"Nachdem Drakken vor aller Welt seinen Orden für die Rettung der Welt kassierte, gab es eine rauschende Feier, zu der alle Schurken eingeladen waren. Es war schon ziemlich interessant. Nicht nur wurden Drakken und ich für all seine bisherigen Taten auf Bewährung gesetzt, für diesen, einen Tag musste auch kein anderer Schurke befürchten verhaftet zu werden, wenn er zu Drakkens Feier auftauchte. Ich glaube Kim hat das veranlasst. Sie fand, dass die Rettung der Welt zumindest für diesen Tag wichtiger sein sollte, als vergangene Verbrechen. Nun, Drakken hatte nicht viele Freunde unter den Schurken, aber trotzdem war das Haus voll. Erstens wollten sie mit eigenen Augen sehen, wie Dr. D. zum Helden erklärt wurde und zweitens waren das Buffet und die Getränke umsonst und Schurken sind nunmal Schnorrer."
Alle Schurken die Drakken eingeladen hatte, waren gekommen. Auch einige, die nicht eingeladen waren.
"Wie gesagt. Schnorrer."
Doch das störte ihn an diesem, seinen Ehrentag nicht. Vor Stolz strotzend saß er an einem Tisch mit Dementor und erzählte ihm die Geschichte seiner blauen Hautfarbe.
"Es war ein Dienstag..."
"Zugegebenermaßen eine wirklich interessante Geschichte. Leider wurde sie so oft erzählt, dass sie wirklich jedem zu den Ohren herauskam. Darum werde ich auch nicht weiter darauf eingehen."
Während sich fast das gesamte Schurkenkabinett gut amüsierte, betrachtete sich Shego im Spiegel der Damentoilette und versuchte sich über so einiges klar zu werden.
"Also, es ist wohl eindeutig, dass Drakken dich mag," murmelte sie zu sich selbst. "Und...du scheinst ihn auch zu mögen. Natürlich. Ihr arbeitet ja schon seit Jahren zusammen und dann sind gewisse Gefühle ganz normal. Wir sind...Partner. Beruflich. Vielleicht Freunde. Gute Freunde? Wohl nicht mehr als gute Freunde, wenn überhaupt. Oder doch mehr? Ach, was weiss ich. Wir sind berufliche Freunde. Wir gehen nach Feierabend zusammen aus, aber das sind keine Dates. Er...schleppt mich in seine dummen Karaoke-bars. Immerhin bezahlt er die Getränke. Er bezahlt die Getränke? Einen Moment, vielleicht bedeutet das etwas? Er ist doch sonst so ein Geizkragen. Das wird schon nichts bedeuten. Es..."
Sie drehte ihren Kopf etwas zur Seite und konnte nun die blonde Frau erkennen, die schon eine Weile hinter ihr stand.
"Gibt es hier irgendetwas zu sehen?", fragte sie Adrena Lynn.
"Ja. Ja, das gibt es. Und zwar eine Frau, die für viele Kriminelle ein Vorbild ist, aber sich am Ende nur als jemand entpuppt, der keine Ahnung von Beziehungen hat. Irgendwie so gar nicht Freaky."
"Freaky? Benutzt man jetzt etwa wieder Ausdrücke, die schon vor meiner Geburt peinlich waren?"
"Sehr witzig. Willst du einen Rat von mir hören?"
"Nein."
"Also jeder der euch kennt, fragt sich warum ihr noch kein Paar seid. Manchmal fällt es einem selber nicht auf und man muss sich auf das Urteil von Aussenstehenden verlassen. Hast du das erleichterte Aufatmen im Publikum gehört, als dieses...Blumendings dich zu ihm herangezogen hat? Wir haben uns alle darüber gefreut, dass ihr endlich den nächsten Schritt wagt. Aber so wie sich das hier anhört, wird wohl nichts daraus werden."
Shego ging einen Schritt auf Lynn zu.
"Und was geht dich das an?"
"Eigentlich nichts."
"Ganz recht. Nichts."
"Aber ihr seid beide Erwachsen. Hör auf, dich wie ein Teenager aufzuführen! Ihr müsst nicht gleich heiraten, aber von ein oder zwei Dates ist noch niemand gestorben. Ihr gehört zusammen, das kann jeder sehen. Und ihr habt so ziemlich jedes Gesetz auf der Welt gebrochen und diese dann auch noch gerettet, aber ihr könnt euch nicht eure Gefühle eingestehen? Ich bitte dich."
Lynn schob Shego etwas zur Seite und ging zum Spiegel.
"Wer warst du nochmal," fragte sie Lynn, während diese ihren Lippenstift auffrischte.
"Adrena Lynn."
"Ich kann guten Gewissens behaupten, noch nie etwas von dir gehört zu haben, aber wenn du mir nochmal Ratschläge für mein Leben erteilst, wirst du,--"
Bevor Shego ihre Drohung aussprechen konnte, wurde sie von Motor Ed unterbrochen.
"Hey Shego, bist du hier drin?" rief er durch den Türspalt.
Beide Frauen riefen gleichzeitig: "Damentoilette, Ed!"
"Keine Panik, echt jetzt. Hab meine Augen geschlossen."
"Was gibt's?"
"Jemand sollte Cousin Drew nach Hause bringen. Der Mann verträgt absolut nichts, echt jetzt."
Shego stürmte zur Tür hinaus und sah Drakken, wie er betrunken auf der Bar stand und ein Medley der beliebtesten "Oh Boyz"-Songs in eine Zitrone sang.
"Oh nein, wieviel hat er getrunken."
"Zwei Gläser Champagner."
"Das ist alles?"
"Und einen Becher Kaffee, aber das war's dann. Echt jetzt."
"Na ja, wenn ich recht überlege, habe ich ihn noch nie irgendetwas alkoholisches trinken sehen. Vielleicht war das der erste Champagner in seinem Leben."
"Und es war auch der Letzte."
Drakken stimmte das nächste Lied an. Seine Blütenblätter wippten im Takt, während er von einer ganz besonderen Frau in seinem Leben sang.
"Ich konnte jeden einzelnen Blick im Raum spüren. Auch wenn mein Name kein einziges Mal im Song zu hören war, es eines der vielen, vielen Oh Boyz Lieder war, in denen sie über das einzig wahre Mädchen in ihrem Leben sangen und Drakken mich währenddessen noch nicht mal ansah, merkte ich wie es alle anderen Anwesenden taten. Sie glaubten, er würde mich meinen."
"Du, Shego, die starren dich hier alle an und glauben, er singt von dir. Echt jetzt."
"Ausserdem sagte Ed es mir nochmal."
"Das ist alles meine Schuld," hörte sie Senor Senior Sr., in seinem unverwechselbaren Akzent hinter sich sagen. "Ich wollte den Anlass nur festlicher machen und habe für alle Champagner bestellt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er keinen Champagner verträgt."
"Ach, machen sie sich mal keine Sorgen. Das hätte wohl niemand vorhersehen können."
In dem Moment fiel Drakken hinter den Tresen, woraufhin irgendwo am anderen Ende des Raumes eine Stimme "Freeeeakyyyyy!!!!" rief.
Shego lief sofort zu ihm. Einige andere Anwesende folgten ihr, auch wenn manche nur kamen, um Fotos zu machen.
"Dr. D., haben sie sich verletzt? Ab jetzt gibt es nur noch Fruchtschorle für sie."
Drakken hielt eines der Blütenblätter, die seit seiner Mutation immer mal wieder um seinen Kopf herum wuchsen, in der Hand und starrte darauf, als versuchte es ihn umzubringen.
"Ich bin verletzt," jammerte er. "Holt eine Kühlbox. Ich habe gehört, man kann Körperteile noch nach einer Stunde wieder annähen, wenn sie nur gut gekühlt werden!"
Shego seufzte.
"Keine Panik, das ist nur eines von diesen Blättern, die sie sich ohnehin immer selber herausreissen. Dabei passiert ihnen nichts."
"Ka...kann man es nicht trotzdem wieder dranmachen?"
"Darüber diskutieren wir morgen."
Motor Ed zog seinen Cousin an einem Arm hoch und warf ihn sich über die Schulter.
"Yo, grüne Lady, wo soll ich ihn zwischenlagern?"
"Wirf ihn einfach in den Gleiter. Ich glaube es ist besser, wenn ich ihn in sein Versteck bringe."
"Ich will noch nicht," murmelte Drakken. "Die Party hat gerade erst angefangen und ich habe noch nicht alle Lieder gesungen."
"Doch, haben sie. Machen sie schön winke-winke."
Drakken wiederholte: "Winke-winke."
Dann rülpste er einmal und schlief ein. Während Ed ihn aus dem Raum trug, drehte sich Shego zu den restlichen Partygästen.
"Nun ja, ähm...danke fürs kommen. Einen schönen Abend noch und denkt daran, dass ihr am Montag alle wieder von den Gesetzeshütern dieser Welt gejagt werdet."
Nach diesen Worten folgte sie Motor Ed zu Drakkens Gleiter.
"Also, soll ich noch mitkommen und dir tragen helfen? Ich habe heute nichts anderes mehr vor. Die anderen Typen da drin sind stinklangweilig, echt jetzt."
Shego schnallte den friedlich schlafenden Doktor an seinem Sitz fest.
"Nein, geht schon. Wir haben Handlanger, die das erledigen."
"Falls du übrigens denkst, ich will nur mitkommen um dich anzubaggern, liegst du voll auf dem Holzweg, echt jetzt."
"An so etwas habe ich jetzt nicht gedacht, aber danke, dass du mich nochmal darauf hinweist."
"Du solltest nur wissen, dass es zwischen uns jetzt aus ist, echt jetzt. Ich würde meinem Cousin doch niemals seine Braut ausspannen."
"In dem Moment machte es mich aus irgendwelchen Gründen wütender, dass Ed dachte es wäre jemals etwas zwischen uns gewesen, als das er mich als 'Drakkens Braut' bezeichnete."
"Wie charmant von dir," zischte sie genervt durch ihre Zähne.
"Hey, so bin ich nunmal, echt jetzt. Und vielen Dank, dass du die Trennung so gut weg steckst und mir nicht schon wieder dein grünes Flammenzeugs um die Ohren haust."
Wie auf Bestellung verpasste Shego ihm dann aber doch eine volle Ladung ihrer Strahlen.
"Der alten Zeiten wegen," rief sie dem immer noch fliegenden Ed hinterher und startete den Gleiter.
Nach der harten Landung rappelte sich Motor Ed nochmal schnell auf und rief: "Du bist ein Glückspilz, Cousin! Echt jetzt!"
"Als wir im Versteck ankamen, bereute ich es zumindest ein klein wenig, dass ich Ed nicht mitgenommen hatte. Drakken hatte den Handlangern freigegeben und mir nichts davon erzählt, also durfte ich ihn selber tragen."
Shego hatte dem immer noch schlafenden Drakken über ihre Schulter geworfen und schleppte ihn schon eine ganze Weile durch das Inselversteck.
"Na toll," murmelte sie vor sich hin. "Warum müssen diese Schurkenverstecke auch so groß sein? Und im Moment verfluche ich dieses Kleid. Warum wird Mode immer nur dazu gemacht, um gut auszusehen? Das ist ein Kleid für festliche Anlässe, aber warum wurde nicht daran gedacht, dass man damit seinen betrunkenen Chef nach Hause tragen muss? Und natürlich befindet sich sein Schlafzimmer im allerletzten Winkel des Gebäudes." Sie hielt an, ließ Drakken verhältnismäßig sanft zu Boden fallen und streckte mit einem lauten Knacken ihren Rücken. "Was soll's? Niemand hat von mir verlangt, sie in ihr Bett zu bringen. Oder überhaupt ein Bett."
Sie packte Drakken am Kragen und schleifte ihn ein paar Türen weiter, in den Aufenthaltsraum der Handlanger. Dort hiefte sie ihn auf die Couch, ging zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Wasser heraus.
"Sie haben Glück, dass hier diese Couch steht," sagte sie, während sie die Flasche öffnete. "Ansonsten hätte ich sie nämlich einfach auf den Billardtisch geworfen und mich noch nichtmal darum gekümmert, ob die Kugeln noch drauf wären."
Während sie einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche nahm, verließ sie den Aufenthaltsraum, ohne sich nochmal nach Drakken umzudrehen.
Nur kurz darauf kam sie wieder. In der einen Hand hielt sie eine Decke, in der anderen einen Eimer.
"Man kann ja nie wissen," sagte sie, als sie den Eimer neben Drakken abstellte.
Als sie ihn dann zudeckte, wachte er kurz auf, sah sie an und nuschelte: "Danke, mir war kalt."
"Nichts zu danken."
"Eigentlich wollte ich jetzt nur noch in mein eigenes Bett und mindestens einen ganzen Tag durchschlafen, aber da war noch eine offene Frage und in meinen Augen war das der beste Zeitpunkt um sie zu stellen."
Shego tippte ihren Chef leicht mit dem Finger an. Wie erhofft wurde er dadurch gerade wach genug, um ihm eine Frage zu stellen.
"Hey, Dr. D."
"Wasnlos? Ist schon Tag des Baumes?"
"Dieses Lied vorhin. Für wen haben sie es gesungen?"
Drakken schnarchte kurz und antwortete: "Für meine Mudder."
"Oh. Na gut. Schlafen sie schön," sagte Shego mit einem Hauch Enttäuschung in ihrer Stimme.
Sie war gerade mit einem Fuß zu Tür raus, als Drakken laut genug, dass sie es auch hören konnte noch hinzufügte: "Aber das letzte Lied, das war für Shego."