Kapitel 42

Brainstorming (Zurück an die Arbeit, Teil 2)

"Erst ging es nur um mich, dann um Tyler und mich. Dann kam Quint hinzu und schließlich noch die drei Knalltüten, wenn auch hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Das verkomplizierte meine ursprünglichen Comebackpläne etwas. Auch wenn ich noch nicht wirklich Pläne hatte. Aber ich war der einzige Profi in der Truppe. Einen hätte ich einfach so ausbilden können. Bei zweien wird es schon etwas schwieriger. Aber fünf auf einmal? Gut, das hatte Vince damals auch nicht davon abgehalten, meine Brüder und mich zu trainieren, aber er war nunmal ein viel geduldigerer Mensch als ich. So fiel schnell die Entscheidung, dass wir eine kriminelle Organisation gründen sollten. Manchmal ist es einfacher eine große Gruppe zu delegieren, als sich mit den einzelnen Mitgliedern einer kleinen Gruppe auseinanderzusetzen. Jetzt stellte sich nur die Frage, wie man so eine Organisation aufzieht und was man mit ihr anstellt."

Mit einem kleinen Stapel Pizzakartons im Arm betrat Tyler das Wohnzimmer.
"Achtung, heiß und fettig. Und das ist kein dummer Spruch, es verbrennt mir den Arm, auauauauauaua."
Er setzte den Stapel hastig auf dem Tisch ab und schüttelte seine Arme. Sofort stürzten sich Quint, Vinnie, Junior und Big Mike auf die Pizzen. Shego zögerte noch einige Momente um zu sehen, ob es ihrem Sohn gut ging. Aber als er sich selber den Pizzen widmete, versuchte auch sie sich ein Stück oder zwei zu holen.
"Igitt, das ist ja Thunfisch." "Thunfisch? Gib her." "Kann ich ein Stück von der Bolognese haben?" "Hey, lasst mir etwas übrig!" "Haben wir Parmesan?" "Haben wir Tabasco?" "Hol mal den Flum." "Ich wollte aber eine mit Schinken." "Alter, gib mir ein Stück." "Mama!" "Quint!" "Shego!" "Big Mike!" "Die hier ist mit Schinken." "Nicht alle auf einmal." "Die hier ist mit Schinken." "Hey, die ist gut. Von wo ist die?" "Die hier ist mit Schinken." "Die ist wirklich gut." "Wo ist die mit Schinken?" "Nicht auf die Couch!" "Haben wir Servietten?"
Als schließlich alle versorgt waren, wurde das erste, offizielle Treffen der neu gegründeten Organisation eröffnet.
"Als erstes bräuchten wir einen Namen," warf Junior sofort ein.
Quint fragte mit vollem Mund: "Ja, wie heissen wir?"
Die Stille, die während der darauffolgenden Periode des Nachdenkens folgte, wurde für einige Minuten nur durch vereinzelte Kaugeräusche durchbrochen.
"Wisst ihr," sagte Shego schließlich, "ich glaube einen Namen, können wir uns auch später ausdenken."
"Aber es sollte so ein Akronym sein," sagte Junior. "Die Dinger klingen bedrohlich. Und cool. Ja, wie wäre es mit C.O.O.L.?"
Tyler schüttete etwas Tabasco auf sein Pizzastück und fragte: "Wofür soll das stehen?"
"Pfff. Keine Ahnung. Das muss ja nicht unbedingt für etwas stehen, oder?"
"Dann bin ich für A.U.G.E." sagte Big Mike. "Das klingt so richtig bedrohlich. A.U.G.E. sieht alles. Ihr wisst schon."
Mit einem "Hey!" unterbrach Shego die Unterhaltung. "Ich glaube der Name ist im Moment wirklich unwichtig. Obwohl A.U.G.E. tatsächlich etwas hat. Das sollten wir uns merken. Vielleicht fällt uns ja auch noch eine Bedeutung dazu ein."
"Und was machen wir jetzt stattdessen?"
"Wir überlegen uns, was wir wirklich brauchen."
"Wir brauchen mehr Pizza!" sagte Quint. "Seht mich nicht so an. Das wird wohl noch ein langer Abend werden, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und musste die Pizzen mit fünf anderen Menschen teilen, von denen einer für drei isst."
"Ich bin noch im Wachstum."
"Nicht du, Tyler. Big Mike."
"Ich bin auch noch im Wachstum."
"Ja klar. Also was dagegen, wenn ich noch eine Runde Rundes bestelle? Geht auf mich."
"Mach ruhig. Wo das Telefon steht, weisst du ja. Sollen wir auf dich warten?"
"Ja, das wäre nett."
Wenige Minuten später.
"So, da bin ich wieder."
"Gut, dann machen wir weiter."
Aber niemand machte weiter. Alle schwiegen nachdenklich. Schließlich brach Shego die Stille.
"Kommt schon. Keine Ideen? Was ist das Erste, das euch gerade durch den Kopf geht?"
Mit einer fast schon unheimlich klingenden Ruhe in seiner Stimme gab Junior seinen aktuellen Gedanken Preis.
"Wenn man direkt in die Sonne geschossen wird, was fühlt man da? Den schlimmsten Schmerz seines Lebens oder geht alles so schnell, dass man gar nichts fühlt?"
In perfekter Harmonie erwiderten Shego und Quint darauf: "Wenn du Lust hast es herauszufinden, sag Bescheid."
Juniors Blick wechelste zwischen den beiden Frauen hin und her.
"Okay, jetzt bin ich verwirrt."
"Bist du das nicht immer?" fragten Shego und Quint erneut zur selben Zeit.
"Und jetzt habe ich irgendwie Angst."
"Handlanger!"
Alle Augen richteten sich auf Tyler, der dieses Wort mitten in die Runde rief.
"Wir brauchen Handlanger. Das ist doch offensichtlich."
"Stimmt, aber es müssen kompetente sein. Ich habe viele schlechte Erfahrungen mit den falschen Handlangern gemacht."
"Und wo bekommt man die richtigen her?"
"Es gibt da so einen Typen, Jack Hench, der vermittelt die und verkauft noch anderen Schurkenkram. Aber er ist maßlos überteuert. Und er hat etwas gegen mich persönlich, weil Drakken mich öfter zu ihm geschickt hat um dort irgendwelche Dinge zu stehlen."
"Und was machen wir dann?"
"Wir könnten eine Kleinanzeige im 'Villain' Magazin und dessen Internetseite aufgeben."
"Cool."
"Cool."
"Cool."
"Cool."
"Cool."
"Gut, darum werde ich morgen dann kümmern. Schreib das auf, Tyler."
"Womit denn?"
"Was soll denn diese Frage? Du bist doch hier der Protokollführer."
"Bin ich das?"
"Jetzt schon. Hol dir was zu schreiben."
Während Tyler verschiedene Schubladen nach einem Notizblock oder ähnlichem durchsuchte, fragte Big Mike in die Runde: "Ganz nebenbei, was ist eigentlich unser Ziel?"
"Weltherrschaft," lautete die einstimmige Antwort.
In dem Moment klingelte es an der Tür.
Quint sprang auf, rief: "Pizza!" und machte sich daran, diese in Empfang zu nehmen.
"Ich habe eine coole Idee, wie wir die Weltherrschaft erlangen können," sagte Vinnie. "Wir müssen es nur schaffen, durch die Zeit zu reisen."
"An sich eine gute Idee, aber bis jetzt hat es niemand geschafft eine funktionierende Zeitmaschine zu bauen. Weder die normalen Wissenschaftler, noch die verrückten."
"Echt nicht?"
"Nein."
"Das ist ja doof. Aber ich glaube, ich habe mal etwas über einen uralten, steinernen Affengötzen gelesen, von dem man sagt, man könnte mit ihm durch die Zeit reisen. Man muss ihm nur wieder den Kopf aufsetzen."
Shego schüttelte fassungslos ihren Kopf.
"Das ist wohl eine der dümmsten Geschichten, die ich jemals gehört habe. Als ob es so etwas wie einen Zeitreise-Affen geben würde."
Tyler, der endlich einen Stift und einen Notizblock gefunden hatte, setzte sich wieder auf seinen Platz.
"So, was habe ich verpasst? Ich habe etwas von einem Affen gehört."
"Vergiss den Affen."
"Welcher Affe?" fragte Quint und platzierte einen neuen Stapel Pizzakartons auf dem Tisch in der Mitte des Raumes.
"Kein Affe. Ignoriere den Affen. Rede nicht mehr darüber. Niemand von euch."
"Soll ich jetzt aufschreiben, dass wir nicht mehr über den Affen sprechen?"
"Nein."
"Wollt ihr jetzt doch keine Pizza mehr?"
"Wir sind eigentlich doch ziemlich satt. Tut mir leid," stöhnte Junior und unterstrich diese Anmerkung mit einem Rülpser.
Quint zuckte mit den Schultern und widmete sich dem obersten Karton.
"Okay. Mehr für mich."
Tyler hatte eine weitere Idee.
"Wir sollten vielleicht noch ein paar weitere Männer anheuern."
"Zum Pizza essen?"
"Nein, zusätzlich zu den Handlangern. Nur eben keine Handlanger, sondern...was weiss ich? Leute mit speziellen Fähigkeiten. Wissenschaftler und so. Jemand muss ja unsere Ideen umsetzen. Und wir sollten auch Gelder in diverse Forschungen investieren. Neue Technologien und so."
"Das ist mein Sohn," sagte Shego voller Stolz. "Er hatte heute die einzigen, brauchbaren Ideen. Ich bin enttäuscht von dir, Quint."
"Ich kann nicht denken, wenn ich Hunger habe. Hab Geduld mit mir."
"Wir sollten uns aus jedem Fachgebiet die Besten holen. Geld genug haben wir ja."
Big Mike schnippte aufgeregt mit den Fingern, während er sich an etwas zu erinnern versuchte.
"Wie heissen diese Forscher, ihr wisst schon, die mit den Genen?"
"Genforscher," antwortete Quint.
Trotz ihres vollen Mundes, kam der Sarkasmus in dieser Antwort sehr deutlich hervor.
"Genau, Genforscher. Wir brauchen so einen. Aber einen, der auf unserer Seite spielt. Wer ist der Beste?"
Shego atmete tief ein, nur um lange genug seufzen zu können.
"Die Beste. Und ich möchte nicht wirklich gerne mit ihr arbeiten."
"Schlechte Erfahrungen?"
"Sie nervt ohne Ende."
"Gut, dann nicht. Aber wir bräuchten vielleicht auch einen Experten für Fahrzeuge aller Art. Wer weiss, was der für abgefahrene Dinger zusammenschrauben könnte."
"Äääähm...da sollten wir uns vielleicht auch an den Zweitbesten wenden. Die Nummer eins ist durchaus fähig und hat einen überraschend hohen IQ, aber verhält sich wie ein Vollidiot."
Diesmal war es Quint, die seufzte. Sie legte das Pizzastück in ihrer Hand zurück in den Karton.
"Shego, ich sage es nicht gerne, aber benimm dich nicht so kindisch. Du hast vielleicht mehr Erfahrung im Schurkentum als wir, aber du solltest aufhören, deine Pläne von den unangenehmen Eigenschaften anderer Leute abhängig zu machen. Du kannst nicht jedesmal den Rückzug antreten, wenn dir jemand auf die Nerven geht. Denn ob es dir gefällt oder nicht, Menschen nerven nunmal und das einzige, was du dagegen machen kannst, ist die Weltherrschaft zu übernehmen und die Menschen nach deiner Pfeife tanzen zu lassen. Das geht aber nur, wenn du dich endlich am Riemen reisst und verschiedene, persönliche Differenzen beiseite legst."
Für einen kurzen Moment blitzte eine grüne Stichflamme in Shegos Händen auf. Quint holte unbeeindruckt das Pizzastück wieder aus dem Karton und biss hinein.
"Du hast Recht," sagte Shego schließlich. "Ich glaube, ich sollte mich jetzt wirklich mal so langsam zusammenreissen. Ausserdem habe ich ja euch. Wenn ich also nicht mit ihnen reden will, schicke ich einfach einen von euch vor. Ich stelle morgen eine Liste mit Namen zusammen."
"Cool."
"Cool."
"Cool."
"Cool."
"Cool."

"Und so haben wir noch fast bis zum nächsten Morgen mehr oder weniger sinnvolle Ideen gesammelt. Meistens weniger sinnvoll, aber ich muss zugeben, wir alle haben uns in dieser Nacht sehr gut amüsiert. Da wurde mir klar, dass es vielleicht doch nicht so schlimm war, mit all diesen Menschen um mich herum die Welt zu beherrschen. Am nächsten Tag habe ich dann die Kleinanzeige wegen der Handlanger aufgegeben. Zu meiner Überraschung gab es darauf mehr Rückmeldungen als erwartet. Aber das Schurkengeschäft war schon immer voll von jungen Talenten, die nur auf ihre Chance gewartet haben. Also haben wir eine Art Casting organisiert."