"Sehe ich darin zu seriös aus?" fragte Shego Quint.
Sie standen in Shegos Schlafzimmer, innerhalb des neuen Berg-Verstecks. Mittlerweile hatten alle Teilhaber, der noch immer namenlosen Verbrecherorganisation, ihren Wohnsitz dort hinein verlagert.
"Für mich war es praktischer dort zu wohnen, wo ich arbeitete. Für alle anderen war es einfach cooler, in einem echten Geheimversteck zu schlafen."
Quint betrachtete Shego von oben bis unten.
"Nun, das dunkle Grün und der sportliche Schnitt deines Hosenanzuges, lassen dich nicht wirklich wie eine Spießerin aussehen."
"Aber?"
"Kein aber. Ich würde zwar so etwas nicht anziehen, aber auch nur weil ich einfach keine Hosenanzüge mag. Ich muss auch zugeben, dass es etwas ungewöhnlich ist, dich in so etwas zu sehen. Gut, es ist jetzt nicht so, dass du sonst in dreckigen T-Shirts herumlaufen würdest, aber...ach ich weiss nicht. Es steht dir, aber dir steht alles."
Shego grinste.
"Das macht dich wahnsinnig, oder?"
"Du hast keine Ahnung, wie sehr das an mir nagt. Aber wie dem auch sei, ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Kleidung für den Anlass ist. Obwohl sie dir ohne Zweifel steht, wie ich erneut betonen möchte."
"Meinst du, ich sollte mich nochmal umziehen?"
Bevor Quint darauf antworten konnte, öffnete der blonde Junior die Tür.
"Hey, es ist gleich neun!"
Wütend warf Shego einen Stuhl in seine Richtung. Er verfehlte ihn nur knapp und zersplitterte an der Wand neben ihm.
"Was fällt dir eigentlich ein, einfach so in mein Schlafzimmer zu platzen!?! Hat man dir nie beigebracht, dass man wenigstens vorher anklopft?"
"Um ehrlich zu sein, nein. Aber wenn das mit dem anklopfen stimmt, erklärt das so einige, schmerzhafte Situationen in meinem Leben. Erst vorhin hätte man mich fast mit einem Stuhl erschlagen."
"Ja, daran kann ich mich noch erinnern. Was willst du?"
"Wie ich schon gesagt habe, es ist gleich neun Uhr. Es sind auch schon alle da."
"Ja, okay," stöhnte sie genervt, "wir sind gleich da."
"Ist gut," sagte Junior und schloss die Tür hinter sich.
Shego drehte sich erneut zu Quint und fragte sie: "Also, umziehen oder nicht?"
"Ach, es wird schon gehen."
"Dann mal los," seufzte Shego.
"Wir dachten es wäre eine gute Idee, wenn ich zu Beginn des ersten Arbeitstages eine kleine Ansprache vor unseren Untergebenen halten würde."
Quint und Shego betraten schließlich die Sporthalle, in der sich die gesamte Belegschaft versammelt hatte. Langsam verstummten die persönlichen Gespräche unter den Anwesenden. Drakken zwinkerte seiner Angebeteten zu, doch sie sah leider in dem Moment nicht in seine Richtung. Bonnie verschränkte die Arme vor ihrem Körper, so als ob sie es Shego vorwerfen wollte, dass sie eine Minute zu spät zu ihrer eigenen Ansprache kam. Senor Junior und Motor Ed waren die beiden, die am enthusiastischen applaudierten. Wenn auch aus verschiedenen Gründen. Eigentlich waren sie auch die einzigen, die das taten. Ein paar vereinzelte Handlanger und Wissenschaftler ließen sich von ihnen anstecken und klatschten zumindest ein paar mal in die Hände. Nicht aus mangelndem Respekt, sondern eher aus Unsicherheit.
Tyler reichte seiner Mutter ein Mikrofon. Sie überflog die Gesichter ihrer handverlesenen Untergebenen.
Schließlich sagte sie nur: "Schön, dass ihr gekommen seid. Los, an die Arbeit!" und beobachtete, wie sich ihre Mitarbeiterschar unter lautem Gemurmel an ihre Arbeitsplätze begab.
Vinnie stieß Big Mike mit dem Ellenbogen an.
"Erinnerst du dich noch an Mr. Barkin? Genau so klang sie gerade. Nur weiblicher."
"Sie hat sich auch heute irgendwie so wie er angezogen. Nur grüner," antwortete Mike.
"Das habe ich gehört! Ich gehe mich umziehen."
"Ja, die Ansprache war kürzer als geplant, aber sie war effektiv. Danach fing ich langsam an, mich meinen offiziellen Pflichten zu widmen. Als erstes waren mein persönlicher Praktikant und seine Frau an der Reihe."
Kurze Zeit später trafen sich Shego, Bonnie und Senor Junior in der selben Sporthalle, in der Shego zuvor ihre beeindruckende Ansprache hielt.
"Also Bonnie, hast du Kampferfahrung?"
"Du meinst mit den Handkanten und im Sprung kicken und so etwas? Nein. Aber wenn es sein muss, kann ich meine Krallen ausfahren."
Junior legte einen Arm um seine Frau.
"Du solltest sie mal beim Einkaufen sehen. Wenn jemand versucht, ihr das letzte Paar Schuhe vor der Nase wegzuschnappen, geht es für diese Person niemals gut aus."
"Ja, wir alle lieben doch lebendig gewordene Klischees," sagte Shego mit einem künstlichen Lachen.
"Was soll das denn bedeuten?"
"Nichts. Du hast erwähnt, dass du Tanzerfahrung hast."
"Das stimmt. Ich habe von klein auf Ballett gelernt."
Um ihre Worte zu unterstreichen, drehte Bonnie im Anschluss noch einige Pirouetten.
Shego beobachtete sie nachdenklich.
"Ballett, so so."
"Haben sie ein Problem damit?"
"Nein, absolut nicht. Darauf kann man gut aufbauen. Es zeigt, dass du über Disziplin und Körperbeherrschung verfügst. Ich glaube, ich werde viel weniger Probleme mit dir haben, als damals mit deinem Ehemann. Er hatte die Muskeln, aber nicht das Talent. Oder die Disziplin."
"Muss das unbedingt vor meiner Bonnie sein?"
"Ich sage nur wie es ist. Wo wir gerade dabei sind, zeig mir mal ob du es noch drauf hast."
Junior schob seine Frau sanft zur Seite und warf sich in Position.
"Tritt einen Schritt zurück, mein Schatz. Das könnte jetzt hässlich werden." Drei Sekunden später lag er auch schon mit dem Gesicht auf der Matte und röchelte: "Siehst du? Genau das habe ich gemeint."
Shego half ihm enttäuscht hoch.
"Sag mir bitte nicht, dass du alles verlernt hast."
"Wie lange ist es her? Mehr als 20 Jahre? Da rostet man schon etwas ein."
"Und wenn schon. Das bekommen wir auch noch hin. Wie ist es mit dir, Bonnie?"
"Was...was soll mit mir sein?"
"Komm schon greif mich an."
"Wie jetzt angreifen?"
"Du kommst auf mich zu und versucht mich zu schlagen, treten, kratzen, was auch immer dir einfällt. Aber nicht spucken. Das nehme ich persönlich."
Bonnie näherte sich zögernd ihrer Lehrerin.
"Also, soll ich jetzt einfach zuschlagen?"
"Nicht nur. Du solltest auch versuchen, mich zu besiegen oder wenigstens zu berühren."
"Äh, so etwa?"
Mit einem lauten Schrei und geballten Fäusten stürmte Bonnie auf Shego zu. Diese musste aber nur einen halben Schritt nach links ausweichen, um nicht vom ankommenden Schlag getroffen zu werden.
Shego seufzte: "Okay, das war nicht..." bevor Bonnie etwas völlig unerwartetes tat.
Anstatt einfach aufzuhören und Shegos Ausführungen zu lauschen, sprang sie in einem hohen Rückwärtssalto über sie hinweg und setzte, kaum das ihre Füße den Boden berührt hatten, zu einem weiteren Sprung an. Sie drehte sich dabei so schnell um die eigene Achse, dass sie sich regelrecht hoch in die Luft zu schrauben schien. Irgendwann zwischen der fünften und sechsten Pirouette streckte sie schließlich ein Bein aus und versuchte Shego damit zu treffen.
Doch sie packte nur das sich ihrem Kopf nähernde Bein mit einer Hand und warf die Angreiferin auf die Matte.
"Au," kommentierte Bonnie die Landung trocken.
Junior lief besorgt zu seiner Frau.
"Zuckerherzchen! Hast du dir weh getan?"
"Nein, es ist alles in Ordnung."
Shego hielt immer noch Bonnies Bein fest und sagte mit einem zufriedenen Grinsen: "Du hinterhältiges Ding. Und das meine ich als Kompliment."
"Ach, ich dachte, ich improvisiere einfach mal etwas. Könnten sie bitte mein Bein loslassen? Ich will nicht ewig auf dieser stinkigen Matte sitzen."
"Aber natürlich. Ich wollte ohnehin gerade gehen."
Sie ließ Bonnies Bein zu Boden fallen.
"Jetzt schon?"
"Ja, ich wollte nur mal kurz eure Fähigkeiten kontrollieren. Das richtige Training geht morgen früh um sieben los."
"So früh!?" protestierte Bonnie.
"Ganz genau. Und mit sieben meine ich nicht, dass ihr um sieben Uhr herum hier auftauchen sollt. Um Punkt sieben Uhr geht es los. Kommt nicht zu spät. Das sehe ich gar nicht gerne."
Während Shego zur Tür hinaus ging, half Junior seiner Frau hoch und erklärte ihr: "Sie meint das Ernst. Glaub mir, wir sollten heute besser früh ins Bett gehen und den Wecker stellen."
Kurz darauf näherte sich Shego Drakkens Büro. Es war ein sehr schönes Büro. Groß, weit oben, mit einem Panoramafenster, durch das man Kilometerweit in die Ferne blicken konnte. Ausserdem befanden sich eine eigene Couch darin, ein in der Wand versteckter Großbildfernseher und sogar ein eigenes Badezimmer. Man merkte sofort, dass der Besitzer dieses Büros gute Beziehungen zur Chefetage hatte.
Mit einem Ruck öffnete Shego die Tür und rief: "Ich hoffe doch sehr, du arbeitest fleissig!"
Drakken minimierte schnell das Solitär-Spiel auf seinem Computermonitor und antwortete: "Aber natürlich. Was glaubst du denn?"
Sie ging schnell zu Drakkens Computer.
"Also ich glaube," sie öffnete mit einem Mausklick das Solitär-Fenster, "dass die Herz-Acht gut dort hinten auf die Pik-Neun passt."
"Darauf bin ich auch schon gekommen, aber dann ist leider meine Chefin hereingeplatzt und hat mich mit ihrer unerhörten Schönheit geblendet."
"Da ist wohl jemand auf eine Beförderung aus."
"Ich benahm mich immer noch etwas zurückhaltend gegenüber Drakken. Nicht, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, aber ihr wisst ja, wie unbeholfen ich in Sachen Romantik sein konnte. Wir waren eben eine sehr lange Zeit getrennt und er wusste noch immer nicht, dass Tyler mein Sohn, eventuell sogar auch irgendwie seiner war."
Schnell wechselte Shego das Thema: "Also Doktor D., was hast du bis jetzt?"
"Ich bitte dich. Der Arbeitstag hat doch gerade erst angefangen."
"Ja, und? Ich kenne dich. Du heckst immer irgendetwas aus."
"Das ist wahr. Aber im Moment habe ich nichts konkretes. Nur viele, kleine Ideen, auf viele, kleine Spickzettel notiert. Da fällt mir ein, mein Drucker hat kein Papier."
"Kein Papier? Dann sollten wir mal ganz schnell beim Service Manager anrufen." Sie drückte auf die Lautsprecher-Taste an Drakkens Telefon, gefolgt von einer entsprechend beschrifteten Schnellwahltaste. "Das wird dir gefallen, wart's ab."
Es klingelte dreimal in der Leitung, dann meldete sich jemand mürrisch am anderen Ende.
"Was ist denn!?"
"Spreche ich mit dem Service Manager vom Chief Executive Office?" fragte Shego scheinheilig.
"Ja."
"Warum melden sie sich dann nicht so, Professor Dementor!"
Überrascht riss Drakken seine Augen weit auf.
"Ach, sie sind's," antwortete Dementor. "Sie hätten mir ruhig vorher sagen können, dass mein gut klingender Job daraus besteht, den ganzen Tag in einer fensterlosen Abstellkammer zu sitzen UND DAS BÜROMATERIAL IM HAUS ZU VERTEILEN!"
"Habe ich das nicht?"
"Nein!"
"Das liegt wohl daran, dass ich nicht wollte, dass sie es wissen."
Drakken kriegte sich vor lachen kaum noch ein.
"Wer lacht da!? Ich verlange eine Antwort!"
Bevor er antworten konnte, hielt Shego Drakken den Mund zu.
"Kommen sie doch einfach in Büro 313 und finden es selbst heraus. Und bringen sie Druckerpapier mit. Aber reichlich!"
"Das werde ich. Oh ja, DAS WERDE ICH!"
Shego unterbrach die Verbindung und wandte sich an Drakken.
"Das ist ein kleines Willkommensgeschenk für dich. Ich muss jetzt weiter. Wenn du Probleme mit Dementor bekommen solltest, unter dem Tisch ist ein Alarmknopf." Sie gab Drakken einen Kuss auf die Stirn und ging zur Tür. "Und zwing mich nicht dazu, alle Spiele auf deinem Computer zu löschen!"
Kaum war sie aus dem Büro raus, kam ihr ein Mitarbeiter auf dem Flur entgegen. Er kam ihr sehr bekannt vor, aber sie wusste nicht woher. Da er scheinbar hier arbeitete, machte sie sich erst keine weiteren Gedanken und grüßte ihn höflich. Doch als er gerade an ihr vorbei war, ging ihr ein Licht auf.
Sie packte ihn am Kragen und rief: "Hey, nicht so schnell, Freundchen. Du bist doch dieser...dieser George Zyxenpyxenirgendwas."
"Zyxpic," antwortete er.
"Ja, der vom Handlangercasting. Ich bin mir ziemlich sicher, dich nicht eingestellt zu haben. Was tust du hier?"
"Ich, äh..."
George wurde immer nervöser. Schließlich verlor Shego die Geduld und schnippste mit ihrem Zeigefinger an sein Ohr.
"Los, raus mit der Sprache."
"Aua. Ist ja schon gut. Ich bringe Drakken nur einen Flum."
"Warum bringst du Drakken einen Flum?" Sie schnippste sein Ohr erneut an. "Los, warum? Und wie bist du hier hereingekommen. Du musst hier arbeiten, um hier hereinzukommen."
"Ich...darf es ihnen nicht sagen. Au, mein Ohr. Ich arbeite für Drakken."
"Wie darf ich das verstehen?"
"Er hat mich als seinen Assistenten engagiert."
"Noch am selben Tag ließ ich ein Memo herum gehen, in dem darauf hingewiesen wurde, dass niemand ohne Genehmigung der Personalabteilung weitere Mitarbeiter jeglicher Form einstellt."
"Wieso gerade dich?"
Ihr Finger näherte sich wieder seinem Ohr.
"Weil...weil...ich zum Casting gegangen bin."
"Das ist alles? Was solltest du da?"
George seufzte tief und ließ die Schultern hängen.
"Ich sollte ihnen erzählen, wie schlecht es Drakken nach ihrem Verschwinden ging und sie so dazu bewegen, wieder zu ihm zurückzukehren. Ich sollte es nicht zu offensichtlich machen. Mehr so nebenbei in ein Gespräch einfließen lassen und nicht zu dick auftragen."
Shego ließ ihn los.
"Hast du gut gemacht."
"Danke. Ich war auf vor meiner Karriere als Handlanger auf der Schauspielschule und AUA! Nicht immer das selbe Ohr. Au! Danke."
Aus heiterem Himmel packte sie George wieder am Kragen und zog ihn auf Augenhöhe an sich heran.
"Ein Wort zu Drakken und du bekommst nicht nur Probleme mit der Personalabteilung."
"V...verstanden."
Sie ließ ihn wieder los und ging, ohne ihn weiter zu beachten, zum Fahrstuhl.
"Ich glaube, ich muss mit dem Doktor demnächst mal ein ernsthaftes Gespräch führen."