Kapitel 46

Umzug (Zurück an die Arbeit, Teil 6)

Am Abend saßen Shego und Tyler auf der Terrasse ihres Hauses. Sie beobachteten, wie der Mond langsam über den Sternenhimmel wanderte und teilten sich dabei eine Bolognese Pizza. Ein über die Jahre sehr liebgewonnenes Mutter-/Sohn-Ritual.
"Sag mal, Mama," fragte Tyler, während er sich ein weiteres Stück aus der Pizzaschachtel nahm, "was macht man eigentlich mit der Welt, wenn man sie beherrscht?"

"In dem Moment wurde mir klar, dass ich mir nie ernsthafte Gedanken über die Weltherrschaft gemacht hatte. Das war immer mehr so ein Ding von Menschen wie Drakken oder Dementor."

"Ähm...das ist eine sehr gute Frage. Ich weiss nicht, vielleicht könnte ich überall Statuen von mir aufstellen. Und...vielleicht mache ich auch eine Gehirnwäsche bei denen, die mir nicht folgen wollen. Ja, ich könnte die Menschen zwingen, nur die Kleidung zu tragen, die ich ihnen vorschreibe."
"Du könntest dein eigenes Modelabel aufmachen."
"Oder ich kaufe einfach Club Banana."
"Du kannst es dann 'Club Shego' nennen," lachte Tyler.
Auch seine Mutter fing nun zu lachen an.
"Das selbe habe ich auch gerade gedacht."
Ein Auto näherte sich und parkte direkt vor dem Haus. Quint, Vinnie, Junior und Big Mike stiegen aus.
"Na also, das wurde aber auch Zeit!" rief ihnen Shego entgegen. "Also, was habt ihr Schönes gekauft?"
Junior sprang aufgeregt auf und ab und rief: "Fahrzeuge! Große Autos, kleine Autos, Geländewagen, Kombis, Vans, mit kugelsicherem Glas, ohne kugelsicheres Glas, mit Panzerglas, das ist besser als kugelsicheres Glas, normale Autos, unnormale Autos, vollgestopft mit allem möglichen High-Tech-Kram wie im Kino, mit Schusswaffen, Rauchwerfern, drehbare Nummernschilder, eines hat sogar eine Tarnvorrichtung und ein paar Motorräder haben wir auch, die haben so ziemlich die selbe Ausstattung, nicht genau die selbe, aber so ähnlich, einige haben Waffen, einige nicht, einige haben Geheimagenten-Extras, einige nicht, eines kann sogar fliegen und ein anderes wird zu einem Jetski."
"Cool," sagte Tyler, während er auf der Pizza herumkaute.
Seine Mutter sah Junior nur an und fragte Quint: "Hast du ihm Fruchtsaft gegeben? Du weisst doch, wie hyperaktiv er durch jede Art von Zucker wird."
"Ich bin unschuldig. Er hat einfach nur Spaß daran, seine Millionen für tolle Spielsachen auszugeben."
"Okay. Was habt ihr sonst noch?"
"Wir haben einen Panzer gekauft!" rief Junior. "Einen Panzer! Einen Panzer! Einen Panzer, Panzer, Panzer! Und noch einen! Der schwebt auf einem Luftkissen und schießt irgendwelche Laserstrahlen! Das glaubt ihr nicht!"
"Im Ernst?"
"Nun, ich wollte schon als Kind einen Panzer haben und der Luftkissenpanzer mit dem Laser war ein Sonderangebot. Und die Drei haben ja dafür bezahlt, also habe ich zugeschlagen."
Jetzt kletterte Junior auf einen Baum und rief, noch bevor er den ersten Ast erreichte: "Wir haben alle möglichen Arten von Waffen! Mit Strahlen, ohne Strahlen, automatische, nicht automatische, Betäubungsgewehre, Elektroschocker, Nahkampfwaffen, Fernkampfwaffen, mit Bewegungssensoren, ohne Bewegungssensoren, lautlose, laute, richtig laute und welche, die einfach nur cool aussehen!"
Quint zuckte mit den Schultern.
"Bin nicht so ein Freund von Waffen, aber vorbereitet sein ist alles."
"Erzähle ihr von den Schwertern!"
"Oh ja, die Schwerter!" riefen Vinnie und Big Mike und holten einen großen, schwarzen Koffer aus dem Kofferraum.
"Schwerter?"
"Ja, es gab ein Katana-Set kostenlos dazu. Ist vielleicht etwas für dich."
"Nein, nicht wirklich."
"Hm. Hab dich irgendwie immer als Schwert-Person eingeschätzt." Quint drehte sich zu Vinnie und Big Mike, die gerade zwei der Schwerter aus dem Koffer geholt hatten und nun einen Kampf simulierten. "Hey, ihr Zwei! Passt auf, das ist kein Spielzeug!"
"Keine Sorge, wir passen auf!"
Shego seufzte.
"Und wie sieht es mit dem Hauptquartier aus?"
"Wir haben einen Burggraben!" rief Junior und sprang vom untersten Ast. "Mit Piranhas!"
"Das ist ja voll Retro. Gefällt mir aber. Vor allem die Piranhas."
"Ja, wir hatten die Wahl zwischen Piranhas und Haien, mit einem Laser auf dem Kopf."
"Gute Wahl. Und wo befindet sich das Hauptquartier?"
"Gleich da hinten."
Quint ging um das Haus herum und zeigte auf einen Berg, der nur einige wenige Kilometer entfernt war.
"Da oben?" fragte Tyler.
"Ja, so in etwa. Etwas mittig. Nicht ganz oben, aber gut versteckt. Es gibt einen geheimen Tunnel, gleich an der Straße. Dann müssen wir nicht ständig dort hinauf klettern."
"Ich lebe seit Jahren hier und wusste nicht, dass es hier so etwas gibt," sagte Shego erstaunt.
"Ich lebe mein ganzes Leben hier und wusste auch nichts davon. Darum habe ich es gekauft. Wäre es noch geheimer, würde es nur in meinen Gedanken existieren."
"Haben wir schon die Schlüssel?" fragte Shego Quint mit einem aufgeregten Glänzen in den Augen.
"Ja, es ist alles schon bezahlt und unterschrieben. Willst du es dir jetzt sofort ansehen?" "Was denkst du wohl?"

"20 Minuten später fuhren Quint, Tyler und ich erst durch einen wirklich sehr gut versteckten, geheimen Eingang in einer Felswand und dann durch das riesige Parkhaus dahinter."

"Bis jetzt gefällt es mir ganz gut," sagte Shego mit einem genehmigenden Nicken. "Wie viele Stockwerke hat die Garage?"
Quint sah im vorbeifahren auf die große, weiße "25" an der Wand.
"Ich habe keine Ahnung, aber ich sage es dir, wenn wir oben angekommen sind."
"Erinnert mich bitte daran, dass ich bei Gelegenheit mal meine Inliner umschnalle und hier komplett von oben bis unten durchfahre. Bin gespannt, was für ein Tempo ich draufbekomme."
"Aber nur mit Helm und Gelenkschützern, mein Sohn. Du weisst ja, Sicherheit kommt zuerst."
"Sicherheit kommt zuerst, ich weiss, Mama."
Im 65. Stockwerk ging es schließlich nicht mehr weiter nach oben. Leicht schwankend stiegen die Insassen aus dem Auto.
"Wow, über 60 Stockwerke im Kreis gefahren. Da wird einem schon etwas schwummerig im Kopf," sagte Quint.
Tyler verbesserte sie.
"Spirale. Wenn wir im Kreis gefahren wären, wären wir immer noch im Erdgeschoss. Aber da wir uns ja nach oben bewegt haben, waren wir in einer Spirale."
"Du weisst schon, was ich meine. Ausserdem hätte sich bei einer Spirale auch noch unser Radius vergrößert, darum waren wir eigentlich in einer Helix."
"Ist eine Helix nicht das selbe, wie..."
"Hey, Einstein und Zweistein! Niemand mag Streber! Lasst uns endlich zum interessanten Teil kommen!"
Quint deutete auf eine hässliche, dunkelgrüne Metalltür.
"Dann bitte da hindurch, gute Frau."

"Das Hauptquartier an sich, war nichts wirklich besonderes. Natürlich abgesehen davon, dass es sich in einem ausgehöhlten Berg befand. Es war dementsprechend sehr groß und hatte sehr viele Räume. Ich habe bis Heute keine Ahnung, wie viele es genau waren, aber von Besenkammern, über Wohnräume für die Angestellten, bis hin zu Lagerräumen und einem Flugzeughangar war alles dabei. Damals, wo alles leer war, machte es natürlich noch nicht viel her. Aber vor meinem geistigen Auge konnte ich schon alles genau erkennen. Die einzelnen Forschungslabors, mit den Reagenzgläsern und blinkenden Lichtern der verschiedensten Apparaturen. Die Handlanger, die in Sporthalle trainieren. Die Fahrzeuge in den Garagen. Und vielleicht auch mal die eine oder andere After-Work-Party am Freitag. Man muss ja seine Mitarbeiter irgendwie motivieren. Und schnell nahm dieser Traum Gestalt an. Schon am übernächsten Tag, trudelten die ersten Lieferungen ein."

"Was glaubt ihr eigentlich, was ihr zwei Vollidioten da macht!?" schrie Shego zwei Möbelpackern mitten ins Gesicht. "Habt ihr eine Ahnung, was in der Kiste, die ihr gerade habt fallen lassen, drin ist!? Da drin befindet sich eine Eiskanone! Und nein, das ist keine Kanone, die Fürst Pückler Eiscreme, mit einem lustigen Sahnehäubchen und einer Kirsche obendrauf hervor zaubert! Mit diesem Gerät kann man ganze Gebäude in Eisblöcke verwandeln! Es ist nicht nur unglaublich teuer, sondern kann uns auch alle so lange konservieren, bis irgendwann in 100 Jahren oder so ein Forscherteam kommt und mal nachschaut, was es in diesem Berg so interessantes gibt! Es wäre also schön, wenn ihr nicht nur diese Kiste mit größtmöglicher Sorgfalt behandeln würdet, sondern auch alle anderen! Denkt immer daran, dass wenn euch der Inhalt dieser Kisten nicht umbringt, es vielleicht die Frau tut, die diese Dinger gekauft hat!"
Einer der Möbelpacker zuckte kurz mit seiner Unterlippe. So, als ob er kurz vor einem Weinkrampf stehen würde.
Der andere vermied jeden direkten Augenkontakt mit Shego und murmelte: "Ent...entschuldigung."
"Vielleicht akzeptiere ich diese Entschuldigung aber nicht? Vielleicht hättet ihr einfach besser aufpassen sollen? Jetzt macht euch wieder an die Arbeit. Und wehe euch, wenn ihr mir nur noch einen einzigen Grund liefert, um mich weiterhin so aufzuregen. Glaubt nicht, ich würde euch nicht beobachten." Mit einer schnellen Handbewegung, die die Packer ängstlich zusammenzucken ließ, zog sie ein Funkgerät von ihrem Gürtel. "Ich hoffe, bei dir läuft es besser, Quint."
"Kommt darauf an, wie es bei dir läuft. Dieser Ed treibt mich in den Wahnsinn!"
"Gib ihn mir mal."
"Gerne."
Einige Sekunden später meldete sich Motor Ed über das Funkgerät.
"Hey, was gibt's? Ich hoffe es ist wichtig. Bin voll beschäftigt, echt jetzt."
"Was bitte sehr machst du da? Du sollst nur die gelieferten Fahrzeuge auf Mängel überprüfen und nicht deine Umwelt nerven."
"Genau das tue ich doch. Meine Arbeit machen, meine ich. Aber ihr hättet mich schon beim Einkauf mitnehmen sollen. Echt jetzt. Die Dinger sind voll wurstig. Kaum Power unter der Haube. Und vom Design will ich gar nicht erst anfangen. Echt jetzt."
"Dein persönlicher Geschmack steht hier nicht zur Debatte. Sag uns einfach nur, ob sie reklamierbare Mängel haben."
"Du hast mich hier zum Chefmechaniker gemacht. Und das hättest du nicht, wenn du meine Meinung nicht schätzen würdest, echt jetzt. Du hast mir selber gesagt, dass ich der Beste bin. So ein Kompliment aus deinem Mund würde ich nie vergessen. Echt jetzt."
"Schau jetzt bitte einfach nur unter ihre Haube und sag mir, ob sie wie beschrieben laufen. Später kannst du sie gerne aufmotzen, umlackieren und Plüschwürfel an den Rückspiegel hängen. Aber bis dahin, mach was ich dir aufgetragen habe und hör auf Quint zu nerven."
"Alles klar, She-Boss. Ach übrigens, deine Freundin Quint, ist die in festen Händen oder so?"
"An die Arbeit, Ed!"
"Ist ja gut, ist ja gut. Echt jetzt, nur keine Hektik."
Sofort meldete sich Tyler über das Funkgerät.
"Mama, da kommt ein Hubschrauber."
"Ein Hubschrauber? Was bringt der denn?"
"Den Hubschrauber."
"Hätte ich auch selber drauf kommen können. Warte, ich komme rauf."
Sofort lief Shego auf den Flur hinaus, nur um festzustellen, dass sie keine Ahnung hatte, wie man aufs Dach kommt.
"Hey, Big Mike," rief sie ihm zu, als er ihr entgegenlief. "Wo ist hier der Fahrstuhl zum Dach?"
"Fahrstuhl?"
"Ja, Fahrstuhl. Eine Treppe geht auch."
"Ich glaube, ich bin da hinten am Treppenhaus vorbeigekommen. Ich suche aber schon seit Minuten nach einer Toilette. Und wenn ich nicht bald eine finde, gibt es ein Unglück."
"Ja, danke, zu viele Infos. Da hinten ist die Treppe, sagst du?"
"Glaube ich."
"Ich werde schon sehen."
Eilig rannte sie den Gang entlang.
Gerade, als sie um die Ecke biegen wollte, rief ihr Big Mike hinterher: "Hey, ich habe einen Aufzug gefunden!"
Anstatt auf gewöhnliche Weise anzuhalten und umzudrehen, sprang Shego gegen die Wand neben ihr, machte einen Salto zur gegenüberliegenden, stieß sich daran ab und rannte zu Big Mike.
"Wenigstens ein Problem weniger, aber ich habe immer noch keine Toilette gefunden."
"Hier ist garantiert auf jedem Stockwerk mindestens eine. Such einfach weiter."
Die Fahrstuhltür öffnete sich. Unverzüglich sprang Shego hinein und stieß dort mit Drakken zusammen.
Er fragte mit einem breiten Grinsen: "Hallo, schöne Frau. Fahren sie oft diese Strecke?"
"Ach, du alter Charmeur," antwortete Shego. "Ich wusste noch nichtmal, dass du schon hier bist."
"Ich bin mit Ed gekommen. Er hat mir erzählt, dass du dich hier schon einrichtest. Sehr hübsches, kleines Versteck hast du dir besorgt. Klassisch in einem Berg. Aber es scheint an Badezimmern zu mangeln."
"Im Ernst? So ein Mist. Jetzt muss ich mich auch noch darum kümmern."
Eine Blume wuchs aus Drakken heraus und strich Shego sanft über die Wange.
"Aber das hat doch sicher noch etwas Zeit."
Dann meldete sich wieder das Funkgerät.
"Mama! Bist du gleich da?"
Drakkens Blume fiel plötzlich schlaff zu Boden.
"Wie hat er dich genannt?!"
"Äh, das...sagt er nur um mich zu ärgern," log sie nervös. "Weil ich mich um so viele Dinge gleichzeitig kümmern muss. Wie eine Mutter."
Drakken schien es ihr abzukaufen.
"Jetzt siehst du mal wie es ist, von seinen Handlangern ständig veräppelt zu werden."
Der Fahrstuhl erreichte das Dach. Bevor sich die Tür öffnete, drückte Shego Drakken noch ein Küsschen auf die Lippen.
"Wir sehen uns später," sagte sie mit einem Lächeln und lief nach draussen.

"Es waren einige sehr hektische Tage. Ständig kam irgendeine neue Lieferung. Komplizierter wurde das auch noch dadurch, dass das Versteck ja geheim bleiben sollte und wenn ein ganzer Lastwagenkonvoy einen Berg hinauf fährt, aber dann auf halber Strecke verschwindet, könnte das natürlich bei einigen Menschen Aufmerksamkeit erregen. Aber irgendwie haben wir auch das geregelt bekommen. Selbst der Bau von mindestens einem neuen Badezimmer pro Stockwerk verlief problemlos. Dann kam der große Tag. Alle Vorbereitungen waren getroffen und alle kamen zu ihrem ersten Arbeitstag zusammen."