"Das war ohne Zweifel ein herber Rückschlag, aber ihr kennt mich. So leicht gebe ich nicht auf. Schon am nächsten Morgen rief ich alle zu einer Sonderkonferenz zusammen, um die Ereignisse der letzten Nacht zu besprechen."
Wütend lief Shego um den Konferenztisch herum.
"Was bitte sehr ist da schiefgelaufen!? Könnt mir das einer von euch erklären!? Wir planen alles genau durch und dann kommt plötzlich irgend so ein dummes Stück Weltraumschrott oder was weiss ich was das war vorbei und das war's!?"
Die am Tisch Sitzenden sanken immer tiefer in ihre Stühle. Sogar Quint und Tyler, die vielleicht einzigen Menschen auf der Welt, die niemals damit rechnen mussten Shegos Zorn zu spüren, wurden immer nervöser.
"Kann mir irgendjemand der hier Anwesenden eine Erklärung für das liefern, was da gestern passiert ist!? Ich meine, es muss doch eine Erklärung geben!"
Drakken hob zögerlich seine Hand.
"Ähm..." konnte er noch leise sagen, bevor Shego ihn unterbrach.
"Ein gut gemeinter Rat! Wenn du dir nicht 100% sicher bist, das mir deine Erklärung gefallen wird, sag lieber gar nichts."
"Bin schon ruhig," sagte Dr Drakken leise und zog die Hand wieder ein.
Shego sah in die nervösen Gesichter ihrer Mitarbeiter und Untergebenen.
"Ich könnte jetzt noch viel länger hier stehen und euch alle anschreien, aber das wäre nur Zeitverschwendung. Stattdessen werde ich euch in ein paar Sekunden nur laut ins Gesicht schreien, dass ihr gefälligst zurück an die Arbeit gehen sollt, da ich von jedem von euch bis Ende der Woche mindestens einen brauchbaren Plan erwarte. Also...geht gefälligst zurück an die Arbeit!!"
Wie von der Tarantel gestochen sprangen alle von ihren Stühlen auf und versuchten möglichst als Erster die Tür zu erreichen. Die Drängelei, die dabei entstand, war für Shego einerseits ziemlich amüsant anzusehen, andererseits machte sie sie aber auch noch wütender. Zum Glück konnte die letzte Person aber rechtzeitig den Raum verlassen, bevor Shego beschloss einzugreifen.
"Ich weiss nicht genau woran es lag, ob ich sie vielleicht zu nervös machte oder ob sie schon ihre ganze Motivation und kreative Energie für den letzten Plan verbraucht hatten, aber ab diesem Zeitpunkt schien das gewisse Etwas zu fehlen."
Aufs äußerste verärgert schleuderte Shego nacheinander die Projektmappen, mit den Vorschlägen ihrer Denkfabrik über den Konferenztisch.
"Erdbebensimulatoren? Riesenroboter? Massenhypnose über das Fernsehsignal? Riesenroboter? Stromausfälle? Was übrigens so ziemlich der selbe Plan war, den wir letzte Woche hatten, wie ich nebenbei anmerken möchte. Riesenroboter? Das Internet zum Absturz bringen? Und natürlich mein Favorit: Riesenroboter! Ich meine...soll das ein Scherz sein?"
"Riesenroboter sind nunmal cool. Echt jetzt."
"Halt die Klappe. Was ist los mit euch? Ihr kommt mit diesen albernen Plänen an und erwartet, dass...um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung was ihr erwartet! Wisst ihr was? Geht mir einfach aus den Augen."
Aus Angst sie durch irgendwelche Geräusche noch weiter zu verärgern, verließen die weiteren Anwesenden so leise wie möglich den Raum, während Shego auf ihrem Stuhl sitzen blieb und nachdenklich an die Decke sah.
Es dauerte eine Minute, bis sie bemerkte, dass jemand hinter ihr stand.
"Was ist!?" zischte sie die Person an, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Zögerlich ging Drakken einen Schritt auf Shego zu.
"Ähm...ich weiss, du magst es alles andere als gerne, wenn dir jemand Ratschläge erteilt, aber du solltest in diesem Geschäft nicht unbedingt alles ablehnen, was dir im ersten Moment lächerlich erscheint. Du versuchst die Welt zu erobern, was schon an sich ein ziemlich lächerliches Vorhaben ist. Und das kommt von jemandem, der fast sein ganzes Leben diesem Vorhaben gewidmet hat. Also hast du jetzt in meinen Augen zwei Möglichkeiten. Du suchst dir den Plan aus, der dir am wenigsten lächerlich erscheint und versuchst ihn erfolgreich in die Tat umzusetzen...oder du lässt es einfach bleiben und schmollst weiter vor dich hin, ohne es überhaupt versucht zu haben." Schlagartig zog die Sprechgeschwindigkeit des Doktors an. "Naja, das wollte ich nur einmal anmerken, bitte tu mir nicht weh, ich bin schon weg," nuschelte er schnell vor sich hin und machte sich aus dem Staub.
Shego tat einen tiefen Seufzer und warf einen Blick auf den Tisch vor sich. Die Projektmappen lagen quer darüber verstreut. Langsam tippte sie mit dem Zeigefinger auf die, die am nächsten von ihr lag, zog sie langsam zu sich heran und las leise den Titel vor.
"Massenhypnose über das Fernsehsignal."
Sie überflog die einzelnen Seiten der Mappe halbherzig und schenkte keiner von ihr mehr als eine Sekunde Aufmerksamkeit.
"Massenhypnose über das Fernsehsignal," wiederholte sie, nur um die Worte zum dritten mal zu sagen: "Massenhypnose über das Fernsehsignal."
Schließlich stand sie von ihrem Stuhl auf und wollte den Raum verlassen. Doch kurz vor der Tür bleib sie stehen und drehte sich wieder zum Tisch um.
"Naja, wer sieht denn nicht hin und wieder mal fern?" fragte sie in den leeren Raum hinein, ging zurück zum Tisch, stapelte alle darauf liegenden Mappen übereinander und verließ damit den Raum.
"Und ein paar Wochen später standen wir kurz davor, das ganze Land zu hypnotisieren."
Irgendwo tief unten im Grand Canyon, genauer gesagt, sogar unter dem Grand Canyon, waren Shegos Computerfuzzies eifrig damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen abzuschließen. Die Chefin selber ging aufgeregt wie ein Raubtier im Käfig auf und ab.
"Könnt ihr nicht schneller machen!?" rief sie.
"Nicht wenn es richtig gemacht werden soll!" antwortete eine Stimme aus der Fuzzie-ansammlung.
"Wenn er nicht recht gehabt hätte, hätte ich ihm beigebracht, nicht so mit mir zu sprechen. Mir wurde langsam klar, wie Drakken sich immer gefühlt haben musste."
Tyler tippte seiner Mutter auf die Schulter.
"Hey Mama, woher stammt dieses Versteck eigentlich? Dem Dreck und den Spinnweben nach zu urteilen, scheint das hier schon eine ganze Weile unter dem Grand Canyon zu sein."
"Das war mal ein altes Versteck von Drakken. Hat er aber nur einmal benutzt. Weisst du, die ganze Welt ist voll von nicht genutzten Geheimverstecken, der verschiedensten, erfolglosen verrückten Wissenschaftler und Welteroberer. Viele von ihnen sogar noch in ziemlich gutem Zustand. Okay, die meisten sind Ruinen, weil solche Verstecke immer anfällig für Explosionen sind, aber wenn man weiss wo noch ein nicht Explodiertes zu finden ist, kann man so sehr viel Geld sparen. Abgesehen von der Sache mit den Explosionen sind sie für die Ewigkeit gemacht. Aber apropos Explosionen," sie drehte sich um und zeigte mit dem Finger auf Vinnie, Junior und Big Mike, die sich an der gegenüberliegenden Seite des Raumes aufhielten, "fasst hier bloß nichts an! Sonst gehen wir alle drauf!"
Junior erstarrte vor Schreck für einen Moment und brachte seinen Zeigefinger ganz langsam ausser Reichweite des roten Knopfs, den er gerade aus purer Neugier drücken wollte.
"Entschuldigung, wir wären dann soweit!" rief ein Mitarbeiter Shego zu.
Ein Seufzer der Erleichterung entglitt ihr.
"Na endlich!" Sie klatschte ein paar mal laut in die Hände. "Na los, kommt alle zusammen, jetzt wird Geschichte gemacht!" Aus allen Ecken des Verstecks liefen die Schurken zusammen und versammelten sich um das, mit dutzenden, in allen Farben blinkenden Lichtern übersähte Terminal. "Also, was muss ich machen um das Hypnosesignal zu starten?"
Ein Computerfuzzie tippte einige Kommandozeilen in einen Computer ein und sagte anschließend: "Jetzt irgendeine Taste drücken."
Der Einfachheit halber drückte Shego einfach auf "Enter".
"Wie? Kein Countdown? Keine weiteren, großen Gesten?" fragte Quint. "Ich dachte, wir machen hier Geschichte."
"Am Ende wird sowieso nur in den Geschichtsbüchern stehen, was passierte nachdem ich den Knopf gedrückt habe. Warum also Zeit mit so etwas albernem wie einem Countdown verschwenden?"
Drakken schüttelte enttäuscht seinen Kopf.
"Ach Shego, manchmal musst du noch so viel über die Traditionen der Superschurken lernen."
"Ich kenne die Traditionen, aber ich versuche bewusst mit ihnen zu brechen."
Tyler unterbrach die Diskussion, bevor sie richtig starten konnte.
"Funktioniert es?"
"Die Traditionen zu brechen?"
"Nein, die Hypnose."
"Das ist eine sehr gute Frage." Sie stieß einen Computerfuzzie mit dem Ellenbogen an. "Funktioniert es?"
"Den Anzeigen nach, ja."
Shego kratzte sich kurz am Kinn und beschloss schließlich, sich nicht nur auf Anzeigenwerte zu verlassen.
"Hey, ihr drei, schaltet mal die Nachrichten ein. Vielleicht reden sie ja schon über uns."
Diesen eigentlich viel zu offensichtlichen Vorwand, um sie als Versuchskaninchen zu benutzen glaubend, gingen Vinnie, Junior und Big Mike zu einem Fernseher, der verstaubt in der Ecke stand.
"Und dass mir niemand von euch direkt auf den Bildschirm schaut," flüsterte Shego zu den weiteren Komplizen um sie herum.
Vinnie schaltete den Fernseher ein.
"Hey, er funktioniert noch!" verkündete Junior überrascht, bevor er und seine beiden Freunde in Trance erstarrten.
"Und die Hypnose scheint auch zu funktionieren," bemerkte Drakken.
"Nicht unbedingt. So sehen sie immer aus, wenn sie fernsehen. Ich teste sie mal."
Shego feuerte einen Strahl aus ihren Händen direkt neben die Füße des Trios. Sie zuckten noch nichtmal ansatzweise zusammen.
"Okay, so wie es aussieht, funktioniert die Hypnosegeschichte tatsächlich! Dann kommen wir jetzt zu Phase zwei des Plans." Plötzlich leuchtete eine kleine, aber dafür um so hellere, rote Warnleuchte auf. "Oh nein, was ist das denn jetzt?"
"Das ist der KP-Alarm. Scheinbar ist Kim Possible auf den Weg hierher."
"Wie hat sie uns gefunden? Solltet ihr das eigentlich nicht verhindern?"
"Immerhin haben wir sie rechtzeitig gewarnt," verteidigte sich der Computerfuzzie, doch Shego war schon damit beschäftigt, die Verteidigung zu koordinieren.
"Okay, alle Handlanger ausschwärmen! Seid Wachsam! Sie kommt nur selten durch die Vordertür herein! Tyler, Quint, ihr verschwindet von hier. Keine Diskussionen. "
"Es war natürlich nicht auszuschließen, dass wir am Ende alle im Gefängnis landen. Das wollte ich ihnen natürlich ersparen."
"Alle die nicht kämpfen können, raus hier! Mit Ausnahme der Computerfuzzies! Die müssen das Hypnosesignal am laufen halten! Und weckt gefälligst die drei Trottel auf und schafft sie auch hier raus!"
Für ungefähr eine halbe Minute war alles ziemlich hektisch. Kämpfer nahmen ihre Positionen ein, Nicht-Kämpfer liefen zu den Ausgängen. Doch dann wurde es schlagartig still. Shego und ihre Handlanger lagen auf der Lauer. Man hätte die berüchtigte Stecknadel fallen hören können. Stattdessen erklang aber nur ein ähnlich unspektakuläres Geräusch: Schritte. Zwei Personen näherten sich.
"Sollte es wirklich so einfach sein?" dachte Shego und signalisierte zwei Handlangern, dass sie sich links und rechts neben der Tür postieren und abwarten sollten, wer denn durch diese hindurch kommen würde.
Nach wenigen Sekunden öffnete sie sich mit einem lauten Knarren und Kim & Ron kamen zum Vorschein.
Kim begrüßte Shego mit einem freundlichen Winken und fragte: "Hey, wie geht's?"
"Keine Luftschächte heute?" erwiderte ihre Erzfeindin.
"Nein, das war Rons Idee."
"Ich dachte, du erwartest uns doch sowieso, also warum nicht gleich zur Haupttür hinein gehen? Es ist ja nicht so, das wir immer auf den Überraschungseffekt bauen mussten, um dich zu besiegen."
"Na dann kann ich ja auch gleich ohne Umschweife meine Handlanger auf euch hetzen."
"Kämpfst du nicht mehr selber?"
"Die Handlanger kosten mich viel Geld! Wäre doch schade, wenn sie einfach so in der Ecke verstauben würden."
Shego schnippte einmal mit den Fingern und schon stürzte sich jeder Handlanger in der näheren Umgebung auf Kim und Ron. Und obwohl der Kampf deutlich länger dauerte als es noch zu ihren Teenagerzeiten üblich war - vermutlich der besser ausgebildeten Handlanger wegen - gingen die beiden am Ende wie immer als Sieger hervor.
"Können wir jetzt endlich miteinander kämpfen?" fragte Kim frech.
"Natürlich. Zeig mal, was du in den letzten Jahren so dazugelernt hast."
Während die beiden Rivalinnen dem nachgingen, was sie fast immer taten, sobald beide im selben Raum waren, kümmerte sich Ron um die Computerfuzzies.
"Hi, ich bin Ron. Ron Stoppable," sagte er höflich. "Aber vermutlich habt ihr mich erkannt." Die Computerfuzzies, die sich schützend vor ihren Arbeitsplatz gestellt hatten, schüttelten die Köpfe. "Im Ernst nicht? Kommt schon! Ron Stoppable! Seit Jahrzehnten das Helferlein und bester Freund von Kim Possible, später ihr fester Freund und schließlich Verlobter und mittlerweile Ehemann?"
"Nö."
"Aber wir kennen Kim Possible!"
"Die ist echt cool!"
"Ach Menno, selbst heute weiss niemand wer ich bin? Ich habe am Ende sogar im Alleingang die Welt vor den Lorwardianern gerettet!" Weiteres Kopfschütteln. "Wie auch immer. Was passiert, wenn man auf diesen Knopf drückt?" fragte er, während er einen blau blinkenden Knopf drückte.
"Nichts," antwortete einer der Computerfuzzies.
"Oh, okay. Und wenn ich diese beiden hier gleichzeitig drücke?"
Das laute "Neeeeeeeeeeeein!!", gepaart mit einem lauten Knall und einem darauf folgendem, elektrischen Knistern, lenkte Shego zwar nur einen kurzen Moment ab, aber der war lang genug um Kim den entscheidenden Treffer zu lassen.
Während Shego im halb bewusstlosen Zustand den Boden entlang rutschte. Rannten die Computerfuzzies in heller Aufregung zur nächsten Tür hinaus.
Kim wollte gerade eine triumphierende Bemerkung loswerden, als Bonnie aus dem Schatten sprang und sie von hinten mit einem gezielten Tritt direkt neben Shego beförderte.
"Das tat gut," lachte Bonnie.
Während Ron aufgeregt schreiend zu seiner bewusstlosen Frau lief, schien Shego nicht wirklich erfreut über die Tat ihres Lehrlings.
Wütend sprang sie auf und schrie Bonnie ins Gesicht: "Was glaubst du eigentlich, was du da machst!?"
"Den Kampf gewinnen?"
"Darum habe ich dich aber nicht gebeten!"
"Natürlich nicht, denn du lagst ja K.O. auf dem Boden!"
"Das bedeutet aber nicht, dass du hier einfach meinen Job erledigen kannst!"
"Ich wollte einfach nur das tun, wofür ich die letzten Monate trainiert habe!"
"Darüber reden wir später!"
Während Kim langsam wieder wach wurde, verschwanden die zwei streitenden Frauen durch eine Geheimtür.