„Ach ja, Dr D.“, seufzte Shego. „Ich vermisse ihn. In meinem Leben habe ich wie ein Magnet für unfähige und nervtötende Menschen gewirkt, aber von all diesen Trotteln war er mir doch der Liebste.“ Wie auf Knopfdruck verschwand ihre Sentimalität. „Habt ihr das?“
Von der unerwarteten Frage leicht erschrocken, nickte Washington hektisch.
„Gut. Denn nochmal werde ich nicht so nett über ihn sprechen.“ Sie atmete tief ein und lehnte sich zurück. „Also, unsere erste Begegnung verlief nicht so besonders.“
Drakkens Hubschrauber landete, mit Shego als Passagier, auf dem Dach seines Inselverstecks. Kaum war sie aus dem Fluggerät ausgestiegen, sprangen drei Handlanger, so lautlos und präzise wie Ninjas, aus einer dunklen Ecke und umzingelten sie.
„Ja, ganz recht. Er hatte zu dem Zeitpunkt einen eigenen Hubschrauber und ausgesprochen fähige Handlanger. Dr. D. war noch ein verhältnismäßig unbeschriebenes Blatt in der potentielle-Weltherrscher-Szene und versuchte natürlich, möglichst eindrucksvoll zu wirken. Darum umgab er sich nur mit dem Besten und Teuersten. Wie mir.“
„Entschuldigen sie die Vorsichtsmaßnahme, aber bevor wir sie nicht überprüft haben, dürfen sie nicht weiter“, sagte einer der Handlanger.
Shego verschränkte nur die Arme und seufzte genervt, während ein anderer Handlanger eine Art Scanner neben ihr auf und ab bewegte.
„Alles in Ordnung, sie sind sauber“, sagte dieser. „Folgen sie mir bitte. Der Doktor erwartet sie bereits.“
Zügig ging er los. Shego holte ihn nach wenigen Schritten ein.
„Was ist der Doktor so für ein Typ?“ fragte sie.
Der Handlanger blieb stehen, drehte sich zu Shego und holte tief Luft. Er hob den Zeigefinger und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Dann seufzte er nur enttäuscht und ließ die Schultern hängen.
„Und was bedeutet das jetzt?“
„Nun, ich bin ein Vollprofi. Und als Vollprofi ist es gegen meine Überzeugung, sich derart negativ über meinen Vorgesetzten zu äussern wie ich es müsste, sollte ich Dr. Drakken beschreiben.“
Shego und der Handlanger warfen sich noch einen Blick zu, bevor sie weiter gingen.
Es dauerte nicht lange und sie erreichten Drakkens Arbeitszimmer. Ein riesiger, brennender Kamin warf lange Schatten auf die vielen Bücher in den Regalen.
„Ich habe eigentlich nie gesehen, dass er irgendeines dieser Bücher auch nur angefasst hat.“
Vor dem Kamin stand Dr. Drakken. Die Lichtverhältnisse ließen ihn ungewöhnlich bedrohlich wirken.
„Ah, sie müssen Shego sein“, sagte er.
„Ganz recht“, antwortete sie.
Drakken zeigte zur Tür. „Lass uns bitte allein, Handlanger.“
Der Handlanger nickte und ging zur Tür.
Währenddessen murmelte er leise: „Ich habe auch einen Namen, du dummer...“
„Bitte, nehmen sie Platz“, bot ihr Drakken an.
„Ich stehe lieber.“
„Wie auch immer. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Doktor Drakken! Und bald schon wird die ganze Welt vor mir erzittern!“
„Während er das sagte, machte er völlig übertriebene Gesten mit seinen Händen und seine Stimme hatte so etwas peinlich theatralisches. Ich musste mir auf die Zunge beissen, um nicht laut loszulachen.“
Drakken fuhr fort.
„Doch bevor es soweit ist, fehlt mir noch ein wichtiges Teil.“
„In deinem Kopf?“ dachte Shego.
„Sie müssten dafür in ein Geheimlabor einbrechen. Ich würde einen meiner Handlanger schicken, aber ich brauche jeden einzelnen hier. Sie mögen perfekt trainiert sein, aber nicht so perfekt wie ich sie haben will. Die Weltübernahme ist kein Ringelreihen im Kindergarten, da darf ich mir keine Fehler erlauben, also bleiben sie hier und trainieren.“
Genervt legte Shego ihren Kopf in den Nacken und stöhnte: „Kommen sie zur Sache.“
Das diabolische Grinsen auf Drakkens Gesicht erschlaffte.
„Sie können es natürlich nicht wissen, aber ich erwarte von meinen Mitarbeitern, dass sie mich respektieren und mich gefälligst nicht in einem Anfall jugendlicher Ungeduld unterbrechen!“
„Ich arbeite noch gar nicht für sie, also was ist ihr Problem?“
Der Doktor hob drohend seinen Zeigefinger und biss sich wütend auf die Unterlippe.
„Ich hoffe, sie sind wirklich so gut wie man sagt und verdanken ihren guten Ruf nicht nur ihrem Aussehen.“
„Nehmen sie den Finger auch noch irgendwann mal wieder runter? Ich habe viel zu tun und würde jetzt gerne Einzelheiten wissen.“
Drakken drehte sich um, ging auf seinen Schreibtisch zu und sagte mit einem beleidigten Unterton: „Fahren sie nach Las Vegas und klauen sie für mich den Flux Transmooker.“
„Die Nachricht, dass ich ihn schon gestohlen hatte, war noch nicht zu ihm durchgedrungen. Er wohnte nunmal auf einer einsamen Insel. Da dauert so etwas länger.“
Shego versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
„Was für ein Ding?“
„Der Flux Transmooker. Den brauche ich um,--“
„Ist mir egal. Ich stehle ihn nur. Mit allem anderen was danach kommt, habe ich nichts zu tun und ich will auch nichts davon wissen. Erzählen sie mir einfach wo ich ihn finde und was ich beachten muss.“
„Bedeutet das, sie sind dabei?“
„Ja, ganz recht, ich bin dabei.“
„Leicht verdientes Geld. Das Ding, das ich für ihn stehlen sollte, lag schon bei mir zu Hause. Also nahm ich so etwas wie bezahlten Urlaub. Nach drei Tagen kehrte ich zu Drakkens Insel zurück. Das heisst, ich versuchte es. Sein Hubschrauber sollte mich erneut abholen, aber er kam einfach nicht. Also tätigte ich einen Anruf.“
„Hey, Dr. D., wo ist der Hubschrauber.“
Drakken klang deutlich nervös: „Was...was soll damit sein?“
„Er ist nicht da! Ich stehe hier am vereinbarten Treffpunkt und hätte schon vor einer guten Stunde in der Luft sein sollen.“
„Vielleicht stehen sie am--“
„Nein, ich stehe nicht am falschen Treffpunkt! Glauben sie ich wäre so dämlich und stelle mich an den falschen Treffpunkt? Ich habe diesen dummen Prototyp bei mir und mir ist egal wer ihn bekommt. Wenn sie mir nicht so schnell wie möglich einen Hubschrauber oder so etwas ähnliches schicken, werde ich mich einfach umhören wer sonst noch so ein Ding gebrauchen kann und mir das Geld von ihm holen.“
„Nein! Warten sie! Bleiben sie einen Moment dran!“
„Drakkens Warteschleife bestand aus Synthesizerfassungen von Weihnachtsliedern. Im Hochsommer.“
„Sind sie noch dran?“ meldete sich der Doktor nach einer Minute von „Jingle Bells“.
„Ja, aber nicht weil mir die Musik so gut gefällt.“
„Es...ähm...gab einen Unfall. Der Hubschrauber ist unterwegs abgestürzt. Keine Angst, dem Piloten geht es gut, er ist ein Vollprofi...“
„Ist mir egal.“
„...aber sie müssten selber einen Weg finden um zu mir zu gelangen.“
„Haben sie keinen zweiten Hubschrauber? Oder ein Boot?“
„Doch, natürlich, aaaaaaaaaber die sind alle in Benutzung. Ich bin damit beschäftigt eine aufwändige, weltweite Geheimoperation in die Wege zu leiten und der Plan ist so perfekt ausgeklügelt, dass ich ihnen keinen weiteren Hubschrauber schicken kann. Aber ich bitte sie, niemand anderem den Flux Transmooker zu geben. Kommen sie zu mir. Tun sie, was sie tun müssen. Ich bezahle alles zusammen mit ihren restlichen Spesen.“
„In dem Moment hätte ich diesen dummen Metallwürfel einfach in die nächste Mülltonne werfen und nach Hause gehen sollen. Zum Glück tat ich es nicht. Okay, 'zum Glück' ist vielleicht etwas zu positiv ausgedrückt. Wenigstens zu diesem Zeitpunkt. Aber Jahre später hatte es sich dann doch ausgezahlt.“
Mit einem geklauten Hubschrauber steuerte Shego die Koordinaten an, die Dr. Drakken ihr gegeben hatte. Als sie auf dem Dach des Geheimverstecks landete, merkte sie sofort, dass etwas anders war.
Anstelle einer gut ausgebildeten Gruppe von Handlangern, begrüßte sie nur ein einziger, der auch noch ziemlich übergewichtig war. Und eigentlich begrüßte er sie nicht, er schlief auf einem Stuhl. Selbst als der Hubschrauber direkt neben ihm landete, schlief er weiter.
Shego stieg aus dem Hubschrauber aus, sah sich die Schlafmütze an und trat gegen seinen Stuhl. Als er mit dem Hintern auf dem Boden landete, wachte er endlich auf.
„Wie? Was?“ murmelte er. „Cool, ein Hubschrauber.“
Als er das Fluggerät anfassen wollte, schlug Shego ihm auf die Finger.
„Nicht anfassen. Wo ist Drakken?“
Der Handlanger rieb sich die schmerzende Hand.
„Der müsste in seinem Labor sein. Der Fahrstuhl fährt direkt dorthin.“
„Okay. Und ich wiederhole: Nicht den Hubschrauber anfassen!“
„Ist ja gut,“ murmelte der Handlanger beleidigt, setzte sich wieder auf den Stuhl und schlief weiter.
Shego betrat den Fahrstuhl und drückte auf den „Labor“-Knopf. Während der recht langen Fahrt abwärts, erwartete sie eine angenehme Überraschung: aus irgendwelchen Gründen gefiel ihr die Musik, die leise aus den Lautsprechern über ihr, in ihren Gehörgang plätscherte.
Am Ziel angekommen öffnete sich langsam die Fahrstuhltür. Der Geruch von frischen Schweißnähten drang in Shegos Nase. Irgendwo zwischen dem riesigen Haufen Elektronikschrott, der sich im Labor stapelte, konnte sie ein verärgertes Murmeln hören.
„Hallo!?“ rief sie.
„Nein, jetzt nicht!“ lautete Drakkens Antwort.
Wütend stapfte Shego daraufhin durch das Schrottlabyrinth. Es dauerte nicht lange, bis sie Drakken fand. Er war derart in seine Arbeit vertieft, dass er die sich nähernde Gefahr gar nicht bemerkte.
Shego packte ihn von hinten am Kragen und zog ihn ruckartig von dem Gerät, an dem er arbeitete, weg. Dann warf sie ihn zu Boden und bedrohte ihn mit ihren glühenden Händen.
„Hey, Blaubeere, ich bin durch die Hölle gegangen um ihnen diesen Mistwürfel zu besorgen und 'nein, jetzt nicht' ist alles andere als eine akzeptable Antwort.“
Drakken stand zitternd auf und klopfte sich zaghaft den Dreck von der Kleidung.
„Oh, ähm, ich wusste ja nicht, dass sie es sind.“
„Wie auch immer.“ Shego hob den Flux-Transmooker demonstrativ hoch. „Hier ist die Ware. Wo ist mein Geld?“
„Das werde ich ihnen augenblicklich auf ihr Konto überweisen,“ sagte der Doktor, während er erfolglos nach dem Würfel schnappte.
„Cash oder gar nicht.“
Ein Schweisstropfen bildete sich an Drakkens Schläfe.
Allzu offensichtlich darum bemüht sich nichts anmerken zu lassen, antwortete er: „Ooookaaaay. Aber dann hätte ich gerne eine Rechnung von ihnen“
„Bitte schön.“
Sie zog ein Blatt Papier hervor und wedelte damit vor Drakkens Nase herum. Dieser schnappte sich die Rechnung und setzte sich damit hinter eine Werkbank.
„Die werde ich mir erstmal ansehen.“
„Aber natürlich. Tun sie sich keinen Zwang an,“ erwiderte Shego mit knirschenden Zähnen.
Während er die Rechnung Posten für Posten durchging, murmelte Drakken manchmal etwas vor sich hin. Des öfteren hob und senkte er mindestens eine Seite seiner durchgehenden Augenbraue.
Einmal platzte es aus ihm heraus: „Sie wollen WIEVIEL für WAS?“ doch kurz darauf beruhigte er sich wieder.
„Ja, ich gebe zu, meine Rechnung war vielleicht nicht ganz wahrheitsgemäß, aber ich hatte nun mal eine ganz miese Woche.“
Nachdem er mit der Rechnung durch war, faltete Drakken die Hände auf der Werkbank, räusperte sich kurz und sagte trocken: „Ich werde diesen Betrag nicht bezahlen.“
Shego lachte einen kurzen Moment.
„Entschuldigung, ich habe gerade an etwas anderes gedacht. Ich habe mir vorgestellt, sie hätten etwas witziges gesagt. Naja, eigentlich war es nicht witzig. Aber es war überraschend. Unerwartet. Doch ich bin mir sicher, dass sie in der Realität etwas völlig anderes gesagt haben. Wären sie also so nett und würden nochmal wiederholen, was sie gesagt haben?“
Merkbar nervöser als beim letzten Mal, wiederholte Drakken seine Worte: „Ich werde diesen Betrag nicht--“
Beim „nicht“ sprang Shego mit einen großen Satz auf die Werkbank, welche daraufhin in tausend Teile zersplitterte. Drakken presste sich verängstigt mit dem Rücken gegen die Wand, während Shego immer näher kam.
„Halt, wartensiewartensiewartensiewartensie!“ stotterte er. „Ich würde ja bezahlen, aber ich kann nicht!“
„Und das soll mich jetzt in irgendeiner Form besänftigen?“
„Vor ein paar Tagen konnte ich sie ja noch bezahlen. Dachte ich zumindest. Aber wie sich herausstellte, waren die hervorragend ausgebildeten Gefolgsleute, die Hubschrauberflotte, das Hauptquartier mit eigener Insel und alles andere viel kostspieliger, als ich ursprünglich angenommen hatte! Zum Glück waren die Insel und mein Hauptquartier schon abbezahlt, aber alles andere wurde abgeholt und meine Elite-Handlanger musste ich durch, naja, viel, viel günstigere ersetzen. Tut mir leid, ich bin pleite! So etwas geht manchmal schneller als man blinzeln kann. Ich schwöre, sie bekommen ihr Geld, aber dafür brauche ich erst den Flux-Transmooker!“
„Und erneut wurde ich so richtig wütend. Dieser unauffällige Metallwürfel, der sich erst seit wenigen Tagen in meinem Besitz befand, schien für mich fast noch schlimmer zu sein als all die Jahre mit meinen Brüdern zusammen. Doch während ich den, sich immer weiter in ein die hinterste Ecke seines Labors quetschenden Doktor Drakken so vor mir sah, wurde mir plötzlich alles egal.“
„Okay.“
Drakken öffnete in Erwartung etwas schreckliches zu sehen, vorsichtig ein Auge und fragte: „Okay?“
„Ja. Ich kann doch nicht jeden töten, der mich um mein Geld betrügt. Hier, bitte.“
Shego warf dem Doktor den Metallwürfel zu. Es sah kurz so aus, als würde er ihn fallen lassen, aber durch einige sehr interessant anzusehende Handbewegungen, schaffte er es trotzdem ihn festzuhalten.
„Danke,“ sagte er verdutzt und rannte zur Tür. „Ich schreibe ihnen unverzüglich einen Schuldschein.“
„Das wird nicht nötig sein.“
Doktor Drakken war klar, dass jetzt der Haken an der Transaktion folgen würde. Zähneknirschend drehte er sich um.
„Und warum wird das nicht nötig sein?“
Shego putzte den Staub von der Sitzfläche eines Stuhls und setzte sich lächelnd hin.
„Weil ich nämlich so lange hier warten werde, bis sie mich ausbezahlt haben. Und wehe ihnen, wenn ich zu lange warten muss.“
„Ja, genau. Das war der Auslöser für unsere langjährige Zusammenarbeit. Er schuldete mir Geld und ich saß ihm solange im Genick. Viel unspektakulärer als erwartet, nicht wahr? Aber genau so ist es passiert. Mehr oder weniger.“