Kapitel 26

Kim, Ausserirdische und die Gefühle, die sie verursachen (Dr. D. und ich, Teil 5)

„Es ist sicher keine Überraschung für irgendwen, dass Drakkens Plan mit den Computerchips grandios scheiterte. Ich weiß nicht woran es lag. Eines Morgens kam ich in sein Labor und er zischte mir wütend zu, dass der Plan nicht mehr seinen hohen Ansprüchen genügen würde. Ich sollte mir aber keine Sorgen machen, denn er hätte schon einen neuen Plan. Und ja, den hatte er. Er hatte immer einen neuen Plan. Was ich sehr an Drakken schätzte, war sein unerschütterlicher Optimismus. Wenn alles schiefging war er zwar immer der Erste, der weinend ins Rettungsboot sprang, aber er ließ sich nie durch irgendetwas entmutigen. Schon während seiner Flucht oder noch im Polizeiauto arbeitete er an seinem neuen Plan. Ja, diese Pläne waren nicht immer das, was ich oder irgendeine andere, intelligente Person als schlau oder gut durchdacht bezeichnen würde, aber ein kleiner Funken Genialität steckte schon in den meisten von ihnen. Leider stand er sich Anfangs immer wieder selber im Weg. Er musste seine Pläne zur Welteroberung oft schon in der Vorbereitungsphase abbrechen. Nun, er war jung und ungestüm. Okay, so jung auch nicht mehr, aber er war noch ziemlich unerfahren in der Welteroberer-Branche. Er wollte immer alles sofort. Da blieb seiner Meinung nach natürlich keine Zeit für Testläufe oder so etwas ähnliches. Während er ein zweites Mal nachgemessen hätte, könnte ja jemand anderes die Welt übernehmen. Das wollte er natürlich nicht riskieren. Und auch wenn er seine Überheblichkeit niemals wirklich in den Griff bekam, war er durchaus lernfähig. Bald schon machte er nicht mehr die selben Fehler, sondern immer wieder neue. Und ich weiss nicht, ob ihr auch nur eine Ahnung habt, wie sehr mir das auf die Nerven ging. Eines Tages stand ich wirklich kurz davor, Drakken für immer zu verlassen. Mir wurde klar, dass ich mich schon wieder im Kreis drehte. Ich hatte meine Familie aus ziemlich ähnlichen Gründen verlassen, wenn ihr euch erinnert. Während ich also schon anfing Reisekataloge durchzublättern und mir überlegte, was ich wohl als nächstes tun würde, hatte Dr. D. schon wieder einen neuen Plan. Irgendein Forscher hatte eine Nano-Zecke erfunden. Das ist ein kleiner Roboter in der Größe einer Zecke und der Doktor wollte Sprengstoff daran befestigen. Netter Plan. Hätte wohl nicht unbedingt zur Weltherrschaft geführt, für einige Erpressungen im großen Stil war er aber durchaus zu gebrauchen. Und er war simpel. So simpel, dass eigentlich nichts schiefgehen sollte, vorausgesetzt Drakken würde sich nicht versehentlich selber in die Luft sprengen. Doch dann ist etwas passiert. Oder besser jemand.“
„Kim Possible,“ sagte Julian.
„Kim Possible,“ wiederholte Shego und trank einen Schluck Wasser. „Sie brachte eine gewisse...nennen wir es 'Würze' ins Spiel. Plötzlich hatte ich wieder einen interessanten Gegner. Jemanden, der mir ebenbürtig war.“
„Nicht wenige behaupten, dass sie sogar besser war als sie.“
Auf diese Bemerkung hin traf ein gezielter Schuss aus Shegos Zeigefinger, auf ein Bein des Stuhls, auf dem Julian gerade saß.
„Blödsinn,“ sagte sie noch bevor Julians Hintern auf schmerzhafte Weise mit dem Fußboden in Berührung kam. „Wir waren in etwa gleich gut. Mal habe ich gewonnen, mal sie. Ich habe keine Ahnung wer so etwas behauptet, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Personen uns nicht ein einziges mal haben Kämpfen sehen. Und es ist ja nicht so, dass wir nur ein- oder zweimal gegeneinander gekämpft hatten. Nein, es waren unzählige Male. Das nächste Mal recherchierst du besser, bevor du mit haltlosen Behauptungen um dich wirfst. Von wem hast du diesen Schwachsinn überhaupt? Etwa von diesem Ron...Ron...Kims Mann. Hab seinen Namen vergessen.“
Julian rieb sich seinen schmerzenden Hintern und zog einen neuen Stuhl zu sich heran.
„Na ja, er war zwar nicht der Einzige der das behauptete, aber ja, er fand Kim besser.“
„Was weiss der schon? Ausserdem muss er so etwas sagen. Man kann ja nicht einfach seiner Frau in den Rücken fallen. Mist, ich wünschte sie wären noch am Leben. Selbst jetzt, in meinem Alter, gefesselt an den Rollstuhl, könnte ich es mit beiden gleichzeitig aufnehmen.“ Shego beruhigte sich einige Sekunden lang. „Ihr konntet noch mit ihnen reden, oder?“
„Ja, wir arbeiten schon mehrere Jahre an diesem Film.“
„Am Ende habe ich doch noch gesiegt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich etwas mit ihrem Tod zu tun hätte. Aber ich lebe noch, während Kim schon seit drei Jahren unter der Erde liegt und ihr Trottel von Helferlein und Ehemann nur ein halbes Jahr später folgte. Wer hätte das gedacht?“
„Waren sie auf ihrer Beerdigung?“ fragte Julian.
Bei Beendigung dieser Frage wurde ihm klar, wie unsensibel er sie gestellt hatte.
„Ich kenne das Gerücht, dass ich angeblich auf mehreren Fotos von Kims Beerdigung unscharf im Hintergrund zu sehen bin. Ich bin so etwas wie der neue Yeti. Mit dem Unterschied, dass sich alle Geschichten über den Yeti ja vor einiger Zeit als wahr herausstellten. Aber ich war weder auf Kims, noch auf Rons Beerdigung. Wir hatten einen gewissen Respekt zueinander, aber nicht von der Art, bei der man sich gegenseitig auf seinen Beerdigungen besucht. Ich bin mir aber sicher, dass sie zu meiner gekommen wären. Und es bedeutet natürlich nicht, dass ich nie ihre Gräber besucht hätte. Doch ich schweife ab.“
„Was haben sie,--“
„ICH SCHWEIFE AB!“
Shego und Julian sahen sich gegenseitig an. Washington hielt in Erwartung eines schlimmen Ereignisses den Atem an. Doch nichts geschah. Shego lehnte sich einfach nur zurück und erzählte weiter.
„Als ich Kimmie zum ersten Mal traf, waren sie und ihr Helferlein in Drakkens Versteck eingedrungen um die Baupläne für die Zecke zurück zu holen. Dann explodierte das Versteck und Kim hatte eine Bombe auf ihrer Nase. Vermutlich kennt ihr die Geschichte. Ich möchte übrigens darauf hinweisen, dass mich Kim während der Affäre mit der Zecke nicht einmal besiegt hat. Erst ist sie feige abgehauen, während alles um uns herum explodierte und dann schlich sich irgendein...Riese von hinten an mich heran und hat mich ausser Gefecht gesetzt. In der kurzen Zeit, in der ich aber die Gelegenheit hatte mit Kim zu kämpfen, wurde mir klar, dass sie etwas auf dem Kasten hatte. Ich konnte es kaum erwarten, sie wiederzutreffen. Natürlich hätte ich jetzt einfach zu ihr nach Hause kommen und sie zu einem Kampf auf Leben und Tod, mitten auf dem Vorgarten ihrer Eltern herausfordern können, aber ich war schon immer der Meinung, dass es mehr Klasse hätte wenn deine Gegner zu dir kommen. Ausserdem hatte Drakken schon wieder einen neuen Plan. Er wollte Wisconsin mit Magma überfluten. Vielleicht sein grausamster Plan, wenn ich so darüber nachdenke. Und er hätte auch funktioniert, wenn dieses dumme Käsehaus nicht wirklich aus Käse gewesen wäre. Ach ja, auch hier wurde ich von Kim nicht wirklich besiegt. Ich wurde von einer Käsewelle davongetragen. Soviel zum Thema 'Sie war besser als ich'. Wartet mal, kam vielleicht der Plan mit dem Riesenroboter zuerst? Ach, egal. Kimmi machte jedenfalls die Arbeit bei Drakken wieder interessant. Und bald schon ging es nicht mehr nur alleine um meine Rivalität zu ihr. Über all die Jahre hinweg bauten Dr. D. und ich eine Art Respekt zueinander auf. Dieser war für die Aussenstehenden nicht immer offensichtlich. Ich ließ keine Gelegenheit aus um ihn lächerlich zu machen und er wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass ich als sein Helferlein in keiner Beziehung an ihn heran reichen würde.“ Sie fing an, ihren Oberkörper nervös hin und her zu schaukeln. „Verdammt, ich habe die letzten 70 Jahre oder so damit verbracht, herauszufinden woran es genau lag, aber ich habe keine Ahnung. Drakken und ich verstanden uns einfach hervorragend. Ich hätte ihn hassen sollen, aber ich tat es nicht. Stattdessen lagen wir auf gleicher Wellenlänge, so unterschiedlich wie wir eigentlich waren. Habe ich eine Erklärung dafür? Nein. Vielleicht war es unser gemeinsamer Hass auf Kim? Aber es sah so aus, als ob wir einfach zusammengehörten.“
Julian fragte: „Wann wurde ihnen das klar?“
„Während des Angriffs der Ausserirdischen,“ antwortete sie ohne groß nachzudenken. „Als sie Drakken entführten, wurde mir klar dass ich mir tatsächlich um ihn Sorgen mache. Allerdings wurde ich schon vorher mehrfach...ja, man kann sagen, ich wurde eifersüchtig. Nicht wirklich 'Ich liebe ihn'-eifersüchtig, aber wenn es so aussah, als ob mir jemand meinen Job als seine rechte Hand streitig machen würde, brodelte es in mir. Dann und wenn sich jemand bei mir vordrängelte, wenn er Kim fertig machen wollte. Ich habe mir nicht wirklich etwas dabei gedacht. Ich bin Perfektionist. Und wenn es so aussieht, als ob jemand meinen Job besser macht als ich, drehe ich durch. Selbst heute noch. Und was soll ich sagen? Als Drakken schließlich die Welt gerettet hatte und seine neu gewonnen Blumenkräfte keine Zweifel mehr daran ließen, dass auch er der Meinung war, dass wir zusammengehörten...“
„Ja, ich erinnere mich an das Foto von ihnen beiden, umwickelt von einer von Drakkens Blumen.“
„Genau davon rede ich. Ich schätze im fertigen Film werden sie das Foto wohl an dieser Stelle einblenden.“
„Aber natürlich.“
„Jedenfalls wurde mir dann klar, dass auch Drakken wusste, dass wir zusammengehörten. Wir wussten nur noch nicht, ob es rein freundschaftlich war oder vielleicht mehr dahinter steckte. Aber wir fanden es schnell heraus.“