"Es war nicht alles schlecht," sagte Shego. "Ich habe das ehrlich-sein zwar gehasst, aber es gab auch den einen oder anderen Vorteil. Vor allem, wenn man zuvor maßgeblich an der Rettung der Welt beteiligt war."
"Shego, wie lange dauert dass denn noch?" jammerte Drakken.
Er und Shego befanden sich schon seit über einer Stunde in einer teuren Boutique. Während seine Freundin immer wieder neue Kleider anprobierte, musste er auf einem unbequemen Holzstuhl sitzen.
"Hör auf zu jammern," sagte Shego durch den Vorhang der Umkleidekabine hindurch. "Das sind die ganz normalen Pflichten, die jeder Mann in einer Beziehung erfüllen muss."
"Hab Geduld mit mir. Das ist neu für mich!"
"Mir auf diese Art Kleider zu besorgen war übrigens auch für mich neu. Damit meine ich nicht nur einen Mann dabei zu haben, der wie ein kleines Kind herumjammert, sondern auch, dass ich tatsächlich vorhatte, für die Kleider zu bezahlen. Normalweise wäre ich einfach Nachts wiedergekommen und hätte alles gestohlen, was mir bei der Anprobe tagsüber gefallen hätte. Ihr seht also, dass ich versuchte, die Sache mit der Ehrlichkeit durchaus ernst zu nehmen."
Während Drakken über einen Weg nachdachte, irgendetwas spaßigeres zu unternehmen ohne seiner Freundin auf die Füße zu treten, klingelte Shegos Handy.
"Gehst du bitte ran?" rief sie.
Drakken antwortete: "Natürlich" und fügte noch ein gemurmeltes: "Anrufbeantworter muss ich auch noch spielen" hinzu.
"Und dafür bin ich dir sehr, sehr dankbar!"
"Du hast Ohren, wie eine Katze."
"Sogar noch besser! Jetzt geh endlich an mein Handy. Es könnte ja wichtig sein."
"Wie bedient man das?"
"Drück den grünen Knopf, dann sprich!"
"Die Telefone in seinem Versteck hatten immer noch eine Wählscheibe."
Dr. Drakken sah sich das Handy genau an. Endlich fand er den grünen Knopf.
"Ja, hallo? Äh...Shegos Handy, sie sprechen mit Dr. Drakken. Aha. Sie ist gerade beschäftigt, aber ich kann sie fragen."
"Was fragen?"
"Ob du Interesse daran hättest, diesen Freitag als Gast in Doyle O'Brians Late Night Show dabei zu sein."
Shego steckte ihren Kopf durch den Vorhang der Umkleidekabine und fragte: "Echt jetzt?"
"Echt jetzt?" fragte Drakken ins Telefon und bestätigte zwei Sekunden später: "Ja, echt jetzt."
"Natürlich! Ähm...frag sie, ob sie mich in einer Stunde zurückrufen können. Ich würde das gerne in Ruhe besprechen."
"Sie würde gerne, aber können sie sie in einer Stunde zurückrufen? Ja, danke. Bin ich auch eingeladen? Hallo?" Er murmelte kurz irgendetwas und sagte dann zu Shego: "Sie rufen dich zurück."
"Ist gut", sagte sie und kam mit einem eleganten, grünen Abendkleid aus der Umkleidekabine. "Meinst du, ich sollte das in der Show tragen oder ist das vielleicht zu elegant?"
Drakken zog seine Zunge langsam wieder in seinen Mund zurück und antwortete in gespielter Lockerheit: "Nein, es ist genau richtig. Siehst gut aus darin."
"Danke, mein Liebster. Sei so nett und such mal meine Kreditkarte, während wir zur Kasse gehen."
"Das iest nischt nötisch," sagte ein Mann mit einem peinlich gekünstelten, französischem Akzent.
"Und warum ist das niescht nötisch?" fragte Shego.
"Iesch schenge es ihnen. Darf iesch miesch stellen vor? Jean-Paul DeSigner. DER Jean-Paul DeSigner!"
Drakken kratzte sich nachdenklich am Kinn.
"Woher kenne ich ihren Namen nur?"
"Vielleicht, weil ihm die Boutique gehört?"
Dr. Drakken sah sich um und las die vielen dutzend "Jean-Paul DeSigner"-Schriftzüge, die überall im Geschäft, an den Wänden und an den Produkten selber zu lesen waren.
"Ja, das ist gut möglich."
"Und isch kenne sie. Und weil sie gerettet 'aben die Welt, isch schenke ihnen diese Kleid."
"Bekomme ich auch etwas? Ich habe die Welt nämlich auch gerettet. Sogar etwas mehr, als sie. Aber ich will ja nicht angeben."
"Werden sie auch sein in die Late Night Show?"
"Aber natürlich."
"Als Gast oder Zuschauär?"
"Aha, so läuft der Hase also. Sie soll wohl ganz zufällig in der Show erwähnen, von wem sie das Kleid hat."
"Ja, das ist so üblisch in där Brange."
Shego näherte sich Jean-Pauls Ohr und säuselte: "Dann seien sie doch so nett und geben meinem Freund auch noch einen Anzug. Das würde doch ein schlechtes Licht auf uns alle werfen, wenn ich in feinste DeSigner-Stoffe gehüllt bin, aber mein Partner herumläuft wie ein Gammler."
"Abär natürlisch. Suchen sie siesch nur etwas aus. Egal was. Es gehd auf Räschnung von Jean-Paul DeSigner. C'est moi!"
Der falsche Franzose zog einen Fächer hervor und verschwand, eifrig damit herumwedelnd, in einem Büro hinter der Kasse.
"Ich gebe vielleicht keine riesigen Geldmengen für meine Kleidung aus, aber ich sehe doch nicht aus wie ein Gammler."
"Doch, aber dir steht dieser Look."
"Man hatte mir nie zuvor etwas geschenkt. Als ich noch zu Team Go gehörte, haben es mehrere Menschen versucht, aber Hego war der Meinung, dass es unehrenhaft oder so wäre, einfach Geschenke anzunehmen. Ich war auch nie zuvor in einer Talkshow. Als Verbrecherin kommt man nur dann ins Fernsehen, wenn nach einem gefahndet wird oder man gerade verhaftet wurde. Einige kleinere Gagenverhandlungen später, war ich dann fest als Gast für die Late Night Show von Doyle O'Brian gebucht. Ich war selber überrascht, wie nervös ich an dem Abend war, doch zum Glück verlief alles reibungslos. Nach seinem, wie üblich sehr witzigem Eröffnungsmonolog..."
"Oder wie unser Präsident es nennt: Mittagessen!"
"...und dem ersten Gast, dem Hollywoodregisseur Jimmy Blamhammer, der hauptsächlich Werbung für seinen neuesten Film machte..."
"Eine Achterbahnfahrt für das Publikum! Mit unglaublichen Spezaleffekten! Ihnen wird das Popcorn aus der Hand fallen! Mehrfach! Aber wir haben nicht nur Action, sondern auch echte Charaktere!"
"...war dann endlich ich an der Reihe."
"Begrüßen sie mit mir unseren nächsten Gast. Eine Frau, der seit kurzem die Weltbevölkerung zu Füßen liegt, weil sie maßgeblich an ihrer Rettung beteiligt war. Im Gegensatz zu früher, wo ihr die Weltbevölkerung zu Füßen lag, weil sie einfach jeden bewusstlos geschlagen hat, der ihr über den Weg lief. Bitte einen herzlichen Applaus für Shego!"
"Drakken applaudierte übrigens am lautesten. Und kaum hatte ich mich hingesetzt, kam auch schon die magische Frage."
"Ich muss sagen, sie tragen ein sehr schönes Kleid. Von wem ist das?"
"Bingbingbingbing! Die Erwähnung des Designers..."
"Chic, nicht wahr? Das ist von Jean-Paul DeSigner."
"...gepaart mit einem witzigen und vor Charme sprühenden Auftritt, führte zu einer erfolgreichen Karriere als...nennen wir es 'Prominente'."
Am nächsten Montag wurde Shego durch ein lautes Ächzen vor ihrer Tür geweckt.
Es klang als würde jemand am Ende seiner Kräfte: "Shego, hilf mir" keuchen.
Als sie dann vor ihre Tür trat, sah sie einen riesigen Sack mit Briefen davor liegen. Unter diesem Sack zappelten die Füße von Dr. Drakken.
"Ja, Postsäcke sind gefährlich. Wenn sie Angst riechen, schlagen sie gnadenlos zu," sagte Shego und befreite Drakken von seiner Last.
"Danke," keuchte er. "Ich habe es bis hierhin geschafft, aber dann bin ich gestolpert."
Während sie Drakken hoch half, fragte sie ihn: "Was hat es mit den vielen Briefen auf sich?"
"Laut dem Postboten, der sie einfach draussen vor der Tür hat stehenlassen, sind die alle für dich."
Sie nahm einen Brief heraus und öffnete ihn.
"Da gratuliert mir jemand zu meinem Auftritt in der Late Night Show und lädt mich, plus eine weitere Person, zu einer Filmpremiere ein."
"Oh, ich war noch nie auf einer Filmpremiere! Zeig mal her!"
Drakken pflückte ihr den Brief aus der Hand, während Shego einen weiteren öffnete.
"Das ist ein Angebot für einen Werbespot," sagte sie ungläubig.
"Was sollst du bewerben?"
"Müsli."
"Müsli? Sagst du zu?"
Shego nahm einen weiteren Brief aus dem Sack.
"Ich bin nicht wirklich ein Müslifreund, aber das hier klingt besser!"
"Noch ein Werbespot?"
"Ja."
"Schokoriegel?"
"Parfüm."
"Wirst du den auch absagen?"
"Nein, ich glaube, den Spot drehe ich. Erstens gefällt mir Parfüm mehr als Müsli, zweitens bezahlen die besser!"
Shego sah auf die Uhr an der Wand des Hotelzimmers.
"Wisst ihr, ein ehrliches Leben zu führen machte viel mehr Spaß, wenn man Menschen, die zuviel Geld haben, genau dieses aus der Tasche zieht. Während Drakken erfolgreich unterrichtete, habe ich mit Werbeverträgen für Edelmarken das Geld nach Hause gebracht. Doch irgendwann fing auch das an mich zu langweilen und ich sehnte mich nach meinem alten Leben als Schurke zurück."
"Sie verschwanden ja ganz plötzlich für mehrere Jahre von der Bildfläche," merkte Julian an.
"Ja genau und morgen erzähle ich warum ich verschwand, wohin ich verschwand und was im Rest meines Lebens so aufregendes passierte. Wenn ihr bei 'drei' nicht aus meinem Zimmer raus seid, werdet ihr alles Andere als eine gute Nacht haben. Eins...zwei..."