Kapitel 25

Begegnung mit Dementor (Dr. D. und ich, Teil 4)

Mit den Worten: „Guten Morgen. Na, seid ihr auch schön ausgeruht?“ begrüßte Shego Julian und Washington.
Natürlich war diese Frage alles andere als ernst gemeint. An den dunklen Ringen unter ihren Augen war deutlich zu erkennen, dass auch diese Nacht in der verrotteten Abstellkammer, die Shego ihnen als Zimmer untergejubelt hatte, nicht wirklich erholsam war.
Dies war auch der Grund, warum weder Julian noch Washington auf die Frage antwortete und sich beide sofort wieder an die Arbeit machten.
„Also, wo waren wir stehengeblieben?“ fragte Julian. „Ich glaube, sie erwähnten Dementor.“
„Ja, das tat ich.“
„Er war ein Langzeitrivale von Dr. Drakken, wenn ich mich nicht irre.“
„Vermutlich war er nach Kim Possible Drakkens größter Feind. Aber die Feindschaft mit Dementor war natürlich eine andere. Irgendwie...kindischer.“

„So Shego, endlich ist mein Gleiter fertig,“ sagte Drakken stolz.
Shego war in diesem Moment mal wieder viel mehr daran interessiert, ihrer Haut eine gleichmäßige Bräune zu verpassen, als an Drakkens Erfindung.
„Leider sind mir die Klebesternchen gerade ausgegangen, aber ich bin mir sicher dass ihre Mutter stolz auf sie ist.“
„Ja, das ist sie. Und mir war klar, dass sie gerade nur sarkastisch waren. Das ändert aber nichts an den Gefühlen meiner Mutter.“
„Sie wirken gerade nicht wirklich wie ein böser Wissenschaftler. Aber das tun sie ohnehin nie.“
„Machen sie sich nur lustig. Das stört mich überhaupt nicht.“

„Wenn es ihn wirklich nicht gestört hätte, hätte ich mich all die Jahre auch nicht über ihn lustig gemacht. Wie dem auch sei, zusammen mit einigen Handlangern flogen wir nach Österreich, damit Drakken endlich seinen Chip stehlen konnte. Die etwas mehr als 3.000 Seemeilen, in denen nichts weiter als Wasser unter uns war und die wir zusammen mit drei seiner Handlanger in einem ungeprüften Fluggerät verbrachten, vergingen ereignisloser als erwartet. Aber ich muss zugeben, dass Drakkens Flug-Gleiter seine beste Erfindung war. Wenn wir nicht gerade abgeschossen wurden oder der Doc einen falschen Knopf gedrückt oder uns in einen Baum geflogen hatte, funktionierte er über Jahre hinweg einwandfrei.“

„Wow, wir sind tatsächlich nicht tot. Ich war mir ziemlich sicher dass ihre Erfindung irgendwann den Geist aufgibt und wir qualvoll ertrinken.“
„Das wird sie hoffentlich lehren, mehr Vertrauen in mich und meine Geräte zu haben.“
„Nein, wohl eher nicht.“
Dr. Drakken ignorierte diese Bemerkung und drehte sich zu seinen Handlangern.
„Da ist es,“ sagte er und deutete auf ein unscheinbares Fachwerkhaus, das sich auf einer Waldlichtung in ihrer Nähe befand.
Einer der Handlanger sagte unsicher: „Das sieht nicht aus wie ein Geheimlabor, Boss.“
„Natürlich nicht. Es ist ja geheim. Hier ist der Lageplan,“ er gab ihnen ein zusammengerolltes Blatt Papier, „darauf ist alles, was ihr wissen müsst. Macht mich stolz!“
„Das werden wir!“

„Daraufhin fingen die Handlanger an, ganz merkwürdige Bewegungen zu machen.“

Drakken sah ihnen eine gute, halbe Minute lang sprachlos zu, bis er sie endlich fragte: „Was soll das werden?“
„Wir wärmen uns auf,“ sagte ein so großer, wie dürrer Handlanger. „Sie wollen doch sicher nicht, dass wir uns eine Bänderdehnung oder so holen.“
„Äh, nein, natürlich nicht. Das würde wohl Ärger mit der Gewerkschaft geben.“
„Wir sind aber in keiner Gewerkschaft.“
„Ach so, dann MACHT EUCH GEFÄLLIGST AUF DEN WEG!“
Von der Schrei-attacke des Doktors zu Tode erschrocken, rannten die Drei hastig los.
„Meinen sie, die schaffen das?“ fragte Shego.
„Natürlich. Glauben sie, ich würde mich mit kompletten Idioten umgeben?“
„Sie sind nur zu dritt.“
„Das Labor ist nur schwach bewacht.“
„Der Erste von ihnen ist gerade gestolpert. Und die anderen Zwei sind über den ersten gestolpert.“
Der Doktor seufzte: „Das kann jedem mal passieren.“
„Wenn sie es sagen.“
Als die Handlanger endlich im Fachwerkhaus verschwunden waren, standen Shego und Drakken einige Zeit gelangweilt in der Gegend herum.
„Haben sie Hunger?“ fragte Dr. Drakken. „Ich habe einen Picknickkorb im Kofferraum.“
„Ich sterbe vor Hunger. Warum haben sie den nicht schon früher herausgerückt?“
„Weil meine Handlanger mit Verlaub ziemlich verfressen sind. Käsebrot?“
„Aber gern.“

„Wir wollten gerade in unsere Käsebrote beissen, als Drakkens unfähige Handlanger wieder zurück kamen. Und sie hatten ein paar weitere Männer im Schlepptau.“

„Na toll, ich hab doch gesagt dass sie es vergeigen,“ seufzte Shego und biss schnell ein paar mal ins Käsebrot.
„Abwarten. Vielleicht haben sie wertvolle Geiseln genommen.“
„Ich glaube eher (kau) sie sind die Geiseln. Wer ist dieser komische, gelbe Zwerg?“
„Eine gute Frage.“
„Einen guten Tag wünsche ich ihnen,“ sagte der „gelbe Zwerg“, der von drei Muskelmännern in Uniform begleitet wurde. „Sie müssen der Arbeitgeber dieser Witzfiguren sein.“
Drakken fing an, vor Wut regelrecht zu kochen. „Könnt ihr denn überhaupt nichts richtig machen?“ zischte er durch seine Zähne. „Und wer sind sie eigentlich?“
Der Mann hob seine Arme, ballte seine Fäuste, verharrte in dieser kraftvollen Pose und sagte so laut, dass man es fast schon als schreien bezeichnen konnte: „Ich bin Professor Dementor!“
„Das sagt mir überhaupt nichts,“ seufzte Drakken unbeeindruckt. „Ich bin Dr. Drakken und was bitte sehr wollen sie hier?“
Dementor setzte ein schiefes Grinsen auf.
„Nun, meine Handlanger und ich waren in diesem Geheimlabor. Sie wissen sicher welches ich meine.“ Er zog eine CD aus der Tasche und wedelte damit vor Drakkens Nase herum. „Wir haben gerade die Pläne für diesen neuartigen Computerchip gestohlen und waren schon fast wieder zur Tür raus, als plötzlich ihre drei Hampelmänner den Raum betraten. Wir haben sie dann eine Weile dabei beobachtet, wie sie versuchten ihren Job zu erledigen, doch als unser Gelächter zu laut wurde, haben sie uns entdeckt und versucht uns anzugreifen. Na ja, nicht alle. Zwei sind einfach weg gerannt. Der Dritte hat uns erst mit Papierkugeln beworfen, bevor er ihnen folgte. Wie dem auch sein, sie sind nicht weit gekommen und auch wenn ich mich normalerweise nur mit ernsthafter Konkurrenz beschäftige, mache ich diesmal eine Ausnahme. Und ja, sie wirken auf mich genau so jämmerlich wie ihre Handlanger, also keine große Überraschung auf dieser Seite. Allerdings...“ Sein Blick fiel auf Shego, die während Drakken von ihm gedemütigt wurde, einfach weiter ihr Käsebrot aß. „Sie kommen mir bekannt vor. Sind sie nicht diese Shego, von der man soviel hört?“
Shego tupfte sich ihren Mund mit einer Serviette ab und antwortete nur: „Und was geht sie das an?“.
„Ich bin überrascht sie hier zu sehen, zusammen mit diesem...Dilettanten.“
Sie knüllte die Serviette zusammen und warf sie Dementor an den Kopf.
„Ich wiederhole: Was geht sie das an?“
„Wie schafft es jemand wie er,“ er zeigte dabei auf Drakken, dessen Hautfarbe langsam von blau zu rot wechselte, „jemanden wie sie zu beschäftigen?“
„Ich arbeite nicht für ihn.“
Plötzlich riss Dementor seine Augen weit auf und keuchte: „Sind sie zwei etwa ein Paar?“
„Was!? Nein! Igitt! Wenn sie so etwas nochmal behaupten, hagelt es Schmerzen für sie!“
„Was meint sie mit igitt?“ flüsterte Dr. Drakken leise vor sich hin.
Professor Dementor räusperte sich und hob verführerisch eine Augenbraue.
„Wie wäre es dann...wenn ich sie zu einem romantischem Abendessen einlade?“
Shego seufzte. Dann packte sie Dementor mit beiden Händen und hob ihn auf Augenhöhe.
„Das wird niemals im Leben passieren. Glauben sie mir,“ sagte sie ihm ins Gesicht.
„Und wenn sie einfach nur für mich arbeiten?“
Anstatt zu antworten, rollte sie nur mit den Augen, ließ Dementor fallen und sprang in Drakkens Fluggleiter.
„Hey, Dr. D., lassen sie uns verschwinden.“
Drakkens Handlanger sprangen unverzüglich auf den Rücksitz.
„Nicht ohne die Pläne für den Chip!“ rief Doktor Drakken.
„Geht schon in Ordnung, ich hab sie ihm vorhin geklaut!“
Als Drakken sah, wie Shego die CD in der Hand hielt und Dementor plötzlich in Panik all seine Taschen durchsuchte, sprang er so schnell er konnte in den Gleiter und düste mit Vollgas davon.
Als Dementors wütende Schreie nicht mehr hörbar waren, lächelte der Doktor Shego an und sagte leise: „Vielen Dank.“
„Nichts zu danken.“
„Doch, vielen Dank!“
„Nein, ich meine, dass ich es nicht für sie getan habe. Ich wollte diesem Giftzwerg nur eine Lektion erteilen. Gegen den sind sie die reinste Wohltat.“
Drakken richtete seinen Blick wieder geradeaus.
„Muss ich dafür extra bezahlen?“
„Nein, das geht aufs Haus.“

„Wir flogen wieder zurück in sein Versteck. Als wir gelandet waren machte ich mich sofort auf den Weg in mein Zimmer. Ich brauchte eine Dusche und eine Mütze voll Schlaf. Ich hörte noch, wie Drakken einige seiner Handlanger zusammenrief um ihnen einen Spezialauftrag zu erteilen. Mir war es ziemlich egal, was er von ihnen wollte. Bis ich am nächsten Morgen erfuhr, worin der Auftrag bestand.“

Nach dem Frühstück betrat Shego Drakkens Arbeitszimmer. Er saß hinter seinem Schreibtisch, die Hände darauf zusammengefaltet und scheinbar sehr froh darüber, dass sie endlich auftauchte.
„Guten Morgen! Ich hoffe sie haben gut geschlafen.“

„Das hatte er mich zuvor noch nie gefragt.“

„Äh, ja.“
„Und das Frühstück? Hat es geschmeckt?“

„Noch etwas, was er eigentlich nie wissen wollte. Normalerweise sagte er bis dahin nur 'Hm' wenn er mich morgens zum ersten Mal sah.“

„Doch, das Frühstück war gut. Was ist los mit ihnen?“
„Ich habe etwas für sie. Bitte, setzen sie sich.“
„Nein danke, ich stehe lieber.“
„Wenn sie meinen? Das ist für sie.“
Er hob einen Aktenkoffer hoch, der neben seinem Stuhl stand, legte ihn auf den Schreibtisch und öffnete ihn. Er war bis an den Rand mit Geldscheinen gefüllt.
„Ist das meins?“ fragte Shego.
„Plus Zinsen.“
„Wie haben sie plötzlich...“
„Ich habe meinen Handlangern befohlen, ein paar Banktresore auszuräumen. Normalerweise ist so etwas unter meiner Würde und ich habe auch nicht damit gerechnet, dass diese Idioten alles so reibungslos hinbekommen, aber hier ist ihr Geld.“
„Ich zähle erstmal nach.“ Shego setzte sich auf einen Stuhl und fing an, die einzelnen Geldbündel durchzublättern. „Sie können es wohl nicht länger mit mir aushalten, oder?“
„Im Gegenteil. Ich möchte, dass sie hier bleiben!“
Shego hielt inne und blickte mit einem Auge über den Rand des geöffneten Kofferdeckels.
„Wie meinen sie das?“
„Ich möchte, dass sie dauerhaft für mich arbeiten.“
„Ich arbeite für niemanden.“
Drakken griff Shegos Hand, versuchte aber, ihr nicht direkt in die Augen zu sehen.
„Mir ist gestern eines klar geworden.“

„Ich hatte schon Angst, er würde mir einen Heiratsantrag machen.“

Er fuhr fort: „Jemanden wie sie bei mir zu haben, wäre ein großer Vorteil. Sie haben ja gesehen, mit welchen Trantüten ich mich abgeben muss. Doch zusammen mit ihnen wäre ich unschlagbar! Und dieser Dementor würde grün vor Neid werden.“
„Nein.“
„Bitte.“
„Nein!“
„Bitte!“
„Nein! Und lassen sie meine Hand los!“
„Arbeiten sie dann für mich?“
„Nein.“
„Zwingen sie mich nicht etwas zu tun, was ich später bereuen werde!“
„Doch, werde ich. Das würde ich zu gerne sehen.“
Drakken atmete tief ein, stand von seinem Stuhl auf und ging auf die andere Seite vom Schreibtisch. Dort stellte er sich vor Shego hin, tat erneut einen tiefen Atemzug – und fiel auf seine Knie.
„Bitte,“ jammerte er. „Arbeiten sie für mich. Ich gebe ihnen einen Exklusiv-Vertrag. Sie dürfen ihn sogar selber aufsetzen!“

„Ich zögerte für einen Moment. Dann drehte ich mich um und verließ Drakkens Versteck.“

Am nächsten Tag arbeitete Drakken in seiner Werkstatt daran, die Computerchips nach seinen Plänen abzuändern. Völlig in seine Arbeit versunken bemerkte er nicht, dass sich ihm jemand von hinten näherte.
„Keine Klone,“ sagte eine bekannte Stimme hinter ihm.
Drakken drehte sich um. Als er Shego unerwartet hinter sich stehen sah, wollte er erst einen lauten Jubelschrei von sich geben, doch in letzter Sekunde konnte er sich beherrschen.
„Was sagten sie?“ fragte er mit der Ruhe eines Menschen, der wie ein kleines Kind auf und ab springen wollte, aber wusste dass sein Gegenüber ihn nie wieder ernst nehmen würde, wenn er das täte.
„Keine Klone. Erste Bedingung meines Vertrags. Sie werden mich unter keinen Umständen klonen oder DNS-Proben von mir nehmen um sie für was auch immer zu verwenden.“
„Nicht mal ein kleines Haar?“
„Sie bekommen nicht mal meine abgeschnittenen Fußnägel.“
„Och nö.“
„Doch nö.“
„Was verlangen sie noch?“
„Kommen sie, setzen wir uns. Ich habe eine lange, lange Liste von Bedingungen.“

„Es war für mich wieder an der Zeit, etwas neues zu probieren. Diesmal konnte ich in einer Art kontrolliertem Umfeld arbeiten. Und dass ich einen Vertrag nach meinen Bedingungen erstellen konnte, war einfach zu verlockend. Oh, und natürlich...war er mir schon irgendwie sympathisch. Er ist vor mir auf die Knie gefallen und hat mich angefleht! Das ist nicht sehr oft vorgekommen! Er konnte mir nicht viel bezahlen, aber Geld hatte ich mittlerweile genug und er ließ mir so ziemlich jede meiner Forderungen zähneknirschend durchgehen. Ich hatte zum Beispiel unbegrenzte Urlaubstage! Und ich meine, was konnte schon passieren? Wenn es mir doch nicht gefallen hätte, wäre ich einfach gegangen. Was hätte er schon tun sollen? Mich wegen Vertragsbruch vor Gericht stellen? Na ja, es war eine schöne Zeit mit Drakken. Nicht immer ohne Probleme, genauer gesagt war die meiste Zeit sogar ziemlich problematisch, aber trotzdem vermisse ich die Zeit irgendwie.“