„Müssen sie mir ständig über die Schulter schauen!?“ schrie Drakken Shego ins Gesicht und wich daraufhin aus Angst, dass sie ihm wehtun würde, einen Schritt zurück.
Doch Shego nahm es gelassen.
„Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht mehr von ihrer Seite weichen werde, bis sie ihre Schulden bei mir bezahlt haben.“
„Aber müssen sie das so wörtlich nehmen?“
„Ist ja gut. Es ist nur...es ist sehr langweilig hier.“
„Entschuldigen sie, dass ich kein besserer Gastgeber bin. Hätte ich erwartet dass sie länger bleiben, hätte ich ihnen wenigstens einen Kuchen gebacken. Aber es steht ihnen frei zu gehen wohin sie auch wollen, solange sie mich nicht mehr bei meiner Arbeit stören.“
Nach einem kurzen Moment des Überlegens nickte Shego.
„Gut, ich sehe mir mal ihr Hauptquartier an. Wenn sie aber versuchen sollten vor mir zu fliehen, werde ich sie jagen und ich werde sie finden.“
Drakken war sich darüber im klaren, dass dies kein Scherz war. Stumm drehte er sich wieder um und widmete sich einigen noch zu verlötenden Kabeln, während Shego das Labor verließ.
Das Erste was ihr auffiel, war ein Wegweiser zur Kantine. Das plötzlich einsetzende Knurren ihres Magens, veranlasste sie den dorthin ausgeschilderten Weg zu gehen. Je näher sie kam, desto lauter wurden die Stimmen der dort sitzenden Handlanger. Sie lachten, sie scherzten, sie unterhielten sich über belanglosen Kram.
„Im Prinzip das, was sie immer machten. Drakkens Handlanger verbrachten sehr viel Zeit mit Nichtstun. Einige von ihnen habe ich niemals ausserhalb der Kantine angetroffen.“
In dem Moment, in dem sie den Raum betrat, wurde es aber schlagartig still. Shego kümmerte sich nicht weiter darum und ging zur Speiseausgabe. Hinter sich hörte sie immer mehr Handlanger tuscheln. Einige wenige kicherten sogar.
„Es war so als ob ein Supermodel eine Science Fiction Convention betrat. Ein ganzer Haufen verkleideter Männer, von denen aus offensichtlichen Gründen niemand in einer Beziehung zu stecken schien, fängt an zu schwitzen und wird von Sekunde zu Sekunde immer hilfloser.“
Während sich Shego ein Tablett schnappte und das Menü an der Wand las, näherte sich ihr langsam einer der Handlanger.
„Äh...hallo?“ sagte er.
Shego sah ihn an und seufzte: „Ich tue jetzt mal so, als würde ich tatsächlich mit jemandem wie dir reden. Also, was gibt’s?“
„Ich wollte sie...im Namen aller hier herzlich willkommen heissen. Wir haben gehört, dass sie jetzt wohl länger hier bleiben werden.“
„Das will ich doch nicht hoffen.“
„Hehe,“ lachte der Handlanger gezwungen, nicht sicher ob es ein Scherz war oder nicht. „Ausserde-de-dem würde ich sie gerne an unseren Tisch einladen, damit wir uns etwas besser kennenlernen. Ich meine, nur wenn sie möchten.“
An jenem Tisch saßen einige weitere Handlanger, die ihrem Freund hektisch zunickten und ihm signalisierten, dass er seine Sache wohl gut machen würde.
„Nein,“ antwortete Shego.
„Oh. Okay.“
Gerade als er völlig enttäuscht zurück an seinen Tisch schlurfen wollte, nahm er nochmal seinen ganzen Mut zusammen, atmete tief ein und fragte mit geschlossenen Augen: „Wie wäre es dann mit Abendessen? Nur wir zwei?“
Das „Publikum“ um ihn herum hielt erschrocken den Atem an.
Shego stellte ihr Tablett ab und drehte sich zum Handlanger neben ihr. Dann öffnete sie ihren Mund ein klein wenig und näherte sich langsam seinem Gesicht.

An einem der hinteren Tische hörte man jemanden aufgeregt flüstern: „Sie küsst ihn, sie küsst ihn, oh mein Gott, sie küsst ihn.“
Ihre Lippen waren nur noch einen guten Zentimeter voneinander entfernt. Das laute Knarren der Stühle um sie herum bedeutete, dass sich alle Anwesenden aufgeregt nach vorne beugten.
Und dann...schlug Shego ihrem Gegenüber mit der flachen Hand auf die Stirn und sagte: „Vergiss es!“ Daraufhin drehte sie sich zu den Anderen, von denen eine Hälfte enttäuscht seufzte, die andere Hälfte aber schadenfroh kicherte, hob ihre Hände und rief: „Okay, um Missverständnisse in Zukunft zu vermeiden, würde ich gerne wissen, wer sonst noch mit mir ausgehen möchte?“ Einige vereinzelte Hände gingen in die Höhe. „Kommt schon,“ sagte Shego in einem sexy Tonfall, „ihr wollt mich doch nicht etwa anlügen?“ Nach und nach hob auch der Rest der Anwesenden ihre Hand. Shego lächelte und deutete nacheinander auf jeden einzelnen von ihnen: „Nein, nein, nein, niemals, oh Gott, nein, nein nein, nicht in einer Million Jahren, nein, nein, träum weiter, du solltest noch nicht mal davon träumen, nein, nein, nein, nein, nein, nein, ich garantiere dir dass das niemals passieren wird, nein, nein, nein, nein, aber du da bist ganz süß.“
Der Süße sprang auf den Tisch und schrie: „Juhuuuuuu! Ihr seid alle miteinander Loser!“
Sofort holte ihn Shego auf den Boden der Tatsachen zurück: „Bist du betrunken? Ich mache nur Spaß. Du kannst doch nicht wirklich glauben, dass jemand wie ich, jemanden wie dich auch nur in irgendeiner Form beachten würde. Und ich werde mich jetzt wieder umdrehen und euch alle ignorieren, während ich mir etwas zu essen aussuche. Und zwar in 3...2...1...die Lasagne sieht aber gut aus.“
„Sie sah nicht nur gut aus, sie war es auch. Ich habe keine Ahnung wie er es geschafft hat, aber das Essen in Drakkens Kantine war immer ausgezeichnet. Als ich wieder zurück in sein Labor ging, war der Doc gerade mit seiner Erfindung fertig.“
„Also, was soll das sein? Eine Strahlenkanone?“
„Wenn man keine Ahnung hat, sollte man die Klappe halten,“ grummelte Drakken.
„Also ist es keine Strahlenkanone?“
„Doch. Ist es.“
„All der Aufwand für eine popelige Strahlenkanone? Dafür hätten sie mich nicht engagieren brauchen. Ich kenne ein paar Geschäfte, in denen man Strahlenkanonen kaufen kann. Auch gebrauchte, für den kleinen Geldbeutel,“ sagte Shego spöttisch.
„Das ist aber keine normale Strahlenkanone! Was sie hier vor sich sehen, ist eine Unberechenbarkeits-Kanone.“
„Schießt die also überall hin, nur nicht da, wo sie hin soll? Das tun einige von den Gebrauchten auch.“
Daraufhin sagte Drakken etwas, das wie “Grmblhmbrglbmhm“ klang, bevor es an der Tür klopfte und ein Handlanger das Labor betrat.
„Sie haben gerufen, Doc?“
„Ganz recht, das habe ich. Siehst du das 'X' da vorne auf dem Boden? Stell dich bitte dahin und bleib dort, während meine, ähm, Geschäftspartnerin und ich uns hinter diese dicke Schutzscheibe begeben.“
„Ist gut.“
Während sich der Handlanger auf das 'X' stellte und sich fragte, ob darunter wohl ein Schatz vergraben sei und ob er spät in der Nacht wiederkommen sollte um ihn bergen, heizte Drakken die Strahlenkanone auf.
„Also,“ fragte Shego, während sie sich desinteressiert die Krallen ihrer Handschuhe feilte, „was macht dieses Ding nochmal?“
„Sehen sie zu und staunen sie. 3...2...1...Zündung!“
Drakken betätigte den Abschussknopf und der Handlanger wurde von einem seltsam anmutenden, dunkelblauen Strahl getroffen. Danach stand er so da, als wäre absolut gar nichts passiert.
„Wow. Beeindruckend. Sie haben mich um mein Geld geprellt, nur um den aufwändigsten Discolaser aller Zeiten zu bauen.“
„Warten sie es ab, sie Ungläubige. Ich habe in seinem Gehirn einen chemischen Prozess in Gang gesetzt, der ihn dazu zwingt irgendetwas völlig unberechenbares zu tun. Es müsste jeden Moment losgehen.“
Wie auf Stichwort hüpfte das Versuchskaninchen plötzlich auf einem Bein auf und ab und zitierte ein Rezept für einen Bananen-Strudel: „250 Gramm Blätterteig, zwei Bananen, 200 Gramm Erdbeeren oder andere Früchte, 250 Gramm Quark, zwei Dotter, zwei Esslöffel Zucker, zwei Esslöffel Grieß und einen Dotter zum bestreichen. Waschen sie die Erdbeeren und teilen sie sie je nach Größe. Schälen sie die Bananen und verrühren sie den Quark mit Dotter, Zucker und Grieß. Erdbeeren unterheben und...“
Drakken sah Shego fröhlich grinsend an und wartete auf ihre Meinung. Diese fiel erwartungsgemäß viel nüchterner aus als von ihm erhofft.
„Sie haben also vor, anderen Menschen Kochrezepte zu klauen und damit ein böses Restaurant zu eröffnen? Lassen sie mich raten, mein Geld werde ich von ihnen nie bekommen.“
„Nein und nein. Es wundert mich aber nicht, dass sie es nicht verstehen. Sie arbeiten mehr mit den Händen, als mit dem Kopf. Nur weil eine Person anfängt Kochrezepte aufzuzählen, bedeutet das nicht, dass die nächste es ebenfalls tut. Jeder von dem Strahl getroffen wird, verhält sich völlig unberechenbar. Damit kann ich die ganze Welt ins Chaos stürzen! Es sei denn, man übergibt mir die Weltherrschaft. Wer soll mich aufhalten? Niemand! Wer es versucht, verbringt vielleicht den Rest der Woche damit Skulpturen aus seinem Ohrenschmalz zu bauen oder auf seinen Händen rund um die Welt zu laufen!“
Shego versuchte den immer irrer lachenden Doktor zu ignorieren und beobachtete dessen Versuchskaninchen. Mittlerweile war der Handlanger dazu übergegangen Shakespeares „Hamlet“ auswendig mit einem Kugelschreiber auf die Wände zu schreiben.
„Ich gebe es nur ungern zu,“ sagte sie, „ aber aus ihrem Plan könnte etwas werden. Ich meine, das ist ein unglaublich hirnrissiger Plan, aber das Resultat ihres Strahls spricht für sich. Sie sind auf dem richtigen Weg und...“
„Oh oh,“ unterbrach sie Drakken.
„Oh oh?“
„Oh oh.“
„Wieso und wie schlimm?“
Der Doktor fing an, diverse Knöpfen zu drücken und Hebel zu ziehen.
„Kein Grund zur Beunruhigung. Es gibt nur eine kleine Fehlfunktion. Es sieht so aus als ob der Flux Transmooker nicht richtig herunter fährt und immer mehr Energie abgibt. Wenn ich es nicht rechtzeitig stoppe, könnte es durchaus passieren, dass die Kanone überlädt und explodiert.“
„Oh oh.“
„Keine Angst, wir haben noch Zeit. Ich kann es rechtzeitig stoppen. Es gibt keinen Grund zur,--“
„Noch bevor er diesen Satz beenden konnte, gab es einen ohrenbetäubenden Knall und alles war in ein dunkelblaues Licht getaucht. Was dann folgte, war für mich eine erneute Gedächtnislücke. Ganze vier Tage fehlen mir in diesem Fall. Ich kam in einer U-Bahn wieder zu mir. Ich war wie eine Sektretärin angezogen und hielt ein merkwürdiges Blatt Papier in meiner Hand. Als ich las was darauf stand, traf mich fast der Schlag. Sofort machte ich mich wieder auf zu Drakkens Versteck.“
Als Shego mit einem weiteren, geklauten Hubschrauber Drakkens Insel anflog, sah diese etwas anders aus, als sie es in Erinnerung hatte. Der normalerweise im grauesten Grau gehaltene Turm, der das Versteck des Doktors war, erstrahlte in den schillerndsten Farben. Als sie auf dem knallroten Dach landete, bemerkte sie dass die Farbenpracht von einer riesigen Vielfalt der buntesten Blumen herrührte. Selbst der Fahrstuhl zum Labor war mit Kunstrasen ausgelegt.
„Draaaaaaaaakeeeeeeeeeen!!!!“ rief Shego, kaum dass sich die Fahrstuhltüren geöffnet hatten.
Sofort kam er auch schon um die Ecke und sagte zumindest teilweise ehrlich: „Zum Glück sind sie wieder hier. Ich war schon in Sorge, dass ihnen etwas schlimmes passiert ist.“
„Mir ist tatsächlich etwas schlimmes passiert. So wie es aussieht, hat ihr dummer Strahl dafür gesorgt, dass ich in nur vier Tagen meinen Abschluss in Kindererziehung machte!“
Während sie mit einer Hand Drakken am Kragen packte, hielt Shego ihm mit der anderen Hand das Blatt Papier, welches sich als ihr Abschlussdiplom entpuppte, unter die Nase.
„Kindererziehung?“
„Und das Schlimmste ist, dass ich mich noch an alles, was ich gelernt habe erinnere.“
„Naja, man weiß nie wozu es gut ist.“
„Ach.“
Sie stieß Drakken von sich weg und riss das Diplom in zwei Hälften.
„Immerhin wissen sie, was sie in den letzten Tagen getan haben. Ich kann mich nur an Blumen erinnern.“
„Waren sie, seit sie wieder zu sich gekommen sind, schonmal draussen vor der Tür?“
„Nein, sollte ich?“
„Nö, es ist alles in Ordnung,“ antwortete Shego mit einem schiefen Lächeln und vergaß sogar, dass sie eigentlich sauer auf Drakken war. „Also, wie geht es mit ihrem Plan voran? Der Strahl funktioniert ja, wie zweifelsfrei bewiesen wurde. Wir sollten klein anfangen. Richten wir den Strahl zuerst aufs weiße Haus.“
„Ach ja, der Plan.“ Drakken ging vorsichtig ein paar Schritte zurück und versuchte mit einer Hand irgendetwas zu finden, auf das er sich setzen konnte. „Da gibt es ein kleines Problem. Der Flux Transmooker ist durchgebrannt und hat dabei die Strahlenkanone zu einem unförmigen Klumpen eingeschmolzen.“
„Und?“
Drakken hatte endlich einen Stuhl gefunden und setzte sich hin.
„Was meinen sie?“ fragte er.
„Wo liegt das Problem? Bauen sie einfach noch so ein Ding.“
Der Doktor seufzte und senkte seinen Kopf.
„Dazu bräuchte ich noch einen Flux Transmooker.“
„Dann besorge ich ihnen noch einen. Natürlich nicht umsonst.“
„Es gab nur den einen Prototypen und ich bezweifle ernsthaft, dass es jemals wieder einen geben wird.“
„Was machte er eigentlich? Wozu war er gut?“
„Ist doch jetzt egal. Aber selbst wenn es noch irgendwo einen Zweiten geben würde, würde es nichts bringen. Es hat mich Monate gekostet um diesen Prototyp der Unberechenbarkeits-Kanone zu bauen. Ich glaube nicht, dass ich noch eine bauen möchte.“
„Also geben sie auf?“
„Was diesen Plan angeht, ja.“ Langsam hob Drakken wieder seinen Kopf und grinste so breit, wie nur es es konnte. „Aber ich habe noch viel mehr zu bieten. Warten sie es ab.“