Kapitel 29

Wie wir unsere Ferien verbracht haben (Das Leben danach, Teil 3)

"Während wir zurück in unser Versteck flogen, schien Drakken merkwürdig abgelenkt gewesen zu sein. Erst dachte ich, er wäre enttäuscht, weil er mit dem Lutscher schon fertig war. Ich beschloss trotzdem nachzufragen."

"Also, Dr. D., was hat Dr. K. gesagt? Sie sind so unheimlich still."
"Ich versuche mich aufs Fliegen zu konzentrieren, Shego. Du willst doch sicher nicht, dass wir abstürzen, oder?"
Shego blickte über den Rand des Fluggleiters auf Go City hinab. Die Aufbauarbeiten nach dem Angriff der Warlordianer waren noch im vollen Gange.
"Nein, natürlich nicht. Aber woher das plötzliche Sicherheitsbewusstsein? Hat es was mit dem zu tun, was Dr. Krelboin gesagt hat? Waren es schlechte Nachrichten oder so?"
"Nö, er sagte, er könne meinen Blumenwuchs nicht völlig ungeschehen machen, aber eventuell dafür sorgen, dass die Blütenblätter nicht mehr so schnell nachwachsen wie jetzt. Warst du...äh...schonmal in Paris?"
Es dauerte eine Sekunde, bis Shego realisierte, was Drakken da gerade gefragt hatte.
Verwirrt schüttelte sie kurz ihren Kopf und fragte: "Was?"
"Komm, wir fliegen nach Paris," sagte der Doktor. "Ich war noch nie dort."
Noch verwirrter als zuvor antwortete Shego: "Doch, waren sie. Und ich auch."
"Aber ich habe mir dort nie die Sehenswürdigkeiten angesehen. Jetzt, wo ich endlich nicht mehr auf irgendwelchen Fahndungslisten stehe, will ich das nachholen. Auf nach Paris!"

"Also flogen wir mal eben so nach Paris. Dort gab es nur weniger zu sehen als erwartet."

Shego und Drakken saßen im einzigen, unversehrten Straßencafe, mitten in den Trümmern von Paris.
"Ich bin enttäuscht, Shego. Ich habe mir den romantischsten Ort auf Erden irgendwie eindrucksvoller vorgestellt."
"Es macht mehr her, wenn keine rachsüchtigen Aliens darüber hergefallen sind."
"Immerhin steht der Eiffelturm noch."
"Das ist nicht der Eiffelturm, das ist ein Baugerüst," seufzte Shego.
"Das...ist irgendwie frustrierend."
"Seien sie nicht traurig. Der Eiffelturm steht da hinten. Und da drüben ist die andere Hälfte."
"Das meine ich nicht. Der Espresso ist erstens überteuert, zweitens nicht besonders gut und drittens frage ich mich, wie sie es wagen können, mir eine Rechnung vorzulegen. Ich habe doch die Welt gerettet. Ich sollte nie wieder für meinen Espresso zahlen müssen. Ich würde mich ja beschweren, aber ich spreche diese dumme Sprache nicht."
Shego griff sich den Zuckerstreuer und streute dessen Inhalt gelangweilt, in Form eines frei improvisierten Musters auf den Tisch.
"Warum sind wir nochmal hier?" fragte sie.
Drakken sah sich nervös um.
"Weil...ääh...weil..."
"Was suchen sie, Dr. D?"
"Einen Blumenverkäufer. Ich dachte immer, die laufen hier scharenweise herum."
"Auch nur dann, wenn die Welt nicht in Trümmern liegt. Warum suchen sie überhaupt einen? Sie sind doch selber eine Blume."
Der Doktor riss die Augen weit auf und grinste so, wie nur er es konnte.
"Da hast du Recht," sagte er und ließ die Blume, die ihm in den letzten Tagen so viele nützliche Dienste erwiesen hatte, aus seinem Körper wachsen, nur um sie dann zu pflücken.
Natürlich wuchs sie sofort wieder nach.
"Und jetzt?" fragte Shego.
Drakken war plötzlich wie versteinert. Er sah seiner langjährige Assistentin in die Augen und fing immer stärker zu schwitzen an.

"So langsam keimte in mir ein Verdacht."

"Ist...die Blume für mich?"
Drakken blieb versteinert. Abgesehen von den Schweissperlen auf seiner Stirn bewegte sich nichts.
"Also...sie fliegen mit mir mal eben so in die Stadt der Liebe und überreichen mir eine Blume. Wollen sie mir etwas sagen?"

"In mir brodelte eine Mischung aus Angst und freudiger Erwartung."

"Mö-mö-mö," stotterte Drakken. "Möchtest...du...meine Freundin sein?"

"Er war so unbeholfen wie ein Teenager. Ich fand es einerseits irgendwie süß, aber andererseits war es mir auch peinlich."

Drakken versuchte noch irgendeinen zusammenhängenden Satz herauszubringen: "Ich...äh...du, wir, habe...wir...ich glaube...wir haben, seitdem...und viele...na ja, Kuchen."
"Kuchen?"
Der zitternde Doktor versuchte Shego seine Blume zu überreichen.

"Und jetzt wurde auch ich richtig nervös."

Während sie unbewusst mit ihren Haaren spielte, antwortete sie: "Nun, Dr. D., ich würde gerne ihre...Freundin sein." Während sie das sagte, machte sie mit ihren Fingern Anführungsstriche in der Luft und Drakken grinste vor Freude noch breiter als gewöhnlich. "Aber die Blume will ich nicht."
"Warum nicht?" fragte er enttäuscht.
"Die kommt aus ihrem Körper. Das wäre so, als ob ich ihnen meine Fußnägel schenken würde. Trotzdem Danke."
Verärgert knurrend zerknüllte der Doktor die Blume und warf sie über seine Schulter. Dann fiel ihm ein, dass Shego "ja" gesagt hatte, was ihn sogleich glücklicher werden ließ. Er spitzte die Lippen und versuchte sie zu küssen.

"Wie ein Teenager."

"Hey," sagte sie, als sie bemerkte was er vorhatte. "Nicht beim ersten Date."
"Aber...was machen wir dann?"
"Sie können meine Hand halten. DU kannst meine Hand halten."
"Sie wird doch nicht anfangen zu glühen, wenn ich das mache."
"Nein, keine Angst. Diesmal nicht."
Mit einem ungewohnt warmen Lächeln auf seinem Gesicht, griff Drakken langsam nach der Hand seiner neuen Freundin.
Nach einer guten Minute des Händchen-haltens und in-die-Augen-schauens sagte Shego schließlich: "Sie, äh du kannst mir einen Kuss auf die Wange geben."

"Wir machten dann eine Weltreise. Wir hatten sie nicht wirklich geplant, es war nur so, dass jeder Ort zu dem wir flogen, mehr oder weniger in Trümmern lag. Es war trotzdem schön. Die Gefühle zwischen Drakken und mir waren endlich geklärt. Es war nichts mehr, was zwischen uns stand. Drakken...ich habe ihn eigentlich nie Drew genannt, was ihn aber auch nicht sonderlich gestört hat. Er hatte eine sehr romantische Seite. Manchmal sogar etwas zu romantisch für meinen Geschmack. Es schien, als wollte er unbedingt alles richtig machen. Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass unsere romantische Beziehung sehr viel besser funktionierte, als wir es erwartet hatten. Am Ende des Sommers blieb nur immer noch eine Frage offen."

Das glückliche Pärchen saß beim gemeinsamen Frühstück. Während sie Drakken dabei beobachtete, wie er einige Teelöffel Kakaopulver in ein Glas Milch einrührte, stellte Shego ihm die entscheidende Frage.
"Hast du schon einen neuen Plan um die Welt zu erobern?"
"Eigentlich wollte ich von der Welteroberung mal eine kleine Auszeit nehmen."
"Oh. Wie klein?"
"Auf...unbestimmte Zeit."
"Das ist nicht klein."
"Ich weiss, aber im Moment gefällt mir das Leben als von allen bewunderter Held ziemlich gut."
"Wer bewundert dich denn?"
Drakken seufzte: "Ich wünschte, meine Freundin würde es tun."
Sie griff Drakkens Hand und hielt sie mit beiden Händen fest.
"Das...tue ich ja. Irgendwie. Aber wäre es nicht langsam Zeit, ein Comeback zu starten?"
"Darüber wollte ich mit dir reden. Ich habe nämlich ein Angebot bekommen, an einer Universität zu unterrichten."

"Ich musste an etwas trauriges denken, um nicht laut loszulachen."

"Für welches Fach will man dich denn haben?" fragte Shego so ernst sie nur konnte.
"Scheinbar gibt es es an einigen Unis seit neuestem eine Unterabteilung von Kriminologie, die sich mit Superbösewichten und Welteroberern befasst. Tja, rate mal, wen sie dafür wollen."
"Professor Dementor?"
"Shego, ich liebe dich, aber genau das ist der Grund, warum diese Witze viel mehr wehtun, als sie sollten."
"Entschuldigung."

"Mich zu entschzuldigen, tat mir dafür um so mehr weh. So glich sich in unserer Beziehung alles wieder aus."

"Ist schon in Ordnung. Ich würde sehr gut dabei verdienen und man würde mir endlich mal Respekt entgegen bringen."
"Seit wann tun Schüler und Studenten das denn? Hast du etwa jemals deine Lehrer respektiert?"
"Nein, du hast Recht. Auch wenn meine Lehrer keinen Respekt verdient hatten und ich ein völlig anderes Kaliber bin. Aber mir bleibt immer noch das legal verdiente Geld."
"Also willst du es jetzt mal einige Zeit auf die ehrliche Tour probieren?"
"Ja, doch, wenn du nichts dagegen hast."
"Als deine Freundin muss ich dich wohl bei jeder noch so dummen Idee unterstützen."
"Danke. Aber dir ist klar, dass du jetzt auch nichts illegales mehr machen darfst."
Shego seufzte so tief, wie noch nie zuvor.
"Ja, das muss wohl so sein."
"Nochmals danke." Drakken stand auf und gab Shego einen Kuss. "Du wirst es nicht bereuen."
"Das will ich doch hoffen. Es wird verdammt schwer werden, mich zu beherrschen."