Kapitel 49

Ausflug (Der lange Weg zur Weltherrschaft, Teil 3)

Am nächsten Freitag im Konferenzraum. Während sich die meisten Anwesenden noch die frischen Beulen an ihren Köpfen rieben, kam Shego sofort zur Sache.
"Wie ihr sicher schon wisst, gibt es Fortschritte zu vermelden. Dr Drakken hat sich meinen Rat zu Herzen genommen und sich darüber informiert, was das so schwer bewachte Ding, von dem er letzten Mittwoch sprach, überhaupt ist. Darum übergebe ich jetzt ohne weitere Umschweife das Wort an ihn. Dr D., darf ich bitten?"
Drakken räusperte sich kurz, erhob sich von seinem Stuhl und stieß sich den Kopf so hart an der Lampe, dass er für drei ganze Sekunden sein Bewusstsein verlor.
"Ich glaube, wir sollten die Lampe endlich höher hängen," warf Vinnie ein.
Motor Ed führte diesen Gedanken weiter: "Vielleicht sollten wir einfach ein einen anderen Raum umziehen. Zum Beispiel einen mit Fenstern. Echt jetzt. Das ist der trostloseste Raum, in dem ich jemals war!"
"Und genau deshalb sind wir hier," antwortete Shego. "Ich kenne euch und eure Konzentrationsspannen. Wenn wir in einem weniger trostlosen Raum wären, würdet ihr euch mit anderen Dingen beschäftigen oder einfach nur aus dem Fenster sehen. Ich müsste jeden Satz dreimal wiederholen, damit ihn auch jeder mitbekommt. Aber ich werde mich demnächst um die Lampe kümmern. Geht's wieder, Dr D?"
"Schiele ich?" fragte Drakken.
"Bitte was?"
"Schiele ich? Ich glaube, ich schiele."
"Wie kommst du denn darauf?"
"Ich weiss auch nicht. Ich bin mir sicher, dass ich schiele."
"Du schielst aber nicht. Fang jetzt bitte mit deiner Präsentation an."

"In Wirklichkeit schielte er wie ein betrunkener Ochse."

"Gut, dann lege ich mal los," sagte Drakken selbstbewusst. "Also..."
Shego unterbrach ihn noch einmal: "Aber bitte kurz fassen!"
Der Doktor schnaufte einmal gekränkt und fuhr danach fort.
"Die haben ein Gerät entwickelt, mit dem man elektrische Geräte aus großer Entfernung ausschalten kann."
"Sie meinen eine Fernbedienung?" fragte der blonde Junior.
Drakken sah den Zwischenrufer so böse an, dass er zu schielen aufhörte.
"Nein, keine Fernbedienung", sagte er zähneknirschend. "Etwas mächtigeres."
"So eine Universalfernbedienung, mit der man gleichzeitig den Fernseher, die Stereoanlage..."
"Nein! Auch keine Universalfernbedienung!"
"Schade. So eine brauche ich nämlich. Beim Umzug sind mir irgendwie alle Fernbedienungen abhanden gekommen."
"Wovon ich rede, ist eine Strahlenwaffe, die einen Impuls aussendet, der elektronische Geräte unbrauchbar macht. Sie wurde entwickelt um zum Beispiel Autoverfolgungen zu beenden. Die Polizei gibt einen Schuss auf das Auto des Flüchtigen ab und plötzlich funktioniert es nicht mehr. Aber natürlich fallen mir da noch ein paar weitere Anwendungsmöglichkeiten ein. So könnte man den Strahl verstärken um ganze Straßenzüge oder sogar Städte lahmzulegen. Wir könnten den Strahler sogar auf einem Satelliten montieren und so von unserem Wohnzimmer aus, ganz gezielt auf der ganzen Welt für Chaos sorgen und Regierungen damit erpressen."
"Haben wir denn einen Satelliten?" fragte Tyler.
"Keine Sorge, ich kann einen bauen," antwortete Drakken.
"Und Motor Ed kann doch auch bestimmt eine Rakete bauen, um ihn ins All zu befördern," sagte Quint mit einem subtilen Leuchten in den Augen.
Ed zwinkerte ihr zu.
"Darauf kannst du wetten, echt jetzt. Ich wollte schon immer etwas bauen, das bis ins All fliegt. Ich meine absichtlich. Da oben fliegen schon ein paar Dinge von mir herum. Waren aber alles Unfälle. Echt jetzt."
"Gut, das wir das soweit klären konnten," sagte Shego, "aber wir überspringen da ein paar Schritte. Als erstes mal sollten wir den Diebstahl planen."
Drakken verteilte Mappen an die anderen Menschen am Tisch.
"Ich habe hier schonmal einen Grundriss besorgt und war ausserdem so frei, mich über die Sicherheitsvorkehrungen zu informieren."
"Ich sehe da sehr hohe Mauern," sagte Esther beim durchblättern der Mappe. "Ich wollte schon seit längerem mal einen Menschen mit einem Frosch kreuzen, um ihm so eine enorme Sprungkraft zu verleihen. Dann braucht er nicht mehr an Mauern hochzuklettern."
Shego zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
"Das klingt unglaublich dämlich. Aber auf der anderen Seite, wenn wir es nicht ausprobieren, wissen wir ja nicht ob es funktioniert. Such dir ruhig mal einen Freiwilligen." Mit einem zufriedenen Lächeln sah sich die Chefin im Raum um. "Wenn ich nicht so ein unsentimentaler Mensch wäre, würde ich mir jetzt glatt eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Ich bin so stolz auf die plötzlich angestiegene Arbeitsmoral. Allerdings werdet ihr dafür bezahlt und ich frage mich ganz ernsthaft, warum ihr euch nicht gleich so ins Zeug gelegt habt. Also, legt euch weiter ins Zeug. Ich erwarte Montag morgen Ergebnisse. Und ja, das bedeutet dass ihr das Wochenende durcharbeiten müsst, aber erstens weiss ich, dass ihr ohnehin kein Privatleben habt, zweitens könnt ihr euch eine Woche frei nehmen, sobald diese Operation beendet ist. Also los, hopp, hopp, hopp, Bewegung, an die Arbeit!"

"Zu meiner eigenen Überraschung war die Planungsphase schon am nächsten Montagmorgen soweit abgeschlossen, dass wir am Abend schon zum Einbruch übergehen konnten. Eigentlich hätte ich es wie immer im Alleingang geschafft, aber ich nutzte nicht nur den Vorteil, dass ich über eigene Handlanger verfügte, sondern nutzte die Gelegenheit auch um Bonnies und Senor Juniors Fähigkeiten zu testen."

Mitten im Nirgendwo, umgeben von nichts weiter als endlos scheinender Wüste, stand ein kleines Häuschen. Das alleine wäre schon interessant anzusehen, aber dass die Mauer die es umgab dreimal so hoch war wie das Gebäude selber und ein halbes Dutzend schwer bewaffneter Wachleute dort herum patrouillierten, machte das kleine Häuschen zu einem wirklichen Blickfang.
Geschützt von der Schwärze der Nacht, landeten Shego und ihre Helfer mit Fallschirmen hinter einer Sanddüne.
"Alle vollzählig und unverletzt?" fragte sie.
"Ich wäre fast auf einem Kaktus gelandet," sagte Junior. "Da haben nur ein paar Zentimeter gefehlt. Aber abgesehen davon geht es mir gut."
Shego betrachtete ihr Ziel durch ein Fernglas.
"Alles ist normal. Sie scheinen uns nicht bemerkt zu haben."
Bonnie setzte sich mit ihrem eigenen Fernglas neben ihre Chefin.
"Ich zähle sechs Wachen ausserhalb der Mauer. Genau wie es beschrieben war."
"Gut, dann würde ich mal sagen, dass wir jetzt anfangen." Shego zog etwas, das wie eine übergroße Leuchtpistole aussah hervor. "Sind alle bereit?" Ihre Mitarbeiter nickten. "Dann mal los."
Sie zielte in Richtung der Mauer und schoss mit einem dumpfen "Plop" eine schwarz lackierte Kugel dorthin. Noch bevor einer der Wachmänner diese überhaupt bemerkte, öffnete sie sich, drei kurze, grüne Blitze erleuchteten und die Wachen fielen tief schlafend zu Boden.
"High Tech hat durchaus seine Vorteile," sagte Shego, während sie einen der bewusstlosen Wachmänner mit dem Fuß anschubste, "aber diese Methode macht nichtmal ansatzweise soviel Spaß, wie altmodische Faustarbeit. Egal. Wer von euch war nochmal der Froschmann?"
Ein Handlanger hob die Hand.
"Hier ich!"
"Du hast alles dabei was du brauchst?"
"Ja, Boss."
"Und diese...Sache mit den Froschgenen hat tatsächlich funktioniert?"
"Äh, ja, Boss."
"Ich meine ja nur, weil du immer noch so normal aussiehst. Ist wirklich alles in Ordnung?"
"Alles in Ordnung."
"Du hast noch nichtmal Hunger auf Insekten?"
"Igitt, nein!"
"Esther hat wohl an ihren Rezepten gefeilt. Dann zeig mal was du kannst."
"Ja, Boss."
"Und nenn mich nicht Boss. Das klingt irgendwie lächerlich."
"Ist gut."
Der Handlanger ging tief in die Hocke, sprang mit nur einem Satz auf die hohe Mauer und von dort auf die Innenseite des Grundstücks.
Bonnie sah nervös auf ihre Armbanduhr.
"Was machen wir jetzt bis er wieder hier ist?"
"Wir stehen hier und warten."

"Und so standen wir dort und warteten darauf, dass der Handlanger unbemerkt in einen Geheimtunnel eindrang, den man nur von innen öffnen konnte und uns dort hinein ließ."

"Ich hätte das auch gekonnt," sagte Bonnie mit einem beleidigten Unterton und kuschelte sich an ihren Ehemann.
"Was meinst du, mein Herzchen?"
"Über die Mauer und in den Tunnel. Ich weiss, ich bin soweit."
"Beschwert sich da etwa jemand über meine Entscheidung?" fragte Shego.
"Nun, ich würde es nicht beschweren nennen, aber..."
"Glaube mir, Bonnie, unter normalen Umständen hätte ich dich tatsächlich mit dieser Aufgabe betreut."
"Aber?"
"Das hätte bedeutet, man hätte dir die Gene verquirlen müssen, damit du wie ein Frosch springst und um ehrlich zu sein, ich betrachte dich als zu wertvoll, um dich solch experimentellen Verfahren auszusetzen. Wenn ich schon jemanden in einen Frosch verwandeln lasse, dann doch wohl eher einen leicht zu ersetzenden, namen- und gesichtslosen Handlanger. Was seht ihr mich so entsetzt an? Ihr habt doch alle eure Verträge gelesen! Ihr solltet wissen, dass ich mit euch machen kann, was ich will."
Mit einem dumpfen "Wusch" öffnete sich eine Falltür im Wüstenboden, nur wenige Meter von der Gruppe entfernt. Der fröschelnde Handlanger steckte vorsichtig seinen Kopf hindurch und winkte den Rest der Truppe zu sich hinüber.
"Gab es Probleme?" fragte seine Chefin.
"Nein, alles in Ordnung. Die paar Wachmänner konnte ich ausschalten."
"Gut, dann folgt mir."
Gemeinsam liefen die Schurken durch den langen, nur minimal beleuchteten Untergrundtunnel, vorbei an zwei betäubten Wachmännern. Es dauerte nicht lange und sie gelangten an ihr Ziel. Das Einzige, was jetzt noch zwischen ihnen und dem zu stehlenden Objekt lag, war eine schwere Stahltür.
Kein Problem für Shego. Während sie mit ihren bloßen Händen - und natürlich ihren Superkräften - ein Loch in den Stahl schnitt, machten sich die Wachleute auf der anderen Seite der Tür Kampfbereit. Sie hatten keine Ahnung was da genau auf sie zu kam, aber sie wollten ihre Arbeit genau so gewissenhaft erledigen, wie der unbekannte Eindringling.
Als das Loch schließlich vollständig war, wusste kaum einer der Anwesenden, was zu tun war. Die Wachleute standen überrascht da und zielten mit ihren Waffen auf die größtenteils sehr nervös wirkende und auf Anweisungen wartende Gaunerbande. Zum Glück hatte dessen Anführerin schon Routine in diesem Geschäft.
"Hallo? Angriff!" sagte Shego, sprang durch das Loch in der Tür und entwaffnete gleich zwei Wachleute.
Der Rest ihrer Gefolgschaft tat es ihr sofort gleich. Zumindest versuchten es die meisten, denn der Großteil des Wachpersonals wurde zwischen Shego und Bonnie aufgeteilt.

"Sie war wirklich gut in dem, was sie tat. Natürlich waren all die anderen, gut ausgebildeten Handlanger ebenfalls nicht schlecht, aber Bonnie war einfach zu effizient. Noch bevor alle im Raum waren, hatte sie sich schon all die Wachleute vorgeknöpft, zu denen ich noch nicht gekommen war."

Während die Handlanger die überwältigten Wachmänner einkreisten und in Schach hielten, nickte Shego Bonnie zustimmend zu und applaudierte ihr.
"Und du hast tatsächlich noch nie als Schurkin gearbeitet? Du bist hervorragend!"
"Tja, ich bin wohl ein Naturtalent."
Junior umarmte seine Frau und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
"Ich bin so stolz auf dich."
"Danke, mein Liebster."
Angewidert widmete sich Shego wieder dem Geschäftlichen.
"Okay, genug Zucker für Heute. Stehlen wir dieses Dingens und dann nichts wie weg von hier." Sie zeigte auf die große Strahlenkanone in der Mitte des Raumes. "Los, alle mit anpacken. Und damit meine ich alle, ausser mir."