Kapitel 37

Nachbarschaftshilfe (Mama Shego, Teil 5)

Am nächsten Morgen tat Shego etwas, dass sie seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte: So richtig lange ausschlafen. Als sie gegen 11 Uhr morgens die Augen öffnete, fiel ihr gleich als erstes ein, dass sie gar nichts zu essen im Haus hatte.
Genervt stöhnend richtete sie sich auf, schlüpfte mit den Füßen in die rosa Plüschpantoffeln, die Drakken ihr zum Valentinstag geschenkt hatte und die sie nur deshalb noch besaß, weil sie sich als unglaublich bequem herausgestellt haben, schlurfte zum Kühlschrank und öffnete ihn.
"Ja, der ist tatsächlich leer," murmelte sie und schlurfte mit lautem Magenknurren weiter ins Badezimmer.
Als sie ziemlich exakt 45 Minuten später frisch geduscht und, abgesehen vom Hungergefühl, fertig für den Tag das Haus verließ, stieß sie gleich vor der eigenen Haustür auf einen weiteren Grund, der ihr den Tag vermieste.
Genauer gesagt waren es gleich drei Gründe.
"Da! Hab doch gesagt, dass sie es ist," sagte Junior zu seinen Freunden Big Mike und Vinnie.
Shego knackte wütend mit ihren Fingerknochen und zischte: "Na toll, es sind die Nachbarn."
Vinnie fragte Junior: "Was glaubst du, hat sie hier vor?"
"Was weiss ich? Urlaub oder so."
"Oder irgendetwas richtig böses!"
"Ist der Blaue Typ auch hier?"
"Hab ihn noch nicht gesehen."
"Hey, ich stehe hier und höre jedes Wort," rief Shego.
"Vielleicht macht sie gleich wieder das coole Ding mit ihren Händen!" sagte Big Mike erfreut.
"Und ich bin keine Touristenattraktion! Wenn ihr mir etwas zu sagen habt, sagt es. Ansonsten hört auf mich anzustarren und über mich zu reden, als ob ich gar nicht anwesend wäre."
"Ja nee, klar, entschuldigung, aber als ich meinen Kumpels davon erzählt habe, dass sie jetzt hier nebenan wohnen, wollten die mir das nicht glauben."
"Ja, tut uns leid, dass wir gestern nicht beim Fackelzug waren, aber wir konnten ja nicht ahnen, dass diesmal etwas interessantes passiert."
"Und wenn schon," seufzte sie und ging an ihren Nachbarn vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
"Darf ich sie etwas fragen?" fragte Junior und lief ihr, gefolgt von seinen Freunden, hinterher.
"Nein."
"Haben sie das Haus gekauft?"
"Geht dich nichts an."
"Wohnen sie alleine hier?"
"Geht dich nichts an."
"Warum wohnen sie hier?"
"Geht dich nichts an."
"Und wohin gehen sie?"
"G.d.n.a."
"G.d.n.a.?"
"Geht dich nichts an. G.d.n.a. Ist doch ganz einfach."
"Immerhin antwortet sie dir jetzt," brummte Big Mike.
"Gehen sie in die Stadt? Da müssen wir nämlich auch hin. Einkäufe und so. Aber wir wollten das Auto nehmen. Das ist schon ein kleiner Fußmarsch und dann auch noch mit vollen Einkaufstüten. Ach ja, das Auto. Hol mal das Auto, Vinnie."
"Warum ich und nicht Big Mike?"
"Wenn sie mich angreift, kann er sich wieder auf sie draufsetzen. Kapito?"
"Klaro. Wo habe ich nur meinen Kopf?"
"Wir gehen weiter die Straße hinunter, du kannst uns dann ja abholen."
"Ist klar!"
Während Vinnie sich entfernte, versuchte Shego die beiden verbliebenen Störenfriede weiterhin erfolglos zu ignorieren.
"Wissen sie," fuhr Junior fort, "ich nehme ihnen das von damals nicht übel. Also, das mit dem Gravitomaten und dass sie Kim Possible angegriffen haben. Alles vergeben und vergessen. Stimmt's Big Mike?"
"Stimmt."
"Gut, ich kann nicht für Kim sprechen. Sie machte zwar immer einen ganz okayen Eindruck, aber ich hab da so ein paar ganz üble Geschichten über sie gehört. Die soll zum Beispiel voll der Klamottensnob gewesen sein und sich geweigert haben, bei Smarty Mart einzukaufen. Wo doch jeder weiss, dass schlaue Köpfe zu Smarty Mart gehen."
"Die haben dort unschlagbare Angebote."
"Ja, ich frage mich echt, wie die das immer machen. Und es war ja nicht nur das, also...mit Kim Possible meine ich. Die war Cheerleader und bei Cheerleadern muss man vorsichtig sein. Zum Beispiel diese Bonnie Rockwaller. Das war eine ganz Fiese. Und Kim war der Captain der Cheerleader, also muss sie noch viel fieser gewesen sein."
"Sag so etwas nicht. Sie hat doch unsere Fingernägel lackiert."
Daraufhin blieb Shego kurz stehen, beschloss dann aber in der selben Sekunde lieber doch keine Fragen zu stellen und einfach weiter zu gehen.
"Ja, okay, vielleicht war sie doch nicht so übel, aber ich bleibe bei meiner Meinung über Cheerleader. Die sind voll grausam. Hab mal diese Tara gefragt, ob sie mit mir ausgeht und die hat voll 'nein' gesagt! Dann habe ich ihr am nächsten Tag sogar Blumen mitgebracht und die verabredet sich lieber mit diesem Mankey. Dabei hatte er gar keine Blumen."
"Vielleicht war sie allergisch."
"Auf mich? Nun, das wäre ein guter Grund um lieber mit jemand anderem auszugehen."
"Nein, auf die Blumen."
"Ach so. Dann hätte sie das doch sagen sollen. Was ist mit ihnen? Waren sie mal Cheerleader? Sie haben ohne Zweifel die Fähigkeiten dazu und damit meine ich nicht nur, dass sie voll gemein sind. Ausserdem haben sie auch das gute Aussehen, obwohl...sie scheinen etwas zugelegt zu haben. Oder sind sie vielleicht schwanger?"
Jetzt war Shegos Zündschnur abgebrannt. Vor Wut schäumend drehte sie sich um, packte Junior am Kragen und hob ihn daran hoch.
"Halt! Endlich! Deinen! Mund!" schrie sie ihm ins Gesicht.
Blass vor Schreck quietschte er: "Sie greift an! Setz dich drauf, setz dich drauf!"
"Nicht wenn sie schwanger ist!"
"Vielleicht ist sie es ja gar nicht!"
"Und wenn...hey, was ist?"
Shego ließ ihr Opfer los. Sie atmete schwer und verlor langsam das Gleichgewicht. Bevor sie stürzen konnte, fing Big Mike sie mit einer seiner riesigen Hände auf.
"Alles in Ordnung?" fragte er.
"Geht...dich nichts an," stöhnte Shego.
In dem Moment kam Vinnie mit dem Auto angefahren. Er hielt neben ihnen an und kurbelte das Fenster herunter.
"Mensch Junior, was hast du mit ihr angestellt?" fragte er.
"Was? Wieso? Gar nichts! Wie kommst du darauf."
"Ich meine ja nur. Du kannst manchmal echt schwierig sein."
"Alter! Das tat voll weh. Die falschen Worte zur falschen Zeit!"
"Ich muss...mich mal kurz...hinlegen," stöhnte Shego und kletterte langsam auf die Rückbank des Autos.
"Aber bitte nicht dort hinein reihern."
"Das riecht hier, als hätte das schon jemand getan."
"Hey, ihren Humor hat sie noch."
"Klappe, Vinnie."
"Halt du die Klappe."
"Haltet beide die Klappe," riefen Shego und Big Mike gleichzeitig, woraufhin Junior seinen großen Freund mit dem Ellenbogen anstupste und ihm zuflüsterte: "Jetzt musst du sie verhexen und dann schuldet sie dir eine Cola."
Langsam richtete sich Shego wieder auf.
"Niemand verhext mich hier," sagte sie und atmete ein paar mal tief durch. "Und mir geht es schon wieder besser."
"Daran sollten sie sich gewöhnen. Während der Schwangerschaft wird ihnen öfter übel werden."
"Das hatte mit meiner Schwangerschaft nichts zu tun. Ich habe heute einfach noch nichts gegessen."
"Ha! Sie sind also doch schwanger!"
Ihr wurde klar, dass sie sich verplappert hatte.
"Mistiger Mist," fluchte sie und wunderte sich danach, wie ihr so ein alberner Fluch in den Sinn kommen konnte.
"Wissen sie," sagte Junior, "wenn die Schwangerschaft ein Geheimnis bleiben soll, dann halten wir dicht, keine Sorge." Vinnie und Big Mike stimmten ihm eifrig nickend zu. "Auch dass sie hier sind, wird unser Geheimnis bleiben. Und dem Rest der Stadt haben sie so eine Angst eingejagt, dass sie wohl auch die Klappe halten werden. Die Einwohner hier sind leicht zu beeindrucken."
Big Mike setzte sich auf den Kofferraum des dunkelblauen Viertürers. Das Auto senkte sich deutlich nach hinten.
"Trotzdem sollten sie sich vielleicht mit ihnen anfreunden," sagte er. "Das ist eine kleine Stadt und man weiss nie, auf wen man während der Schwangerschaft plötzlich angewiesen ist."
Shego warf dem Riesen auf dem Kofferraum einen verächtlichen Blick zu und fragte: "Was verstehst du schon von Schwangerschaften?"
"Nun, ich bin das mittlere von neun Kindern, zudem der einzige Sohn und mittlerweile fünffacher Onkel."
"Beindruckend."
"Jetzt sollten sie aber erstmal etwas essen," sagte Vinnie. "Wir bringen sie zu Quint. Dort gibts das beste Essen in der Stadt."

"Natürlich wollte ich weder mit diesen drei Knalltüten, noch mit den Bewohnern dieser Stadt etwas zu tun haben, aber meine Schwangerschaft hatte mich wohl weich gemacht. Und der Hunger hatte auch etwas damit zu tun."

"Also gut, fahren wir zu...wie war sein Name?"
"Ihr. Quint ist ihr Nachname."
"Gut, dann...fahren wir zu Quint."

"Und wir fuhren zu Quint. Es war übrigens sehr interessant mit anzusehen, wie sich ein Riese wie Big Mike in ein verhältnismäßig kleines Auto quetschte, aber das sei nur so nebenbei angemerkt. Auf dem Weg zu Quints Imbiss fuhren mich die Drei quer durch die Stadt."

"Also," sagte Vinnie und zeigte aus dem Fenster, "da hinten ist der örtliche Supermarkt. Der Besitzer weiss, dass er den einzigen Supermarkt in der größeren Umgebung hat und seine Preise lassen uns wissen, dass er es weiss. Doch immerhin kann er ihnen alles besorgen, was sie brauchen und er liefert sogar zu ihnen nach Hause."
"Das kostet aber extra," sagte Big Mike. "Im Zweifelsfall können sie auch uns fragen, ob wir für sie einkaufen gehen. Das machen wir als gute Nachbarn gerne."
"Ja, wie auch immer," seufzte Shego.
"Da drüben, das hellblaue Haus, ist die Praxis von Doktor Statham," fuhr Vinnie fort. "Dort sollten sie am besten noch Heute mal hingehen. Er ist nicht nur der einzige Arzt hier, sondern auch ein hervorragender."
"Aha," sagte Shego unbeeindruckt.
"Das da ist der Kindergarten. Ich weiss ja nicht, wie lange sie hier bleiben wollen, aber falls dies ein längerer Aufenthalt wird, wissen sie wo der Kindergarten ist."
"Ich habe Hunger."
"Gleich sind wir da."
"Sehen sie den Mann da mit dem Schnurrbart?"
"Ja."
"Der ist unwichtig."
"Na toll."
"Jetzt kommen wir gleich an unserem Einkaufszentrum vorbei. Dort gibt es einen Schuhladen, einen Zeitschriftenladen, noch einen Schuhladen..."
"Der Erste ist besser," warf Junior ein.
"Das stimmt. Viel besser. Der andere Laden hat so einen schrägen Azubi, der ist...schräg. Dann gibt es da noch ein Geschäft für Musikinstrumente, eine Videothek, einen Souvenirshop, eine selbstreinigende Toilette und eine wirklich gute Bowlingbahn."
"Spielen sie Bowling?"
"Darf man überhaupt während der Schwangerschaft Bowling spielen?"
"Klar, Big Mike. Warum nicht?"
"Warum denn?"
"Ich bowle nicht. Aber dafür esse ich. Und es besteht die Gefahr, dass in diesem Auto bald der Kannibalismus einzug hält!"
"Nur keine Hektik, wir sind ja schon da. Hier ist Quints Imbiss."
Das Auto hielt vor einem gemütlich wirkenden Blockhaus, mit einem großen Glasfenster.
Bevor einer der Insassen aussteigen konnte, stellte Shego noch einige Dinge klar.
"Der Erste von euch, der in der Öffentlichkeit auch nur ein Wort über meine Schwangerschaft verliert, bekommt gigantischen Ärger mit mir. Der ist so gigantisch, dass ich ihn gar nicht weiter ausführen möchte. Verstanden?"
Langsam stiegen Big Mike, Vinnie, Junior und Shego aus und betraten die Imbissstube. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Gäste Shego bemerkten und nervös anstarrten.
Und genau so schnell landete plötzlich ein Küchenmesser im Rahmen der Eingangstür.
"Hey," rief die Messerwerferin, eine große, athletisch gebaute Frau, mit langem, schwarzem Haar. "Du hast Hausverbot hier, Junior!"
"Sorry Quint, hatte ich vergessen. Ich warte dann draussen. Bringt mir einen Cheeseburger mit, Jungs."

"Die Frau gefiel mir sofort."

Quint deute verärgert auf Vinnie und Big Mike.
"Und ihr zwei setzt euch an die Theke, wo ich euch im Auge habe."
"Ja Quint," murmelten sie und setzten sich gesenkten Hauptes an die Theke.
Dann fiel der Besitzerin des Etablissements die schadenfroh grinsende, grüne Frau ins Auge.
"Und was bitte schön wollen sie hier? Wollen sie Ärger machen? Man hat mir erzählt, was gestern passiert ist. Wenn sie hier Ärger machen wollen, können sie sich gleich zu ihrem Freund da draussen setzen."
Shego sah ihr fest in die Augen.
"Erstens bin ich mit keinem von denen befreundet. Sie sind nur meine Nachbarn und zeigen mir die Stadt."
"Sie kennen uns ja noch nicht richtig!" rief Junior von draussen hinein.
Shego rief: "Hier unterhalten sich Erwachsene!" nach draussen und widmete sich dann wieder Quint. "Zweitens bin ich nur hungrig und habe gehört, dass das Essen hier gut sein soll."
"Das Essen ist nicht nur gut, sondern das beste Essen in ganz North Southeastwestington. Setzen sie sich."
"Das werde ich."
"Schön."
"Schön."
Quint zog das Messer aus dem Türrahmen, drohte Junior noch einmal damit und ging hinter die Theke.
"Also, was wollen sie?"
"Überraschen sie mich. Sie sind es doch, die dieses angeblich hervorragende Essen macht. Es sollte nur nicht scharf gewürzt sein."
"Verstehe. Sie sind schwanger."
Wie auf Kommando legten die anderen Gäste plötzlich ihr Hauptaugenmerk auf Shegos Bauch. Nur Big Mike und Vinnie zogen in Erwartung von so etwas wie einem Wutausbruch ihre Köpfe ein.
"Okay...äh, nein, äh, woher..."
"Ich bin selber eine Frau und merke so etwas. Und Junior hat mir von draussen Handzeichen gegeben."
Wie ein Falke auf Beutefang drehte Shego ihren Kopf zum Schaufenster, wo sie gerade noch sah wie Junior über die Motorhaube des geparkten Autos sprang und dahinter Deckung suchte.
"Dieser Junior ist eine Landplage," lachte Quint.
"Oh ja, das ist er. Wofür hat er Hausverbot bekommen?"
"Er ist ein Idiot."
"Das ist alles?"
"Ich bin die Inhaberin, ich mache die Regeln. Jetzt zaubere ich ihnen erstmal das Tagesmenü auf den Tisch und dann reden wir weiter."

"Und zu meiner Überraschung war ihr Essen wirklich so gut, wie mir mehrfach versichert wurde."

"Das Essen war wirklich gut. Was ist ihr Geheimnis?"
"Ich kann kochen," antwortete Quint trocken. "Wollen sie noch einen Nachschlag?"
"Nein, aber ich werde garantiert bald wiederkommen." Sie sah nach draussen, wo Junior, Big Mike und Vinnie auf sie warteten. "Doch jetzt muss ich mich erstmal um meine Mitfahrgelegenheit kümmern," seufzte sie.
"Sie sollten nicht so viel Zeit mit diesen dummen Nervensägen verbringen."
Shego legte das Geld für das Essen auf den Tresen.
"Ach wissen sie, mein ganzes Leben lang war ich von dummen Nervensägen umgeben. Vielleicht liegt es an der Schwangerschaft, doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Und ausserdem brauche ich doch jemanden, der meine Einkaufstüten trägt."