Kapitel 35

Ein schöner Abend(Mama Shego, Teil 3)

"Es war mal wieder an der Zeit für mich, mein Leben neu zu beginnen. Noch in der selben Nacht packte ich meine Koffer mit dem Nötigsten zusammen."

Sie rannte zu ihrem Kleiderschrank und packte alles, was ihr wichtig erschien, in einen dunkelgrünen Hartschalenkoffer. Als sie sich danach ihren Blick durch das Zimmer schweifen ließ, blieb dieser an einem Bilderrahmen auf ihrem Nachttisch hängen.
Darin befand sich das bekannte Foto von ihr und Dr. Drakken, wie seine Schlingpflanze sie bei der Ehrung für seine Hilfe bei der Rettung der Welt zusammenführte.
Bei dessen Anblick konnte Shego nicht anders als sentimental zu seufzen.

"Eigentlich wollte ich nichts wie weg von dort und mein Kind ohne all die potentiellen Gefahren meines Lebens bekommen und aufziehen. Doch plötzlich erschien es mir mehr als unfair, Drakken einfach so zurückzulassen, ohne ihm eine Chance zu geben."

Shego näherte sich dem Labor ihres Lebensgefährten. Werkzeuggeräusche und laute Flüche schallten von dort heraus. Vorsichtig öffnete sie die Tür und beobachtete Drakken einige Sekunden lang, wie er abwechselnd auf die geklaute Kampfrüstung einschlug und dann versuchte, die angerichteten Schäden wieder zu richten.
Als es so aussah, als würde der Doktor gleich in Tränen ausbrechen, beschloss sie einzugreifen.
"Ich dachte das Ding wäre schon kaputt!" rief sie ihm zu. "Warum machst du es noch kaputter?"
Dr. Drakken seufzte: "Ich...mache es nicht kaputt, ich repariere es. Und ich glaube, 'kaputter' ist gar kein Wort."
"Ja, du bist natürlich Experte darin," flüsterte Shego ihm ins Ohr, als sie ihren Arm um ihn legte.
"Du bist doch garantiert nicht hier, um dich über mich lustig zu machen, oder?"
"Nicht nur. Ich bin auch gekommen, um deine Schulden bei mir einzutreiben."
"Ich dachte seitdem etwas zwischen uns läuft, würdest du es nicht mehr so eng sehen, wenn ich dich mal ein paar Tage später bezahle."
"Stimmt. Aber du hast mir ein Abendessen versprochen, erinnerst du dich? Du sagtest, wir stehlen die Rüstung und dann gehen wie ganz chic aus."
"Ja, daran erinnere ich mich, aber das war bevor ich in Flammen aufging."
"Das verstehe ich, aber du solltest wissen, dass ich Heute unter Garantie für ein zweites Feuerwerk sorgen werde. Und es ist allein dir überlassen, ob dieses Feuerwerk für dich ein schönes oder weniger schönes Erlebnis werden wird."
"Mit 'weniger schön' meinst du..."
"Schmerzhaft."
"Aber ich bin gerade dabei, die Weltherrschaft an mich zu reissen!"
"Du bist immer dabei, die Weltherrschaft an dich zu reissen, doch wann bist du das letzte Mal mit mir ausgegangen?"
"Aber..."
"Du betrittst die Welt der Schmerzen. Denke bitte daran, bevor du diesen Satz zu ende führst."
Drakken räusperte sich und sagte kleinlaut: "Aber natürlich werde ich mit dir ausgehen. Irgendwo auf der Welt ist jetzt garantiert die perfekte Zeit für ein teures Abendessen. Du ziehst dir etwas hübsches an und ich finde heraus, wo das ist."
"Na also. Geht doch. Aber keine Welteroberung an diesem Abend, verstanden? Keine."
"Ganz wie du wünschst."

"Und tatsächlich waren wir nach vehältnismäßig kurzer Zeit in einem unglaublich teuren Restaurant am anderen Ende der Welt."

Shego und Drakken saßen sich an ihrem Tisch gegenüber und warteten auf die bestellten Gerichte.
Die anderen, viel zu reichen Gäste um sie herum kümmerten sich nicht um die beiden gesuchten Schwerverbrecher, die sich mit ihnen im selben Raum befanden. Was ging es sie an, was Shego und Drakken anderen Leuten gestohlen hatten. Solange sie selber nicht die Opfer dieser Verbrecher wurden, waren der blaue Mann und die grüne Frau für die reiche Gesellschaft nur zwei Prominente im selben Restaurant.
Drakken trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischkante und blickte immer wieder über seine Schultern. Irgendwann konnte Shego es nicht mehr unterdrücken und brachte mit einem gezielten Faustschlag von oben auf die Hand, die Finger ihres Freundes zu stehen.
"Autsch," flüsterte er, als er seine Hand unter ihrer Faust hinweg zog. "Tut mir leid. Aber beim nächsten Mal, sage doch bitte wenn ich etwas tue, was dich stört."
"So ist es aber viel einfacher."
Um seine Gefühle nicht zu sehr zu verletzen und die Schmerzen in seiner Hand abzumildern, beugte sich Shego über den Tisch und gab dem Doktor einen Kuss. Trotzdem wirkte er immer noch abwesend.
"Okay, was ist los?" fragte sie ihn schließlich. "Woran denkst du gerade? Du hast doch hoffentlich deine Geldbörse eingesteckt, oder? Nicht dass es mir etwas ausmachen würde hier ohne zu bezahlen zu verschwinden, aber man sollte doch gewisse Regeln bei einem romantischen Dinner einhalten."
"Was? Nein, keine Sorge, Geld habe ich dabei."
Und er sah erneut über seine Schulter.
"Hast du so einen Hunger, dass du es kaum noch erwarten kannst?"
"Jetzt wo du es sagst. Ich habe tatsächlich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Aber das ist es nicht."
"Was bitte sehr ist es dann?"
"Ach, nichts, schon gut."
Shego griff genervt über den Tisch, packte Drakken am Kragen, zog ihn zu sich hin und zischte: "Dann sieh mich gefälligst an und verbringe mit mir einen schönen Abend, verstanden?"
"Ist gut mein Schatz. Wie wäre es mit einem Küsschen? Küsschen ist besser als Autschie! Zumindest für mich."
"Dann zeig mal her."

"Wie sehr vermisse ich seine Küsse. Er war ein so unglaublich guter Küsser! Habe ich das schon erwähnt?"

Der Liebesbeweis wurde auf unhöfliche Wiese durch einen, sich plötzlich räuspernden Kellner gestört.
"Was ist?" raunte ihn das Pärchen an.
"Ihr Essen wird serviert."
"Nachdem wir eine Ewigkeit warten mussten, servieren sie uns jetzt das Essen?"
"Ganz recht."
Drakken sah dem Kellner fest in die Augen, hob drohend seinen Zeigefinger und sagte: "Wehe, wenn es das nicht wert ist."

"Wenn in dem Moment nicht wieder die Blütenblätter um seinen Kopf herum gesprießt wären, hätte er schon fast bedrohlich gewirkt."

"Das äääh...sind keine Blütenblätter. Das ist so ein...ähm...Dinosaurierkragen. Sie wissen doch, die spuckenden Viecher. Wenn man sie wütend macht, zack, Kragen raus und ins Gesicht gespuckt."
Der Kellner rümpfte die Nase und erwiderte trocken: "Mein Herr, wir sind bereit so manche Marotte unserer Gäste zu tolerieren, doch sollten sie anfangen ihren Speichel durch das Restaurant zu speien, ist dies ein eklatanter Verstoß gegen die Hausordnung."
Drakken fing jetzt an, drohend mit dem Zeigefinger zu wackeln.
"Dann machen sie mich auch nicht wütend."
Als das Essen fertig aufgetischt und der Kellner ausser Hörweite war, flüsterte Shego Drakken zu: "Da hast du aber gut die Kurve gekriegt. Die Bedienung hatte ja richtig Angst vor dir."

"Ja, die Bemerkung war größtenteils sarkastisch gemeint."

Shego beobachtete ihren Freund einige Zeit, wie er hastig sein bestelltes Steak aß.
"Schling bitte nicht so."
"Keine Angst, ich verschlucke mich schon nicht," antwortete er mit vollem Mund.
"Darum geht es nicht. Aber wir sollten dieses Date genießen."
Er legte ganz kurz Messer und Gabel beiseite, schluckte das Stück, das in seinem Mund war herunter und griff nach Shegos Hand.
"Ich genieße es. Wirklich. Aber jetzt habe ich Hunger."
Ohne mit der Wimper zu zucken, widmete sich Drakken daraufhin wieder seinem Steak.

"Das gab schonmal einen Punkt Abzug, wegen mangelnder Romantik. Er versuchte es aber zumindest nach dem Essen auszugleichen."

Shego und Drakken flogen in ihrem Gleiter über das dunkle Meer. Ausser ihren Scheinwerfern waren es nur der Mond und die Sterne über ihnen, die für Licht sorgten. Ein Anblick, der gleichermaßen romantisch, wie auch unheimlich war.
Plötzlich hielt Drakken mitten im Nirgendwo an und ließ den Gleiter auf einer Stelle schweben.
"Was ist? Warum stoppen wir?" fragte Shego. "Und sag jetzt bitte nicht, das der Tank leer ist. Das ist nämlich ein unglaublich abgedroschener Trick, auf den ich garantiert nicht hereinfallen werde. Und wenn es die Wahrheit wäre, würde das bedeuten, dass wir mitten in der Nacht ins Meer stürzen und dort entweder ertrinken oder von Haien gefressen werden, was nicht nur meiner Definition eines romantischen Abends widersprechen würde."
"Nein, keine Sorge, es ist alles in Ordung," sagte der Doktor und überprüfte zur Sicherheit nochmal die Tankanzeige. "Lass uns einfach eine Weile die Sterne genießen."
Er lehnte sich zurück und legte seinen Arm und die Blume, die aus seinem Körper wuchs, um Shego.

"Wir sahen uns eine Zeit lang gemeinsam die Sterne an. Es war schön, mal einfach nur so meine Zeit mit ihm zu verschwenden. Doch er wusste wie immer, wie man so einen Moment am Besten ruiniert."

Nach erstaunlich exakten fünf Minuten, sah Drakken auf die Uhr am Armaturenbrett, sprang hastig auf und flog den Gleiter in einem Höllentempo davon.
"Hey!" rief Shego ihm ins Ohr. "Was soll das denn jetzt?"
"Ich hab's eilig Shego! Sehr eilig."
"Hoffentlich meinst du damit, dass du eine weitere, viel romantischere Überraschung für mich parat hast."
"Nein, aber während du dich für unser Date schöngemacht hast, habe ich die Kampfrüstung wieder zum laufen bekommen und als wir essen waren, hing das Ding an der Steckdose und hat seinen Akku aufgeladen. Jetzt müsste er wieder voll sein."
Shego packte wütend Drakkens Arm.
"Was soll das heissen? Das unser romantischer Abend nur ein Pausenfüller war, solange du dein Spielzeug nicht benutzen konntest?"
Langsam bremste er den Flieger wieder ab.
Er atmete schuldbewusst durch seine Zähne hindurch ein und sagte kleinlaut: "Nun, du weisst schon. Weltherrschaft. Wenn ich die Welt erstmal beherrsche, können wir so viel Kuschelzeit miteinander verbringen, wie wir wollen. Verstehst du."
Seine Freundin verschränkte die Arme vor ihrem Körper und seufzte: "Ja, ich verstehe. Bring uns nach Hause."

"Das waren für lange Zeit die letzten Worte, die ich zu Drakken sagte."