Kapitel 34

Muttergefühle (Mama Shego, Teil 2)

"Nach diesem Schock tat ich erstmal das, was ich von Anfang an vorhatte. Ich ignorierte meine Schwangerschaft. Vielleicht war ich ja doch nicht schwanger. Das redete ich mir zumindest ein. Zum Glück war Dr. Drakken sehr hilfreich dabei, mich von meinem kleinen Problem abzulenken."

"Sag mal Shego, hast du zugenommen? AU! Hast du überhaupt eine Ahnung, wie weh das tut!? Es war doch nur eine Frage!"

"Die meiste Zeit aber eher weniger. Immerhin war er immer schnell dabei, sich irgendwelche Pläne zur Weltherrschaft auszudenken. Das bedeutete für mich, dass ich bald mit wichtigeren Dingen, als meiner eventuellen Schwangerschaft, beschäftigt war."

Shego lag mal wieder unter der gigantischen Bräunungslampe in Drakkens Labor. Normalerweise konnte sie sich bei ihrer täglichen Teintpflege immer am besten entspannen, doch diesmal schien ihr Badeanzug nicht richtig zu sitzen. Er fühlte sich irgendwie enger an als sonst. Dies musste jetzt aber natürlich nicht bedeuten, dass sie bedingt durch eine Schwangerschaft an Gewicht oder Körperumfang zugenommen hätte. Vielleicht, so dachte sie, wäre der Badeanzug einfach nur eingelaufen. Oder, was ihr viel vernünftiger erschien, der Anzug saß perfekt und alles war in Ordnung.
"Shego, meine Liebe, was hast du heute Abend vor?" fragte Dr. Drakken und setzte sich an den Rand ihrer Sonnenliege.
Sie blickte den Doktor über den Rand ihrer Sonnenbrille hinaus an und antwortete: "Meinst du, ich sollte etwas bestimmtes vorhaben? Wie zum Beispiel ein Abendessen zu zweit?"
"Ich hoffe doch nicht! Denn heute Abend brechen wir mal wieder in ein streng geheimes Labor ein und stehlen von dort streng geheime Dinge."
"Irgendwie habe ich auch nichts anderes erwartet," seufzte Shego.
"Schön, dass du heute Abend Zeit hast! Da hat nämlich ein Forschungsteam etwas entwickelt, was ich natürlich haben und für meine eigenen Zwecke benutzen will." Drakken sprang auf und rannte zurück zu seinem Arbeitsplatz. "Ich werde noch einige Details meines Plans ausarbeiten, aber ich sage dir rechtzeitig bescheid, wenn es los geht!" Plötzlich blieb er stehen, knirschte mit den Zähnen und murmelte: "Ich nun wieder." Er drehte sich wieder zu Shego und sagte mit einem breiten Grinsen: "Und danach führe ich dich in ein Restaurant aus! Hättest wohl gedacht, ich würde den Wink nicht verstehen, oder?"
"Ja, ganz recht. Genau so war es."

"Am Abend war es dann soweit. Wir flogen mal wieder zu einem geheimen Forschungslabor um etwas zu stehlen. Nicht unbedingt meine liebste Tätigkeit, weil sie weder besonders kreativ, noch wirklich herausfordernd ist, aber dummerweise die, die ich am häufigsten für Drakken erledigen musste. Diesmal freute ich mich aber darauf. So hatte ich wenigstens mal etwas anderes im Kopf, als mein kleines Schwangerschaftsproblem."

Lautlos näherte sich Drakkens Fluggleiter einem Park, nicht weit vom Labor entfernt. Mit einem unglaublichen Krach, landete er schließlich.
"Na toll, soviel zum Anschleichen," nörgelte Shego.
"Tut mir leid, hab vergessen in den Landemodus zu schalten. Wir können ja einige Minuten hier im Gebüsch warten und sehen, ob sich etwas tut."
"Oder...wir rennen einfach rein und schnappen uns was sie wollen, solange sich die Leute darin vielleicht noch fragen, was das gerade für ein Krach da draussen war."
Drakken kratzte sich kurz am Kinn.
"Hast recht. Dein Plan ist besser. ATTACKE!"
Der Doktor sprang aus dem Gleiter und rannte laut schreiend auf das Labor zu.
Shego hingegen stieg langsam aus und rief ihm hinterher: "Damit meinte ich nicht, dass wir noch mehr Krach machen sollten."
Dann lief sie ihm doch hinterher.

"Man kann ihn nunmal keine Sekunde alleine lassen. Es hätte sonstwas passieren können!"

Shego sah die Überwachungskameras schon vom weitem. Sie brauchte nicht mehr als einen Feuerball pro Kamera, um sie ausser Gefecht zu setzen. Auch die drei Wachmänner stellten kein Problem für sie dar. Sie hörten Drakken schon aus der Ferne kommen. Während sie durch den immer näher kommenden, blauen Schreihals abgelenkt waren, konnte Shego sie in Ruhe ausschalten.
"Waren das alle?" fragte sie, als sie das bewusstlose Wachpersonal fesselte.
"Sieht so aus."
"Was immer du hier stehlen willst, scheint dann wohl nicht so toll zu sein. Sonst hätten die mehr als drei Wachen und ein paar Kameras."
"Alles nur Taktik, Shego. Zuviel Bewachung zieht nur unnötige Aufmerksamkeit auf sich. Komm jetzt! Ich kann es kaum erwarten!"
Drakken hüpfte fröhlich ins Labor, auf nicht-hüpfende Weise gefolgt von Shego.
"Also, was willst du mitnehmen?" fragte sie.
"Den hier!"
Mit großen, glänzenden Augen betrachtete der Doktor etwas, das wie eine Ritterrüstung aus der Zukunft aussah.
"Chic. Neben dem Kamin haben wir noch Platz dafür."
"Du verstehst mal wieder gar nichts. Das hier ist eine schier unbesiegbare Kampfrüstung. Wer auch immer sie trägt, kann durch kaum etwas gestoppt werden!"
"Ausser vielleicht durch Regen."
"Nein, garantiert nicht. Sie wurde für Einsätze in den extremsten Bedingungen hergestellt. Glaubst du tatsächlich, die würden vergessen sie Wasserdicht zu machen?"

"Und nun ratet mal, wer plötzlich zur Stelle war?"

Kim seilte sich aus einem Deckenfenster ins Labor hinab.
"Ich glaube nicht, dass sie das herausfinden werden," rief sie.
"Kim Possible! Ich weiss, ich sollte nicht überrascht sein, aber Menno! Jedes mal!"
Sie landete gute fünf Meter von Shego und Drakken entfernt und warf sich in eine Kampfpose.
"Kommst du zurecht?" fragte Ron, der gerade mal wieder hoffnungslos in dem Seil verknotet war, mit dem er sich eigentlich abseilen wollte. "Ach was rede ich. Du kommst immer zurecht. Mach sie platt, Kim!"
"Ich würde mich ja über deinen Männergeschmack lustig machen, aber schau dir mal den Typen an, den ich meinen Freund nennen darf," seufzte Shego.
"Ja, die Liebe geht schon manchmal merkwürdige Wege."
Ron und Drakken riefen empört: "Hey, wir können euch hören!"
Dann ging der Kampf los. Shego griff einen Stuhl, der direkt neben ihr stand, und warf ihn nach Kim. Mit einem eleganten Satz übersprang sie ihn und machte sich bereit, auf den Stuhl-Angriff, mit einem Sprungkick zu kontern. Doch gerade als sie mit ausgestrecktem Bein auf ihre Gegnerin zuflog, kam dieser ein erschreckender Gedanke.

"In dem Moment fühlte ich zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Muttergefühle."

Shego sprang schreiend zur Seite. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, aber man konnte trotzdem deutlich erkennen, wie Kim ihr noch im Vorbeiflug einen fragenden Gesichtsausdruck zuwarf, bevor sie auf einem Tisch landete, der mit einem lauten Krachen zerbrach.
"Hey, was glaubst du, was du da machst?" fragte Shego.
Kim rappelte sich langsam auf.
"Tut mir leid, hat dir der Tisch etwas bedeutet? Dann hättest du nicht ausweichen sollen."
"Und dich mich einfach so treten lassen? Vergiss es, Schwester."
"Gibt es da unten ein Problem?" rief Ron von oben herab. "Bin gleich da! Kann sich nur noch um Sekunden handeln!"
"Und ob es hier ein Problem gibt! Deine Freundin versucht hier, anderen Personen ernsthaften, physischen Schaden zuzufügen!"
"Das klingt irgendwie so gar nicht nach Kim."
"Ich habe auch nur mit Shego gekämpft! So, wie ich es immer getan habe! Keine Ahnung, was in sie gefahren ist!"
"In mich? Was ist in dich gefahren? Hast du überhaupt eine Ahnung, was so ein Sprungkick anrichten kann?"
"Komm schon. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich dich getreten hätte. Du steckst das weg. Habe ich dich jemals ernsthaft verletzt? Ich weiss was ich tue!"
"Ach, auch damals, als du mich in deinem Superanzug gegen den Sendeturm getreten hast und das ganze Ding über mir zusammenbrach?"
"Na ja, da war ich etwas wütender als sonst. Aber du hast es ohne große Verletzungen überlebt!"
"Da hat sie recht," bestätigte Ron.
"Personen, die von der Decke baumeln, haben kein Mitspracherecht! Also sei ruhig, sonst komme ich da rauf!"
"Bedrohst du etwa meinen hilflosen Freund?"
"Lass uns hier nicht vom Thema abkommen!"
"Was ist denn eigentlich das Thema?"
"Du! Und dein unverantwortlicher Umgang mit Gewalt!"
"Ich bin nicht unverantwortlich!"
"Unverantwortlich genug um eine schwa...schwarzhaarige Frau mit einem Sprungkick anzugreifen!"
"Was hat deine Haarfarbe damit zu tun?" fragte Kim verwirrt.
"Absolut gar nichts," antwortete Shego im vollen Bewusstsein der Sinnlosigkeit ihrer Aussage. "Aber hast du denn keine Angst, dass du für Kinder ein schlechtes Vorbild sein könntest? Die könnten sich verletzen, wenn sie deine Kung Fu Tricks auf dem Spielplatz nachmachen!"
"Seit wann kümmerst du dich um Kinder?" Kaum hatte sie die Frage gestellt, schien Kim von alleine auf die Antwort zu kommen. Sie riss die Augen weit auf, zeigte mit ihrem Finger auf ihr Gegenüber und sagte: "Einen Moment! Bedeutet das vielleicht, dass..."
Sie kam nicht dazu, ihren Gedanken zu Ende auszuführen. Ron stürzte mit einem lauten Kreischen von oben direkt auf seine Freundin hinab.
Shego sah sich den Possible/Stoppable Haufen für einige Sekunden an, bevor Drakken sie rief.
"Los Shego! Ich habe was ich wollte! Nichts wie weg hier!"
Shegos Gespräch über die Daseinsberechtigung von Nahkämpfen diente als perfekte Ablenkung für Drakken. Während alle Anderen diskutierten, gelang es ihm in die Rüstung zu steigen. Ohne nachzudenken drückte er den Knopf, der das eingebaute Jetpack aktivierte und schoss unverzüglich, fast auf Schallgeschwindigkeit beschleunigt, durch die Decke. Noch bevor die ersten Deckenbrocken den Boden erreicht hatten, war Shego schon auf dem Weg zum Gleiter, um dem Doktor zur Seite zu stehen.
"Na toll, sie sind weg," jammerte Kim, als sie unter Ron hervor kroch.
"Das ist nicht meine Schuld. Ich habe Rufus gesagt, dass es eine schlechte Idee wäre, einfach das Seil durchzubeissen."
"Tut mir leid," seufzte der Nacktmull.
"Schon gut. Die kriegen wir noch."
"Aber sag mal, was war denn mit Shego los? Meinst du, sie wollte mal eine neue Taktik ausprobieren?"
"Ich weiss nicht. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass sie vielleicht ein Kind erwarten könnte."
"Wie erwarten? Du meinst zum Babysitten am Nachmittag? Das passt überhaupt nicht zu OOOOOH!! Jetzt weiss ich was du meinst! Shego vermehrt sich? Das ist nicht gut! Eine ist schon schlimm genug. Uäääh, und auch noch zusammen mit Drakken. Ich will mir gar nicht vorstellen, was das wird."

"Es dauerte nicht lange, bis ich Drakken mit dem Fluggleiter eingeholt hatte. Nach den ersten 50 Loopings und einer sehr unglücklichen Beinahe-Kollision mit einem Vogelschwarm, bekam er das Ding ziemlich gut unter Kontrolle. Nur die Landung funktionierte überhaupt nicht."

Shego schritt durch die endlos scheinende Schneise der Vewüstung, die Doktor Drakken beim Landeanflug mitten in ihrem Versteck verursacht hatte.
"Alles in Ordnung?" fragte sie, als sie Drakken mit dem Kopf voran in der Kühlschranktür steckend fand.
"Mir ist kalt. Hol mich bitte hier raus."
"Ist gut. Achtung, nicht bewegen."
Mit einem Schlag zerteilte sie die Tür.
Drakken drückte seiner hilfreichen Freundin zum Dank einen Kuss auf die Lippen.
"Danke. Jetzt könnte ich ein Glas Milch vertragen." Er nahm einen Milchkarton aus dem nun türlosen Kühlschrank. "Das war Folter. Der Milchkarton stand direkt vor meiner Nase und ich konnte ihn nicht erreichen."
"Trink gefälligst nicht aus der Tüte!" rief Shego, als der Doktor den Milchkarton zum Mund führte.
"Ist doch kaum noch etwas drin. Ich trinke eben den Rest aus."
"Darum geht es nicht. Es ist nur..."
Drakken nahm einen kräftigen Schluck aus dem Karton. Aufgrund der unpraktischen Öffnung verschüttete er leider einen Großteil des Inhalts.
Die Milch, die aus seinen Mundwinkeln tropfte, landete direkt auf seinem Kampfanzug und verursachte einen Kurzschluss.

"Gut, es war kein Regen, aber trotzdem hatte ich irgendwie recht."

"LöschemichlöschemichlöschemichlöschemichlöschemichlöschemichAAAAAAH!" schrie Doktor Drakken, während er lichterloh brennend aus der Küche rannte.
Shego seufzte einmal tief, nahm einen Feuerlöscher von der Wand und folgte ihm.

"Keine Sorge, er hat es überstanden. Doktor D. war feuerfest. Meistens. Doch während ich versuchte ihn zu löschen, wurden mir mal wieder einige Dinge klar. Erstens, dass ich tatsächlich akzeptierte, bald Mutter zu werden. Zweitens, dass der Vater meines Kindes, wenn man ihn so nennen konnte, entweder Dumm oder Dümmer war. Drittens...dass ich keinesfalls wollte, dass mein Kind zwischen Kung Fu-Teenagern die ihre Mutter ins Gefängnis sperren wollen und verrückten, ständig in Flammen aufgehenden Welteroberern aufwächst."