"Kaum waren wir wieder zu Hause, zog sich Drakken die Rüstung an und startete zu einem neuen Welteroberungsversuch. Ich täuschte währenddessen Kopfschmerzen vor, damit ich mich ungestört in meinem Zimmer einschließen und die Koffer packen konnte."
"Was ist aus Drakkens Plan geworden?" fragte Washington.
"Haben dir deine Eltern als Kind erzählt, wie sie und der Rest der Welt von einem verrückten, blauhäutigen Wissenschaftler in einer unbesiegbaren Rüstung versklavt wurden?"
"Äh...nein, ich glaube nicht."
"Dann wird es wohl schief gegangen sein. Während er also erneut versagte, machte ich mich in eine ungewisse Zukunft auf. Ähm...schon wieder. Ich flog heimlich aufs Festland. Eine kleine Stadt in den Bergen, namens North Southeastwestington hatte es mir angetan. Es gab dort nur eine überschaubare Anzahl an Einwohnern, keine Hauptverkehrsstraßen und auch sonst war dort alles ruhig und friedlich. Ein perfekter Ort um inkognito ein Kind zu bekommen und großzuziehen."
Im Büro von "Lundegard Immobilien", im schönen Städchen North Southeastwestington, war so gut wie nie etwas los. Es kamen nur selten Besucher in diesen Ort und noch seltener wollten diese Besucher dort Immobilien erwerben. Die beiden Besitzer, Bill und Bob Lundegard, hielt das aber nicht davon ab, nach ihrer unehrenhaften Entlassung aus dem Militärdienst trotzdem dort ein Maklerbüro zu eröffnen. Seitdem verbrachten sie den Großteil ihrer Arbeitszeit damit, sich Filme aus der Videothek auszuleihen und sie sich anzusehen. Es dauerte nicht lange, bis sie mit der kompletten Filmauswahl durch waren. Als durch eine glückliche Fügung des Schicksals, dessen Erzählung an dieser Stelle eine zu große Abschweifung der eigentlichen Geschichte bedeuten würde, North Southeastwestington in den Genuss von DSL kam, verlagerte sich ihre Arbeitsaktivität auf das herunterladen von kostenlosen Minispielchen und Stundenlange Wettbewerbe um den High Score.
Eines Tages passierte es aber, dass die Glocke an der Eingangstür klingelte. Im Normalfall bedeutete dies, dass irgendjemand, voraussichtlich ein Kunde, die Geschäftsräume betreten hatte. Bob rollte seinen Bürostuhl zur Tür des Hinterzimmers und warf einen Blick zum Eingang.
"Hey Bill, da ist eine Frau."
Bill, der kurz davor stand den Highscore seines Bruder in "Pac Person" zu schlagen, blieb mit den Augen am Monitor kleben.
"Eine Frau, Bob?"
"Eine Frau, Bill. Ich glaube, sie ist eine Kundin."
"Woher willst du das wissen, Bob?"
"Ich kenne sie nicht, also muss sie neu hier sein, Bill."
"Wie sieht sie aus, Bob?"
"Ich kann sie nicht richtig erkennen, Bill. Sie trägt ein Kopftuch und eine große Sonnenbrille. So wie einer dieser Filmstars aus den 50er Jahren."
"Ist ja voll Retro, Bob."
"Ja, voll Retro, Bill."
"Wenn du sie nicht erkennen kannst, woher weisst du, dass sie dann nicht doch von hier ist, Bob?"
"Gute Frage, Bill."
"Ich weiss, Bob."
"Von hier aus, sieht es irgendwie so aus, als hätte ihre Haut einen leichten Grünstich, Bill."
"Muss an der Glühbirne liegen, Bob. Ignoriere es."
"Und was ist mit ihr, Bill?"
"Was meinst du, Bob?"
"Was ist, wenn sie wirklich eine Kundin ist, Bill?"
"Frag doch mal nach, Bob."
"Das ist eine gute Idee, Bill."
"Ich war schon viel geduldiger als normalerweise, aber jetzt wurde es mir zuviel."
"Ich kann jedes Wort hören, ihr unglaublich dummen..." Sie ballte die Fäuste und biss sich auf die Unterlippe. Dann sagte sie ruhig: "Ja, ich bin eine Kundin."
"Hast du gehört, Bill? Sie ist eine Kundin."
"Ist gut, Bob. Hab deinen Highscore sowieso geknackt."
"Du bist so gemein, Bill."
"Wie wäre es mit einer Revanche, Bob?"
"Auf jeden Fall, Bill."
Ein lautes Krachen unterbrach die Unterhaltung der zwei Brüder. Mit weit aufgerissenen Augen sahen sie, wie die Kaffeemaschine, die eigentlich dazu da war um eventuell auftauchende Kunden mit frischen, koffeinhaltigen Bohnengetränken zu versorgen, in tausende Splitter zersprungen in der Wand steckte.
"Waren sie das?" fragten die Lundegards ihre Kundin.
"Wie soll ich das denn getan haben? Ich stehe doch hier," antwortete sie von der anderen Seite des Zimmers aus. "Vielleicht waren es Sonnenflecken oder Wetterballons. Können wir jetzt zum Geschäftlichen kommen?"
Die Brüder zuckten gleichgültig mit den Schultern.
"Warum nicht? Wie können wir ihnen helfen?"
"Ich interessiere mich für ein Haus hier im Ort. Was hätten sie denn so anzubieten?"
"Kommt darauf an ob sie zentral oder eher abgelegen wohnen wollen."
"Ich lege schon Wert auf meine Privatsphäre. Also abgelegen."
"Da haben wir doch etwas für sie."
Bob zog einen gigantisch großen Aktenordner aus einem Regal und schlug ihn auf.
"Nach dem was ich sehen konnte, waren von den über Tausend Seiten in diesem Ordner nur zwei beschriftet. Eine Seite beinhaltete die Daten für ein zentral gelegenes Haus, die andere für ein abgelegenes Haus."
"Hier ist es. Kim-Possible-Road 3."
"Kim...Possible?" fragte Shego zähneknirschend.
"Ja, sie war mal hier und hat fast im Alleingang ein großes Feuer gelöscht. Dabei hätte die ganze Stadt draufgehen können, aber da das dank ihr nicht passiert ist, haben wir eine Straße nach ihr benannt."
"Na toll."
"Wenn sie wollen, können wir es sofort besichtigen, Miss..."
Shego überlegte gerade lang genug um nicht verdächtig zu wirken.
"Sullivan. Mein Name ist Sullivan. Und ja, je schneller ich es mir ansehe, desto besser."
"Unter den vielen, vielen alltäglichen Begriffen, die für die beiden Brüder Fremdworte waren, stand 'Kundenfreundlichkeit' vermutlich ganz oben auf ihrer Liste. Vielleicht waren sie auch einfach nur zu dumm um zu begreifen, dass wenn man einen Kunden im Firmenwagen zu einer Hausbesichtigung fährt und dieser Firmenwagen ein Pick-Up ist, es nicht der Kunde ist, der hinten auf der Ladefläche sitzen sollte. Während sie also mit mir und meinem Gepäck auf ihrer Ladefläche quer durch North Southeastwestington, zur Kim-Possible-Road fuhren, war ich vielen, neugierigen Blicken ausgesetzt. Ich weiss bis heute nicht, ob sie nur so gestarrt haben weil sie mich nicht kannten oder weil ich auf der Ladefläche saß. Immerhin war das Haus ganz nett. Eine gemütliche, vollständig möblierte Blockhütte mit fließend Wasser, Strom, einem Kamin und was man sonst zum Leben braucht. Das nächste Nachbarhaus war gute zwei Minuten Fußmarsch von meinem entfernt und es führte nur ein einziger Weg zu meinem Haus. Es lag nämlich direkt an einer verdammt tiefen Schlucht. Wer also unbemerkt in mein Haus gelangen wollte, musste entweder ein unglaublich schneller Bergsteiger sein, oder zur Vordertür kommen. Und der Weg dorthin bot auch nicht gerade viel Deckung. Perfekt, wenn man viel Wert auf seine Ruhe legt."
"Gefällt mir. Ich nehme es."
Die Lundegard-Brüder sprangen kurz hoch und klatschten sich in der Luft ab, bevor sie mit ernster Mine wieder auf dem Boden landeten.
"Ausgezeichnet," sagte Bill. "Dann müssen wir jetzt nur noch einige Details klären."
Shego warf den Brüdern ein Geldbündel zu.
"Ich zahle bar und ziehe sofort ein."
"Ist gut, oder was meinst du Bob?"
"Alles perfekt, Bill. Unterschreiben sie bitte hier."
Während sie den Vertrag durchlaß und ihn danach mit einem falschen Namen unterschrieb, beobachtete sie aus dem Augenwinkel wie sich die Brüder darum stritten, wer das Geld zählen durfte.
"Hallo!? Ich habe unterschrieben," unterbrach Shego den fast in eine Prügelei ausartenden Streit unter Brüdern. "Jetzt verschwindet gefälligst aus meinem Haus."
"Wie sie wollen. Wir haben ohnehin wichtige Dinge zu erledigen."
"Yeah. Wer den Highscore knackt, darf das Geld zählen!"
Bill schnappte sich den Vertrag und warf einen kurzen, prüfenden Blick auf die Unterschrift.
"Sie sehen gar nicht wie eine Nicole aus," sagte er noch lächelnd, bevor er mit seinem Bruder das Haus verließ.
Shego ging auf die Veranda, sah dem in einer Staubwolke verschwindenden Pick-Up der Brüder hinterher und murmelte: "Was für zwei Hirnies. Hoffentlich sind die in der Stadt nicht alle so."
"Diese Frage wurde schneller beantwortet, als mir lieb war."
Die Sonne war gerade untergegangen. Im Kamin ihres neuen Hauses knisterte ein warmes Feuer. Shego blickte nachdenklich aus dem Fenster und sah sich die Sterne am Himmel an.
Bald schon bemerkte sie aber andere Lichter. Nicht am Himmel, sondern am Boden. Genauer gesagt näherte sich so etwas wie ein Fackelzug Shegos Haus.
Sie seufzte einmal tief und begab sich auf die Veranda, um die Meute zu entfangen.
"Kann ich euch helfen?" rief sie ihnen entgegen.
Die Gruppe blieb stehen, als sie Shego erblickte. Ein kleingewachsener Mann mit Halbglatze und grauem Vollbart trat hervor und wedelte bedrohlich mit einer Mistgabel.
Unverzüglich beschloss Shego, die Karten auf den Tisch zu legen.
Sie entflammte ihre Hände und schrie: "Ich habe nicht vor Ärger zu machen! Alles was ich will, ist meine Ruhe!"
Die Bürger wichen erschrocken ein paar Schritte zurück.
Der Mann mit der Mistgabel fing an zu zittern und sagte vorsichtig: "Das...haben wir auch nicht gedacht."
"Aha. Und weshalb kommt ihr in der Nacht mit Fackeln und Mistgabeln zu meinem Haus?"
"Wir wollten sie willkommen heissen. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Norman Taylor, der, äh, Bürgermeister von North Southeastwestington und zurückgehend auf ein Tradition aus dem Jahre 1885, möchten wir sie mit diesem Fackelzug herzlich als neue Mitbürgerin dieser Stadt willkommen heissen."
"Willkommen, neue Einwohnerin unser Stadt!" sagte die Menschenmenge noch deutlich eingeschüchtert.
Die neue Einwohnerin löschte ihre Hände und verschränkte die Arme.
"Okay und wozu die Mistgabel?"
"Nun, normalerweise wird der Begrüßungs-Fackelzug durch den ebenso traditionellen Mistgabeltanz beendet, aber ich glaube, den sollten wir lieber auf...einen...anderen...Tag...verschieben."
"Eine gute Idee."
Der Bürgermeister verschwand kurz in der Menschenmenge und kam kurz darauf mit einem Präsentkorb wieder hervor.
"Hier. Der ist für sie."
Vorsichtig ging er auf Shego zu um ihr den Korb zu überreichen.
"Stellen sie ihn einfach auf der Veranda ab," sagte sie unbeeindruckt.
Bürgermeister Taylor tat wie ihm befohlen wurde und ging vorsichtig rückwärts zu den Anderen zurück.
"Nun, ähm...wir gehen dann mal wieder. Nochmal willkommen in unserer kleinen Stadt. Und ich hoffe, sie öfter zu sehen. Wenn nicht, ist aber auch nicht schlimm. Schönen Abend noch."
Wie auf Stichwort flüchtete der Fackelzug dahin, wo er hergekommen war.
"Hm, soviel zum Thema Inkognito" sagte Shego zu sich selbst.
Als sie den Präsentkorb aufheben wollte, bemerkte sie, dass ein einzelner Mann noch immer vor ihrem Haus stand und sie beobachtete.
"Was ist?" fragte sie in ihrem unfreundlichsten Ton.
"Hey, ich kenne dich," sagte er.
Shego sah sich den irgendwie geistig abwesend wirkenden, jungen Mann mit dem schulterlangen, blonden Haar und der Baseballmütze ganz genau an.
"Ich kenne dich aber nicht."
"Macht nix, wir sind uns nur einmal begegnet. Ist schon ein paar Jahre her. Das war in so einem Bueno Nacho und eigentlich sind wir uns gar nicht wirklich begegnet, aber ich saß in so einem Auto, dass du und dieser blaue Typ mit 'nem Gravitomaten beschossen haben. Und dann hast du mit Kim Possible gekämpft und Big Mike hat sich auf dich draufgesetzt."
"Ja, an diesen Big Mike erinnere ich mich," stöhnte Shego.
"Cool. Der wohnt hier nämlich auch. Und Vinnie. Der war auch dabei. Keine Ahnung, ob du..."
"Nein, ich erinnere mich nicht an ihn. Oder an dich."
"Hör mal, das macht echt nix. Wir wohnen hier gleich gegenüber. Also Vinnie, Big Mike und ich. Meine Freunde nennen mich Junior, na ja, eigentlich nennen mich alle Junior, dabei heisse ich Tommy, doch das ist egal. Wollte dich auf jeden Fall willkommen heissen und so. Man sieht sich."
"Das will ich doch nicht hoffen! Hast du gehört!? Weder du, noch deine Freunde sind hier willkommen!"