Kapitel 24

Eingewöhnung (Dr. D. und ich, Teil 3)

„Drakken rannte zu einem unglaublich hohen Papierstapel. Der muss so ungefähr 4 Meter hoch gewesen sein. Ich habe keine Ahnung warum irgendjemand auf die Idee kommen sollte, seinen Papierkram so hoch zu stapeln. Oder wie ein derart gefährlich schwankender Turm es fertig bringt, einfach nicht umzufallen.“

Der Doktor fuhr mit dem Finger, suchend den Papierturm entlang. Schließlich zog er blitzschnell einen Ordner heraus. Der Turm schwankte und schwankte, weigerte sich aber umzufallen.

„Ein paar Monate später passierte dann aber doch das erwartete Unglück. Als der Turm umstürzte, begrub er zwei Handlanger unter sich. Das war der Moment, in dem sich Drakken schließlich gezwungen sah, einen Aktenschrank zu kaufen. Aber ich schweife ab.“

„Da, da ist es,“ sagte Drakken und klopfte immer wieder mit dem Zeigefinger auf den Ordner.
„Was ist es?“
„Mein nächster Schachzug im Spiel um die Weltherrschaft. Und diesmal wird mich niemand aufhalten!“
„Es sei denn, es gibt wieder einen Kurzschluss.“
„Bitte was?“
„Hab nichts gesagt.“
„Gut.“
„Nur, dass es vielleicht wieder einen Kurzschluss gibt und sie dann immer noch nicht die Weltherrschaft haben.“
„Sie können auch nur spotten. Wie wäre es, wenn sie mal etwas produktives tun?“
„Wie den Flux Transmooker stehlen, ihn ihnen überlassen obwohl sie mich noch nicht dafür bezahlt haben und durch ihre Schuld zu einer diplomierten Kindererzieherin werden, ohne ihnen danach die Tracht Prügel zu verabreichen, die sie eigentlich verdienen?“
Drakken senkte seine Mundwinkel und kniff die Augen zusammen.

„Ich glaube, er wollte bedrohlich aussehen.“

„Nun gut,“ sagte er. „Wir müssen nach Österreich. Dort gibt es ein Labor, in dem ein Durchbruch bei der Erzeugung künstlicher Intelligenz erlangt wurde. Ich werde die Pläne für ihre Computerchips stehlen, sie für das Böse umprogrammieren und schließlich in tausende von Haushaltsgeräten einsetzen. Fernseher, Kühlschränke, Rasierapparate! Und ich bin der Einzige, der sie kontrollieren kann!“
Während Drakken anfing wie eine fröhliche Ballerina durch sein Labor zu springen, brachte Shego nur noch ein genervtes Stöhnen hervor. Dieses versauerte dem Doktor dann doch die Laune.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
„Böse Kühlschränke? Ihre Strahlenkanone war ja noch irgendwie akzeptabel, aber bei diesem Plan fallen mir aus dem Stand ungefähr zwei Dutzend Gründe ein, warum er nicht funktionieren wird. Haben sie zum Beispiel schon darüber nachgedacht wie lange es dauert, bis eine gewisse Anzahl Haushalte ihre manipulierten Geräte besitzt? Oder haben sie vor, Nachts bei den Leuten einzubrechen und ihre Rasierer zu manipulieren?“
„Ich weiss schon, wie ich das mache. Erstmal müssen wir aber nach Österreich. Ich gehe davon aus, dass sie mir auch dorthin folgen werden.“
„Ich lasse sie doch nicht seelenruhig in ein anderes Land verschwinden.“
„Gut, dass wir darüber geredet haben,“ sagte Drakken zähneknirschend. „Nächste Woche geht es los.“
„Nächste Woche? Warum nicht sofort?“
Doktor Drakken ging zu einem Hebel, der aus der Wand hinter ihm herausragte.
„Weil ich erst meine neueste Erfindung fertig stellen muss.“
Er zog an dem Hebel und eine Schiebetür öffnete sich langsam im Boden. Genau so langsam fuhr eine Hebebühne aus dem neu entstandenen Loch hinauf.
„Was ist das denn nun wieder?“ fragte Shego und betrachtete den Haufen Metall, der auf der Hebebühne lag, von allen Seiten.
„Ein Fluggerät. Um weite Strecken zu überwinden.“
„Sie meinen so etwas wie der Hubschrauber, der oben auf den Dach steht?“
„Vielleicht ist mein Gleiter besser als ein Hubschrauber? Vielleicht ist er schneller und effizienter im Energieverbrauch, ist einzigartig und...wie sagt man...cooler als ein Hubschrauber?“
„Vielleicht aber auch nicht,“ gähnte Shego.
„Vielleicht aber doch.“
„Oder auch nicht.“
Schon deutlich gereizter wiederholte Drakken seine Worte: „Vielleicht aber doch.“
Shego hingegen lächelte nur und sagte: „Oder auch nicht.“
„Oh doch! Doch! Doch! Doch! Doch!“
„Mal sehen.“
„Gaah!“
Vor Wut schäumend stampfte Drakken zur Hebebühne um den Gleiter fertigzustellen und es Shego auf diese Weise so richtig zu zeigen. Ihr war es aber ziemlich egal.
Auf der Suche nach etwas unterhaltsameren als einem blauhäutigen Mann beim arbeiten zuzusehen, streifte sie durch die Werkstatt des Doktors.
„Hey, Dr. D!“
„Was wollen sie denn jetzt von mir!? Ich bin beschäftigt!“
„Was hat es mit diesem übergroßen Scheinwerfer auf sich?“
Drakken warf einen kurzen Blick auf den übergroßen Scheinwerfer, auf den Shego zeigte. So als wollte er sich vergewissern, dass es es plötzlich noch einen zweiten, übergroßen Scheinwerfer im Raum gab.
„Der funktioniert nicht. Sollte eine UV-Strahlenkanone werden, aber etwas lief schief und jetzt funktioniert er nur noch als Bräunungslampe.“
„Sie meinen bräunen, wie in einem Solarium?“
„Ja. Genau so. Nicht mehr, nicht weniger. Völlig nutzlos.“
„Sagen sie das nicht.“
„Widersprechen sie mir nicht immer!“
„Dann hören sie auf, immer Unrecht zu haben.“

„Ungefähr eine halbe Stunde später hatte ich Drakkens vermeintlich defekter Superwaffe einer neuen Bestimmung zugefügt.“

„Wa-wa-wa...was...sie...was...mü...müssen sie...was glauben sie, wo sie hier sind?“
„Macht mein Badeanzug sie nervös?“
Der Doktor rollte missmutig mit den Augen.
„Werden sie erwachsen. Ich bin es nämlich und werde nicht gleich jedes mal, wenn eine schöne Frau im Badeanzug in meiner Nähe ist, von meiner Arbeit abgelenkt. Ich rede von dem grellen Licht!“
Wie zu erwarten war, benutzte Shego die UV-Strahlenkanone für die einzige Sache, für die man sie benutzen konnte. Sie lag auf einem Liegestuhl darunter und bräunte sich.

„Natürlich wurde meine Haut wegen ihrer eigentlichen Farbe nicht wirklich braun, aber sie sah gesünder aus.“

„Warum müssen sie sich unbedingt hier und jetzt bräunen?“
„Jetzt, weil meine letzte Dosis Sonne schon einige Zeit her ist und ich, wie ich zugeben muss, gerade nichts besseres zu tun habe. Und hier, weil dieses Ding unglaublich schwer ist und ich es nicht in mein Zimmer bringen kann.“
„Was muss ich tun, damit sie mich einfach in Ruhe arbeiten lassen?“
Shego sah Drakken über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an und seufzte: „Bezahlen sie mich! Dann bin ich weg.“
Darauf wollte Drakken nicht antworten und widmete sich stumm wieder seinem Fluggerät. Irgendetwas ließ ihm aber keine Ruhe. Dann fiel ihm ein, was es war.
„Woher haben sie eigentlich den Badeanzug?“
„Der ist maßgeschneidert. Wieso? Wollen sie auch einen?“
„Ich will nicht wissen wo sie ihn gekauft haben. Ich kann mich nur nicht daran erinnern, dass sie hier mit Gepäck aufgekreuzt sind!“
Ungläubig setzte sich Shego aufrecht hin und nahm die Sonnenbrille ab.
„Glauben sie, dass ich hier jeden Tag immer und wieder sitze, ohne meine Kleidung zu wechseln? Ich habe mir natürlich einige Dinge nachschicken lassen.“
„Ja, das ergibt Sinn. Aber sie haben auch den Badeanzug angefordert, weil...“
Sie setzte ihre Sonnenbrille wieder auf und legte sich entspannt hin.
„Ich bin halt gerne vorbereitet.“
„Auf Urlaub?“
„Man weiss nie, ob nicht irgendjemand ein Solarium in der Ecke stehen hat.“
„Schön, dass sie ihren Job ernst nehmen.“
„Job? Ich arbeite nicht für sie.“
„Sie wissen schon was ich meine.“
„Nein, aber es ist mir egal.“
Einige Minuten des stummen bräunens und arbeitens vergingen, bevor Drakken noch etwas einfiel.
„Lassen sie sich auch ihre Post hier hin schicken?“
Wie auf Stichwort öffnete sich die Tür und ein Handlanger kam herein.
„Hat hier jemand 'Post' gesagt?“ Der Handlanger überreichte dem Doktor einen kleinen Stapel Briefumschläge. „Das hier sieht nach vielen, vielen Rechnungen aus.“
Drakken riss ihm den Stapel aus der Hand und schrie ihm ins Gesicht: „Was geht dich das an!?“
Mit einem Ansatz von Tränen in den Augen ging der Handlanger zu Shego und blieb vor ihr stehen.
„Noch nie eine Frau im Badeanzug gesehen?“ fragte sie. „Wenn du noch länger in die selbe Richtung schaust, wird dir etwas unschönes passieren.“
„Äh...das ist für sie,“ sagte der Handlanger, übergab Shego einen großen Briefumschlag und rannte davon.
„Oh nein, sie lassen sich tatsächlich ihre Post hier hin schicken.“
Den Doktor ignorierend öffnete sie den Umschlag und holte die neueste Ausgabe des „Villain“-Magazins heraus.
Drakken schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Ist das eine Zeitschrift? Das ist ja noch viel schlimmer! Sie lassen ihre abonnierten Zeitschriften hier hin kommen?“
„Sie können sie gerne haben, wenn ich fertig bin. Aber bitte nicht die Seiten knicken.“
„Darum geht es mir gar nicht. Sie fühlen sich hier langsam viel zu wohl. Was kommt als nächstes? Stellen sie die Möbel um?“
„Naja, ich habe kürzlich ein paar ganz schnuckelige Vorhänge mit Blümchenmuster gesehen. Die würden sich hier gut machen.“
„Schnuckelige Vorhänge!?!“
„Mit Blümchenmuster.“
„Was zum...“
„Ich scherze nur, ganz ruhig.“

„Aber irgendwie hatte er recht. Bis zu dem Zeitpunkt war es mir noch nicht aufgefallen, aber ich schien mich wirklich irgendwie wohl zu fühlen. Warum? Keine Ahnung. Ich war mal wieder umgeben von Idioten, war eine Kindererzieherin und ich hatte nichts zu tun. Vielleicht war es gerade das. Die Trottel um mich herum weckten Erinnerungen an meine Familie, was wohl ein winzig kleiner Teil meines Gehirns gut fand. Und irgendwie fand ich Drakken sympathisch. Naja, wie man...einen kleinen, ungewaschenen, ständig kläffenden Hund, der einem ständig den letzten Nerv raubt, sympathisch findet. Und ich fühlte mich auch sicher. So wie es aussah, war ich die kompetenteste Person des Haufens und hatte zudem keinerlei Verpflichtungen und musste nicht darauf achten, der Polizei aus dem Weg zu gehen. Gut, das alles könnte ich auch anderswo haben können. Abgesehen von der Gesellschaft. Ich weiss nicht, was mir so gut gefiel. Manchmal mag man etwas einfach. Dann trafen wir Dementor. Aber das erzähle ich euch morgen. Macht, das ihr hier raus kommt.“