Kapitel 45

Alte Liebe rostet nicht (Zurück an die Arbeit, Teil 5)

"Je näher wir Drakkens Versteck kamen, desto nervöser wurde ich. 16 Jahre sind eine lange Zeit, um nicht miteinander zu reden. Ganz besonders, wenn man schon vorher versäumt hatte, gewisse Dinge anzusprechen."

"Dementors Versteck war irgendwie eindrucksvoller," sagte Tyler, als er den grauen, von einem simplen Maschendrahtzaun umgebenen Betonklotz sah, der Drakkens aktuelles Versteck darstellte.
Shego seufzte.
"Es scheint ihm tatsächlich schlechter zu gehen, als erwartet. Normalerweise macht er immer einen großen Bogen um diese Timesharing-Verstecke. Schnell, wie sehe ich aus?"
Tyler warf einen prüfenden Blick auf seine Mutter.
"Gut. Aber du solltest trotzdem nochmal dein Make Up checken."
"Warum? Stimmt etwas nicht damit?"
"Ich würde sagen, dass alles in Ordnung ist, aber ich bin ein Mann und verstehe davon nichts. Darum ist es besser, wenn du nochmal nachsiehst."
Shego kramte einen Spiegel aus ihrer Tasche und betrachtete sich darin.
"Alles in Ordnung. Wenn du jetzt noch die schriftliche Prüfung bestehst, darfst du dich offiziell als Make Up-Erkenner bezeichnen."
"Ja, dein Sohn ist ein Mann mit vielen Talenten. Also, wollen wir dann?"
Sie drehte sich zu Drakkens temporärem Versteck und tat einen erneuten, tiefen Seufzer.

"Dann meldete sich plötzlich wieder mein Stolz. Ich wollte vor meinem Sohn nicht wie eine Heulsuse dastehen, also habe ich das getan, was ich fast mein ganzes Leben lang getan habe. Schlicht und einfach aufrecht in den Kampf ziehen."

"Okay, gehen wir."
Als ob ein nur für sie hörbarer Startschuss gefallen wäre, ging Shego so schnell zu Drakkens Versteck, dass Tyler ernsthafte Probleme hatte mit ihr Schritt zu halten, ohne dabei zu rennen. Doch kurz vor der Tür blieb sie plötzlich stehen.
"Was ist, Mama?"
"Ich...habe einen Stein im Schuh," log sie ihn an und zog demonstrativ einen ihrer Schuhe aus.
"Wenn du willst, können wir auch später wiederkommen."
"Nein, ich habe tatsächlich einen Schuh. Einen Stein. Im Schuh. Stein im Schuh."
"Ich glaube, er ist weg."
"Wer?"
"Der Stein."
"Nein, das glaube ich nicht."
"Doch. Ich habe gesehen, wie er gerade dort herausgefallen ist," versicherte Tyler seiner Mutter mit einem breiten Grinsen. "Du kannst ihn wieder anziehen."
"Gut. Wenn du meinst." Sie zog ihren Schuh langsam wieder an, nur um ihn eine Sekunde später wieder auszuziehen. "Ist noch drin."
"Wollen wir nicht doch ein anderes Mal wiederkommen? Du überlegst dir das alles nochmal in Ruhe und wenn du den Mut dazu hast..."
"Hey, was meinst du damit?"
"Womit?"
"Mit dem Mut? Glaubst du ich bin feige?"
"Nein, aber irgendetwas hält dich gerade davon ab, mutig zu sein und einfach durch diese Tür zu gehen."
Sie zeigte auf die Eingangstür.
"Durch diese Tür?"
"Durch diese Tür."
"Da ist doch nichts dabei."
"Dann öffne sie und gehe hindurch."
"Das werde ich."
"Wann?"
"Jetzt."
"Du stehst immer noch da."
"Aber gleich nicht mehr."
"Ich warte."
Sie drückte die Klinke runter und rannte mit einem lauten Rummsen gegen die Tür.
"Was war denn das? Zum einrennen brauchst du aber etwas mehr Anlauf."
"Ich wollte sie nicht einrennen."
"Man muss die Tür ziehen und du hast gedrückt, stimmts?"
"Ja, ziehen."
"Das ist Hightech. Türen, die man nicht drücken muss. Hat sich noch nicht durchgesetzt und irgendwie glaube ich nicht, dass das eine Zukunft hat."

"Man merkt erst dann, wie viel man wirklich für jemanden empfindet, wenn man sich wegen ihm vor den Augen seines Sohnes lächerlich macht."

Dr. Drakken merkte nicht, was sich vor seiner Tür abspielte. Er war voll und ganz in seinen Chatroom vertieft, wo er sich mit anderen, mal mehr, mal weniger verrückten Wissenschaftlern über die neuesten, streng geheimen Erfindungen unterhielt. Die besten würde er natürlich zu stehlen versuchen. Eine Methode, die ihm in den letzten Jahrzehnten so einige, nette Gerätschaften beschert hatte. Auch wenn die darauf basierenden Pläne nie wirklich erfolgreich waren.
Und weil er so konzentriert chattete, bemerkte er auch nicht, wie seine Exfreundin/-Assistentin sich ihm langsam von hinten näherte.
Als sie dann schließlich mit einem: "Hey, Dr. D." auf sich aufmerksam machte, brauchte er einige Sekunden um zu realisieren, dass da tatsächlich Shego hinter ihm stand.
Oder zumindest jemand, der ihre Stimme sehr gut imitieren konnte.
Drakken erschrak und drehte sich schlagartig mit seinem Bürostuhl um, nur um ein weiteres Mal zu erschrecken.
"She...Shego?" fragte er vorsichtig. Noch bevor sie antwortete, rief er schließlich: "Shego!" und sprang auf, um sie herzlich zu umarmen. Doch bevor es dazu kam, blieb er empört stehen. "Nein. Keine Umarmung für dich! Ich bin wütend."
Auch wenn ihr innerlich die Knie schlotterten, blieb Shego nach aussen hin gewohnt ruhig.
"Immer noch? Da ist aber jemand nachtragend."
"Du bist einfach so verschwunden! Keine Nachricht, kein Lebenszeichen, gar nichts! Es war unmöglich, dich zu finden! Und glaube mir, ich habe es versucht!"
"Ich wollte eben nicht gefunden werden."
"Und ich hoffe, du hast einen sehr guten Grund dafür."
"Den habe ich."
"Und?"
"Den werde ich dir später erzählen."
Dann fiel Drakkens Blick auf Tyler, der sich bis jetzt unauffällig im Hintergrund aufhielt.
"Wer ist das?" fragte er.
"Das ist mein persönlicher Assistent."
Drakken ging zu ihm und betrachtete ihn von oben bis unten.
"So, du verschwindest ein paar Jahre und glaubst plötzlich, du brauchst einen persönlichen Assistenten. Hättest du dir keinen älteren leisten können? Und vielleicht einen mit weniger doofen Ohren?"
"Hast du schonmal in den..." Tyler hielt für einen kurzen Moment inne, bevor er seine Antwort beendete. "...Spiegel gesehen."

"Ich bin mir sicher, dass Tyler in diesem Moment merkte, dass er vielleicht doch so etwas wie einen Vater haben könnte. Aber er hat mich nie darauf angesprochen, darum weiss ich es nicht genau. Doch spätestens wenn er euren Film sehen sollte, wird er es ohnehin erfahren."

"Warum bist du zurückgekommen? Ich meine, ich weiß natürlich, warum du zurückgekommen bist." Eine Blume wuchs aus Drakken heraus, wickelte sich um Shego und zog sie sanft zu ihn heran.. "Du hast es nicht mehr ohne dein Doktorchen aushalten können," sagte er mit einer Stimme, die wohl verführerisch klingen sollte.
"Ach, bitte."
"Gerne."
"Was soll das bedeuten?"
"Was immer du willst."

"Er war noch nie besonders geschickt im flirten."

"Ich will dir ein Angebot machen." Bevor Drakken darauf antworten konnte, hielt Shego ihm den Mund zu. "Nein, nicht so ein Angebot. Hör mir zu. Ich eröffne zusammen mit ein paar Geschäftspartnern eine Verbrecherorganisation. Wir fahren das ganze Programm ab, mit Weltherrschaft und so und du sollst bei uns mitmachen. Ja, ich weiß, du wolltest immer alleine auf dem Thron sitzen und wenn du jetzt bei uns einsteigst, bist du eigentlich nur jemand, der für die Herrscher der Welt arbeitet, anstatt selber der Herrscher der Welt zu sein. Du musst aber bedenken, dass deine Pläne hauptsächlich deshalb nie Erfolg hatten, weil du sie nie zu Ende gedacht hast, aber da kommen wir jetzt ins Spiel. Du lieferst uns die Grundlagen und wir sorgen für den Erfolg. Und wenn der Erfolg eintritt..." Sie näherte sich seinem Ohr und flüsterte leise: "...kannst du immerhin behaupten, dass eine der neuen Weltherrscher deine Freundin ist."
Langsam ließ sie Drakkens Mund wieder los.
"Das klingt ja ganz verlockend," sagte er, "aber du hast mich fast 20 Jahre lang alleine gelassen. Da bräuchte ich vielleicht noch einen weiteren Anreiz."
"Du darfst Dementor demütigen, wann immer dir danach ist."
Der Doktor antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Einverstanden".
"Schön, dass wir das geklärt haben. Ich werde mich in den nächsten Tagen bei dir melden, um die Einzelheiten zu besprechen."
Er griff nach Shegos Hand.
"Was? Du willst schon gehen?" fragte Drakken enttäuscht.
"Ich...habe heute noch einen vollen Terminplan."

"Das war gelogen. Ich wollte nur nicht, dass Drakken etwas peinliches in Tylers Gegenwart sagt oder tut."

"Wie auch immer. Ich habe so lange auf dich gewartet, da kann ich auch noch etwas länger warten. Aber wenn du wiederkommst, mach in deinem Terminkalender genug Platz für etwas Kuschelzeit mit deinem Doktorchen."

"Wie das, zum Beispiel."

"Bitte nicht vor meinem Soh...so unglaublich professionellen Assistenten."
Der Doktor warf ihm einen bösen Blick zu.
"Lass Captain Spaßbremse das nächste Mal einfach zuhause."
"Mal sehen," hauchte sie verführerisch und stupste Dr. Drakkens Nase mit dem Zeigefinger an. "Wir sehen uns."
Sie drehte sich um und ging mit Tyler zum Ausgang.
Als sie fast draussen waren, rief Drakken ihnen noch hinterher: "Hey! Aber du kommst doch wirklich zurück, oder? Denn nochmal 16 Jahre oder auch nur 16 Tage wären für mich..."
"Keine Sorge, Dr. D. Ich komme garantiert wieder," rief Shego zurück und warf ihm noch einen Kuss zu, nachdem sie sich versichert hatte, dass Tyler schon zur Tür heraus war.