"Einen schönen, guten Morgen wünsche ich," begrüßte Shego die beiden Filmemacher am nächsten Tag.
Julian sagte gar nichts und Washington murmelte nur: "Mein Ohr tut immer noch weh."
"Tja, ich hatte bis drei gezählt."
"Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass eine alte Frau im Rollstuhl so schnell ist."
"Wieder etwas dazugelernt, würde ich sagen. Und jetzt beeilt euch. Wir haben schon das ganze Wochenende hier verschwendet und nähern uns jetzt dem Endspurt."
"Jetzt schon?" fragte Julian.
"Ich sagte wir nähern uns dem Endspurt, nicht dass wir uns schon darin befinden würden. In meinem Leben sind noch so einige interessante Dinge passiert. Aber alles der Reihe nach. Ich weiss noch, als ich eines Samstagmorgens auf dem Weg zu einem Fotoshooting war und plötzlich unliebsamen Besuch in der Küche vorfand."
"So, Doktorchen, ich bin dann auf dem Weg zum Photoshooting. Und du willst sicher nicht mitkommen?" rief Shego auf dem Weg in die Küche.
Kaum hatte sie einen Fuß dort hinein gesetzt, blieb sie überrascht stehen. Am Frühstückstisch saßen drei, ihr völlig unbekannte Männer.
Der erste von ihnen war ziemlich groß, aber auch stark übergewichtig. Die anderen beiden waren eher klein und dünn.
Alle drei aßen Corn Flakes.
"Gudn Morgn Fego," sagte der große Dicke mit vollem Mund.
Shego hob eine Augenbraue und fragte: "Muss ich irgendeinen von euch kennen?"
Der erste Dünne schien aufgrund dieser Bemerkung fast den Tränen nah.
"Wir...haben jahrelang für sie gearbeitet."
"Ach, echt?" antwortete ihr vermeintlicher Ex-Boss nur.
"Wir...wir sind Handlanger. Sie erkennen uns vermutlich nicht, da wir ja sonst immer diese unbequemen Uniformen tragen, die auch noch unser halbes Gesicht bedecken."
"Ja, das wird es sein," sagte Shego anteilnahmslos. "Wo ist Dr. D. und warum seid ihr hier? Ich dachte, alle Handlanger hätten sich neuen Aufgaben zugewandt."
"Wir haben sie alle fristlos entlassen. Wir brauchten einfach keine Handlanger mehr. Schon gar keine derart unfähigen."
Während der zweite Dünne sein Frühstück weiter aß, antworteten die anderen beiden abwechselnd Shego.
,"Drakken holt neue Milch."
"Aus dem Milchraum."
"Wir haben die letzte Milch aufgebraucht."
"Für die Corn Flakes."
"Gute Corn Flakes."
"Sehr gute Corn Flakes."
"Haben sie die gekauft?"
"Wirklich gute Corn Flakes."
"Ich mag Corn Flakes."
"Ich mag die Fotos, die sie für 'Kämpfende Frau Heute' gemacht haben."
"Alter, du liest diese Frauenzeitschrift?"
"Nur dieses eine Mal."
"Ja klar."
"Tut mir leid, dass ich Interesse an der weiteren Karriere meiner ehemaligen Chefin zeige."
"Äh, Leute?" unterbrach Shego die Diskussion. "Ich frage nur noch einmal. Was macht ihr hier?"
In dem Moment kam Drakken mit einem Karton frischer Milch um die Ecke.
"Ich habe sie eingeladen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus," sagte er und küsste seine Freundin auf die Wange.
"Nein," sagte sie, "ich bin dieses Wochenende ja ohnehin nicht hier."
"Genau darum habe ich sie eingeladen. Ich hatte mal wieder Lust auf einen echten Männerabend. Du weisst schon, mit jeder Menge ungesundem Essen und Sportübertragungen im Fernsehen."
"Ja, was immer du willst. Hab Spaß mit deinen Freunden, mach keinen Schwachsinn und räume alles schön wieder auf, bevor ich morgen Abend wiederkomme. Bekomme ich noch einen Kuss bevor ich gehe?"
"Ich habe schon gedacht du fragst nie."
Und unter den Augen der sichtlich errötenden Handlanger, gab sich das verliebte, buntgesichtige Paar einen langen Abschiedskuss.
"Er war so ein hervorragender Küsser. Ich kann es nicht oft genug sagen. Aber die Geschichte über den Männerabend mit den Handlangern? Das war einfach viel zu unglaubwürdig. Er hatte vielleicht nicht viele Freunde und selbst die konnte er nicht wirklich leiden, aber er musste schon ganz schön verzweifelt sein um einige seiner ehemaligen Handlanger für einen Männerabend zusammenzutrommeln und ihnen sogar noch Frühstück zu machen. Mir war klar, dass da mehr dahinter steckte. Aber bevor ich dem nachging, hatte ich erst noch einen Job zu erledigen."
Während Shego ihre grünen Flammen nach einem panisch davonlaufendem Fotografen warf und sowohl ihn, als auch eine Fotokamera im Wert von Ca. 1800? nur knapp verfehlte, rief sie ihm hinterher: "Recklinghausen-Süd ist um diese Jahreszeit alles andere als schön. Und wenn ich mich hier so umsehe, glaube ich, dass es zu gar keiner Zeit schön ist. Von den umliegenden Städten will ich gar nicht erst anfangen! Wisst ihr was? Betrachtet dieses Shooting als beendet!"
Es dauerte nicht lange, bis eine kleine Gruppe, in teure Maßanzüge gehüllter Juristen wie aus dem Nichts auftauchte. Der Anführer von ihnen wedelte furchtlos mit einem Vertrag vor Shegos Nase herum.
"Sie haben sich für dieses Fotoshooting vertraglich verpflichtet und wenn sie jetzt einfach abreisen, werden wir eine hohe Geldstrafe verhängen."
Sofort ging der Vertrag in grünen Flammen auf.
"Kann ich mir leisten."
"Und schon war ich wieder auf dem Weg nach Hause. Der eventuelle Imageverlust durch meinen Wutausbruch während der Arbeit störte mich keineswegs. Ich hatte alle Anwesenden derart eingeschüchtert, dass keiner von ihnen es gewagt hätte, damit an die Presse zu gehen. Und selbst wenn, so langsam hatte ich genug von meinem Dasein als charmante Weltenretterin. Wie ihr ja sicher mittlerweile wisst, kann ich nur für begrenzte Zeit nett sein. Hinzu kam noch, das mein Freund irgendeinen Blödsinn vorhatte und ich keine Ahnung hatte, worum es ging."
Die Sonne ging gerade unter, als Shego wieder auf dem Inselversteck ankam. Sie warf ihr Reisegepäck in die Ecke und ging zum Aufenthaltsraum.
Wenn Drakken die Wahrheit gesagt hätte, sollte sie dort ihn, zusammen mit den drei Handlangern und jeder Menge Fast Food, vor dem Fernseher wiederfinden. Doch genau wie sie erwartet hatte, war der Raum so leer wie sauber. Nirgends waren Anzeichen für einen Männerabend vorzufinden.
"Selbst die Möglichkeit, dass er schon vorbei wäre und alles wieder aufgeräumt wurde, war mehr als unwahrscheinlich. Einfach aus dem Grund, weil Drakken niemals so gründlich aufräumen würde."
"Hallo!? Irgendjemand hier!?" rief Shego durch die Gänge, doch niemand antwortete.
Sie ging zu Drakkens Computer und ließ von ihm eine Wärmeabtastung des Verstecks durchführen. Abgesehen von ihr selber, war aber niemand sonst im Gebäude.
"Sollte er eine Überraschungsparty für mich planen, gibt es Verletzte," sagte Shego zu sich selbst und ging zum Labor ihres Freundes.
Dieses war so chaotisch und unaufgeräumt wie immer. Reagenzgläser und Werkzeuge lagen kreuz und quer überall verstreut. An einer Pinwand hingen dutzende von Blättern, ohne eine bestimmte Reihenfolge wild übereinander geheftet. Doch trotz der allzu offensichtlich nicht vorhandenen Ordnung, fiel Shego eine Gemeinsamkeit im ganzen Papierkram sofort ins Auge. Es waren lauter Schaubilder und Diagramme, schematische Darstellungen und manchmal einfach nur kleine, kindlich anmutende Kritzeleien, die sich um das selbe Thema drehten.
"Gemüse? Warum interessiert er sich plötzlich so für Gemüse? Ich konnte ihn bis jetzt ja noch nichtmal dazu bringen, seinen Salat aufzuessen."
Shego kratzte sich kurz am Kinn und ging dann zum nächsten Computer, den sie finden konnte. Dort gab sie in eine Suchmaschine "Gemüse" ein.
"Das kann nicht dein Ernst sein. 22.600.000 Ergebnisse!?"
Nach einer kurzen Überlegung löschte sie die Suche und gab stattdessen "richtig viel Gemüse" ein.
"Na also, jetzt kommen wir der Sache doch schon näher," sagte sie. "Auf ins Tri City Supergewächshaus. Und wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege, wird heute aber jemand auf der Couch schlafen."
"Wir schliefen ohnehin in getrennten Zimmern, aber ich hatte mir vorgenommen, sein Bett abzufackeln."
Das Tri City Supergewächshaus war, wie der Name schon erahnen ließ, ein wirklich großes Gewächshaus. Es wurde aus zwei Gründen gebaut. Einer war, um ins Buch der Rekorde zu kommen und dem bisherigen Rekordhalter, Go City, eine lange Nase zu drehen.
Als Shego dort ankam, war es tief in der Nacht. Natürlich war alles ruhig. Wer würde auch schon mitten in der Nacht in einem Gewächshaus Krawall machen?
Es dauerte nicht lange, bis Shego den ersten Anhaltspunkt für Drakkens Anwesenheit fand. Einen mehr schlecht als recht eingeparkten Fluggleiter. Während sie über die umgestürzte Straßenlaterne stieg um den Kratzer, der die gesamte rechte Seite Gleiters zierte, näher zu begutachten, spielte sie mit dem Gedanken, später vielleicht auch die Couch anzuzünden.
Die Eingangstür zum Gewächshaus stand weit offen. Je deutlicher es wurde, das Drakken und seine Handlanger hier waren, desto mehr fragte sich Shego, was sie eigentlich hier wollten. Dann fing sie an sich zu fragen, wie lange es dauern würde, bis ihre Lieblingsfeindin hier auftauchte. Abgesehen davon, dass sie ohnehin immer zu wissen schien, wo sie und Drakken sich aufhielten, war er diesmal in ein riesiges Gebäude aus Glas eingestiegen. Es würde also nicht lange dauern, bis irgendjemand die verdächtig aussehenden Gestalten in dessen Inneren bemerken und nach Hilfe rufen würde.
Shego betrat das Supergewächshaus und beobachtete einige Sekunden lang wie Drakken und seine Handlanger eine große, metallisch glänzende Kugel in der Mitte eines Auberginenfeldes platzierten.
"Was wird das wenn es fertig ist?" fragte sie schließlich mit einem tiefen Seufzer.
Die Handlanger erstarrten und sahen in Shegos Richtung. Hätten sie nicht ihre alten Uniformen getragen, hätte man auch noch sehen können, wie sie ihre Augen vor Schreck weit aufrissen.
"Shego!? Was machst du hier?" fragte Drakken sichtlich überrascht.
"Hat man dir nicht beigebracht, eine Frage nie mit einer Gegenfrage zu beantworten?"
"Habe ich das getan?"
"Ja! Aber...das ist mir egal. Ich will nur wissen, was du bitte sehr da machst? Sag mir nicht, das ist eine Hausaufgabe, die du für deine Schüler vorbereitet hast."
Dr. Drakken murmelte leise vor sich hin: "Jetzt muss ich mir auch noch eine andere Ausrede einfallen lassen," bevor er einer weiteren Person Rede und Antwort stehen musste.
"Was wird das, wenn es fertig ist?" fragte Kim Possible, als sie wie aus dem Nichts hinter einem Tomatenstrauch erschien.
"Genau das habe ich mich auch gerade gefragt, Kimmie. Aber wie üblich kommst du zum völlig falschen Zeitpunkt und bringst alles durcheinander."
"Äh, das ist eine Hausaufgabe, die ich für meine Schüler vorbereitet habe," log Dr. Drakken allen Anwesenden ins Gesicht.
Ron Stoppable stolperte nun ebenfalls ins Gemüsebeet.
"Jetzt mal ehrlich, was für eine Hausaufgabe soll das sein, bei der der Lehrer in ein Gewächshaus einbricht?" fragte er.
"Eine...wichtige, die über 50% der Gesamtnote ausmacht?"
Kim verschränkte die Arme vor ihrem Körper und seufzte: "Was für eine unglaublich lahme Ausrede."
"Und die Enttäuschung erst," fügte Ron hinzu. "Hattet ihr euch nicht eigentlich gebessert?"
Die Handlanger setzten die Kugel auf dem Boden ab und sagten kleinlaut im Akkord: "Tut uns leid."
"Euch meinte ich doch gar nicht. Ich weiss ja noch nichtmal was ihr in den letzten Monaten getrieben habt. Aber die Entschuldigung nehme ich trotzdem an."
Kim warf sich in Kampfpose.
"Also, wollen wir dann mit dem Kampf anfangen?"
Shego winkte ab.
"Kann ich erstmal mit meinem Freund reden? Ich befinde mich nämlich gerade in einem Zustand der völligen Ahnungslosigkeit und dagegen möchte ich gerne etwas tun."
"Klar, nur zu."
Als Shego auf Drakken zuging, schien sie ruhig und gefasst zu sein, doch der Doktor kannte seine Freundin gut genug um zu wissen, dass dieser Zustand nur äusserlich war.
"Lass mich bitte erklären," sagte er, die Hände schützend vor sich haltend.
"Genau aus diesem Grunde bin ich hier. Also los, erkläre es mir."
Er holte einmal tief Luft, legte den Arm um Shegos Schultern und flüsterte ihr zu: "Diese Metallkugel verursacht, wenn sie einmal eingeschaltet ist, eine Strahlung, die die DNS von Gemüse verändert."
"Du willst doch keine Armee von Gemüsemutanten erschaffen, oder?"
"Ich bitte dich. Dieser Plan wäre selbst für mich zu peinlich. Nein, die Veränderung bezieht sich nur auf den Geschmack. Selbst die roteste Tomate schmeckt nur noch nach eingeschlafenen Füßen. Wer dann zum Beispiel einen frischen Salat will, muss sein Gemüse bei mir kaufen. Natürlich zu überteuerten Preisen. Das hier ist nur ein Testlauf. Später werde ich einen Satelliten in die Umlaufbahn schicken, der die ganze Welt bestrahlen soll."
"Und was für eine Auswirkung haben die Strahlen auf Menschen und Tiere?"
"Keine. Die Strahlung ist harmloser als das, was die Sonne jeden Tag zu uns schickt."
"Gut, damit wären dann das 'was' und 'wie' geklärt, aber wie steht es mit dem 'warum'?"
"Ich bin einfach ein kleiner Tunichtgut, Shego. Erst fand ich den neu gewonnenen Respekt der Welt mir gegenüber ja ganz gut, aber wenn man Tag für Tag in einem Hörsaal steht und Geschichten aus seiner kriminellen Vergangenheit zum Besten gibt, weckt das gewisse Erinnerungen. Und glaube mir, meine Zeit als Welteroberer war die schönste, die ich je hatte."
"Aha, reizend, aber ich wüsste jetzt noch gerne WARUM DU MIR NICHTS GESAGT HAST!"
"Du...hast so glücklich gewirkt. Deine Werbeverträge, die Fernsehauftritte, die Interviews...ich wollte dir das alles nicht wegnehmen."
Shego lächelte und gab Drakken einen Schmatzer auf die Lippen. Dann wurde sie aber schnell wieder ernst.
"Dir ist nie in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht all das sofort aufgegeben würde, wenn du mich nur gefragt hättest?"
Bevor Drakken antworten konnte, gesellte sich Ron zu Shego und ihm.
Er legte seine Arme um die Schultern der beiden und fragte: "Tut mir leid wenn ich euch unterbreche, aber dauert das hier noch länger? Ich muss morgen nämlich früh raus und..."
Plötzlich durchfuhr ein dunkelroter Blitz das Gewächshaus.
Dr. Drakken drehte sich zu seinen Handlangern und schrie: "Was bitte sehr sollte das denn?"
"Tut mir leid," sagte der große Handlanger. "Ich dachte mir, ich schalte das Ding einfach mal ein."
Rufus hüpfte aus Rons Hosentasche, biss in eine Tomate und schüttelte sich angeekelt.
"Das ist nicht gut," seufzte Kim.
Drakken sprang vor Freude in die Luft.
"Ja! Dieses eine Mal hat Kim Possible versagt!"
Shego schubste Ron von sich weg und ging zum Ausgang.
"Hey, wo willst du hin?" rief Drakken ihr hinterher.
"Ich habe Kopfschmerzen. Ich gehe nach hause. Erst weihst du mich nicht in deinen Plan ein, dann schaffst du es auch noch ohne mich, dass Kim ihn nicht vereiteln kann. Ach, und bevor ich es vergesse, du hast nicht wirklich gewonnen. Du hast die Ernte von einem, lausigen Gewächshaus vernichtet. Und bevor du irgendetwas anderes anstellen kannst, musst du erst an Kim vorbei."
"Ich war wirklich wütend auf Drakken. Aber nicht so wütend, dass ich mich nicht auf eine neue Verbrecherkarriere an seiner Seite freuen würde. Ich ließ ihn trotzdem ein paar Tage im Gefängnis schmoren, bevor ich ihn dort herausholte. Dann passierte aber etwas, womit niemand so wirklich gerechnet hatte."