"Ich kenne diesen Blick."
Als Quint sie ansprach, wurde Shego schlagartig aus ihrer Gedankenwelt gerissen. Sie wandte den Blick von ihrer Kaffeetasse ab und sah ihre Freundin, die auf der anderen Seite des Tresens stand, an.
"Hä?"
"Dein Blick. Du planst doch etwas. Habe ich recht?"
Shego nippte an ihrem Kaffee und seufzte.
"Ach, ich weiss nicht," sagte sie. "Ein Teil von mir würde gerne wieder in die Welt des Verbrechens zurückkehren."
"Aber?"
"Ich war 16 Jahre lang eine gesetzestreue Person."
"Ha!"
"Du weisst, was ich meine. Verglichen mit der Anzahl meiner Verbrechen vor meiner Schwangerschaft, war ich seitdem eine Pfadfinderin. Auch wenn ich also glaube, dass ich nicht wirklich Probleme mit einem Neueinstieg haben werde, da mir das Böse sein nunmal im Blut liegt, sind 16 Jahre schon eine sehr lange Zeit. Ausserdem ist da noch Tyler."
Quint füllte etwas Kaffee nach.
"Er kennt deine Vergangenheit und hatte nie irgendwelche Probleme damit. Ich glaube, er wird es verstehen. Ihr zwei habt eine gute Beziehung zueinander. Um ehrlich zu sein, kenne ich kein anderes Mutter/Sohn-Gespann, dass sich so gut versteht."
"Ja, aber wenn ich wieder loslege, wird sich auch für ihn sein Leben ändern. Ich werde weniger Zeit für ihn haben. Ich werde öfter flüchten müssen und da kann ich ihn ja nicht alleine zu Hause zurücklassen. Das würde alles auf ihn zurückfallen. Die würden ihn ständig verhaften, um ihn zu verhören. Ich müsste ihn mitnehmen. So oder so könnte er dabei einige Freunde verlieren. Und er geht ja auch noch zur Schule."
Quint nickte zustimmend.
"Warum fragst du ihn nicht einfach, was er davon hält?"
"Zu einfach," sagte Shego und trank einen weiteren Schluck Kaffee.
"Und ausserdem, wie genau hast du dir deine Rückkehr in die Welt des Schurkentums vorgestellt? Wirst du zu deinem blauen Kerl zurückkehren, das Helferlein eines neuen Bösewichts werden oder am Ende vielleicht sogar den Schritt nach vorne wagen und dein eigener Oberbösewicht werden?"
Shego stellte ihre Kaffeetasse ab und sah Quint fragend an.
"Ich muss gestehen, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich war so von dem Gedanken besessen, wieder meiner eigentlichen Bestimmung nachzugehen, dass mir das 'wie' gar nicht in den Sinn gekommen ist."
"Gut, dass du mich hast."
"Weisst du, der Schritt nach vorne klingt ziemlich verlockend."
"Ja. Andere herumzukommandieren liegt dir."
"Und in meinem Alter sollte man nicht mehr das Helferlein spielen. Gut, ich bin erst 39..."
Quint hustete etwas das wie "Plus zehn!" klang und erntete einen bösen Blick von ihrer Freundin.
"Ich bin noch gut in Schuss für mein Alter. Meine Gelenke schmerzen nicht mal ansatzweise so sehr, wie bei anderen Menschen, die ihr ganzes Leben lang mit springen und kämpfen verbracht haben. Und vor allem bin ich noch genau so beweglich. Ich habe schließlich nach meiner Schwangerschaft jeden Tag trainiert."
"Dann hör auf zu labern und fang an! Geh raus in die Welt und sei wieder Böse. Meinen Segen hast du. Vergiss nur nicht, erst mit deinem Sohn darüber zu sprechen."
"Und Tylers Reaktion darauf überraschte mich sehr."
Shego und Tyler saßen beim gemeinsamen Abendessen, als sie die Bombe platzen ließ. Doch Tylers Bombe war tatsächlich größer.
"Cool, wann fangen wir an?!" fragte er trocken.
Shego kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Was? Ähm, keine Ahnung. Hab noch nicht alles...hey, sagtest du 'wir'?"
"Erwartest du von mir, dass ich weiter zur Schule gehe, während meine Mutter dem aufregendsten Beruf der Welt nachgeht?"
Erfolglos versuchte sie ein stolzes Lächeln zu verbergen.
"Nun, ich weiss nicht."
"Ach, komm schon. Ich habe es dir nie gesagt, aber ich habe immer darauf gewartet, dass du wieder zur Schurkin wirst."
"Im Ernst?"
"Ja! Seitdem du mir immer vor dem schlafengehen von deinen Erlebnissen erzählt hast."
"Für jemanden, der so gerne ein Schurke sein möchte, warst du aber bis jetzt ganz schön brav."
Tyler senkte seinen Kopf und sah auf sein Abendessen.
"Nun, ich wusste nie wirklich, wie du heute dazu stehst. Du hast dein Leben aufgegeben um mich hier so normal wie es geht aufzuziehen. Ich wusste, dass du nie wirklich zu den Guten gehörtest, aber ich hatte auch keine Ahnung wie du reagieren würdest, wenn ich dich eines Tages aus dem Gefängnis anrufen würde."
"Dann hätte ich dich herausgeholt und dir danach geraten, dich beim nächsten mal nicht erwischen zu lassen." Tyler grinste so breit er konnte. "Wie sieht's mit der Schule aus?"
"Was soll damit sein?"
"Du gehst noch dorthin. Du bist erst 16. Schule ist...ach, was soll's. Du kannst lesen, schreiben, beherrschst die Grundrechenarten und sprichst deine Muttersprache. Der Rest ist entweder nicht nötig oder auch ausserhalb der Schule erlernbar."
"Also...darf ich mitmachen?"
Sie musterte ihren Sohn, der sie mit großen, erwartungsvollen Augen ansah, mehrere Sekunden lang und antwortete zögerlich: "Hmmmmm...okay."
Tyler sprang von seinem Stuhl auf und umarmte seine Mutter.
"Danke, Mama. Danke, danke, danke, danke, danke!"
"Ganz ruhig, Tyler. Erst müssen wir ein paar Dinge klarstellen."
Er ließ seine Mutter wieder los und ging rückwärts zu seinem Stuhl zurück.
"Bevor du weiterredest, Mama, denk daran, dass ich dich jetzt unglaublich lieb habe, aber als Teenager der ich bin, auch das Recht besitze, meine Meinung innerhalb von einer Sekunde zu ändern und über Tage und Wochen hinweg zu einer Geduldsprobe für deine Nerven zu werden."
"Als ob ich Angst vor Teenagern hätte," erwiderte Shego mit einem Lächeln. "Als erstes Mal, wirst du nur mein Azubi sein. Dir fehlt die Berufserfahrung, aber ich werde dir alles beibringen, was du wissen must. Dafür musst du aber alles tun was ich dir sage und wenn ich es dir sage."
Tyler überlegte gar nicht erst.
"Ist gut."
"Dann solltest du aber auch ganz genau wissen, worauf du dich einlässt. Du wirst dein Leben, so wie du es kennst, hinter dir lassen. Dein neues Leben wird viele Vorteile haben, aber auch so einige Nachteile. Und welche es genau sind, kann ich dir erst sagen, wenn sie passieren. Also lauf bitte nicht heulend zu deiner Mama, das bin ich, und beschwere dich darüber, dass man dich nicht gewarnt hätte."
"Werde ich nicht."
"Und das ist der wichtigste Teil. Hör genau zu. Das ist kein Spiel, aber wenn es dir zuviel wird und du Hilfe brauchst oder sogar aufhören möchtest, komm zu mir. In deinem Alter hätte ich alles getan um jemanden zu haben, der mir zuhört und mich nicht in einen Beruf drängt, den ich nicht machen möchte. Hab also bitte keine Angst, zu mir zu kommen."
"Hatte ich das jemals?"
"Aber natürlich nicht," antwortete Shego mit einem überraschend mütterlichen Lächeln. "Noch Fragen?"
"Ja. Wie wird das vonstatten gehen? Willst du wieder bei deinem alten Boss anfangen? Du könntest deine eigene Verbrecherorganisation gründen. Und was wird dein Ziel sein? Die Weltherrschaft?"
"Ich will mein eigenes Ding durchziehen. Wenn überhaupt, wird Drakken bei mir anfangen! Alles andere habe ich noch nicht bedacht. Aber Weltherrschaft klingt ganz interessant. Wenn auch nur, weil es vorher noch kein anderer geschafft hat. Noch etwas?"
Tyler überlegte einen Moment.
"Was ist mit Quint und meinen drei Onkeln?"
"Sie sind nicht deine Onkel."
"Werden wir einfach verschwinden, ohne ihnen etwas zu sagen?"
"Quint weiss schon von meinen Plänen. Deine drei Nicht-Onkel noch nicht."
"Wir sollten es ihnen sagen. Vielleicht wollen sie ja mitmachen."
Shego sah Tyler sprachlos an.
"Nun," sagte sie schließlich langsam, "ich glaube nicht, dass sie wirklich dazu qualifiziert sind."
Ein geheimnisvoll wirkendes Lächeln zeichnte sich auf Tylers Gesicht ab.
"Lass es uns ihnen trotzdem heute Abend sagen."
"Wenn du darauf bestehst?" seufzte Shego und räumte den Tisch ab.
"Ein paar Stunden später rief ich Junior, Vinnie und Big Mike dann zusammen mit Quint in mein Haus. Dort erzählten Tyler und ich ihnen dann, was wir bis dahin besprochen hatten."
"Also," sagte Big Mike, "ihr haut jetzt einfach ab und werdet Verbrecher? Mit dem Verbrecher werden kann ich mich ja noch irgendwie anfreunden, aber das abhauen ist nicht so toll. Wir sind doch eine Familie."
Shego hob ihren Zeigefinger und wollte gerade wieder auf den tatsächlichen Verwandheitsgrad hinweisen, doch Tyler drückte ihre Hand wieder runter und antwortete vor ihr.
"Wir können ja in Kontakt bleiben. Ich meine, es gibt Telefone und das Internet und von Zeit zu Zeit besuchen wir euch gerne. Aber wenn ihr wollt, könnt ihr auch..."
Diesmal war es Shego, die ihrem Sohn das Wort abschnitt.
"Wir werden uns etwas einfallen lassen."
"Dann stellte Quint die Frage, die ich eigentlich vor meinen Nachbarn vermeiden wollte."
"Sagt mal, kann ich mitmachen?"
"Ich hätte nichts dagegen," sagte Tyler mit einem Lächeln. "Mama?"
"Es ist nicht so, dass ich Quint nicht dabei haben wollte. Ich wusste von Anfang an, dass sie Potential hatte. Ich wollte nur meine Nachbarn nicht auf Ideen bringen."
"Ähm...warum?" fragte Shego zurück. "Läuft dein Laden nicht gut?"
"Doch," antwortete Quint mit einem tiefen Seufzer. "Ich glaube nur nicht, dass er mich irgendwo hinführt. Ich bin dort aufgewachsen und vor 21 Jahren habe ich das Ding von meinem Vater übernommen. Es ist an der Zeit, mein Leben in eine neue Richtung zu lenken. Ich war immer ein guter Mensch."
Vinnie, Junior und Big Mike kommentierten diese Aussage mit einem: "Ha!"
Quint ignorierte sie aber.
"Jetzt versuche ich mal die andere Sache."
Dann sagte Junior das, was Shego befürchtet hatte.
"Wenn sie mitmacht, wollen wir aber auch dabei sein."
Shego verbarg ihr Gesicht unter ihren Händen.
"Nun, ich muss zugeben," langsam kam ihr Gesicht wieder zum Vorschein, "Quint hätte ich schon sehr gerne dabei."
"Juhuu!" rief Quint und sprang dabei auf.
"Aber ihr Drei müsst mir schon einen wirklich guten Grund liefern."
Junior kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Nun, wir kennen uns fast 20 Jahre und haben mitgeholfen, Tyler großzuziehen."
Mit einem unverkennbaren Maß an Desinteresse sagte Shego nur: "Aha."
"Und," fügte Vinnie hinzu, "wir haben uns schon in der Schule nicht an die Regeln gehalten, also sind wir quasi vorbestraft. Wenn man Nachsitzen als Verurteilung ansieht. Schule ist ja ohnehin wie Gefängnis."
Jetzt seufzte Shego nur.
"Und wie wäre es mit Geld? Können wir uns vielleicht bei euch einkaufen?" fragte Big Mike. "Wenn ihr euer eigenes Verbrecherding durchzieht, braucht ihr doch sicher ein gewisses Startkapital."
"Da müsstet ihr aber schon sehr viel Geld bezahlen."
"Klar. Wie viele Milliarden braucht ihr?"
"Milliarden was?"
"Milliarden US-Dollar."
Shego fasste ihre plötzliche Verwirrung in einem kurzen: "Hä?" zusammen und Quint murmelte leise in den Raum: "Genau das, was sie gesagt hat."
"Wir sind Milliardäre," sagte Junior fast schon beiläufig. "Jeder von uns ist irgendetwas um die 15 Milliarden schwer."
"Alter, wir sind schon bei 15?"
"Ich dachte, es wären schon 20."
"Na ja, irgendwie so etwas. Wir sind reich."
Aufgrund der noch immer ziemlich ungläubig wirkenden Gesichter im Raum, beschloss Big Mike genauere Details zu erzählen.
"Ihr kennt doch sicher den Flum. Natürlich kennt ihr ihn. Jeder Haushalt hat mindestens drei davon. Den haben wir erfunden."
"Ach ja, der Flum. Selbst Heute noch eines der wichtigsten Untensilien eines jeden Haushalts. Und so derart simpel, dass nur ein Genie oder ein Vollidiot ihn erfinden konnte. Nun, es war letzteres und gleich drei davon."
Shego versuchte verzweifelt eine Frage zu formulieren, doch mehr als: "Aber...warum...wie..." kam dabei nicht heraus.
"Habt ihr euch nie gefragt, warum wir den ganzen Tag in unserem Haus herumlungern und Videospiele spielen, anstatt zu arbeiten?
"Ich dachte ihr seid einfach nur faul," rief Quint ihnen ins Gesicht.
"Ja, das auch. Aber habt ihr euch nie gefragt wie wir uns ein Haus und die ganzen Videospiele leisten und all unsere Rechnungen bezahlen können?"
"Nein, eigentlich nicht. Es war mir immer egal," antwortete Shego wahrheitsgetreu.
"Auch gut. Sind wir nun dabei oder nicht?"
Mit einem seufzen verkündete Shego schließlich: "Okay, ihr seid dabei."
"Was soll ich sagen? Es ist immer besser das Geld anderer Leute auszugeben. Und jetzt wurden wir sogar von einer Firma gesponsert."
Während Junior, Vinnie und Big Mike einen unglaublich albern aussehenden Freudentanz aufführten, flüsterte Shego Tyler etwas ins Ohr.
"Du wusstest es, oder? Wir sprechen uns noch."