Kapitel 4

Rache (Team Go Begins, Teil 4)

„Vielen Dank für das Essen“, sagte Washington, als er sich wieder hinter der Kamera postierte.
Shego antwortete mit einem schiefen Grinsen: „Danke mir nicht. In ungefähr zwei Stunden fängt das Gift nämlich an zu wirken.“
Julian und Washington erstarrten augenblicklich und sahen Shego mit weit aufgerissenen Augen an.
„War nur ein Scherz, das Essen war nicht vergiftet“, lachte sie, worauf sich die beiden Männer wieder entspannten. „Meines zumindest nicht.“
„Das...war wieder nur ein Scherz, stimmt‘s?“
Shego seufzte.
„Was glaubst du wohl?“
Augenblicklich füllten sich Washingtons Augen mit Tränen und er begann unweigerlich an all die verpassten Gelegenheiten in seinem Leben zu denken.
„Natürlich war das ein Scherz“, zischte Shego daraufhin. „Können wir jetzt endlich weitermachen?“
„Ka...Kamera läuft (Schnief).“
„Also, Shego, sie und ihre Brüder hatten jetzt also ihre Fähigkeiten entdeckt. Wie ging es weiter?“
„Drei Worte: Üben, üben, üben. Es dauerte etwas, bis wir herausfanden, wie wir unsere Kräfte aktivieren, beziehungsweise deaktivieren konnten. Wochenlang sind wir Tag für Tag sofort nach der Schule ins Heim zurückgekommen und haben uns im Zimmer eingeschlossen, um zu üben. Und als wir den Dreh endlich raus hatten, wussten wir trotzdem nicht, was wir damit anstellen sollten.“

„Talkshows“, sagte Mego.
Die Geschwister saßen gemeinsam in ihrem Zimmer. Die Tür war abgeschlossen, die Jalousien waren heruntergezogen, das Licht war ausgeschaltet. Die einzige Lichtquelle waren Shego, Mego und Hego. Sie saßen gemeinsam auf dem Boden und leuchteten abwechselnd.
„Du meinst also, wir sollten ins Fernsehen gehen, der ganzen Welt zeigen was wir können?“ fragte Hego.
„Ja. Das wäre doch cool, wir wären Superstars. Die Menschen würden uns bewundern. Ich denke an Werbeverträge, an Welttourneen, Berge von Geld.“
„Ich denke eher an riesige Menschenmengen, die uns mit Fackeln und Mistgabeln aus der Stadt jagen oder an Wissenschaftler, die jeden von uns in einen kleinen Raum sperren und uns solange mit Nadeln stechen und mit Elektroschocks quälen, bis sie entweder herausgefunden haben, woher wir unsere Kräfte haben und wie sie selber solche bekommen können oder jeden Einzelnen von uns umgebracht haben. Je nachdem, was zuerst eintritt.“
Obwohl ein Teil von Mego wusste, dass Shego damit recht hatte, entgegnete er ihr nur: „Du siehst die Dinge viel zu negativ, Schwesterchen. Du hättest dir „E.T.“ vielleicht nicht ganz so oft ansehen sollen.“

„Glaubt es oder nicht, aber als ich klein war, war ich verrückt nach diesem Film. Später ging er mir dann nur noch auf den Senkel und ich frage mich heute noch, was ich je an ihm mochte.“

„Shego hat nicht ganz unrecht, Mego. Man braucht nicht studiert zu haben um zu wissen, dass wir diese Kräfte dem Meteoriten zu verdanken haben. Da von ihm nichts weiter übriggeblieben ist, als wir, werden wir es also sein, die als Forschungsobjekte dienen werden. Die Babys mit eingeschlossen, und wir wissen ja noch nichtmal, ob sie auch Superkräfte haben. Hm...Superkräfte.“
„Okay, ihr habt ja recht, wir halten es geheim.“
„Wir sollten auch auf jeden Fall noch weiter üben. Wer weiss, was für einen Schaden unsere Kräfte anrichten können.“
„Ich schrumpfe nur. Das ist harmlos.“
„Superkräfte...so habe ich das noch gar nicht betrachtet.“
„Was ist, wenn du eines Tages auf Molekularebene schrumpfst und versehentlich einen Atomkern spaltest?“
„Willst du uns jetzt etwas verbieten, unsere Kräfte zu benutzen? Das ist Unsinn, wir haben sie, also sollten wir sie auch benutzen.“
„Wir haben wirklich...Superkräfte.“
„Okay, aber wir sollten, nein, wir müssen sie verantwortungsvoll einsetzen.“
„Meine elf Jahre alte Schwester hält mir einen Vortrag über Verantwortung. Das ist so typisch für dich, du kannst nur meckern, meckern, meckern.“
„Ich würde weniger meckern, wenn mir meine Brüder nicht ständig einen Grund dazu liefern würden. Ausserdem habe ich recht.“
„Bla bla bla, ich höre dir nicht zu. Weißt du was? Ich schrumpfe jetzt. Und weißt du noch was? Vielleicht spalte ich ja einen Atomkern! Oder zwei oder drei? Ach was sage ich, ich werde eine ganze Reihe von Atomkernen auf eine Schnur auffädeln!“
„Du hast keine Ahnung, was bei einer Kernspaltung passiert, oder?“
„Nein, aber Dr. Shego, die weltbekannte Atomphysikerin, wird es mir sicher erzählen.“
Plötzlich sprang Hego so ruckartig auf, dass seine Geschwister vor Schreck mit dem Streiten aufhörten, und sagte: „Wir...werden Superhelden!“
Shego und Mego starrten ihren großen Bruder an. Dann sahen sie sich gegenseitig an, dann wieder Hego. Shego brachte schließlich auf den Punkt, was beide in diesem Moment dachten.
„Das...ist wohl das Dümmste, was irgendwem in dieser Situation einfallen konnte.“
Hego setzte sich wieder auf den Boden.
„Warum?“
„Superhelden? Wir?“
„Ja!“
„Wir sind elternlose Minderjährige, die auf ihre Babybrüder aufpassen müssen.“
„Mit Superkräften!“
„Trotzdem, nein.“

„Es war zu dem Zeitpunkt einfach eine viel zu absurde Idee. Wir hatten es gerade geschafft, unser Leben einigermaßen auf die Reihe zu bekommen, dann sollten wir, die keinerlei Kampferfahrung hatten, uns plötzlich Nacht für Nacht auf die Straßen begeben und Verbrecher bekämpfen. Wer konnte ahnen, dass es unser Schicksal war? Zumindest...das Schicksal vom größten Teil meiner Familie. Und Schuld daran war nur Dennis.“

Nur zwei Tage später.
„Hey, was machst du da!?“ rief Mego.
Heute war er damit an der Reihe, sich um die Zwillinge zu kümmern. Er kam gerade mit ihnen von einem Spaziergang zurück. Sie lagen friedlich in ihrem Kinderwagen und er hatte nur einmal kurz weggesehen, um sich die Schuhe zuzubinden, als plötzlich Dennis neben dem Wagen stand und die Babys zu weinen anfingen.
„Was machst du da?“ wiederholte Mego seine Frage.
„Nichts“, antwortete Dennis unschuldig, „ich stehe hier nur.“
„Und was hast du mit den Zwillingen angestellt?“
„Nichts! Babys mögen mich eben nicht. Und Hunde. Katzen und Eichhörnchen sind auch nicht gerade meine besten Freunde. Scheint wohl an meinem Karma zu liegen.“
Dennis verschwand, misstrauisch von Mego beäugt, wieder um die Ecke. Als er herausfand, warum seine Brüder zu weinen anfingen, war Dennis schon über alle Berge. Zumindest war er so unauffindbar wie jemand, der mit dir im selben Haus wohnt, sein kann.

„Dennis hatte es tatsächlich gewagt, den Babys ihre Schnuller zu klauen. Stellt euch das vor! So etwas würde selbst ich niemals tun. Nicht, dass ich moralische Bedenken hätte, es ist einfach nur billig und dumm! Worin liegt der Nutzen, ein oder mehrere Babys zu ärgern? Oder der Reiz? Jeder kann das. Sicher, man könnte jetzt behaupten, dass Dennis es nur getan hat, weil er ja ach so böse war, doch mal ehrlich, wäre er wirklich böse gewesen, hätte er die Babys, und nicht deren Schnuller geklaut. Normalerweise würde ich mich da einfach raushalten, da diese Schnullerklauerei nur dämlich und weit unter meinem Niveau ist und auch schon immer war, doch es ging hier um meine Brüder.“

Shegos erste Reaktion, als Mego ihr und Hego von Dennis‘ Schandtat berichtete, war, dass sie das grüne Feuer in ihren Händen so stark brennen ließ, wie nie zuvor.
Dann sprang sie mit beiden Füßen aufs Bett und rief: „Raaaaaaaaaaacheeeeeeeeeeeeee!!!!!“

„Ja, ich hasse meine Brüder aus tiefstem Herzen. Jeden von ihnen. Damals tat ich es aber noch nicht. Und ausserdem, wenn...ich heute auch Brüder im Babyalter hätte, und jemand hätte ihnen etwas angetan, egal wie unbedeutend es auch sein mag, würde ich mich immer noch so verhalten. Was seht ihr mich so an? Es sind Babys, sie hatten einfach noch nicht die Möglichkeit, mir mein Leben so sehr zu versauen, dass ich mir wünschte, sie niemals wiederzusehen.“

Während Shego mit glühenden Händen von Bett zu Bett sprang, führte sie ihre Rachepläne weiter aus: „Wir haben die Kräfte, also sollten wir sie auch einsetzen. Ich zerfetze ihn in tausend Stücke, Hego schlägt die Überreste zu Brei und Mego, naja, ähm...er kann seine Schnürsenkel zusammenbinden, ohne, dass er etwas merkt.“
„Hey, schrumpfen ist vielleicht die coolste aller Superkräfte!“
Als Shego das nächste Mal an ihm vorbeihüpfte, fing Hego sie auf und versuchte sie zu beruhigen.
„Ganz ruhig, Schwesterchen. Woher nimmst du nur diese Ideen? Ihn zerfetzen und zu Brei schlagen? Wenn ich nicht wüsste, dass du kaum fernsiehst, würde ich ja sagen, du siehst zuviel fern. Aber eine deiner Ideen gefällt mir.“
„Das zerfetzen oder das zu Brei schlagen?“
„Weder noch.“
Shego hüpfte aus den Armen ihres Bruders auf den Boden und stöhnte enttäuscht.
„Na toll, wir werden ihm die Schnürsenkel zusammenbinden.“
„Das ist nur ein Teil des Planes. Im Großen und Ganzen werden wir ihm aber eine Lektion erteilen, die sich gewaschen hat.“
Mit dem letzten Satz hatte Hego wieder die Aufmerksamkeit seiner Schwester zurückgewonnen.

„Hegos Plan war simpel. Er hätte aus einem Disney-Film stammen können. Man muss ihm aber zugute halten, dass er perfekt auf die Psyche eines großmäuligen dreizehnjährigen, der den Diebstahl von zwei Schnullern für eine kriminelle Meisterleistung hielt, abgestimmt war.“

Noch in der selben Nacht, setzten die Go-Geschwister ihren Plan in die Tat um.
Dennis schlief unverdient sanft in seinem Bett. Er war das einzige Kind im Waisenhaus, dass das Privileg hatte, ein Einzelzimmer zu besitzen. Das war keine Belohnung für irgendetwas. Mr Pink wollte einfach nur den Seelenfrieden seiner Schützlinge nicht unnötig aufs Spiel setzen. Einmal hatte Dennis seinen Mitbewohner zusammen mit sich, ein ganzes Wochenende lang im Zimmer eingeschlossen und ununterbrochen mit Weingummis beworfen. Klingt verhältnismäßig harmlos, aber das arme Opfer hatte seitdem, bis zu seinem Lebensende eine unglaubliche Panik vor Weingummis.
Er starb bei dem Versuch, seine Angst zu kurieren und wurde im Alter von 65 Jahren, von dem weltgrößten Weingummi überrollt. Ein tragischer Unfall. Es schmeckte nach Wildkirsche.
Es war kurz vor Mitternacht. Wie wir alle wissen, wird Mitternacht im Volksmund auch als „Geisterstunde“ bezeichnet. Als es dann zwölf schlug, gingen die unheimlichen Ereignisse los.
Es ging mit einem lauten Schrei, direkt in Dennis‘ Ohr los. Der Angeschriene schreckte blitzartig auf und sah sich um. Der Vollmond, der glücklicherweise direkt in sein Zimmer schien, erleuchtete sein Zimmer hell genug, doch er konnte niemanden in seiner Nähe sehen.
Dann hörte er diese unheimliche Stimme direkt in sein Ohr sagen: „Dennis West, du warst ein böser Junge.“
Dennis riss die Augen vor entsetzen weit auf und drehte seinen Kopf langsam zur Seite. Doch noch immer schien er alleine im Zimmer zu sein.

„Es war Mego, der so stark geschrumpft war, wie er es noch nie zuvor getan hatte und sich direkt in Dennis‘ Gehörgang gesetzt hatte. Er hatte den miesesten Job, doch irgendeiner musste ihn ja machen.“

„Ha...hallo?“ flüsterte Dennis kleinlaut.
„Du hast viele üble Taten in deinem Leben begangen“, schrie ihm Mego in den Gehörgang, „doch wenn du zwei kleinen, hilflosen Babys ihre Schnuller wegnimmst, können wir nicht mehr wegsehen!“
„Wer seid ihr und woher wisst ihr von den Schnullern?“
Wie auf Stichwort erhob sich plötzlich das Bett, mitsamt Dennis darin, in die Lüfte und wirbelte scheinbar unkontrolliert durchs Zimmer.

„Das war natürlich Hego, der sich unter dem Bett versteckt hatte. Er schüttelte diesen kleinen Mistkerl so richtig durch. Kräftig genug, um ihm so richtig Angst zu machen, aber auch nicht so stark, dass er ihn verletzen könnte.“

Dennis‘ Augen füllten sich mit den ersten Tränen, während Hego und Mego ihre Aufgaben weiter fortführten.
„Wir kommen direkt aus der Hölle“, rief Mego weiter. „Aber nicht die coole Hölle, in die die ganzen Rockstars nach ihrem Tod wandern, sondern die schlimme Hölle, mit Feuer und so. Wir haben schon einen Platz für dich reserviert, Dennis! Findest du das hier schon schlimm? Dort ist es noch viel schlimmer! Denn dort gibt es...Feuer...und...so. FEUER!!!“
Langsam wurde Dennis übel. Er wusste nicht, ob es von dem Herumgewirbel kam ober ob es die blanke Panik war, die langsam in seinen Knochen aufstieg.
„Ich...ich will aber nicht in die Hölle.“
„Dann sei von nun an nett. Entschuldige dich bei den Anderen. Benimm dich. Und vor allem, kaufe den Babys neue Schnuller!“
Das waren dann doch zuviele Anforderungen an Dennis.
„Mich entschuldigen? Nett sein? Neue Schnuller? Ich weiss nicht, ob ich das kann!“
In dem Moment öffnete sich ruckartig die Schranktür. Etwas grün leuchtendes sprang hinaus, landete auf dem Bett und bedrohte Dennis mit seinen furchterregenden, brennenden Klauen.

„Das war natürlich ich. Eigentlich hatte ich nur ein Bettlaken über dem Kopf und sah völlig albern aus. Aber das Leuchten, zusammen mit der exzellenten Vorarbeit meiner Brüder, verfehlte seine Wirkung nicht. Ihm war noch nichtmal klar, dass er nur ein Bettlaken auf Beinen vor sich hatte.“

„Okay, ich tue alles, was ihr sagt! Alles! Aaaah!“
„Wirst du nett sein und dich morgen öffentlich entschuldigen?“
„Ja, JA!“
„Dann wünsche ich weiterhin eine gute Nacht.“
Shego warf Dennis das Bettlaken über den Kopf und sprang zusammen mit dem schnell wieder wachsenden Mego vom Bett herunter. Hego drückte das Bett hart, aber trotzdem wie immer vorsichtig genug, um niemanden zu verletzen, mitsamt Dennis in den offenen Schrank und alle drei verschwanden lautlos aus dem Zimmer.

Julian und Washington spürten regelrecht, was es Shego für eine Freude bereitete, davon zu erzählen.
„Wir hätten das Bett auch einfach wieder abstellen können, doch dann hätte er vielleicht gedacht, dass alles nur ein Traum war. Und jetzt ratet mal, was dann passierte?“
„Er wurde doch nicht etwas wirklich ein netter Kerl?“, fragte Julian.
„Doch! Zumindest für die Zeit im Waisenhaus. Er hat sich sogar gleich beim Frühstück vor allen Anderen entschuldigt. Mr Pink ist daraufhin aus dem Fenster gesprungen, weil er dachte, er würde träumen und könnte fliegen. Zum Glück war das Fenster im Erdgeschoss.“
„Aber eine Frage habe ich doch. Hat euch denn niemand gehört? Das klang für mich jetzt, als ob ihr eine Menge Lärm gemacht habt.“
Shego seufzte.
„Naja, als lauter Krach aus Dennis‘ Zimmer kam und er um Hilfe schrie, überhörten ihn die Anderen mit Freuden. Höchstens Mr Pink wäre ihm zur Hilfe gekommen, doch er ist einer von den Menschen, die bei Vollmond noch nicht mal ein Atomkrieg wecken könnte. Trotzdem gab es einen Menschen, der uns auf frischer Tat ertappte.“