die Magengegend. Er wurde gegen einen Müllcontainer geschleudert und blieb, soweit es zu erkennen war, hustend dort sitzen.
Shego seufzte einmal und fragte: „Ist das ein Hinterhalt oder steht ihr da wegen irgendetwas anderem?“
„Ein Hinterhalt!“ rief jemand aus der Dunkelheit.
„Deruyter hat gar nicht vor, mich mit so viel Geld gehen zu lassen, habe ich recht?“
„Nehmen sie es bitte nicht persönlich. Aber während sie es nicht persönlich nehmen, bleiben sie bitte dort stehen.“
„Ich werde weder das Eine, noch das Andere tun..“

„Keine zwei Minuten später hatte Deruyter ein ernsthaftes Problem.“

Deryuter saß hinter seinem Schreibtisch und freute sich auf das Geld, das er jeden Moment zurückbekommen würde.
Dann klopfte es an der Tür.
„Na endlich,“ sagte Deruyter und sprang von seinem Stuhl auf, während einer seiner Bodyguards zur Tür ging. „Hat ja auch lange genug gedauert.“
In freudiger Erwartung setzte er sich wieder hin und wollte eine Zigarre anzünden. Doch dann hörte er ein Geräusch, das wie ein Schlag klang, gefolgt von noch zwei weiteren Geräuschen. Das Erste klang wie eine zerbrechende Sonnenbrille, das Zweite wie ein Mann der K.O. zu Boden fiel.
Ohne, dass Deruyter auch nur einen Ton sagen musste, stürmten die verbleibenden beiden Bodyguards zur Tür hinaus. Er konnte nicht sehen was vor sich ging, hörte aber Schüsse, Kampfgeräusche und immer wieder wurde der Raum in grünes Licht getaucht. Dann wurde es ruhig. Schritte näherten sich ihm.
Völlig verängstigt zog Deruyter eine Pistole aus einer Schreibtischschublade und verschoss blind das ganze Magazin in die Richtung, aus die die Schritte kamen. Als die Sperrholzwände um ihn herum so löchrig waren, wie der berühmte Schweizer Käse und die Pistole nur noch klickte, wenn er den Abzug betätigte, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.
„Daneben“, flüsterte ihm Shego ins Ohr.
Deruyter wollte sich umdrehen, doch Shego packte seinen Kopf und drückte ihn auf den Schreibtisch.
„Wissen sie,“ sagte sie ruhig, „hätten sie mich einfach um mein Geld betrogen, wäre ich zwar auch sehr wütend geworden, aber nicht so wütend wie jetzt, als sie versucht haben mich umzubringen.“
Shego hob Deruyter hoch und warf ihn über seinen Schreibtisch.
„Was...was haben sie jetzt vor?“ fragte Deruyter, während er auf allen Vieren zu entkommen versuchte.
„Als ob sie die Antwort darauf nicht kennen würden. Aber lassen sie es mich so ausdrücken. Sobald ihre Bodyguards, sowohl die Jammerlappen hier drin, als auch die draussen im Hof, aufwachen, werden sie feststellen, dass sie in ihrem Beruf, der ja daraus besteht ihr Leben zu beschützen, versagt haben.“

„Er war nicht der Erste, der versucht hatte mich umzubringen. Aber er versuchte mich zudem noch zu betrügen. Das alleine war natürlich noch kein Grund für mich um ihn umzubringen. Und ich will nicht unbedingt weiter ins Detail gehen, aber es ist viel leichter jemanden mit einem Seifenspender umzubringen, als man glauben sollte. Allerdings kam in dem Moment einfach alles wieder in mir hoch. Die ganze Wut auf alles und jeden. Die Wut auf meine Brüder. Die Wut auf Aviarius und darauf, dass mein Versuch ihn zu töten von meinem Bruder vereitelt wurde. Die Wut auf Jack. Die Wut auf mich. Und die Wut auf die ganze Welt, in der ich trotz allem mein Leben nicht so leben konnte, wie ich es wollte. Weder auf der Seite der Guten, noch auf der Seite der Bösen. Als ich dann mit Deruyter fertig war, nahm ich den Flux-Transmooker wieder an mich. Keine Ahnung warum. Ich dachte mir wohl, ich könnte ihn noch gebrauchen. Dann fuhr ich nach Hause, habe mich geduscht und mich ins Bett gelegt. Man sollte meinen, das man nach seinem ersten Mord unruhiger schläft, aber ich schlief fast 10 Stunden am Stück durch. Als ich dann aufwachte und mir etwas später Frühstück machte, bemerkte ich, wie meine Hände zitterten. Dann verging mir der Appetit und das gesamte Frühstück landete im Abfall. Naja, es hatte mich doch mehr mitgenommen, als anfänglich erwartet. Aber ich gehörte schon immer zu den Menschen, die sofort wieder aufs Pferd aufsteigen, nachdem sie abgeworfen wurden. Nur wenige Stunden später nahm ich schon meinen nächsten Auftrag an. Ein gewisser Dr. Drakken wollte, dass ich etwas für stehle.“