"Da war ich nun und sollte ehrlich werden. Ehrlich. Schon das Wort verursachte bei mir ein Würge-gefühl im Hals. Ich hatte meine ganze Kindheit aufs ehrlich sein verschwendet und wie das ausging, wisst ihr ja. Und Jack! Bei ihm war ich in einer ähnlichen Situation. Ich kannte ihn nur nicht halb so gut, wie ich Drakken kannte. In diesem Fall war das einerseits ein Vorteil, andererseits ein riesiger Nachteil. So war ich bei Dr. D. zum Beispiel eher bereit mich auf ein ehrliches Leben einzulassen als bei Jack, der ja fast ein völlig Fremder war. Andererseits war eine der Eigenschaften, die ich an Drakken immer bewunderte, seine Unerschütterlichkeit. Egal wie viele seiner Pläne schiefgingen, er dachte nie daran aufzugeben und...nun...Lehrer zu werden. Aber was soll's? Da war ich nun und brachte Drakken zu seinem ersten Arbeitstag an der Uni."
Shego und Drakken standen auf dem Parkplatz der Swenlin Universität. Um sie herum wimmelte es von Studenten, die alle in die verschiedensten Richtungen liefen, sich unterhielten oder mit dem Finger auf das blau/grüne Paar auf dem Parkplatz zeigten.
Dr. Drakken trug einen ungewöhnlich seriös aussehenden, dunkelbraunen Anzug. Komplettiert wurde sein Outfit durch eine Aktentasche aus Kunstleder.
"Also, mein Schatz, benimm dich und mach dich nicht schmutzig. Nimm keine Süßigkeiten von Fremden an, sag 'nein' zu Drogen und wenn dich jemand ärgert, ignoriere ihn einfach. Der hört dann von alleine auf. Und solche Menschen sind nicht deine Freunde, " sagte Shego mit einem breiten Grinsen, während sie den Hemdkragen des Doktors zurecht zog.
"Meinst du, der Anzug ist nicht zu förmlich?" fragte er.
"Ja, aber nun ist es zu spät um sich umzuziehen."
"Das hättest du mir vorher sagen sollen, Shego. Nun sehe ich aus, wie ein Spießer. Aber vielleicht wenn ich..." Er löste mit einem leichten Ruck die ansteckbare Krawatte von seinem Kragen und knöpfte die oberen zwei Knöpfe seines Hemdes auf. "Wie ist es jetzt?"
"Nun...es ist nicht schlechter," antwortete Shego und versuchte dabei so ernst zu wirken, wie sie nur konnte.
"Ich will nur nicht, dass meine Studenten glauben, ich wäre ein alter, uncooler Knochen. Ich bin cool und voll auf der selben Wellenlänge."
"Gut, dann gebe ich dir ein paar Hinweise. Regel Nummer eins um in den Augen von jüngeren cool zu wirken: Versuche auf keinen Fall in ihren Augen cool zu wirken."
"Aber..."
"Kein aber. Du wirst keine Slangausdrücke benutzen, schon gar nicht diese, die seit zehn Jahren niemand mehr verwendet. Ausserdem wirst du nicht über Musik reden. Dein Musikgeschmack ist schrecklich und mit dem, was gerade so modern ist, kennst du dich überhaupt nicht aus."
"Aber..."
"Nein, immer noch kein aber. Die 'Oh Boyz' sind so out wie damals, bevor sie entführt wurden. Das kommt davon, wenn man sich von einem nackten Nagetier managen lässt. Wage es also nicht, sie mit irgendeinem Wort zu erwähnen."
Der Doktor sah auf die Uhr.
"Mein Unterricht fängt bald an."
"Gut, dann bringe ich meinen Vortrag zu einem schnellen Ende. Wann immer du glaubst, dass dich etwas in den Augen deiner Studenten oder irgendjemand anderem cool aussehen lässt, tue es nicht, denn es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das Gegenteil bewirken. Noch Fragen?"
"Nur eine. Und...dann noch eine. Wirst du es heute so ganz ohne mich aushalten und wirst du es schaffen, dich zu benehmen, so wie du es mir versprochen hast?"
"Ja und ja."
"Bekomme ich noch einen Kuss bevor ich in die Höhle des Löwen gehe?"
"Da sage ich doch glatt nochmal 'ja'."
"Er war ein unerwartet guter Küsser. Er muss wohl ein Naturtalent gewesen sein, denn ich bezweifle, dass er viele Gelegenheiten zum üben hatte. Wie dem auch sei, kaum war er in der Universität verschwunden, hatte ich keine Ahnung, was ich nun machen sollte. Das Beste wäre vielleicht gewesen, einfach zu Hause zu bleiben und jede Form von Ärger zu vermeiden, aber so etwas war noch nie mein Stil. Gut, ich rannte auch nicht den ganzen Tag durch die Gegend und brach das Gesetz wann immer ich konnte, aber ich versuchte auch nie, Gesetzesübertretungen zu vermeiden. Jetzt musste ich aber genau dieses tun. Meinem Freund zur Liebe. Normalerweise verfüge ich über ein ziemlich gesundes Selbstvertrauen, doch diesmal hatte ich keine Ahnung ob und wie ich das schaffen sollte. Mir blieb nur eine Wahl."
"Alles klar, Ron, wir sehen uns dann heute Nachmittag," sagte Kim Possible über ihren Kimmunicator zu ihrem Freund. "Gib dem College noch eine Chance. Du bist erst seit ein paar Stunden dort. Es kann sich noch alles ändern."
"Aber...der Tintenfisch!"
"Ignoriere den Tintenfisch einfach. Er hat vor dir garantiert mehr Angst als du vor ihm."
"Ich habe keine Angst vor ihm, ich..."
"Bis später Ron, ich liebe dich."
"Ich dich auch," seufzte Ron und beendete das Gespräch.
Gerade als Kim sich ihrem Mittagessen widmen wollte, setzte sich Shego auf den Stuhl, direkt gegenüber von ihr.
"Ääh, hallo," sagte Kim überrascht. "Was für ein unerwarteter Besuch, hier, mitten in der College-Cafeteria."
"Ja, das war eine spontane Idee von mir."
Kim nickte. Shego nickte zurück. Sekunden vergingen, bevor Kim beschloss, die Konversation voran zu treiben.
"Also, Shego, wie läuft es denn so mit Dr. Drakken und dir?"
"Gut. Danke. Und...mit dir und...äh...ihm?"
"Ron."
"Ron?"
"Ron. Er geht auf ein anderes College. Ist aber nicht weit von hier, wir werden uns also noch oft genug sehen."
"Aha."
"Ich habe gehört Drakken unterrichtet jetzt."
"Ja, das tut er."
Erneutes Schweigen.
"Du hast nicht vor, mit mir zu kämpfen Shego, oder?"
"Nein, ich kann dir versichern, dass ich jetzt gerade nicht vorhabe, mit dir zu kämpfen."
"Das ist gut," lachte Kim. "Ich meine, nicht dass ich ein Problem damit hätte, aber heute ist mein erster Tag auf dem College und du verstehst sicher..."
"Ja, ich verstehe."
Kim räusperte sich, während sie versuchte, Shegos stechenden Blicken stand zu halten.
"Warum starrst du mich so an?"
"Ich starre?"
Langsam wurde Kim etwas nervös. Nicht wirklich ängstlich, denn sie stand Shego schon zu oft im Kampf gegenüber um wirklich Angst vor ihr zu haben, aber sie hatte keine Ahnung, was sie nun vorhatte.
"Ja, du starrst. Was willst du? Brauchst du Hilfe?"
Shego überlegte kurz und antwortete: "Ja, doch, etwas."
"Gut, denn ich helfe gerne. Aber...das weisst du sicherlich. Wobei brauchst du Hilfe?"
"Ach, bei diesem und bei jenem."
"Bei diesem und bei jenem," wiederholte Kim und griff nach ihrem Kimmunikator. "Ron? Ist bei dir auch etwas merkwürdiges im Gange?"
"Abgesehen vom Tinten..."
"Abgesehen davon."
"Nicht merkwürdiger als sonst. Wieso?"
"Shego sitzt bei mir und benimmt sich...na ja...merkwürdig."
"So wie damals, als ihr zwei die besten Freundinnen wart und sie mit Barkin ausging?"
"Nicht so merkwürdig. Aber irgendwie...schräg. Sie sitzt da und starrt mich an."
"Sonst nichts? Zeig mal."
Sie richtete den Kimmunikator auf Shego. Bei ihrem Anblick zuckte Ron kurz zusammen. Er hatte das Gefühl, als könnte sie durch den Kimmunikator hindurch greifen und ihm körperliche Schäden zufügen.
"Oh, ha ha, hi Shego!" sagte er und zog sich nervös am Shirtkragen.
"Hallo, Ron."
"Ääääääääh....auf Wiedersehen, Shego."
"Auf Wiedersehen, Ron."
Kim drehte den Kimmunikator wieder zu sich.
"Siehst du, was ich meine?"
"Und ob ich das sehe. Ich zittere immer noch. Was will sie?"
"Sie sagte, sie braucht Hilfe."
"Wenn sie Hilfe von dir braucht, muss es ernst sein."
"Das befürchte ich auch. Ich...Moment sie steht auf."
"War nett, dich mal wieder zu sehen, Kimmie. Einen schönen Tag noch!"
Mit diesen Worten dreht sich Shego um und wollte den Raum verlassen.
Kim rief ihr noch hinterher: "Hey, warte! Was sollte das jetzt? Ich dachte, du brauchst Hilfe!"
Shego blieb stehen und drehte sich um.
"Du hast mir schon geholfen. Sehr sogar."
Kim und Ron warfen sich über den Kimmunikator fragende Blicke zu.
"Wie meinst du das?!"
Sie ging zurück zu Kims Tisch und sagte ihr mit einem breiten Grinsen ins Gesicht: "Ich saß dir gerade fünf Minuten gegenüber und habe es geschafft, nicht einmal daran zu denken dir ins Gesicht zu schlagen, dich vom Dach des Gebäudes zu werfen oder sogar beides zusammen zu tun. Ja, ich musste mich stark zusammenreissen, doch nun wo ich das geschafft habe, bin ich mir sicher, dass ich es auch schaffen kann, ein ehrliches Leben anzufangen. Danke für deine Unterstützung."