Am nächsten Tag wachte Shego erst kurz vor Mittag auf. Es hatte in der Nacht zuvor sehr lange gedauert, bis sie überhaupt eingeschlafen war, aber eigentlich lag sie nur solange im Bett, weil sie einfach keine Lust hatte es zu verlassen.
Nach einer weiteren Stunde, in der sie sich wach unter ihrer Decke versteckte, verlor auch das ihren Reiz und sie schleppte sich schweren Herzens unter die Dusche. Als sie sich anschließend beim täglichen Zahnpflegeritual im Spiegel betrachtete, fiel ihr zum ersten Mal der Grauschleier in den Haarsträhnen um ihre Schläfen herum auf.
"Na toll. Jetzt werde ich auch noch alt," dachte sie laut, spülte ihren Mund aus und schlurfte zurück ins Bett.
Am späten Nachmittag wagte sie es erneut ihre Augen zu öffnen. Langsam richtete sie sich auf und rutschte zur Bettkante. Mit einem müden Seufzen vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und rieb sich die Augen.
"Naja," dachte sie, "irgendwann muss ich ja aufstehen."
Dann legte sie sich wieder ins Bett, zog die Decke über den Kopf und murmelte: "Irgendwann."
Schon war es kurz vor Mitternacht und obwohl Shego wollte, konnte sie einfach nicht mehr im Bett liegen. Erneut quälte sie sich langsam dort hinaus. Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln, warf sich einen Morgenmantel über und schlich aus ihrem Quartier.
Um diese Uhrzeit waren die Gänge des Bergverstecks so gut wie ausgestorben. Man hörte aus vereinzelten Wohnquartieren und Büros Gespräche, Radios oder Fernseher, aber abgesehen von der Nachtschicht, die aus Handlangern, die in den Gängen patrouillierten und vereinzelten Computerfuzzies bestand, traf man nur selten jemanden an.
Diesmal schienen die Gänge sogar noch leerer als sonst. Niemand wollte Shego zufällig über den Weg laufen, wenn sie plötzlich um die Ecke kommen sollte. Aus diesem Grunde war ein Teil der Nachtschicht damit beschäftigt, die Bewegungen ihrer Anführerin zu überwachen und ihren Standort an sich in der Nähe befindende durchzugeben, um unliebsame Begegnungen zu vermeiden.
Shegos so zielloser wie unmotivierter Spaziergang durch die zahlreichen Gänge ihres Zuhauses und Arbeitsplatzes, führte sie schließlich in die Kabine eines Fahrstuhls, mit dem sie bis ins unterste Untergeschoss fuhr, nur um sofort darauf die lange Fahrt zur Spitze des Bergverstecks anzutreten. Von dort aus fuhr sie wieder bis ganz nach unten und direkt im Anschluss wieder nach oben. Das Spielchen wiederholte sie im Ganzen fünf mal, bis sie schließlich beschloss an der Aussichtsplattform im obersten Stockwerk auszusteigen.
Die Aussichtsplattform war ein großer Raum mit einem Parkettboden, in dem mehrere Sessel und Sofas standen, die allesamt auf ein großes Panoramafenster ausgerichtet waren. Ausserdem befanden sich darin noch ein Kamin und eine kleine Küchenecke, was die Aussichtsplattform bei jeder Tageszeit zu einem beliebten Aufenthaltsraum werden ließ, sofern man die entsprechende Zugangsberechtigung dafür besaß.
"Irgendwann hatte ich es satt, dass sich die Angestellten in ihren Pausen immer dort aufhielten und den Kühlschrank leer aßen, anstatt in ihrem Pausenraum zu bleiben. Also machte ich die Aussichtsplattform nur noch für den Führungsstab zugänglich. Minus Vinnie, Junior und Big Mike. Die drei waren schlimmer als alle Angestellten zusammen."
Shego schlich langsam zur Küchenecke und kramte alles hervor, was man für ein leckeres Sandwich brauchte. Obwohl ihr Magen sehr laut knurrte, ließ sie sich sehr viel Zeit bei der Erstellung ihres Snacks. Nicht nur weil sie auf sorgfältigste Art belegte Sandwiches liebte, sondern auch um Miranda und Tyler zu ärgern, die sich in einer sehr unbequemen Position hinter einer Couch versteckten, um nicht von Shego entdeckt zu werden.
"Ihr wollt also heiraten?" sagte sie schließlich nach einer quälend langen Sandwichzubereitung.
Tyler kroch langsam aus seinem Versteck hervor.
"Äh, ja. Wie lange weisst du schon, das wir hier sind?"
"Seitdem ich den Fahrstuhl verlassen hatte. Ihr habt vergessen die Kerzen auszupusten, obwohl ich das dann ja ohnehin gerochen hätte. Ausserdem klimpern die Piercings deiner Verlobten ganz schön laut."
"Einen schönen guten Abend wünsche ich ihnen. Und guten Appetit," sagte Miranda als sie Tyler folgte.
"Danke. Wer von euch hat wen gefragt?"
"Tyler hat um meine Hand angehalten."
Der Hauch eines Lächelns zeichnete sich auf Shegos Gesicht ab.
"Alter Charmeur, du. Zeig mir mal den Ring," sagte sie und biss in ihr Sandwich.
Mit einer schüchternen Röte im Gesicht, hob Miranda ihre linke Hand und präsentierte ihren Verlobungsring von der anderen Seite des Raumes aus. Ihre zukünftige Schwiegermutter seufzte etwas genervt und winkte sie näher an sich heran. Tyler nahm Mirandas Hand und ging mit ihr zur Küchenecke, wo Shego den Ring etwas näher begutachtete.
"Sieht teuer aus, aber nicht zu teuer. Wie immer beweist du guten Geschmack, Tyler." Sie warf einen langen Blick in die Gesichter des glücklichen Pärchens und fügte hinzu: "Ihr solltet ganz schnell von hier verschwinden. Das ist kein Ort für ein junges Pärchen. Sucht euch ein schönes Fleckchen Erde, ganz weit weg von hier und dann lebt ein sorgenfreies Leben. Es wäre schade, wenn ihr eure Flitterwochen im Gefängnis verbringen müsstet."
Sie stieß einen Seufzer aus, biss erneut in ihr Sandwich und ging zurück in den Fahrstuhl, um ihre ziellose Reise fortzusetzen. Aber kaum war sie mit dem Lift ganz unten angekommen, fuhr sie sofort wieder nach oben.
Als sich die Tür öffnete, steckte sie ihren Kopf hindurch und rief: "Hey! Tut mir leid, wenn ich euch die Stimmung vermiest habe! Das war nicht meine Absicht! Nur weil meine Laune im Keller ist, bedeutet das nicht, dass ihr euch genau so fühlen müsst! Aber mein Ratschlag, dass ihr euch ein Leben weit weg von dem hier aufbauen sollt, den meinte ich ernst!"
Sie zog den Kopf wieder ein, ließ die Fahrstuhltür sich schließen und fuhr wieder ins Untergeschoss.
Sie war noch nichtmal drei Stockwerke weiter unten angekommen, als sie plötzlich ein lautes Geräusch auf dem Fahrstuhldach aufschreckte. Es klang, als würde jemand von aussen versuchen die Notausstiegsluke zu öffnen, indem er immer und immer wieder dagegen trat.
Shego entflammte ihre Hände, drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand und rief: "Ähm, ziehen! Nicht drücken! Und schon gar nicht mit Gewalt!"
Die Klappe öffnete sich und ein verschwitzer und vor Angst zitternder Handlanger sprang in die Kabine und drückte sich in die am weitesten von Shego entfernte Ecke.
"Nicht schlagen! Bitte nicht! Ich bin harmlos!"
"Was bitte sehr soll das und ist da oben noch jemand!?"
"Nein, nein, da war nur ich."
Shego löschte ihre Hände.
"Besteht die Möglichkeit einer Erklärung?"
Entsetzt sah der Handlanger Shego an und überlegte ein paar Sekunden. Dann fing er zu erzählen an.
"Also...ich habe diesen Fahrstuhl bewacht. Dann kam der Funkspruch, dass sie vorhatten hier einzusteigen und weil wir die Order hatten uns bis auf weiteres von ihnen fernzuhalten, bin ich einfach aufs Fahrstuhldach geklettert."
"Warum denn das?"
"Wo sollte ich denn sonst hin? Und wer konnte denn schon ahnen, dass sie, anstatt ein paar Stockwerke weiter auszusteigen immer wieder rauf und runter fahren würden? Immer rauf und runter. Rauf und runter. Rauf! Bis ganz nach oben! Direkt unter die Decke! Und dann sind sie da einfach ausgestiegen! Haben den Fahrstuhl da stehen lassen und ich musste platt zusammengekauert dort warten! Als sie dann endlich wieder runter fuhren, ging es sofort wieder nach oben! Bei allem Respekt, wissen sie wie wenig Platz zwischen der Kabine und dem oberen Ende des Schachtes ist? Das ist nicht lustig, da oben drin zu stecken. Nicht lustig!"
"Von meiner Seite aus irgendwie schon."
Der Handlanger kauerte sich in der Ecke zusammen und murmelte: "Nicht lustig."
"Er erholte sich aber schnell. Glaube ich."
Im Untergeschoss ließ Shego den verstörten Mitarbeiter im Fahrstuhl zurück und ging zum Bahnhof ihrer privaten Untergrundbahn, von wo aus sie mit eben dieser bis zur nächsten Station, ihr altes Nachbarhaus fuhr. Dort sank ihre, durch die unerwartete Begegnung im Fahrstuhl leicht angehobene Stimmung aber wieder in die Tiefe. Auch wenn ihr Haus schon seit längerem nicht mehr bewohnbar war und nur noch als Werkstatt und Raketenabschussbasis fungierte, konnte sie nicht verhindern, dass sie sich an die Zeit erinnerte, die sie dort mit Tyler verbrachte. Die fast zwei Jahrzehnte, in denen sie ein einfaches, aber glückliches Leben mit ihrem eigentlich ungewollten, aber geliebten Sohn führte.
Ihr Blick fiel auf ein Fahrrad, genau da, wo früher ihre Wohnzimmercouch stand. Sie hatte keine Ahnung wem das Fahrrad gehörte oder warum es dort stand, aber sie beschloss damit eine spontane, nächtliche Tour durch North Southeastwestington zu unternehmen.
"Die Beschwerden über unsere Schurkenaktivitäten wurden tatsächlich so laut, dass Plan B in Kraft treten musste und wir allen Einwohnern, die mit dem was wir taten nicht einverstanden waren, ein hohes Schweigegeld zahlen und eine andere Bleibe, weit weg von North Southeastwestington suchen mussten. Ein paar vereinzelte Einwohner blieben trotzdem, aber mittlerweile glich der Ort eher einer Geisterstadt."
Wo auch immer sie hinfuhr, warteten Erinnerungen auf sie. Da war Dr. Stathams Praxis, der Kindergarten und die verschiedenen Schulen, die Tyler besuchte, das Rathaus, die Häuser der Einwohner, mit denen sie sich nach einer gewissen Eingewöhnungszeit so gut verstand, nur um dann jeden Kontakt mit ihnen abzubrechen um die Welt zu übernehmen, der maßlos überteuerte Supermarkt und natürlich Quints Imbiss, in dem, obwohl er eigentlich seit Jahren geschlossen und es spät in der Nacht war, noch Licht brannte.
Neugierig stieg Shego von ihrem Fahrrad ab und betrat den Imbiss.
"Hallo!?" rief sie.
Wenige Sekunden darauf, streckte Quint ihren Kopf aus der Küche.
"Oh, du bist es. Ich bin tatsächlich überrascht dich zu sehen."
"Gleichfalls. Was machst du hier?"
"Der Laden gehört mir immer noch, also muss ich mich nicht rechtfertigen."
"Planst du etwa schon deine Rückkehr ins langweilige, normale Leben, jetzt wo ich so furchtbar versagt habe?"
"Hey, so etwas will ich nicht von dir hören! Und wenn du nicht du wärst und ich nicht ich, also wenn wir beide zu diesen rührseligen Gefühlsduselern gehören würden, würde ich jetzt rüberkommen und dich umarmen, damit du dich besser fühlst!"
"Danke, dass du es nicht tust," antwortete Shego mit einem Lächeln. "Also, was machst du hier? Ich rieche Essen."
Quint ging zurück in die Küche. Shego folgte ihr und sah auf dem Herd eine Runde Hamburger vor sich hin brutzeln.
"Die habe ich für Ed gemacht. Ich hoffe es macht dir nichts aus, aber als du heute Nachmittag immer noch nicht aus deiner Wohnung gekommen warst, habe ich Bonnie beauftragt, unsere Leute aus dem Gefängnis zu holen."
"Naja, ich hätte sie vielleicht noch einen Tag schmoren lassen, aber im Prinzip habe ich nichts dagegen. Ausnahmsweise war es ja nicht ihre Schuld. Wie hat sich Bonnie geschlagen?"
"Nach dem was ich gehört habe, hat sie nicht nur alle rausgeholt, sie war dabei auch noch so leise, dass vor Morgen früh vermutlich niemand ihre Flucht bemerken wird."
"Ich bin richtig stolz auf sie."
"Sie sind auf jeden Fall auf dem Weg zurück hierher und ich wollte meinen Ed mit ein paar meiner Hamburger begrüßen. Er liebt sie. Willst du auch einen?"
"Ich dachte schon, du fragst nie."
Blitzschnell griff Shego nach einem Pfannenwender und klatschte einen Burger auf ein bereitgelegtes Brötchen.
Während sie dort genussvoll hinein biss, fragte Quint: "Wie sieht eigentlich dein nächster Schritt in Sachen Welteroberung aus?"
Shego schluckte den Bissen herunter und strafte ihre Freundin mit einem bösen Blick.
"Muss das sein? Ich esse gerade."
"Ich frage ja nur. Und ich versuche dich aus dem Haus zu bekommen, bevor Ed hier auftaucht. Aber hauptsächlich bin ich neugierig. Du willst doch nicht etwa aufgeben."
Für einen Moment lang hielt Shego inne.
Dann antwortete sie leise: "Im Moment hätte ich wirklich Lust dazu," und biss erneut in den Hamburger.
Quint schaute sie mit einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen an.
"Ich glaube nicht, was ich da gerade gehört habe. Du hast einen Großteil deines Lebens als Schurkin verbracht. Nicht weil du keine andere Möglichkeit hattest, sondern weil du es gerne gemacht hast!"
"Ja, aber was hat es mir gebracht? Wenn du es dir mal genau betrachtest, habe ich die meiste Zeit meines Lebens nur versagt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals die Welt beherrscht oder sonst eines der Ziele in meinem Leben erreicht habe. Nenne mir auch nur eine Sache, bei der ich erfolgreich war."
"Tyler," antwortete Quint ohne zu zögern.
"Bist du sicher? Ich meine, ich habe es zwar irgendwie geschafft ihn richtig zu erziehen, aber ich hätte ihm nie erlauben sollen, bei der Welteroberungs-Sache mitzumachen. Ich will nicht, dass er auch nur eine Minute im Gefängnis verbringen muss. Und gemessen an meiner bisherigen Erfolgsquote ist es nur eine Frage der Zeit, bis unser Standort entdeckt wird."
"Vielleicht aber auch nicht. Du solltest dir keine Sorgen über Dinge machen, die noch nicht eingetreten sind."
"Trotzdem. Ich bin 51 Jahre alt. Das letzte Drittel meiner statistischen Lebenserwartung hat begonnen. Meine Haare werden grau!"
"Habe ich bemerkt. Steht dir gut."
"Ach, und wenn schon. Ich glaube ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich mir ernsthafte Gedanken über meine Zukunft machen muss."
"Gedanken über die Zukunft sind überbewertet. Schau mich an! Noch vor ein paar Jahren habe ich meinen Lebensunterhalt damit verdient, für andere Menschen Essen zu kochen. Heute gehöre ich zur Führungsspitze eines Verbrechersyndikats, das die Welt beherrschen möchte! Und ich bin verliebt in einen prolligen Automechaniker, den ich bei unserer ersten Begegnung überhaupt nicht leiden konnte. Ich hätte Tage damit verbringen können, über die Zukunft nachzudenken, aber ich kann dir garantieren, dass ich mir niemals mein jetziges Leben hätte vorstellen können. Also lege ich dir nahe, deine Midlife Crisis auf der Stelle zu beenden und dein Leben zu leben! Und zwar so, wie du es schon immer getan hast. Ohne Furcht vor einer Zukunft, die vielleicht nie eintreten wird!"
Äusserlich unbeeindruckt kaute Shego auf dem letzten Bissen ihres Hamburgers herum.
"Sonst noch was?" fragte sie.
"Nein. Das war alles. Und tu nicht so cool. Ich weiss, dass ich zu dir durchgedrungen bin."
"Einen Dreck weisst du."
"Sie kannte mich viel zu gut. Ihre Predigt war genau das, was ich in diesem Moment brauchte. Ihr wisst ja, manchmal ist ein Fuß, der dir in den Hintern tritt, besser als eine Hand, die dir tröstend auf die Schulter klopft."
Ohne sich nochmal umzusehen oder ein Wort zu sagen, verließ Shego den Imbiss und setzte sich aufs Fahrrad. Gerade als sie in die Pedale treten wollte, parkte Motor Ed mit einer laut quietschenden Vollbremsung sein Motorrad neben ihr.
"Hey Shego, danke fürs schnelle aus dem Knast holen, echt jetzt."
"Bedanke dich nicht bei mir, sondern bei deiner Freundin. Sie hat Bonnie zu euch geschickt."
"Ach ja, Bonnie. Ich habe keine Ahnung wie sie es hinbekommen hat, aber so einen Gefängnisausbruch habe ich noch nie erlebt, echt jetzt. Wir sind einfach zur Tür raus marschiert. Keine Löcher in der Wand und durch das Abwasser mussten wir auch nicht schwimmen, echt jetzt. War fast schon langweilig."
"Dann interessiert es mich auch nicht weiter."
"Sag mal, weisst du schon, wie es jetzt weitergeht?"
Auf diese Frage antwortete Shego nur mit einem Grinsen und radelte in die Nacht davon.