"Ich weiss es noch ganz genau. Er kam von der Schule nach Hause und lief sofort in sein Zimmer. In dem kurzen Moment, in dem er an mir vorbeirannte, bemerkte ich, dass er Tränen in den Augen hatte. Da wusste ich, dass es etwas ernstes sein musste. Tyler hatte nicht mehr geweint, seit er acht Jahre alt war. Zum Glück für mich, denn ich war schon immer ganz schlecht darin, anderen Leuten Trost zu spenden. Nur leider war es jetzt wohl wieder so weit."
Zaghaft klopfte Shego an die Zimmertür ihres Sohnes.
"Ist alles in Ordnung da drin?" fragte sie.
Von der anderen Seite der Tür hörte sie nur ein: "Hmmm." Eigentlich war es ein "Nein", aber da Tyler sein Gesicht in einem Kopfkissen vergrub, wurde der eigentliche Klang des Wortes akustisch verschluckt.
"Darf ich reinkommen!?"
"Hmmm."
Auch wenn Shego nicht wusste, dass sich hierbei um ein "Ja" handelte, betrat sie trotzdem Tylers Zimmer und setzte sich neben ihn aufs Bett.
"Was ist los?"
"Hmm hm hmm hmhmhmhm hm. Hm hmhmhmhm hmmm hmhmhmhm."
"Ich...verstehe leider kein Wort."
Langsam setzte sich Tyler aufrecht hin und legte seinen Kopf auf Shegos Schulter.
"Vorsicht mit den Tränen. Diese Bluse muss besonders gereinigt werden. Aber andererseits...es ist ja nur eine Bluse. Was ist denn passiert?"
"Es...ist Emily," schluchze Tyler.
"Oh nein, ist ihr etwas passiert? Geht es ihr gut? Sie ist so ein nettes Mädchen."
"Sie betrügt mich mit Danny O'Poyle."
Sofort sprang Shego auf und ließ ihren Sohn wieder zurück ins Bett fallen.
"Diese verdammte Mistkuh!" rief sie wütend. "Ich wusste von Anfang an, dass man ihr nicht trauen kann! Diese Cheerleader machen nichts als Ärger! Was ist genau passiert?"
Tyler brauchte ein paar Sekunden um sich zu beruhigen. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete ein paar mal tief ein.
"Wir konnten heute unseren Lehrer tatsächlich dazu überreden, in der letzten Stunde draussen zu unterrichten. Als...wir alle gemeinsam den Flur entlang gingen, hörte er ein Lachen aus dem Putzraum. Er ging also dort hin um zu sehen was los war, öffnete die Tür und da waren Emily und O'Poyle und knutschten sich gegenseitig ab, als ob es kein Morgen gäbe." Shego ballte wütend ihre Fäuste. "Alle haben es gesehen," fuhr Tyler fort. "Sie haben gelacht. Keine Ahnung ob sie über mich lachten. Ich war...fassungslos. Das sie mir das tatsächlich antun konnte." Er kämpfte deutlich mit seinen Tränen. "Und als unser Lehrer die beiden wütend ins Büro des Direktors schleifte, hat sie mich nur angesehen und mit den Schultern gezuckt. Ich glaube, sie hat mich in all der Zeit nur benutzt, damit ich ihr bei den Hausaufgaben helfe."
Shego schrie wütend auf, entflammte ihre Hände und boxte ein Loch in die Wand.
"Mama, doch nicht auch noch meine Wände!"
"Entschuldigung. Soll ich dir dein Essen bringen?"
"Nein, danke, ich habe keinen Hunger."
"In Ordnung. Ruhe dich erstmal aus. Sag Bescheid, wenn du noch etwas brauchst, okay?"
Sie zog ihren Arm aus der Wand und verließ das Zimmer.
"Ich war mir sicher, dass er schon bald darüber hinwegkommen würde. Er war schließlich mein Sohn! Doch er verbrachte vier ganze Tage im Bett, ignorierte Anrufe und Besuche von seinen Freunden, aß kaum etwas und sagte schließlich sogar seine Geburtstagsparty ab. Da wusste ich, dass es Zeit für mich war, um zu handeln. Ich konnte vielleicht noch nichtmal meinen eigenen Sohn richtig trösten, aber dafür konnte ich schon immer gut anderen Menschen das Leben zur Hölle machen."
Shego saß am Tresen von Quints Imbiss und starrte konzentriert auf einen Laptop.
"Wenn du nichts bestellst, muss ich dich rausschmeissen," sagte Quint. "Wie geht's Tyler?"
"Keine Veränderung."
"Der Arme. Ich weiss noch, als ich das erste Mal abserviert wurde. Das hat mir fast den ganzen Sommer versaut. Du solltest nicht zulassen, dass Tyler das Gleiche passiert."
"Das habe ich auch nicht vor. Ich bin da schon etwas am planen."
"Genau das wollte ich hören. Was willst du machen?"
"Nun, Emily glaubt scheinbar, das ganze Leben sei eine Party. Aber ich ziehe den Stecker auf der Party."
"Du willst sie doch nicht umbringen, oder?"
"Was? Nein!"
"Okay. Hast dich nur etwas unverständlich ausgedrückt."
"Ich habe eine bessere Idee."
Quint warf einen Blick auf Shegos Laptop. Sie hatte die offizielle Internetseite des North Southeastwestingtoner Cheerleader Teams aufgerufen. Eine grell blinkende Schrift wies dort auf einen wichtigen Termin hin.
"Aha, die Cheerleader-Meisterschaft am Freitag. Willst du sie vor allen Leuten blamieren?"
Anstatt darauf zu antworten, drehte sich Shego zu Quint und fragte mit einem breiten Grinsen: "Sag mal, hast du heute Abend schon etwas illegales vor?"
"Wie illegal?"
"Sagen wir einfach mal, im Ernstfall würde ich die höhere Strafe abbekommen. Aber wenn du nicht willst, schaffe ich es auch alleine."
"Wir kennen uns jetzt 16 Jahre. Ich habe deinen Sohn aufwachsen sehen. Und ich hasse Cheerleader. Natürlich bin ich dabei. So etwas Nervenkitzel hat noch niemandem geschadet."
"Doch. Alten und Herzkranken," sagte Junior, als er mit seinen beiden Freunden zur Tür herein kam. "Worum geht's?"
"Um nichts," knurrte Quint.
Shego korrigierte sie.
"Stimmt nicht. Wir wollen Tyler rächen."
"Ist er immer noch so fertig wegen seiner Freundin? Mann, ich sag's doch seit Jahren. Cheerleader sind böse."
"Ich kann euch gut gebrauchen. Seid ihr dabei?"
Die Drei überlegten nicht lange und antworteten im Chor: "Klar."
"Er ist doch unser Neffe," fügte Vinnie hinzu.
"Nein, ist er nicht."
"Bei Einbruch der Dunkelheit trafen wir uns alle in meinem Haus. Zu diesem besonderen Anlass hatte ich sogar meine alte Arbeitskleidung wieder aus dem Schrank geholt. Früher trug ich diesen Anzug jeden Tag, doch in den letzten 16 Jahren hatte ich ihn nur hervorgeholt, um ihn auf Mottenschäden zu kontrollieren. Zu meiner eigenen Überraschung passte er mir noch. Gut, hier und da zwickte er etwas, aber damit konnte ich leben."
Shego betrachtete sich im Spiegel, auf der Innenseite der Schranktür. Sich selbst wieder in diesem schwarz/grünen Anzug zu sehen, fühlte sich einerseits völlig ungewohnt an, andererseits war es aber auch ein vertrautes Gefühl.
Erinnerungen kamen in ihr hoch. Gute und nicht so gute. Sie fragte sich plötzlich, warum sie ihn nicht schon in den Müll geworfen hatte, als sie ihre Brüder verließ. Ganz zu schweigen von der Frage, warum sie ihn und die drei anderen Ersatz-Anzüge immer noch besaß.
Ein lautes Hupen vor ihrem Haus riss sie schließlich aus ihren Gedankengängen. Sie ging zu Tylers Zimmer und steckte den Kopf durch den Türspalt.
"Hey Tyler, ich bin mal kurz weg. Kommst du zurecht?"
Tyler saß aufrecht im Bett und schaltete mit der Fernsehfernbedienung ziellos durch die Kanäle.
"Ich glaube schon. Wohin gehst du?"
"Nur etwas erledigen. Freut mich, dass du mittlerweile schon wieder zum Fernsehen übergegangen bist."
"Im Fernsehen sind nur glückliche Paare," sagte er traurig. "Und selbst die unglücklichen sind am Ende wieder glücklich. Es ist, als ob sich das Fernsehen über mich lustig machen würde."
"Ja, die Angewohnheit hat es manchmal," seufzte Shego und setzte sich neben ihren Sohn aufs Bett.
"Wofür hast du dich denn so angezogen?" fragte er.
"Ach, nur so. Hör mal, ich will dir nicht vorschreiben ob und wie lange du deiner betrügerischen Ex-Schlange nachtrauern darfst, aber glaube mir wenn ich dir sage, dass sie es einfach nicht wert ist und du sie am besten einfach vergisst. Ein wichtiger Tag kommt nämlich auf dich zu. Samstag wird mein kleiner Mann 16. Dann bist du ein...mittelgroßer Mann."
"Ach Mama," seufzte Tyler mit einem Lächeln auf seinem Gesicht.
"Hey, was ist denn mit deinem Gesicht passiert? Es sieht so anders aus. Hoffentlich bist du nicht krank. Nein, warte. Du lächelst ja nur. Das hast du ja lange nicht mehr gemacht." Erneut erklang draussen eine Autohupe. "Wie dem auch sei, ich muss los. Komm mal her." Sie drückte ihren Sohn noch einmal kräftig und verließ dann das Zimmer. "Es wird heute spät werden, also wünsche ich dir schonmal eine gute Nacht," sagte sie noch, während sie die Tür hinter sich schloss. "Und tue mir den Gefallen und dusche dich endlich. Du riechst wie ein langhaariger Automechaniker. Echt jetzt."
"Gute Nacht, Mama," lachte Tyler und legte sich hin.
Erneut wurde die Autohupe betätigt. Um Zeit zu sparen sprang Shego dann einfach aus dem Fenster im ersten Stock, anstatt die Treppe zum Erdgeschoss hinab zu gehen. Sie landete sicher, aber mit einem verhältnismäßig lautem Rumsen auf dem Autodach.
Die Insassen, Quint, Vinnie, Junior und Big Mike steckten die Köpfe aus dem Fenster.
"Hey," rief Quint, die auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte. "Wenn ich da eine Beule entdecke gibt es aber kräftig Ramazotti!"
"Dann hättest du nicht immer wieder auf die Hupe drücken sollen," antwortete Shego trocken, sprang vom Dach und stieg auf der Beifahrerseite ein.
"Ich habe nur einmal gehupt. Der Rest kam von Vinnie."
"Ich wollte nur sichergehen, dass sie mich gehört haben."
"Habe ich schon beim ersten Mal. Ich habe mich nur noch von Tyler verabschiedet."
"Wie geht es ihm?" fragte Quint, während sie den Wagen startete.
"Etwas besser, aber nicht gut genug. Doch das wird es bis zum Wochenende. Dafür sorge ich."
"Mann, ich kann nicht glauben, dass sie sich so für ihren Sohn reinhängen," sagte Junior auf der Rückbank. "Als ich zum ersten Mal so richtig Liebeskummer hatte, kaufte mir meine Mutter nur einen Schokoladen-Papst um mich aufzuheitern."
Big Mike fragte ungläubig: "Schokoladen-Papst?"
"Ja, das ist ein kleiner Papst aus Schokolade. Sie war streng religiös."
"Ich bin ja kein Experte, aber kommt man nicht in die Hölle wenn man in ein Ebenbild des Papstes beisst?"
Shego beschloss, diese Konversation zu unterbrechen und über wichtigere Dinge zu sprechen.
"Hey, Konzentration! Wisst ihr alle, was ihr zu tun habt?"
Ein kollektives "Ja" erklang um sie herum.
"Gut, denn wir haben einen engen Zeitplan."
Vinnie setzte sich ein teuer aussehendes Gestell mit zwei hervorstechenden Okularen auf den Kopf.
"Ob ich wohl die Chance habe, endlich mein Nachtsichtgerät auszuprobieren?"
Shego drehte sich um und riss ihm das Gerät vom Kopf.
"Nein! Garantiert nicht. Warum besitzt du so etwas überhaupt?"
"Man kann ja nie wissen, wozu es gut ist. Schließlich heisst es doch 'Im Land der Blinden lachen die Nachtsichtgerät-Benutzer den König aus'. Oder so."
"Ihr sollt nur einen Reifen wechseln. Dafür braucht man kein Nachtsichtgerät."
"Aber es ist Nacht."
"Ich werde das nicht mit dir ausdiskutieren. Und jetzt Klappe halten."
Eine gute halbe Stunde später, erreichte die Fahrgemeinschaft endlich ihr Ziel. Ein abgelegenes, Grün gestrichenes Haus an einer einsamen und unbeleuchteten Landstraße. Quint stoppte das Auto einige hundert Meter davor und ließ Shego aussteigen.
"Also nochmal zur Sicherheit," sagte sie durch das Fenster auf der Beifahrerseite, "wenn ich zum grünen Gebäude gehe, wartet ihr hier ein paar Minuten, dann fahrt ihr los, bleibt direkt davor stehen und wechselt den Reifen. Wenn ihr fertig seid, fahrt einfach eine Minute weiter und dann wartet auf mich. Ich stoße dann schon zu euch." Mit Hilfe ihrer Klauen-Handschuhe stach sie ein Loch in den rechten Vorderreifen. "Vergeigt es nicht."
Mit diesen Worten rannte Shego im Schutz der Dunkelheit zum Haus. Dort angekommen versteckte sie sich in einem Busch neben der Hintertür. Vorsichtig warf sie einen Blick durch das Fenster. Das dazugehörige Zimmer war wie ein Labor eingerichtet. Ein Mann in einem weißen Kittel war über einen Computer gebeugt und tippte dort eifrig etwas ein.
Dann hörte Shego das Auto ihrer Komplizen näherkommen. Das Motorengeräusch war vom Klopfen des platten Reifens unterlegt. Plangerecht hielt es direkt vor dem Haus, wo sich auch die einzige Laterne der Straße befand.
Shego konnte nicht sehen, was sich dort abspielte, aber sie hörte die Stimmen ihrer Freunde, Werkzeuge und schließlich etwas, das wie eine kleine Explosion klang.
Während Quint wie von sinnen "Was habt ihr denn jetzt angestellt!" schrie, konnte Shego den Bewohner des Hauses dabei beobachten, wie er erschrocken von seinem Schreibtsich aufstand und das Zimmer verließ.
"Die Anderen waren die Ablenkung. Ursprünglich dachte ich nur daran, Quint, als die ziemlich attraktive Frau die sie war, an der Tür klingeln und um Hilfe beim Reifenwechsel bitten zu lassen. Ich war aber nicht sicher, ob mir das die nötige Zeit verschaffen würde. Er hätte ja einfach ablehnen und wieder zurück in sein Labor marschieren können. Dann fiel mir ein, dass meine Nachbarn Meister im ungewollt-Chaos-verursachen sind. Also dachte ich mir, wenn sie beim Reifenwechsel helfen, wird hoffentlich eine Situation entstehen die mir das nötige Zeitfenster verschafft. Und so war es dann auch."
Einige Sekunden später hebelte sie vorsichtig das Fenster auf. Sie hätte auch einfach die Scheibe einschlagen oder mit ihren Kräften das Glas schmelzen können, aber es war ihr wichtig, keine Spuren zu hinterlassen.
So schnell und leise wie eine Katze sprang sie in das Labor und sah sich um. Ihr Blick fiel sofort auf einen Ständer mit Reagenzgläsern, die mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt waren. Sie machte sich mit ihrer Hand etwas Licht um die Beschriftung der Gläser etwas besser lesen zu können und suchte nach der Nummer 409.
"Jedes Reagenzglas beinhaltete eine andere Formel, mit jeweils anderen Auswirkungen. Ich wusste genau, wonach ich suchen musste. Dr. Drakken hatte Recht, als er mir einmal sagte, dass man mehr Zeit in Chatrooms verbringen sollte, um sich über Geheimprojekte zu informieren."
Shego zog aus der Tasche an ihrem Bein eine Pipette und eine kleine Flasche hervor. Sie entnahm einige, wenige Spritzer von Formel 409 und füllte sie in ihre eigene Flasche um.
"Perfekt", flüsterte sie und verschwand durch das selbe Fenster, durch dass sie gekommen war.
Nur einige Minuten später erreichte sie ihre Fahrgemeinschaft.
"Lief alles nach Plan," sagte sie, während sie einstieg. "Habt ihr gut gemacht."
"Hast du auch nur eine Ahnung, was die mit meinem Auto angestellt haben?" fragte Quint wütend.
"Nein. Und es interessiert mich auch irgendwie nicht. Was auch immer es war, denke daran, dass du dein Auto für Tyler geopfert hast. "
"Oh, das tue ich. Ich bin ja auch nicht sauer auf ihn, sondern auf die drei Krawallmacher hinter uns und auf dich!"
"Auf mich auch?"
"Hey, es war dein Plan!"
"Ich werde mich revanchieren. Jetzt fahr uns nach Hause. Das war erst Teil 1 des Plans."
"Teil 2 war um einiges banaler. Ich schnitt einen ganzen Haufen Buchstaben aus einer Zeitschrift aus, um mit ihrer Hilfe einen anonymen Brief zu verfassen. Diesen schickte ich dann an das nationale Cheerleader-Kommitee, Postfach 900, Los Angeles, Kalifornien, 90212. Teil 3 meines Plans beinhaltete einen kleinen Einbruch in das Haus von Tylers Ex-Freundin, eine Nacht später."
Es war tief in der Nacht. Emily schlief ruhig in ihrem Bett, als sich ein bedrohlicher Schatten über ihr Gesicht legte. Es war Shego, die leise wie eine Maus in ihr Zimmer geklettert kam. Mit einer fast unkontrollierbaren Wut im Bauch sah sie auf den friedlich schlummernden Cheerleader hinab.
"Der Drang, ihr im Schlaf die Haare abzurasieren und mit einem wasserfesten Stift Gemeinheiten auf die Stirn zu schreiben, war natürlich sehr groß, aber deswegen war ich nicht gekommen."
Vorsichtig schlich sich Shego zum Kleiderschrank. Als sie ihn öffnete, brauchte sie nicht lange zu suchen, bis sie Emilys Cheerleader-Uniform vorfand. Sie zog einen Zerstäuber aus der Tasche und sprühte vorsichtig einen Hauch von Formel 409 darauf. Dann widmete sie sich Emily Schuhen und verteilte den restlichen Inhalt des Zerstäubers auf deren Sohlen.
Schließlich kletterte Shego dann nach getaner Arbeit erneut aus dem Fenster. Aber nicht ohne vorher noch einmal ernsthaft über eine Umgestaltung von Emilys Frisur nachzudenken.
"Das hätte aber meinen Plan zunichte gemacht, so spaßig es auch gewesen wäre. Teil 4 dieses Plans bestand letztendlich daraus, am Freitagabend auf Quint zu warten."
Shego ging ungeduldig in ihrem Wohnzimmer auf und ab. Alle paar Sekunden sah sie auf die Uhr an der Wand. Es war mittlerweile halb Zehn. Sie stieß einen nervösen Seufzer aus und ging nach draussen auf die Veranda. In der Ferne konnte sie die Scheinwerfer eines Autos näherkommen sehen. Anhand des nicht wirklich gesund klingenden Motorengeräuschs konnte sie sofort erkennen, wer sich dort näherte.
"Na hoffentlich hat alles geklappt," sagte Shego leise zu sich selbst, als Quint endlich ihr Auto vor ihrem Haus parkte.
Sie stieg mit einem Grinsen aus und wedelte mit einer Kamera hin und her.
"Es war...perfekt."
"Und du hast alles gefilmt?"
"Oh ja. Das wird später mal ein echter Klassiker des modernen Experimentalkinos."
"Zeig her, zeig her, zeig her, zeig her!"
Shego schnappte sich die Kamera und klappte einen kleinen Monitor an der Seite heraus.
"Oh, das gefällt mir jetzt schon," sagte sie nur wenige Sekunden, nachdem das Video angefangen hatte. "Und DAS gefällt mir erst recht. Ha, das wird ja immer besser." Plötzlich fing Shego an, wie ein kleines Mädchen zu kichern und dabei erfreut auf und ab zu hüpfen. "Also, wenn ihn das nicht aufheitert, weiss ich auch nicht mehr, was ich machen soll."
Am nächsten Morgen, dem Morgen seines Geburtstages, wurde Tyler um 5:00 Uhr von einem Luftballon geweckt, der sehr nah an seinem Kopf zum platzen gebracht wurde.
"Ma...Mama?" fragte der aufrecht im Bett stehende Tyler, während sein Gehirn in irgendeiner Form zu begreifen versuchte, was da gerade geschehen war.
Seine Mutter warf die Überreste des Ballons in den Mülleimer in der anderen Ecke des Zimmers.
"Oh, habe ich dich geweckt? Tut mir leid. Herzlichen Glückwunsch, Tyler."
"Wa...was ist?"
"Komm mit. Ich habe etwas, was ich dir unbedingt zeigen muss."
"Hä?"
Shego griff sich ihren Sohn, legte ihn über ihre Schulter und trug ihn ins Wohnzimmer. Als sie ihn auf die Couch warf, war er mittlerweile wach genug, um sich zu beschweren.
"Mama, ich habe dir doch gesagt, dass ich meinen Geburtstag einfach ignorieren möchte."
"Ja, das ist mir klar, aber andererseits ist es mir auch völlig egal."
"Hätte ich dann nicht trotzdem wenigstens noch vier bis fünf Stunden schlafen können?"
"Vielleicht, aber ich konnte es nicht erwarten, dir das hier zu zeigen."
"Aber du hättest mich ruhig sanfter wecken können."
"Nein, konnte ich nicht. Du schläfst so fest, dass du garantiert das Ende der Welt verschlafen würdest. Selbst, wenn es direkt neben deinem Kopfkissen stattfindet."
Tyler gähnte.
"Also, was wolltest du mir zeigen?"
"Geht sofort los. Lehn dich zurück und genieße die Show."
Sie setzte sich neben ihren Sohn auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Eine Gruppe Cheerleader fing auf dem Bildschirm an, eine menschliche Pyramide zu bauen. An der Turnhallenwand hinter ihnen, hing ein deutlich erkennbares Transparent mit der Aufschrift: "Nationale Cheerleader-Meisterschaft".
Shego bemerkte, dass ihr Sohn sehr schnell anfing, nervös auf seinem Platz hin und her zu rutschen.
"Mach's dir bequem, mein Sohn."
Tyler stöhnte nur deprimiert.
Die nächste Gruppe Cheerleader erschien. Tyler kannte sie. Sie gehörten zu seiner Schule und das Mädchen, dass sein Herz gebrochen hatte, war ihr Kapitän.
"Ich gehe wieder ins Bett," murmelte er.
Er versuchte aufzustehen, doch seine Mutter packte ihn am Kragen, zog ihn wieder zu sich herunter und legte ihren Arm um ihn. Eine mütterliche Geste, die auch dafür sorgte, dass er nicht einfach so verschwinden konnte.
"Seid ihr bereit, Tigers!?" rief Emily aus dem Fernseher. "T! I! G!"
Plötzlich stürmte ein Mann in einem dunklen Anzug auf das Spielfeld.
"Sofort aufhören!" rief er.
Schlagartig wurde es in der Turnhalle still und er war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Er ging zu Emily und fragte; "Sind sie Emily Rogers?"
"Äh...ja," antwortete sie. "Was erlauben sie sich, hier einfach aufzutauchen und..."
Der Mann zeigte ihr einen Dienstausweis.
"Ich bin Mr. Woman. Sonderermittler des nationalen Cheerleader-Kommitees. Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, dass sie ihre Schuhe mit einer, die Sprungkraft stärkenden Substanz behandelt haben sollen."
"Ich soll WAS getan haben?"
"Wenn dies den Tatsachen entspricht, werden sie und ihr Team nicht nur von dieser Meisterschaft disqualifiziert, sie werden auch nie wieder innerhalb dieses Landes die Möglichkeit haben, als Cheerleader zu arbeiten."
Ein unruhiges Tuscheln erklang im Publikum. Mr. Woman schnippte einmal mit seinen Fingern. Einer seiner Mitarbeiter lief aufs Spielfeld und reichte ihm ein sehr bizarr anmutendes Spürgerät.
Emily wurde langsam immer verzweifelter.
"Ich habe aber gar nichts..."
"Bitte schweigen sie," sagte Mr. Woman ruhig und schaltete das Gerät an.
Sofort gab es ein lautes Piepen von sich.
"Was bedeutet das?" fragte Emily verwirrt.
"Ich bin noch nichtmal in die Nähe ihrer Schuhe gekommen und habe schon Spuren der gesuchten Substanz gefunden." Ein kollektives Einatmen war um sie herum zu hören. "Das sieht nicht gut aus. Zeigen sie mal bitte eine ihrer Schuhsohlen."
"Aber..."
"Sofort."
Während Emily mit den ersten Anzeichen von Tränen in ihren Augen ihren linken Fuß hob, beobachtete Shego ein immer breiter werdendes Grinsen auf Tylers Gesicht.
Das Spürgerat piepte so laut, dass sich alle in dessen unmittelbarer Umgebung die Ohren zuhalten mussten.
"Tja, erwischt," sagte Mr. Woman.
"Aber...aber ich schwöre ihnen..."
"Sagen sie kein Wort mehr. Mit hilfe der mir vom nationalen Cheerleader-Kommittee verliehen Macht, disqualifiziere ich nicht nur die North Southeastwestington Tigers von diesem Wettbewerb, sondern erkenne ihnen auch alle Titel ab, die sie unter ihrer Führung erhalten haben."
Die anderen Cheerleader ihres Teams murmelten wütende Flüche in Emilys Richtung.
"Ich...ich habe nie in meinem Leben betrogen. Wenigstens nicht als Kapitän dieser Cheerleader. Da versucht mich jemand reinzulegen," weinte sie.
"Ja klar. Irgendjemand macht sich die Mühe eine streng geheime Chemikalie zu stehlen und ihre Kleidung damit zu benetzen, nur um ihre Cheerleader-Karriere zu beenden."
Tyler sah mit einem vielsagenden Lächeln zu seiner Mutter.
"Ach, apropos streng geheime Chemikalie," fuhr Mr. Woman fort. "Wir wissen noch nicht wie sie sie sich beschafft haben, aber vermutlich werden sie auch noch wegen Industriespionage angeklagt werden."
"WAS!?"
"Sie sollten sich einen Anwalt suchen und möglichst nicht die Stadt verlassen. Eventuell wird noch in dieser Nacht die Polizei bei ihnen vorbeischauen. Aber das liegt nicht in meiner Hand. Ich bin nur für das Cheerleading zuständig."
Als Mr. Woman das Spielfeld verließ und die Zuschauer unter lauten Buh-rufen Pappbecher und sonstigen Abfall nach Emily warfen, zoomte die Kamera direkt auf ihre Tränen.
Shego pausierte das Band an genau dieser Stelle.
"Wenn du willst, lasse ich dir dieses Bild ausdrucken und einrahmen."
"Danke Mama, aber du hast mir schon genug geschenkt."
Er gab seiner Mutter eine kräftige Umarmung.
"Und? Willst du heute vielleicht nicht doch mit deinen Freunden eine Party schmeißen?"
"Warum nicht? Ich schlafe aber erst noch eine Runde, wenn ich darf."
Shego warf Julian eine kleine, glänzende Scheibe zu, die irgendwie wie eine DVD, aber trotzdem völlig anders aussah.
"Hier, bitte," sagte sie. "Das ist das Video. Vielleicht könnt ihr es in eurem Film verwenden. Wisst ihr, Tyler war nie so ein hemmungsloser Krimineller wie ich. Eigentlich war er sein ganzes Leben lang nur selten in illegale Aktivitäten verwickelt. Aber trotzdem war er immer noch mein Sohn und er hatte, zusammen mit einigen anderen Charakterzügen, meinen Sinn für Schadenfreude geerbt. Darum ging es ihm nach Ansicht des Videos auch viel besser. Und so fröhlich, wie nach Emilys Verurteilung zu fünf Jahren auf Bewährung, habe ich ihn nur selten gesehen. Es war ein gutes Gefühl, meinen Sohn auf diese Art und Weise aufzuheitern. Aber es war ein noch besseres Gefühl, wieder das Gesetz zu brechen. Die Zündflamme war bei mir wieder angesprungen. Nicht, dass sie jemals wirklich ausgewesen wäre, aber ich dachte mir, es wäre so langsam wieder an der Zeit, das Leben als Hausfrau aufzugeben und meine kriminelle Karriere wieder aufzunehmen. Diesmal aber im wirklich großen Stil."