Kapitel 5

Die Wahrheit über Hausmeister (Team Go Begins, Teil 5)

Als Shego, Hego und Mego damals Dennis‘ Zimmer verließen, sahen sie sofort darauf einem sehr großen, aber auch ziemlich übergewichtigen Mann in die Augen. Starr vor Schreck wussten die Geschwister nicht, was sie jetzt tun sollten. Sie wussten nicht ob und was der Mann gesehen hatte. Geschweige denn, wer er überhaupt war.
Hego hob langsam seine Hand und sagte zögernd: „Ähm, wir...“
Der Mann sagte leise: „Sei ruhig, oder willst du, dass er dich hört? Kommt mit, bevor noch mehr Leute mitbekommen, was ihr gerade getan habt.“

„Rückblickend betrachtet war es natürlich mehr als dumm, mitten in der Nacht mit diesem völlig Fremden mitzugehen, wir taten es aber trotzdem. Zum Glück. Naja. Teilweise.“

Der Mann führte Shego und ihre Brüder tief in die Kellergewölbe des Waisenhauses.
Hego tippte Mego auf die Schulter.
„Hey, Mego, ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.“
„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du ihm hinterhergegangen bist und wir dir gefolgt sind.“
„Willst du mir jetzt die Schuld geben?“
„Hey, seid ruhig“, mischte sich Shego in den aufkeimenden Streit ihrer Brüder ein. „Was soll schon passieren? Wenn er Hunger auf Kinderbraten hat und uns in den Backofen schieben will, setzen wir einfach unsere Kräfte ein und verschwinden.“
„Und wenn er uns in einen Kryptonitkäfig steckt?“ merkte Hego an.
„Was für ein Tonit?“
„Kryptonit. Du weißt schon, Shego. Superman und so.“
„Nein, weiss ich nicht.“
„Natürlich, du kennst dich mit Kernspaltung aus, weißt aber nichts von den wichtigen Dingen des Lebens“ spottete Mego.
„Kryptonit schwächt Superman und neutralisiert seine Kräfte.“
„Ich werde es mir merken, wenn ich das nächste Mal vorhabe, gegen Superman zu kämpfen, danke.“
„Ich meine ja nur, vielleicht kennt er einen Weg, um uns unsere Kräfte zu nehmen.“
Plötzlich blieb der Mann stehen und rief: „Halt!“
Die Geschwister blieben stehen und sahen sich um. Um sie herum waren dutzende Rohre. Einige tropften, einige zischten und dampften. Es war dunkel. Eine flackernde Glühbirne war die scheinbar einzige Lichtquelle in diesem Teil des Kellers.
Hego beugte sich zu seinen Geschwistern runter und flüsterte: „Okay, wir sehen mal, was er vorhat, doch auf mein Signal rennen wir los, okay?“
Shego und Mego nickten. Der Mann stellte sich vor ihnen auf und verschränkte die Arme.
„So, ihr leuchtet also im dunkeln und jagt kleinen Schlägern gerne Angst ein, habe ich recht? Das finde ich gut. Was haltet ihr davon, das professionell zu machen?“
Über den Köpfen der Geschwister schwebte ein riesiges, unsichtbares Fragezeichen.
Der Mann fuhr fort: „Ihr scheint das nicht getan zu haben, weil ihr selber kleine Schläger seid. Nein, dann hättet ihr euch einen Schwächeren ausgesucht. War es wegen der Schnuller?“
„Woher wissen sie von den Schnullern?“
„Es war also wegen der Schnuller. Gerechtigkeitssinn oder Rache?“
„Äääh...“
„Wirkte auf mich, wie eine Mischung aus beiden. Das ist gut. Aber ihr solltet lernen, eure Rachegefühle zu vergessen. Das kann ich euch alles beibringen. Das...und noch mehr.“
Er klatschte zweimal in die Hände und ein strahlend helles Licht ging an. Jetzt, bei diesen Lichtverhältnissen, sah der Keller auch nicht mehr so ungemütlich aus. Er erinnerte mehr an ein riesiges Fitnessstudio.
Mego ging einen Schritt nach vorne.
„Entschuldigen sie, wenn ich Frage, aber...hä?“
Der Mann lächelte.
„Nun, ich suche seit Jahren nach jemandem wie euch.“
„Waisenkindern?“ fragte Hego.
„Superhelden“, antwortete der Mann. „Genauer gesagt, Menschen, mit übernatürlichen Kräften und einem Sinn für Gerechtigkeit, die aber noch nicht wirklich wissen, was sie damit anstellen sollen. Versteht mich nicht falsch, diese Geisternummer war echt klasse. Verflucht, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, wäre ich jetzt damit beschäftigt, meine Unterwäsche zu wechseln, aber ihr könnt nicht für den Rest eures Lebens aus den Schränken irgendwelcher böser Kinder springen.“
Shego hob ihre Hand.
„Darf ich vielleicht nochmal einige Fragen stellen? Woher wissen sie von all dem? Den Schnullern, unseren Kräften und dem, was wir mit Dennis gemacht haben. Ausserdem, was vielleicht noch viel wichtiger ist, wer sind sie eigentlich?“
„Mein Name ist Vince. Vince Bigelow. Ich bin der Hausmeister, dieses Waisenhauses. Und ich sehe so einiges.“

Julian unterbrach Shego in ihrer Erzählung.
„Hey, wir hatten eine Abmachung! Sie sollten uns die Wahrheit erzählen.“
„Wo liegt das Problem?“ zischte sie zurück.
„Das Problem ist, dass sie uns jetzt das ausgelatschte Klischee des geheimnisvollen Hausmeisters auftischen, der zwar einerseits so unscheinbar ist, dass man ihn gerne übersieht, aber andererseits über alles und jeden Bescheid weiss und zu allem Überfluss auch noch der Lehrmeister der Helden ist.“
Shego lächelte und antwortete: „Ja, ganz recht. Das ist ein Klischee. Klischees entstehen aber dadurch, dass man sie häufig benutzt und was glaubst du wohl, warum es so viele Filme, Serien, Comics und Bücher gibt, die genau dieses Klischee bedienen? Weil es wahr ist!“
Washington zuckte mit den Schultern: „Klingt logisch für mich.
Julian schüttelte seinen Kopf: „Für mich nicht. Wie sieht es dann mit Vampiren aus? Den eitlen Grafen, in dunkle Capes gehüllt, die in alten Burgen leben, die vorzugsweise am Rande irgendwelcher Bauerndörfer stehen? Ist dieses Klischee auch wahr?“
„Ich hatte in meinem Leben noch nie das zweifelhafte Vergnügen einen Vampir zu treffen, deshalb weiss ich auch leider nicht, wie sie so leben. Ich weiss noch nichtmal ob es welche gibt. Wenn man so darüber nachdenkt, klingt es nicht gerade sehr wahrscheinlich, oder? Doch wisst ihr was? Ich habe mal einen pandimensionalen Vortex-Induktor gesehen. Ebenso eine ausgezeichnet funktionierende Gehirntauschmaschine, einen guten Film von Joel Schumacher, sowie ein paar Kinder, die von einem Meteoriten getroffen wurden, dies nicht nur überlebt haben, sondern auch noch gleich mit völlig unwahrscheinlichen Kräften ausgestattet wurden. Und ich kenne einen geheimnisvollen Hausmeister. Darf ich jetzt mit meiner Lebensgeschichte fortfahren?“
Julian räusperte etwas beschämt und nickte dabei. Washington hingegen hatte plötzlich Angst vor Vampiren.

Vince ging vor den Geschwistern wie ein General auf und ab.
„Also, das ist mein Plan mit euch. Ich werde euch alles lehren, was ich weiss...“
„Ich bin nicht wirklich scharf darauf zu erfahren, wie man verstopfte Toiletten sauber bekommt“, unterbrach ihn Shego, in ihrer gewohnt charmanten Art.
Vince blieb stehen und sah Shego an.
„Verstehe, weil ich Hausmeister bin, reinige ich nur Toiletten. Dann möchte ich dir jetzt etwas zeigen.“
„Ich hoffe, sie lassen sich nicht auf mich drauf fallen?“
„Oh, Witze über mein Übergewicht, sehr originell. Doch anstatt darauf zu antworten, lasse ich lieber Taten folgen.“
Ohne große Verzögerung machte Vince einen weiten Salto rückwärts, stieß sich bei der Landung mit seinen Füßen an einer Wand ab und sprang zur nächsten. Auch von dort stieß er sich mit seinen Füßen ab und sprang über die Köpfe von Shego, Hego und Mego hinweg, wobei er leicht wie eine Feder wirkte. Er landete direkt vor einem Sandsack, den er mit einigen blitzschnellen Karateschlägen und Tritten malträtierte. Sein letzter Schlag war derart kräftig, dass die Kette, die den Sandsack an der Decke festhielt, riss und er quer durch den Keller flog. Er landete auf einem Tisch, auf dem aus irgendwelchen Gründen ein Messerblock stand. Die sich darin befindenden Messer flogen im hohen Bogen auf Vince zu, doch er fing alle 12, ohne auch nur einen kleinen Schnitt davonzutragen, mit bloßen Händen auf.
Mit der Geschwindigkeit eines Tornados drehte er sich dann wieder zu den Geschwistern, warf die Messer in ihre Richtung, knapp an ihnen vorbei, schnappte sich eine Sofortbildkamera, die neben ihm auf einem Tisch lag und machte ein Foto von ihnen und ihren staunenden Gesichtern.
„Also“, sagte Vince, „ihr seht so aus, als ob ihr für die nächsten Sekunden sprachlos seid, deshalb fange ich nochmal an. Mein Plan ist, dass ich euch alles beibringe, was ich weiss. Ich werde euch in allen Kampfsportarten trainieren, die ich kenne, doch ich werde euch nicht nur die Handgriffe, sondern auch deren Philosophie lehren. Als Gegenleistung verlange ich von euch, dass ihr, natürlich erst wenn ich glaube, dass ihr soweit seid, nach draussen geht und sowohl mit dem Wissen, dass ich euch vermittelt habe, als auch mit euren eigenen Superkräften, diese Stadt von jeder Art von Verbrechen befreit. Wenn ihr zusagt, beginnt das Training gleich morgen. Wenn nicht, habt ihr nichts zu befürchten. Euer Geheimnis wird auch mein Geheimnis sein und ich werde euch nie wieder belästigen. Also, was meint ihr?“

„Wir mussten uns erstmal beraten und darüber schlafen, obwohl das eigentlich völlig unnötig war. Es war leicht zu erkennen, dass Hego und Mego ihre Wahl schon getroffen hatten.“

„Also, was meint ihr?“ fragte Hego aufgeregt, kaum, dass sie wieder in ihrem Zimmer waren.
„Ich halte es für eine gute Sache“, sagte Mego.
Shego sah nach den Zwillingen, die glücklicherweise noch immer friedlich schliefen, und setzte sich dann auf ihr Bett.
„Ich bin mir nicht sicher,“ sagte sie. „Haltet ihr es für klug, einem Menschen, über den wir nicht das Geringste wissen, der aber dafür erstaunlich viel über uns weiss, einfach so zu vertrauen?“
Ihre Brüder zuckten nur mit den Schultern und antworteten gleichzeitig: „Aber hast du gesehen, wie hoch er springen kann?“
„Das kann ein Frosch auch und trotzdem gehe ich nicht zu Kermit in die Lehre.“
Hego setzte sich neben seine Schwester aufs Bett.
„Shego, ich weiss, wie du zu dieser Superheldensache stehst und ich kann auch verstehen, dass du glaubst, wir wären nicht fähig so etwas zu tun, aber jetzt hätten wir jemanden, der uns alles beibringt. So tragisch die Umstände auch waren, durch die wir unsere Kräfte bekommen haben, meinst du nicht auch, dass wir sie dazu nutzen sollten, um Gutes zu tun? Schon alleine unserer Eltern wegen?“
Shego atmete einmal tief ein.
„Ich gebe zu, ich würde sehr gerne das können, was er auch kann.“ Sie gab ihrem Bruder die Hand. „Gut, ich bin dabei, aber wir gehen auf sein Angebot erst dann ein, wenn er uns verspricht, dass wir jederzeit das Training abbrechen können.“
„Superheldentraining ist doch kein Zeitschriftenabo, aber gut, einverstanden.“
„Ich halte es noch immer für eine dumme Idee.“
Hego lächelte. Shego lächelte zurück. Ihres war aber zurückhaltender, als das ihres Bruders.
„Okay, dann sind wir also ab morgen Superhelden“, sagte Mego, woraufhin Hego aufstand, wie Superman persönlich seine Hände in die Hüften stemmte und voller Stolz sagte: „Ganz recht. Superhelden.“
„Azubis“, fügte Shego leise hinzu, legte sich hin und schloss die Augen.

Die alte Shego trommelte nervös mit ihren Fingerspitzen auf die linke Armlehne ihres Rollstuhls.
„Diese ganze Superheldensache war mir nicht wirklich geheuer. Es kam viel zu plötzlich. Ich wollte ja eigentlich nichts anderes, als in ruhe mein Leben zu leben. Zuhause, bei meinen Eltern, ohne Superkräfte. Dann wurden meine Eltern weg gebombt, meine Hände leuchteten und ein Hausmeister machte mich zur Kampfsportexpertin. Am nächsten Tag ging es los.“