"Hey, da ist ja die frischgebackene Mama," sagte Junior, als er, Vinnie und Big Mike Shegos Zimmer betraten.
Sie hatten einen ganzen Haufen bunt glitzernder Geschenke bei sich. Blumen, Luftballons, Pralinen, was man in so einem Fall eben mitbringt. Vinnie trug sogar einen Teddybär, der fast so groß war wie Big Mike.
"Hat man hier denn niemals sein Ruhe?" stöhnte Shego.
Junior ging mit einem breiten Grinsen auf das Bett zu.
"Und da ist ja auch das Baby! Junge oder Mädchen?"
"Junge."
"Cool. Darf ich ihn mal halten?"
"Nein! Großer Gott, niemals!"
"Das kann man auch freundlich sagen. Warum darf ich ihn nicht halten?"
"Weil du immer alles fallen lässt."
"Ja, stimmt schon, aber ich werde doch kein Baby fallen lassen. Oder haben sie schonmal gesehen, wie ich ein Baby fallen ließ? Garantiert nicht! Denn ich lasse keine Babys fallen."
"Du lässt trotzdem die Finger von Tyler."
"Wer ist Tyler?"
"Mein Sohn! Der, den du nie im Leben halten darfst!"
"Ist ja gut. Reiten sie da nicht so darauf herum. Darf Vinnie ihn halten?"
"Ich will ihn gar nicht halten," rief Vinnie empört. "Ich habe Angst, dass ich ihn fallen lasse."
"Dann vielleicht Big Mike? Der hat riesige Pfoten. Der lässt nie etwas fallen."
"Keiner von euch darf meinen Sohn halten, verstanden?"
"Verstanden," sagten die Drei im Chor.
In dem Moment kam Quint zur Tür herein. Ohne irgendeine Form von Geschenk.
"Ihr versteht doch nie etwas," sagte sie.
"Na toll, noch eine Nervensäge," stöhnte Shego. "Aber danke, dass du mir keine Blumen oder Ballons mitgebracht hast."
"Ja, diese Dinger können ganz schön nerven, nicht wahr?"
"Aber so etwas von."
Vinnie fragte beleidigt: "Wenn sie nichts von dem Zeug haben wollen, können wir dann die Pralinen essen?"
"Nein! Finger weg von den Pralinen!"
Junior wischte sich erschrocken die Schokolade vom Mund und verlies langsam das Zimmer.
"Ich besorge mal eben eine neue Packung!"
"Na ich hoffe mit deinem eigenen Kind hast du mehr Glück," seufzte Quint.
"Immerhin kann ich meine drei Nachbarn ohne Schuldgefühle schlagen. Hey, das ist eine gute Idee! Immer wenn Tyler Ärger macht, versohle ich ihnen an seiner Stelle den Hintern."
"Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht gut finde," rief Big Mike dazwischen.
Er wurde aber irgnoriert.
"Tyler. Gut klingender Name. Nach jemand bestimmtem benannt?"
"Nö, es war nur der erste Name der mir einfiel und von dem ich glaube, dass er sich dafür nicht schämen muss."
"Welcher war der tatsächliche, erste Name der dir einfiel?"
"Drew."
"Drew? Klingt ja echt nicht so toll. Da ist Tyler wirklich besser. Wann kommt ihr zwei hier raus?"
"Hoffentlich bald. Um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, warum wir überhaupt noch hier sind. Ich kann es kaum erwarten endlich nach Hause zu kommen und in Ruhe mein Kind großzuziehen."
"Dann, in der ersten Nacht im eigenen Haus..."
Junior klopfte von aussen gegen die Haustür.
"Ist alles in Ordnung da drin!?" rief er.
Laute Geräusche und ein Schrei aus dem Haus ihrer Nachbarin hatten Junior und seine Freunde aufgeschreckt.
Vinnie presste sein Ohr gegen die Tür.
"Ich höre etwas."
"Ich sehe etwas," sagte Big Mike als er versuchte durch das mit Gardinen verhangene Fenster zu sehen. "Kann nur nicht sagen was es ist."
Junior zog einen Schlüssel aus der Hosentasche.
"Ach, gehen wir doch einfach rein und sehen nach."
Er schloss die Tür auf und betrat zusammen mit seinen Freunden Shegos Haus. Die Besitzerin stand am anderen Ende des Zimmer über einen Wickeltisch gebeugt, fuchtelte mit den Händen herum und murmelte irgendetwas unverständliches.
"Hallo?" fragte Vinnie vorsichtig.
Shego zuckte erschrocken zusammen, drehte sich um und zischte: "Was bitte sehr macht ihr hier!? Wie seid ihr hier hereingekommen?"
Junior wedelte demonstrativ mit dem Schlüssel herum.
"Als wir die neue Tür eingesetzt haben, haben wir einen Schlüssel für uns behalten. Sagen sie mal, weinen sie?"
Shego wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
"Es...ist nichts. Hab nur etwas ins Auge bekommen."
Big Mike versuchte eine Frage zu stellen: "Was ist mit dem..."
Doch Shego unterbrach ihn sofort.
"Mit dem Baby ist nichts. Er schläft nebenan. Es ist nur..."
Junior, Big Mike und Vinnie gingen alle einen Schritt auf ihre Nachbarin zu und fragten im Chor: "Jaaa?"
"Ich...kann keine Windeln wechseln. Jetzt schaut nicht so, ich bin ja selber nicht stolz darauf!" Sie drehte sich zum Wickeltisch, nahm von dort einen aufgeblasenen Luftballon, der in eine Windel eingewickelt war und hielt ihn hoch. "Hier. Das ist mein Problem."
"Bin ja kein Windelexperte," sagte Vinnie, "aber für mich sieht es gut aus."
"Yep, das ist Windelwickelei in Perfektion," fügte Junior hinzu.
"Aber nur, wenn ich Luftballons wickele."
"Warum wickeln sie Luftballons?"
"Um zu üben. Und wie ihr sehen könnt, funktioniert es mit Luftballons hervorragend."
"Und mit dem Baby nicht?"
Shego seufzte erneut.
"Ich zeige es euch. Aber seid leise. Ich habe ihn gerade dazu gebracht, endlich einzuschlafen."
Auf Zehenspitzen schlichen die Vier ins Nebenzimmer, wo Baby Tyler in seinem Bettchen friedlich vor sich hin schlummerte.
Ein leises "Woah" entfuhr Junior bei dessen Ansicht und Big Mike fragte: "Sind das zwei zusammengeknotete Windeln, die er da trägt?"
"Nein. Es sind zweieinhalb."
"Warum..."
"Ich hab doch gesagt, ich bekomme das nicht hin." Shegos Augen füllten sich mit Tränen und sie verließ schnell das Zimmer. "Und ich bin immer noch ein überreagierendes Gefühlsmonster. Wann hört das endlich auf?"
Sie warf sich auf die Couch und vergrub ihr Gesicht im Kissen.
"Hören sie," sagte Big Mike, "sie werden garantiert mit der Zeit besser. Als ich zum ersten Mal ein Baby wickeln musste, trug es die Windel am Ende auf dem Kopf."
"Kenne ich. Ist mir auch schon passiert," schluchzte Shego durch das Kissen.
"Vertrauen sie mir. Bald schon werden die Windeln perfekt sitzen. Nicht nur an den Luftballons. Sie haben mal jüngere Brüder erwähnt. Wie war das denn mit ihnen?"
"Ach, das ist schon so lange her. Ausserdem hatte ich immer Hilfe von...von meinen beiden älteren Brüdern."
"Und jetzt sind sie ganz allein."
Plötzlich fing Tyler im Nebenzimmer zu weinen an. Shego richtete sich langsam auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
"Nicht schon wieder," jammerte sie. "Er schreit den ganzen Tag. Ich weiss nicht, was ich falsch mache."
Sie lief zu ihrem Sohn und nahm ihn auf den Arm.
"Ich glaube, sie machen gar nichts falsch," sagte Big Mike. "Aber sie bräuchten vielleicht Hilfe. So ein kleines Baby kann eine einzelne Person ganz schön überfordern."
"Ich brauche keine Hilfe und habe auch nie welche gebraucht," sagte Shego in einem fröhlich singendem Ton, um ihren Sohn nicht noch mehr aufzuregen.
"Das sehe ich aber anders, wenn ich mir diese Frankenstein-Windel so ansehe."
Junior schubste Big Mike mit dem Ellenbogen an und fragte ihn: "Wieso Frankenstein?"
"Weil es eine große Windel ist, die aus mehreren Teilen zusammengebaut wurde. Wie Frankensteins Monster."
"Ah, verstehe. Ich dachte, weil sie hässlich ist."
Langsam beruhigte sich Tyler wieder. Genau wie seine Mutter.
"Gut. Vielleicht...hast du Recht. Ich könnte tatsächlich etwas Hilfe im Haushalt gebrauchen. Die Küche sieht schrecklich aus."
"Und jemanden, der ihnen hilft das Baby zu wickeln und es manchmal beruhigt und darauf aufpasst, so dass sie sich zumindest hin und wieder etwas ausruhen können."
"Ähm..."
"Keine Sorge. Sie sollen nicht auf Partys gehen und uns alleine lassen. Sie bleiben einfach nur auf der Couch sitzen, wenn sie zu erschöpft sind und überlassen uns die Arbeit."
"Nie im Leben," antwortete Shego empört. Doch plötzlich zwang ein mehr als übler Geruch sie dazu, ihre Meinung zu ändern. "Okay, aber erst zeigst du mir, wie man den Kleinen richtig wickelt. Dann reden wir weiter."
"Leider, leider waren mir die Drei eine wirklich große Hilfe bei der Erziehung von Tyler. So bekam er also seine, wie drücke ich es am besten aus? Seine drei schrägen Onkel. Und Tante Quint war da, damit Mama auch mal mit Erwachsenen reden konnte."
Einige Tage später.
"Manchmal konnten aber auch sie mir nicht weiterhelfen."
Es war 3.00 Uhr Morgens und eine völlig aufgelöst wirkende, grüne Frau, die ein Baby auf dem Arm hielt, trat die Tür zu Dr. Stathams Haus ein.
"Keine fünf Minuten später hatte er auch schon eine Diagnose gestellt."
"Ist nur eine kleine Erkältung. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen."
"Die Zeit verfliegt. Das erste Jahr war schnell vorbei. Mit neun Monaten sprach er sein erstes Wort."
"He he, der Kleine hat Vinnie gerade Mama genannt," lachte Junior.
"Nur kurz darauf machte er seine ersten Schritte. Er fing an immer mehr und mehr zu reden, wurde immer größer, es wurde einerseits leichter auf ihn aufzupassen, aber andererseits auch viel schwerer. Er fing an zu kapieren, was um ihn herum vorging, was bedeutete, dass ich ihm zum Beispiel Dinge verbieten konnte und er tatsächlich in einem gewissen Maße auf mich hörte. Aber ich konnte ihn nicht zum Einkaufen mitnehmen, ohne dass er um Dinge bettelte, die er im Fernsehen gesehen hatte. Und er wurde empfänglicher für die weniger guten Angewohnheiten seiner drei 'Onkel'. Wie eben übermäßiges Fernsehen und dann die Dinge haben wollen, die man dort sah. Ich versuchte all das einzusetzen, was ich über Kindererziehung gelernt habe, damals, als Drakken mich mit seinem Unberechenbarkeitsstrahl traf und zur diplomierten Kindererzieherin werden ließ. Doch ich merkte schnell, dass es einfacher war die Kinder andere Leute in der Theorie zu erziehen, als sein eigenes in der Praxis. Ich wollte ihm ein schönes Leben ermöglichen, ihn aber auch nicht verwöhnen. Ich glaube, es ist mir nicht immer gelungen. Und dann war Tyler plötzlich fünf Jahre alt und kam in die Vorschule."
Tyler klammerte sich ängstlich an das Bein seiner Mutter, als die Schulglocke ertönte.
"Glaubt es oder nicht, aber das war der erste Tag, in dem Tyler und ich wirklich voneinander getrennt waren. Er war immer irgendwo, wo ich ihn beobachten und im Zweifelsfall für ihn da sein konnte. Ich bin nie irgendwo hingegangen und habe ihn mit einem Babysitter alleine gelassen. Wenn ich ging, ging er mit mir. Aber das war in Ordnung. Er war zum Glück viel umgänglicher und kontaktfreudiger als ich und fand schnell Freunde. Aber bald schon kam er ins Alter, in dem er gewisse Fragen stellte."
Shego und Tyler saßen gemeinsam beim Abendessen.
"Ich hatte mich all die Jahre gefragt ob und wie ich Tyler von meiner Schurkenkarriere erzählen sollte. Ich habe ihn nicht zum böse sein erzogen, müsst ihr wissen. Allerdings auch nicht zum Pfadfinder. Ihr könnt nicht glauben wie froh ich war, als er das Thema dann selber ansprach. Vor allem in diesem Alter, wenn Kinder viele Dinge einfach so hinnehmen. Zehn Jahre später wäre er vielleicht weinend aus dem Haus gerannt und hätte so etwas geschrien wie: 'Du bist nicht meine Mutter, du bist eine Kriminelle!' Doch mit fünf Jahren war es ihm egal. Er kannte zwar den Unterschied zwischen Gut und Böse, aber er liebte seine Mama und hinterfragte die Geschichten, die ich ihm erzählte, nicht weiter. Er mochte es nur nicht, dass am Ende immer dieser schreckliche Cheerleader seine Mutter ins Gefängnis steckte. Eines Tages stellte er mir eine schwierigere Frage."
"Mama? Warum habe ich keinen Papa?"
"Von dieser Geschichte erzählte ich ihm zwei Versionen. In der ersten sagte ich ihm einfach nur, dass ich keinen Papa für ihn gefunden hätte, es aber völlig egal sei. Jahre später, als er dann älter war und die Vorgänge der Schwangerschaft kannte, erzählte ich ihm eine abgespeckte Version der Wahrheit. Darin erwähnte ich mit keinem Wort, dass er zwei mögliche Väter hatte. Es war einfach nur ein Nebeneffekt der Strahlung und ich war ihr ganz alleine ausgesetzt. Tyler kommentierte das mit einem: 'Woah. Schräg.' Aber ich glaube, er fasste es gut auf. Es schien mir wenigstens nie so, als hätte es ihn irgendwie traumatisiert. Ach ja, die Zeit raste dahin. Mit einem Wimpernschlag war er plötzlich alt genug für die Junior High. Und ab dann wurden die Probleme etwas komplizierter."
Tyler, mittlerweile zwölf Jahre alt, kam gerade von der Schule nach Hause.
"Ich habe eine Stunde lang versucht, ihn mit guten Ratschlägen zu versorgen. Am Ende hat er sie zum Glück alle ignoriert. Trotzdem blieb er noch für eine Weile Single. Das Mädchen teilte seine Neugier auf die Welt der Liebe noch nicht. Einige Jahre später kam dann aber doch der Zeitpunkt, an dem er seine erste Freundin mit nach Hause brachte."
Bepackt mit drei schweren Einkaufstüten, betrat Shego ihr Haus.
"Trotz ihrer Vorliebe für das rufen von albernen Parolen, während sie mit ihren Freundinnen versuchte eine Pyramide zu bilden, stellte sich Emily als ein nettes Mädchen heraus. Bis sie die Frechheit besaß, Tyler nur wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag das Herz zu brechen."
Quint saß zusammen mit Shego auf der Couch im Wohnzimmer und beobachtete ungläubig, wie Big Mike Tyler wickelte.
"Unglaublich. Diese riesigen Hände schaffen es tatsächlich ein so derart winziges Wesen behutsam zu säubern und zu wickeln."
"Ja, es grenzt an eine optische Täuschung, aber er hat nicht gelogen, als er von seiner Erfahrung mit Babys sprach. Er hat mir sogar beigebracht, wie ich eine perfekte Windel mit nur einer Hand wickele."
Ein Schrei ertönte aus der Küche.
"Was ist denn jetzt schon wieder?!" rief Shego.
"Junior hat sich an der Tür vom Küchenschrank den Finger geklemmt!"
"Okay, noch ein Punkt für die Liste."
"Ach, der kommt schon klar. Junior kommt immer klar. Und ausserdem, besser er, als Tyler."
"Da hast du Recht."
"Shego! Junior hat die Flasche vom Bodenreiniger aufbekommen!" rief Vinnie aus der Küche.
"Pass auf, dass er ihn nicht trinkt! Und so etwas nennt sich Kindersicher."
"Dr. Statham! Kommen sie schnell!" rief sie.
Der Doktor, ein Mann um die 60, der dem Weihnachtsmann unglaublich ähnlich sah, kam vorsichtig aus seinem Schlafzimmer. Er hielt einen Baseballschläger schützend vor sich, während er verschlafen den ungebetenen Gast betrachtete.
"Was?" murmelte er.
"Etwas stimmt mit Tyler nicht. Er hustet und schnieft und das hat er noch nie gemacht. Nicht so."
Der Doktor ließ den Schläger in einen Schirmständer gleiten und gähnte.
"Dann...kommen sie mal nach nebenan. Ich werde mal einen Blick auf ihn werfen."
"Eine Erkältung? Aber er ist doch noch so klein. Das könnte bei ihm doch zu sonstwas führen!"
"Im ersten Jahr können Babys bis zu zwölf mal erkältet sein. Es ist gut, dass sie sich so um ihn sorgen, aber es ist wirklich nur eine Erkältung."
Erleichtert ließ sich die Mutter auf einen Stuhl fallen.
"Wissen sie," sagte sie, "ich musste mich noch nie um jemanden derart kümmern. Wenn er mal kurz unbeobachtet ist, bringt er sich in Gefahr. Wie mein Ex-Freund." Ein melancholisches Lächeln erschien kurz auf ihrem Gesicht. "Doch auch wenn er sich oft wie ein Baby benahm, war er um einiges robuster. Und wenn er einen Stromschlag bekam, konnte ich darüber lachen. Würde Tyler so etwas passieren...na ja, sie haben ja gesehen was ich getan habe, nur weil er etwas erkältet war." Dr. Statham nickte verständnisvoll. "Bevor ich ihre Tür eingetreten habe, habe ich auch noch meinen Nachbarn das Auto geklaut. Ich dachte mir, es würde zu lange dauern, bis ich sie aus dem Bett geholt hätte, also habe ich einfach ihren Wagen kurzgeschlossen und bin hierher gerast. Zum Glück ist um diese Uhrzeit kein Verkehr. Sie müssen mich für eine unglaublich hysterische Mutter halten. Ich wette, so etwas schlimmes wie mich haben sie noch nie erlebt."
"Wenn es sie beruhigt, sie sind bis jetzt nur in den Top 5 der schlimmen Patienten. Aber die Tür müssen sie mir trotzdem bezahlen."
Shego schlug ihm mit der Hand auf den Hinterkopf.
"Nein, du Trottel. Er hat mich Mama genannt." Sie beugte sich zu Tyler runter und sprach mit einer albernen Stimme. "Konnst du noch ötwas sagen?"
Das Baby machte aber nur ein Bäuerchen und wiederholte: "Mama!"
"Mein erstes Wort war 'Pups'," sagte Big Mike.
Shego, Vinnie und Junior drehten sich langsam zu ihm um.
Vinnie kommentierte diese Aussage ganz trocken mit: "Alter."
"Mama, ich will da nicht hin."
Shego strich ihrem Sohn durchs Haar.
"Weisst du was, kleiner Mann? Ich verstehe dich. Niemand geht dort gerne hin."
"Aber warum muss ich dann dahin?"
"Damit du nicht so dumm wirst wie deine drei Onkel."
"Die sind lustig."
"Ja, wie kleine Äffchen. Jetzt geh schon rein. Du willst doch nicht an deinem ersten Tag zu spät kommen, oder? Und wenn du fertig bist, wartet Mama hier auf dich. Dann gehen wir Tante Quint besuchen und du kannst mir bei einem Eisbecher alles erzählen."
"Okay," seufzte Tyler und ließ ihr Bein los.
"Mama?"
"Ja, mein Sohn?"
"Heute in der Schule hat Lawrence mir gesagt, dass seine Mama ihm gesagt hat, dass du eine böse Frau bist."
"So, sagt sie das? Und was hast du gesagt?"
"Ich hab ihn gegen sein Bein getreten und gesagt, dass er lügt. Dann fing er an zu heulen."
Shego grinste breit.
"Das ist lieb von dir, dass du deine Mama verteidigst. Denn deine Mama liebt dich und würde das selbe für dich tun."
"Ich weiss."
"Gut. Denn, wie hieß er?"
"Lawrence."
"Lawrence hatte recht. Deine Mama war bis vor deiner Geburt die Assistentin eines verrückten Wissenschaftlers."
Tyler riss den Mund so weit auf, dass ihm das Kartoffelpüree wieder heraus fiel.
"Echt?" fragte er und wischte sich den Mund mit der Hand ab.
"Ja, ganz echt und ungelogen. Und nimm bitte eine Serviette."
"Cooooooool."
"Und wenn du jetzt schön brav aufisst, erzähle ich dir mehr darüber. Morgen werde ich mich übrigens mal mit Lawrences Mutter unterhalten."
"Na, kleiner Mann? Wie war die Schule?" fragte ihn seine Mutter, als er sich an den Küchentisch setzte.
"Ach, na ja."
Shego holte zwei Teller aus dem Küchenschrank und fing an, den Tisch zu decken. "Gab es Probleme?"
"Nicht wirklich."
"Aber?"
"Ich will ein Mädchen aus meiner Klasse fragen, ob sie mit mir geht. Ich weiss aber nicht wie. Kannst du mir helfen?"
Sie sah ihren Sohn an und blinzelte ein paar mal. Nach einigen Momenten sagte sie nur: "Warte mal kurz," und rannte schnell nach draussen.
Schnurstracks lief sie zum Nachbarhaus und klopfte aufgeregt gegen die Tür, bis Vinnie sie endlich öffnete.
"Hey, Frau Nachbarin. Wie geht's denn so?" fragte er.
Shego schob Vinnie zur Seite und ging ins Wohnzimmer. Die restlichen zwei Hausbewohner saßen dort auf der Couch und spielten ein Videospiel.
Junior unterbrach den Kampf um die Herrschaft des Universums mit einem Druck auf die Pausentaste und sagte: "Yo, wie geht's?"
"Tyler hat...Mädchenprobleme."
"Aber Tyler ist doch ein Junge."
"Nein. Ich meine, natürlich ist er das, aber er hat sich wohl in eine Mitschülerin verknallt und erwartet von mir nun einen Ratschlag."
"Wie alt ist er jetzt?" wollte Big Mike wissen.
"Zwölf."
"Ja, das passiert schonmal in dem Alter."
"Und?" fragte Shego.
Vinnie antwortete: "Hä?"
"Könnt ihr mir helfen? Ich bin nicht gerade...qualifiziert um über Liebesdinge zu reden. Irgendwie endete alles bei mir immer in einer Katastrophe."
"Klar helfen wir. Dafür sind Onkel doch da."
"Ihr seid nicht seine Onkel." Als sie das sagte, fiel Shego noch etwas ein. "Und wann hattet ihr zuletzt ein Date?"
Die drei nicht-Onkel blickten betroffen durch den Raum.
"Also," sagte Vinnie, "das war jetzt irgendwie ein Tiefschlag."
"Ja. Völlig unnötig."
"Echt."
"Darf ich mal telefonieren?" stöhnte Shego.
Die Laune der drei Beleidigten schlug blitzartig um.
"Ja, klar, machen sie nur." "Natürlich." "Wann immer sie wollen," antworteten sie, als ob nichts passiert wäre.
Shego griff zum Telefon und wählte Quints Nummer.
"Ja?" meldete sie sich am anderen Ende.
"Ich bin es. Ich hab da ein Problem mit Tyler?"
"Ist es ernst?"
"Auslegungssache. Er erwartet von mir einen guten Ratschlag, damit er sich mit einem Mädchen verabreden kann." Quint antwortete mit schallendem Gelächter. "Hör auf zu lachen, das ist Ernst! Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll! Kannst du mir helfen?"
"Ich würde ja gerne, aber...wann hast du mich zuletzt mit einem Mann gesehen? Ich gebe es ungern zu, aber ich bin nicht gerade ein Date-Profi."
"Bin ich denn hier nur von Gefühlskrüppeln und Liebesversagern umgeben?"
"Scheint so. Such dir neue Freunde. Ich muss weiter arbeiten. Sag mir, wie es ausgegangen ist!"
Mit hängenden Schultern schlich Shego wieder zurück in ihr Haus.
"Wo warst du?" fragte Tyler.
"Ach, ich musste nur..." Sie setzte sich zu ihrem Sohn an den Küchentisch und atmete einmal tief durch. "Egal. Wie heisst denn deine Freundin?"
"Sie ist nicht meine Freundin."
"Noch nicht. Aber ich hoffe, das können wir ändern."
"Tyler!?" rief sie. "Da sind noch zwei Tüten im Auto! Kannst du sie bitte holen, bevor Junior es macht und sie wieder fallen lässt?" In dem Moment fiel Shegos Blick auf ein fremdes Mädchen, das auf ihrer Couch saß und ihr zögernd zuwinkte. "Wer bist denn du?"
Tyler, mittlerweile 15 Jahre alt, kam mit einem Teller, auf dem zwei frisch gemachte Sandwiches lagen, aus der Küche.
"Hi Mama. Das ist Emily. Sie geht auf meine Schule."
Emily stand auf und reichte Shego die Hand.
"Freut mich, sie kennenzulernen."
"Aha," antwortete Shego, nicht wissend, was sie von der zierlichen Blondine halten sollte. "Holst du bitte die Tüten aus dem Auto, Tyler?"
"Klar. Bin sofort wieder da."
Er gab Emily einen kurzen Schmatzer auf die Lippen und verschwand nach draussen.
"So, du bist...Tylers Freundin?" fragte dessen Mutter sichtbar überrascht.
"Ja," antwortete sie schüchtern.
"Seit wann?"
"Erst seit ein paar Wochen. Wir sitzen in Mathe nebeneinander und er hat mir dort mehr als einmal aus der Klemme geholfen. Sie haben einen klugen Sohn."
Immer noch misstrauisch antwortete Shego nur mit: "Ich weiss." Mehrere Sekunden des unbequemen Schweigens folgten. Dann widmete sich Shego wieder ihren Einkaufstüten. "Ich trage die mal in die Küche."
"Warten sie, ich helfe ihnen."
Emily nahm eine der Tüten und folgte der Mutter ihres Freundes in die Küche.
"Was machst du sonst so, Emily?"
"Oh, ich bin Kapitän der Cheerleader."