„Als ich am nächsten Morgen Drakkens Labor betrat, klopfte mein Herz wie verrückt. Ich wusste nicht, ob er sich an das Lied und das Geständnis an wen es sich richtete, erinnerte. Und wenn er sich erinnerte, wusste ich nicht wie er damit umgehen würde. Ich wusste noch nichtmal, wie ich damit umgehen würde. Ausserdem hatten wir noch gar nicht wirklich über das, was bei der Ordensübergabe passierte geredet.“
Als sich die Tür zum Labor mit einem lauten „Wuuuusch“ öffnete, blieb Shego einen Moment davor stehen. Drakken saß währenddessen vor einem gigantischen Computermonitor und surfte im Internet.
Als Shego vorsichtig einen Schritt vorwärts machte, setzte sich Drakken aufrecht hin, holte tief Luft und vermied es, sich zu seiner Assistentin umzudrehen.
„Guten Morgen, Shego,“ sagte er leise.
Sie antwortete: „Guten Morgen, Dr. D.“
„In meinem Kopf schrie ich aber so laut es ging: 'Er erinnert sich an alles! Sprich ihn darauf an, bevor es zu spät ist und die ganze Sache für immer zwischen euch steht!'“
„Was tun sie da?“ fragte Shego stattdessen.
„Ich suche einen Spezialisten.“
„Wofür?“
„Ich will diese verdammte Blume loswerden.“ Wie auf Stichwort sprießten ein paar neue Blütenblätter um Drakkens Kopf herum. „Zumindest den nervigen Teil.“
Langsam ging Shego auf den Doktor zu.
„Sie wollen also einen Teil ihrer Kräfte behalten?“
„Ja, sie haben sich als sehr nützlich erwiesen. Nur auf den Blütenkragen kann ich gut verzichten.“
„Erst wollte ich ihn aus purer Gewohnheit damit aufziehen und ihm so etwas wie 'Ich finde ja, sie sehen damit richtig süß aus' an den Kopf werfen, doch unter den gegebenen Umständen, wäre das wohl falsch angekommen.“
„Verstehe ich gut,“ sagte Shego stattdessen und zupfte vorsichtig eines der Blütenblätter heraus.
Daraufhin ließ Drakken einen kurzen, aber um so lauteren Schrei los.
Erschrocken machte Shego einen weiten Satz zurück und stammelte: „Ich...wo-wo-wollte ihnen nicht wehtun, sie haben...sie machen...sie reissen sich doch immer selbst...es tat ihnen doch nie weh!“
Drakken stöhnte: „Stimmt schon, nur als ich heute morgen aufwachte, hatte ich einen unglaublichen Kater. Was habe ich gestern nur angestellt?“
„Er drehte sich um und sah noch schlimmer aus als sonst. Seine blaue Gesichtsfarbe war eher gräulich und seine dunklen Augenringe waren sogar noch schwärzer, als sie es ohnehin waren! Der Vorteil war aber, dass er sich tatsächlich an nichts zu erinnern schien.“
„Also, nach was für einem Spezialisten suchen sie genau?“ fragte Shego neuen Mutes.
Drakken drehte sich wieder zum Computermonitor.
„Ich weiss es selber nicht. Er muss sich mit Blumen auskennen.“
„Also einen Floristen?“
„Und er sollte sich mit Genmanipulationen auskennen.“
„Hatte DNEsther nicht einige schöne Blumen in ihrem Garten?“
Der Doktor drehte sich mit versteinerter Mine um, hob seinen Zeigefinger und sagte: „Shego. Nein.“
Shego lächelte nur und spielte etwas mit dem ausgerissenen Blütenblatt.
„Ich habe heute morgen keine Energie für irgendeinen deiner albernen Scherze.“
„Ach, seien sie doch nicht so ein Sauertopf. Sie haben die Welt gerettet und einen Orden dafür kassiert. Sie sollten sich freuen.“
Dr. Drakken riss seine Augen so weit auf, wie er konnte.
„Das...war kein Traum?“
„Nein. Sie tragen den Orden sogar im Moment.“
Er sah an sich hinunter, was aufgrund seines Katers und der Blütenblätter um seinen Kopf herum eine ziemliche Anstrengung für ihn war, und betrachtete den fast schon lächerlich großen, goldglänzenden Orden.
„Plötzlich wird es doch noch ein wunderschöner Tag. Ich glaube nicht, dass irgendetwas ihn mir noch verderben kann.“
In dem Moment verkündete ein Signalton das Eintreffen einer neuen E-Mail.
„Professor Dementor schickt mir ein Video namens 'Der singende Weltenretter'. Ich wusste noch nichtmal, dass ich ein seiner Mailingliste stehe.“
„Dr. D., vielleicht sollten sie diese Mail nicht öffnen. Es könnte ein Virus oder so sein.“
„Natürlich wusste ich, was sich hinter diesem Titel verbarg. Ich war schließlich live dabei, auch wenn ich gar nicht wusste, dass es gefilmt wurde.“
„Vielleicht hast du Recht, Shego. Er schien mir gestern tatsächlich etwas neidisch zu sein. Zumindest soweit ich mich erinnere. Was für ein kindisches Benehmen. Nur weil er keinen Orden hat, will er einfach meinen schönen Computer kaputtmachen.“
„Glaubt man's?“ lachte Shego gezwungen und wischte sich den Schweiss von der Stirn.
Drakken klatschte einmal fröhlich in die Hände und hielt sich daraufhin seinen schmerzenden Schädel.
„Au. Das hätte ich nicht tun sollen.“
„Warum haben sie es dann getan?“
„Ich habe einen Spezialisten für mein Problem gefunden. Und er ist noch nichtmal allzu weit weg. Mach dich bereit Shego, wir gehen nach Go City. Aber erst brauche ich eine Kopfschmerztablette.“
„Hier lernten wir einen der vielen Vorteile kennen, die man genießt, nachdem man die Welt gerettet hat. Der Genetik-Botaniker zu dem wir gingen, war eigentlich schwer beschäftigt und ohne Termin sollte man noch nichtmal daran denken ihn aufzusuchen, aber als der Held, der Drakken zu diesem Zeitpunkt war, kam er natürlich auch ohne dran.“
„Danke, dass sie mich dazwischengeschoben haben, Dr. Krelborn,“ sagte Drakken, als der kleine, dicke Mann im Laborkittel die Arztpraxis betrat.
„KrelBOIN,“ antwortete er mit fester Stimme, „aber den Fehler machen viele. Womit kann ich ihnen helfen?“ Dr. Krelboin musterte Shego von oben bis unten. „Oh, ich sehe schon. Chlorophyll-Unfall, stimmt's?“
Shego verdrehte ihre Augen und stöhnte: „Nein, der Grünstich in meiner Hautfarbe steht hier nicht zur Debatte.“
„Ich bin hier das Opfer,“ sagte Drakken und hob seine Hand.
Dr. Krelboin betrachtete ihn ganz genau und kratze sich am Kinn.
„Kornblume,“ sagte er langsam.
„Was? Nein. Vergessen sie die Haut! Ich hab Flower Power, haben sie das nicht in den Nachrichten gesehen?“
„Äääh...nein, tut mir leid. Warum waren sie in den Nachrichten?“
„Ich...habe die Welt gerettet.“
Drakken zeigte stolz seinen Orden vor, doch Dr. Krelboin hob nur eine Augenbraue.
„Ach ja, stimmt, meine Sprechstundenhilfe hat mir da so etwas erzählt und mich darum gebeten, ihnen schnellstmöglich einen Termin zu geben. Sie sagte irgendetwas davon, dass sie ein Held seien, aber ich hab davon nichts mitbekommen. Ich habe nicht so viel Zeit um fern zu sehen oder die Zeitung zu lesen. Sogar die Invasion der Ausserirdischen ist völlig an mir vorbei gegangen.“
„Sie machen Witze,“ sagte Shego. „Die waren überall und haben fast alles zerstört.“
Dr. Krelboin zuckte nur mit den Schultern und antwortete: „Bis zu meinem Haus sind sie nicht gekommen. Also, womit kann ich ihnen jetzt genau helfen? Woraus besteht ihre 'Flower Power', wie sie sie nennen.“
„Nun, da sind zwei Dinge. Einerseits habe ich das hier.“
Er winkte mit seiner Ranke.
Dr. Krelboin folgte ihr mit den Augen und sagte leise: „Nett.“
„Nicht wahr? Das würde ich auch gerne behalten. Hat sich als durchaus nützlich erwiesen. Aber die andere Sache nicht.“
„Welche andere Sache?“
Mit einem lauten, mehrfach aufeinander folgendem Ploppen, erschienen die Blütenblätter wie auf Bestellung um Drakkens Kopf.
„Diese andere Sache.“
„Die ist nicht so nützlich, stimmt's?“
„Stimmt.“
„Dachte ich mir. Mal sehen, was ich da tun kann.“
Drakken spielte nervös mit einem seiner Blütenblätter herum.
„Äh...das...das wird aber doch nicht weh tun, oder?“
„Mir auf keinen Fall.“ Krelboin drückte einen Knopf an der Gegensprechanlage auf seinen Schreibtisch und sprach dort hinein. „Amelie, bereiten sie Untersuchungsraum 3 vor.“
„Ist gut, Herr Doktor.“
„Und holen sie bitte eine der großen Spritzen. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass wir dem Patienten eine Rückenmarkprobe entnehmen müssen.“
„Sind sie sicher, dass eine große Spritze reicht? Brauchen sie keine der ganz großen Spritzen?“
„In dem Moment fiel mir auf, dass Drakken vor Nervosität meine Hand hielt. Es war schon wieder eine dieser kleinen Gesten, die plötzlich eine ganz andere Bedeutung hatten.“
„Nein, das wäre übertrieben. Aber ich werde eine der wirklich, wirklich großen Nadeln benötigen.“
„Sie meinen einen 'Quetschquirl'?“
„Jetzt fing meine Hand tatsächlich an, etwas weh zu tun.“
„Genau so einen meine ich.“ Dr. Krelboin wandte sich an seinen stark schwitzenden Patienten. „Keine Bange, die Nadel wurde von einem Professor Quetschquirl entwickelt, daher der Name.“
„Ich bin mir trotzdem nicht mehr sicher, ob ich das wirklich will.“
Krelboin lachte kurz, bevor sein Gesicht zu einer ernsten Mine erstarrte.
„Zu spät. Untersuchungsraum 3 ist gleich gegenüber. Sie, junge Dame, setzen sich bitte ins Wartezimmer.“
„Ich erinnere mich noch bis heute an Drakkens verzweifelten Gesichtsausdruck, als sich die Tür zum Untersuchungsraum schloss. Die Untersuchung war übrigens nicht mal ansatzweise so schlimm wie erwartet. Dr. Krelboin mochte es einfach nur, seinen Patienten eine Heidenangst einzujagen. Vermutlich weil man als Gen-Botaniker ansonsten keinen wirklich Respekt einflößenden Beruf hat. Wie dem auch sei, ich saß gerade mal zehn Minuten im Wartezimmer und war in eines der dort ausliegenden Magazine vertieft, als eine, mir leider sehr bekannte Stimme meinen Namen rief.“
„Shego!?“
„Na toll, muss das unbedingt jetzt sein?“ sagte die gerade Gerufene leise zu sich selbst und senkte das Magazin ein bisschen.
Wie erwartet stand Hego in der Tür des Wartezimmers.
„Wie geht es dir, Schwesterchen?“ fragte er, während er schnell auf sie zu kam und sich auf den Stuhl neben ihr setzte.
Shego antwortete ziemlich desinteressiert: „Geht so,“ und versuchte ihr Magazin weiter zu lesen.
„Ich kam noch gar nicht dazu, dir und Dr. Drakken zur Rettung der Welt zu gratulieren. Eigentlich wollten wir ja gestern bei der Ordensverleihung dabei sein, aber wir hatten Probleme damit, den richtigen Weg zu finden. Ich hoffe, du bist uns nicht böse deswegen.“
„Nein nein, ist schon in Ordnung.“
„Schließlich hatte ich ihnen absichtlich eine völlig falsche Wegbeschreibung zukommen lassen.“
„Was machst du hier, Schwesterchen?“
„Dr. D. wollte an seiner Blumenmutation etwas herumschrauben,“ seufzte Shego.
„Hoffentlich behält er diese coolen Blütenblätter, die um seinen Kopf herum wachsen.“
Aufgrund dieser Anmerkung konnte Shego einfach nicht anders, als die Zeitschrift beiseite zu legen, ihren Kopf zu ihrem Bruder zu drehen und ihm ein trockenes: „Ja, ganz recht“ zu entgegnen.
„Du fragst dich sicher was ich hier mache und wo deine anderen Brüder sind.“
„Nnnnnnnnnö.“
„Nun, da gibt es diesen Superschurken, Flora, er ist noch ziemlich neu im Geschäft, vermutlich hast du noch nichts von ihm gehört. Wie du dir sicher denken kannst, hat er etwas mit Blumen zu tun und na ja, was soll ich sagen, Mego hatte eine kleine Begegnung mit seiner Löwenzahn-Kanone.“
„Er heisst Flora und ist so etwas wie 'Der Meister der Blumen'? Wow, Team Go bekommt also immer noch die ganzen lahmen Schurken ab. Ist Mego jetzt auch so ein Blumenmutant wie Drakken? Vielleicht können die beiden eine Selbsthilfegruppe gründen.“
„Nein, kein Mutant, er...hustet nur Blumen, aber wir dachten es wäre besser, es sofort zu behandeln. Zum Glück hat Dr. Krelboins Sprechstundenhilfe ihn davon überzeugt uns kurzfristig einen Termin zu geben.“
„Ja, darin ist sie wirklich gut,“ sagte Shego und widmete sich wieder ihrer Zeitschrift.
„Er ist schon im Behandlungsraum. Die Zwillinge übergeben währenddessen Flora der Polizei. Ich würde es ja selber machen, aber ich wollte Mego zum Arzt bringen und dafür sorgen, dass die Zwillinge ihn nicht mehr auslachen.“
„Die Beiden waren schon immer meine Lieblingsbrüder.“
Hego lehnte sich entspannt zurück und schlug die Beine übereinander.
„Also...Schwesterchen. Was hast du in deinem weiteren Leben vor, jetzt wo Drakken und du ein Paar seid und das Schurkendasein aufgebt?“
„Diese Frage traf mich wie ein Holzhammer. Bis vorhin hatte ich nur über die Gefühle zwischen Drakken und mir nachgedacht, aber nicht ob er vielleicht auf die andere Seite wechselt und plötzlich ehrlich wird.“
Sie rollte die Zeitschrift in ihren Händen bedrohlich zusammen und fragte ihren Bruder: „Was meinst du damit? Wer hat das behauptet?“
Hego rutschte nervös auf seinem Sitz herum.
„Das ihr jetzt scheinbar zusammen seid, war ja überall zu sehen. Ein sehr schönes Foto, wie ich zugeben muss.“
„Das doch nicht,“ sagte Shego und fuchtelte mit dem zusammengerollten Magazin bedrohlich vor der Nase ihres Bruder herum. „Obwohl wir...sind nicht...egal, ich meine die Sache mit der Ehrlichkeit.“
„Das...erzählt man so. Er war schließlich nie erfolgreicher als zu dem Zeitpunkt, an dem er die Welt rettete. Man ihn nicht wirklich gut zu kennen um zu wissen, dass er die Aufgabe seiner Welteroberungspläne zumindest in Betracht ziehen wird.“
„Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.“
„Aber die Frage ist, Shego, was wirst du dann machen?“
Shego schleuderte die Zeitschrift auf den Tisch, in der Ecke des Raumes.
„Was meinst du?“
„Wirst du ebenfalls gut werden? Denn wenn ja...“
„Was dann?“
Hego holte tief Luft.
„Es wäre schön, wenn du wieder zu uns zurückkommen würdest. Wir waren nie so gut wie zu der Zeit, in der du ein Mitglied von Team Go warst. Team Go braucht dich. Und die Familie vermisst ihre Schwester.“
Shego stand auf und sah Hego schweigend an. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie etwas sagte.
„Nein.“
In dem Moment kam Drakken um die Ecke.
„Wozu nein?“ fragte er und leckte an einem Lutscher, den Dr. Krelboin ihm geschenkt hatte.
„Nichts,“ antwortete Shego und warf ihrem großen Bruder einen letzten Blick zu. „Sind sie fertig?“
„Für heute ja.“
„Dann gehen wir.“
„Hey, sieh mal Shego, dein Bruder sitzt im Wartezimmer.“
„Ja, ich weiss.“
„Hör auf an mir zu ziehen, ich will ihm meinen Orden zeigen!“
Doch Shego war stärker als Drakken und so blieb Hego alleine im Wartezimmer zurück.