"Ich gehe nicht gerne zum Arzt. Das hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel mag ich den Geruch dort nicht. Und erst die ganzen kranken Menschen um einen herum. Der wichtigste Grund ist vielleicht, dass ich nicht einfach gleich wegen jeder kleinen Grippe zu jemandem gehen muss, der mir Bettruhe und Aspirin verordnet. Selbst bei meinen Knochen muss schon mindestens ein Bruch drin sein, bevor ich auch nur an einen Arzt denke. Manchmal erwischt es mich aber schon schwerer als erwartet und dann muss ich wohl oder übel einen Doktor aufsuchen. Und damit meine ich einen RICHTIGEN Doktor und nicht Dr Drakken."
Shego schwankte in die Küche. Sie setzte sich gegenüber von Drakken an den Tisch und vergrub ihren Kopf unter ihren Armen.
"Guten Morgen, du Schlafmütze," sagte Drakken. "Du siehst aus, als könntest du ein kräftiges Frühstück vertragen."
Shego hob langsam ihren Kopf und sah ihren Freund an. Sie wirkte selbst für ihre Verhältnisse ungewöhnlich blass, hatte tiefe Augenringe und einen sehr üblen Mundgeruch.
"Frühstück wäre schon," röchelte sie. "Ich kann aber nicht dafür garantieren, dass ich es bei mir behalte."
"Dies war nicht der erste Tag, an dem es mir schlecht ging. Ich hatte schon zwei oder drei Tage mit einigen Problemen zu kämpfen, nur an dem Tag ging es mir so schlecht wie nie."
"Bedeutet das, du willst etwas haben oder nicht?"
Sie überlegte kurz. Doch bevor sie antworten konnte, riss sie ihre Augen weit auf, sprang vom Stuhl und rannte ins nächste Badezimmer.
Etwas später kam Dr. Drakken nach und klopfte von aussen an die Tür.
"Äh, kann ich dir helfen? Deine Haare halten oder so?"
Shego rief durch die Tür: "Nein, es ist alles in Ordnung."
"Bist du sicher?"
Die Badezimmertür öffnete sich. Shego stand mit einer Zahnbürste in der Hand dahinter.
"Ich werde mir nur noch die Zähne putzen, dann bin ich sofort bei dir."
"Dann fiel ich ihn Ohnmacht. Als ich wieder aufwachte, lag ich in meinem Bett. Drakken ging aufgeregt auf und ab und ein fremder Mann stand neben mir und war dabei meinen Blutdruck zu messen."
"Sie wacht auf! Sie wacht auf! Sie wacht auf!" rief Drakken sichtlich erleichtert.
Shego sah sich im Raum um.
"Vielleicht...war doch nicht alles in Ordnung," murmelte sie. "Aber nun geht es mir garantiert besser."
"Ich würde sie gerne noch weiter untersuchen," sagte der Mann an ihrem Bett.
"Wer sind sie? Ein Arzt?"
"Dr. Gahan. Angenehm."
"Sie sind aber ein echter Arzt, oder? Nicht so wie der Blaue da drüben."
"Hey, ich hab mir Sorgen um dich gemacht und so dankst du mir?"
"Ja, ich versichere ihnen, ich bin ein richtiger Arzt. Und wenn einer meiner Patienten plötzlich ohnmächtig wird, nehme ich das sehr ernst."
"Vielleicht ist mir das aber egal?"
Shego richtete sich im Bett auf und entflammte wütend ihre Hände. Dies hatte aber zur Folge, dass ihr wieder schwarz vor Augen wurde und sie sich erneut hinlegen musste.
"Lass dich bitte von ihm untersuchen, Shego. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um dich. Die letzten paar Tage schien es dir auch nicht so gut zu gehen."
"So so," sagte Dr. Gahan. "Sind sie öfter krank?"
"Ich hatte einmal eine schwere Erkältung, aber das ist schon Jahre her. Warum rede ich mit ihnen?"
"Weil sie tief in ihrem Inneren wissen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt und sie besser einen Arzt aufsuchen sollten."
"Ja, da hatte er leider recht. Also warf ich Drakken raus und ließ mich mal durchchecken. Die finale Diagnose des Arztes kam so schnell, wie niederschmetternd."
"Nun, ich kann es nicht mit eindeutiger Genauigkeit sagen, aber auf mich wirkt es als wären sie einfach nur schwanger, Mrs. Drakken."
"Ich ignorierte, dass er mich 'Mrs. Drakken' nannte und zweifelte höflich seine Diagnose an."
"Okay, sie Quacksalber, ich habe keine Ahnung wie sie auf so eine Idee kommen, aber sie sollten sich lieber nochmal die Zeit nehmen, um ihr Urteil zu überdenken."
Dr. Gahan warf einen flüchtigen Blick auf seine Notizen.
"Natürlich werde ich noch ein paar Laborergebnisse abwarten, aber aufgrund der von ihnen genannten Symptome, Übelkeit am Morgen, extreme Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und alles weitere, könnte es durchaus eine Schwangerschaft sein."
"Könnte es eben nicht!"
"Warum? Haben sie etwa..."
"Hey! Arzt oder nicht, es gibt einige Dinge, die ich garantiert nicht mit ihnen besprechen werde!"
"Oder mit euch!"
"Sagen wir einfach, es ist absolut unwahrscheinlich."
Der Arzt verzog nachdenklich seinen Mund. Einen Moment später stand er auf und packte seine Sachen zusammen.
"Gut. Ich werde sie anrufen, sobald die Laborergebnisse da sind."
"Eine Stunde später klingelte das Telefon."
"Mrs. Drakken, sie sind eindeutig schwanger."
"Nennen sie mich nicht Mrs. Drakken! Ich kann nicht schwanger sein!" schrie Shego ins Telefon.
Drakken kam kurz darauf in ihr Zimmer gerannt.
Vorsichtig fragte er: "Ist...alles in Ordnung?"
"Ja," antwortete Shego. "Ich habe mich nur...darüber gefreut, dass es eine Grippe ist. Genau wie ich gesagt habe. Nichts ernstes. Du kannst also wieder mit dem weitermachen, was du vorhin gemacht hast."
Ihr Freund fasste sich ans Herz und seufzte erleichtert.
"So ein Glück. Soll ich dir vielleicht eine Suppe oder so machen?"
"Nein, später vielleicht."
"Ist gut."
Er warf seiner Liebsten noch einen Kuss zu und hüpfte dann fröhlich in sein Labor zurück.
"Ich werde mir am besten eine zweite Meinung einholen. Oder einfach überhaupt nichts tun," zischte Shego ins Telefon.
"Ganz wie sie meinen, aber in ein paar Monaten werden sie ihre Schwangerschaft nicht mehr ignorieren können."
"Doch, das geht ganz gut, wenn man gar nicht schwanger ist! Auf nimmerwiederhören."
Gerade als sie den Telefonhörer auflegen wollte, rief Dr. Gahan: "Halt warten sie! Ich habe nachgedacht!"
Langsam führte Shego den Hörer wieder an ihr Ohr.
"Aber wagen sie es nicht, mir mit irgendwelchen religiösen Erklärungen zu kommen."
"Nein, wo denken sie hin? Aber ich habe von dem Zwischenfall im Gewächshaus gehört."
"Worauf wollen sie hinaus?"
"Wissen sie zufällig, welche Art von Strahlung Dr. Drakken benutzt hatte?"
"Woher soll ich das wissen? Ich war in seinen Plan gar nicht eingeweiht. Irgendwelche Strahlen, die Gemüse nach eingeschlafenen Füßen schmecken lassen."
"Hm. Einschlaffuß-Schmecker Strahlen. Genau wie ich es mir gedacht habe."
"Sehr witzig."
"Sollte kein Witz sein. Die Strahlen wurden von Professor Einschlaffuß und Professor Schmecker entdeckt. Das sie Gemüse nach eingeschlafenen Füßen schmecken lassen, ist einfach nur ein unglaublich ironischer Zufall."
Shego verdrehte die Augen und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
"Was war das für ein Geräusch?" fragte Dr. Gahan durch das Telefon.
"Nur ein Ausdruck meiner verlorenen Hoffnung in diese Welt. Meinen sie ich habe eine Strahlenvergiftung oder so etwas? Sollten diese Strahlen nicht eigentlich ungefährlich für Menschen sein?"
"Es gab auch nur einige...Nebenwirkungen bei Meerschweinchen."
"Meerschweinchen. So so."
"Einige weibliche Meerschweinchen, die im direkten Körperkontakt mit männlichen Artgenossen standen während sie der Strahlung ausgesetzt waren, wurden schwanger."
"Ja, klar. Schwanger durch Strahlung. Danke, dass sie meine Zeit verschwendet haben."
Shego schlug den Hörer auf die Telefongabel und ging aufgeregt zum anderen Ende des Zimmers. Kaum dort angekommen ging sie wieder zurück zum Telefon, riss es samt Kabel aus der Wand und warf es auf den Boden, wo es in mit einem lauten Knall zersplitterte.
"Du hast doch nicht schon wieder ein Telefon kaputt gemacht, oder?" rief Drakken.
"Doch, habe ich! Tut mir leid!"
"Weisst du, mit der Zeit kommt da eine ganz schöne Summe zusammen."
"Ich bin mal kurz weg und kaufe ein neues!"
"Ich wollte kein Telefon kaufen. Das letzte gab es im Dreierpack, also hatte ich noch eins. Ich wollte mir die Sache mit der Schwangerschaft durch Strahleneinwirkung von jemandem erklären lassen, der mehr Ahnung davon hat. Auch, wenn ich dafür jemanden um Rat bitten musste, den ich überhaupt nicht ausstehen konnte."
"Also, wie läuft es denn mit Drakken und ihnen?" fragte DNEsther und schüttete Shego eine Tasse Tee ein. "Ich habe gehört, sie sind wieder auf der Seite des Bösen?"
"Ja, scheint so."
"Das kam ziemlich unerwartet."
"Nicht nur für sie."
"Also, sie haben gesagt, sie brauchen meine Hilfe?"
Shego trank nervös einen Schluck Tee.
"Was wissen sie über...Schwangerschaft durch Strahleneinwirkung?"
Esther fing an übers ganze Gesicht zu grinsen.
"Sie haben doch nicht etwa die Hand von jemandem gehalten, während sie im Gewächshaus standen, oder? Diese Einschlaffuß-Schmecker Strahlen haben nämlich bei Meerschweinchen, die in direktem Körperkontakt miteinander standen..."
"Ja, davon habe ich gehört," seufzte Shego. "Das ist also wahr?"
"Was Meerschweinchen angeht, ja."
"Aber wie?"
"Die Strahlen verändern ja die DNS von Gemüse. Hin und wieder wurde auch die DNS der weiblichen Meerschweinchen insofern verändert, dass sie einen Teil der DNS von demjenigen aufnahmen, den sie gerade berührten. Dies verursachte eine Schwangerschaft, in der zwar die ersten paar Monate etwas schneller abliefen als normal, es aber ansonsten keinerlei Unterschiede zur normalen Schwangerschaft gab. Alle kleinen, kuscheligen Babymeerschweinchen waren zu 100% gesund. Aber wie gesagt, nur in Einzelfällen. Und sie wären der erste Mensch, dem so etwas widerfahren ist."
"Juhu," seufzte Shego und trank ihre Tasse aus. "Aber Drakken hatte doch nur seinen Arm um meine Schultern gelegt. Ich glaube nicht, dass wir wirklich Hautkontakt in dem Moment hatten."
"Wenn sie nicht in Kunststoff eingepackt waren, macht das keinen Unterschied. Man kann doch auch einen Stromschlag durch die Kleidung hindurch bekommen. Noch ein Tässchen?" fragte Esther.
"Nein. Ich gehe nach Hause und schlafe eine Runde. Ich glaube, mir geht es nicht so gut. Sie sagen doch niemandem etwas von unserer Unterhaltung, oder?"
"Keine Sorge. Das bleibt alles unter ihnen, mir und Monty."
In dem Moment fiel Shego der versteinerte Monkey Fist im Wohnzimmer auf.
"Sehr charmante Dekoration. Ich muss hier weg."
"Tschüsschen!"
Shego flüchtete regelrecht aus Esthers Haus. Als sie den, mit buntesten Blumen bestückten Garten durchquert und den spießigen, weissen Gartenzaun hinter sich gelassen hatte, traf sie fast der Schlag.
"Oh verdammt," flüsterte sie, gefolgt von einem viel lauteren: "Oh nein, nein, NEIN!"
"Mir fiel ganz plötzlich etwas ein. Ein kleines Detail. Als ich der Strahlung ausgesetzt war, hatte nicht nur Drakken seinen Arm um mich gelegt...sondern auch Ron Stoppable."