Julian sah auf die Uhr.
"Wow, ist es tatsächlich schon 3.00 Uhr morgens? Wir sollten..."
"Oh nein, ihr macht gar nichts," unterbrach ihn Shego. "Ich bin schon fast fertig. Wollt ihr das nicht auch endlich zu Ende bringen?"
Julian warf einen Blick über seine Schulter und beobachtete Washington einige Zeit dabei, wie er seine Augen trotz starker Müdigkeit aufzuhalten versuchte.
"Okay, ziehen wir es durch," sagte er dann enthusiastisch zu Shego.
"Ausgezeichnet. Also, wo war ich? Ach ja, am nächsten Morgen rief ich alle zu einer Sonderkonferenz zusammen, um unsere neue Marschrute bekanntzugeben."
Alle wichtigen Mitglieder des Führungsstabes hatten sich wie immer im Konferenzraum versammelt. Eine gewisse Nervosität hing im Raum. Auch wenn es als wahrscheinlich galt, dass Shego sich wieder beruhigt hatte, machte sich bei den meisten Anwesenden der Verdacht breit, dass diese Versammlung eine Falle sei und sie etwas schreckliches erwarten würde.
Wie üblich einige Minuten später als der Rest, betrat Shego den Raum und setzte sich an ihren Platz.
"Wir werden folgendes machen," sagte sie ohne Umschweife. "Diese albernen Welteroberungspläne? Geben wir auf." Ein aufgeregtes Murmeln ging durch den Raum. "Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr versuchen werden die Welt zu erobern. Nur unsere Vorgehensweise wird sich ändern. Vergesst Laserkanonen und ähnlichen Schnickschnack. Wir werden uns quasi durch die Hintertür schleichen. Als Geschäftsleute."
Allgemeine Ratlosigkeit machte sich in der Runde breit.
"Geschäftsleute?" fragte Drakken. "Du meinst wie...wie...also, genau wie...um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, wie du es meinen könntest."
"Dann hör mal gut zu. Als erstes möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei um einen Langzeitplan handelt. Und wenn ich Langzeit sage, meine ich vielleicht zehn Jahre oder länger. Eventuell auch weniger, aber wahrscheinlich doch eher länger. Mein Plan sieht vor, dass wir sehr viel Aufwand in die Entwicklung neuer Technologien für den täglichen Schurkengebrauch stecken. Ausserdem werden wir so viele neue Handlanger anwerben und ausbilden, wie nur möglich. Aber anstatt die Technologie und die Handlanger selber zu nutzen, werden wir sie an andere Schurken vermieten oder verkaufen."
"Du meinst wie dieser Jack...wie hieß er noch gleich?" fragte Quint.
"Hench. Ja, das gleiche Prinzip. Aber das ist erst die erste Stufe."
"Glaubst du tatsächlich, wir können mit Hench konkurrieren? Der ist doch seit Jahrzehnten nicht nur Marktführer in diesem Gebiet, sondern auch der einzige Anbieter, echt jetzt!"
"Berechtigter Einwand, aber wer hat denn etwas von konkurrieren gesagt?" antwortete Shego mit einem vielsagenden Lächeln. "Wie gesagt, das ist erst Stufe eins und die, die wir am schnellsten hinter uns bringen können. In Stufe zwei fangen wir damit an, legale Betriebe zu gründen. Keine Ahnung was, soweit bin ich noch nicht. Aber es sollte etwas simples sein. Vielleicht ein paar Fast Food Ketten oder so etwas in der Art. Auf jeden Fall Unternehmen, die hunderte Filialen auf der ganzen Welt haben können."
"Aber das sind natürlich nur Scheinfirmen, die als Tarnung für die Waffenfabriken dienen, die sich im Inneren befinden," schlussfolgerte Bonnie.
"Nein, die sind genau das, was sie darstellen sollen. 100% legale Unternehmen."
"Also geben wir auf und werden anständig?"
"Lass mich ausreden. Wir machen uns auf dem Markt breit. Und mit 'breitmachen' meine ich natürlich die Konkurrenz vom Markt fegen. Und wenn wir uns auf einem Zweig breitgemacht haben, weiten wir uns auf den nächstgrößeren aus. Wir behalten unsere Fast Food Ketten, aber gehen von der Lebensmittelbranche zum Beispiel zur Unterhaltungselektronik. Jeder Haushalt auf dieser Welt wird Fernseher, Stereoanlagen, Videospiele und so weiter besitzen, die von uns hergestellt werden. Und nach der Unterhaltungselektronik geht es zum nächsten Zweig, zum Beispiel Heimcomputer."
"Gehört das nicht zur Unterhaltungselektronik?"
"Ach, was weiss ich. Ich versuche euch nur den groben Verlauf meines Planes zu erklären. Wir machen auf jeden Fall immer weiter und weiter und arbeiten uns in immer wichtigere Bereiche vor. Energieversorgung. Medien. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir am Ende alles kontrollieren. Wir werden sogar in der Politik vertreten sein. Im Großen und Ganzen werden wir am Ende die Welt beherrschen, ohne dass es jemand merkt. Die Menschen werden die Technologie benutzen, die wir ihnen geben, die Nachrichten sehen, die wir sie sehen lassen, die Gesetze befolgen, die wir verabschieden. Und für sie wird es so aussehen, als wäre alles so wie immer."
Jetzt fing der Rest der Truppe an, den Plan zu begreifen. Zustimmend fing einer nach dem anderen an mit dem Kopf zu nicken.
Trotzdem hatte Quint noch eine Frage.
"Und wenn alles oberflächlich so legal sein soll, wozu übernehmen wir dann Henchs Firma?"
"Weil es Spaß macht. Ausserdem wollen wir doch in jedem Berufszweig unsere Finger drin haben, oder? Zudem ist es eine gute Ablenkung. Alle werden denken, die Schurkenversorgung ist unser Hauptanliegen. Und nicht zu vergessen," sie stand langsam auf und ließ den Blick über die Menschen am Konferenztisch schweifen, "arbeiten hier viele, talentierte Menschen für mich und es wäre eine Schande ihre Talente nicht zu nutzen. Und jetzt verschwindet gefälligst. Weitere Instruktionen folgen noch."
Während der Führungsstab unter lautem, aufgeregtem Gemurmel den Raum verließ, ging Tyler in die andere Richtung um mit seiner Mutter zu sprechen.
"Mama?"
"Ja, was ist? Geht es um meine Ansprache von letzter Nacht?"
"Irgendwie schon."
"Ich hoffe ich habe dir nicht dein romantisches Date verdorben."
"Nein, keine Sorge, aber Miranda und ich haben geredet und wir werden uns wohl ein Haus kaufen und dort einziehen."
Wenn man ganz genau hinsah, konnte man ein leichtes Lächeln in Shegos Mundwinkeln erkennen.
"Mein kleiner Mann hat plötzlich ein eigenes Familienleben. Habt ihr schon einen bestimmten Ort für euer Haus im Auge?"
"Nein, noch nicht, aber wir sagen dir rechtzeitig bescheid."
"Gut. Ich werde das Haus übrigens bezahlen, also sucht euch etwas schön großes aus."
"Das musst du doch nicht."
"Ich habe immer gut für Tyler gesorgt. Dazu zählte auch, dass er für einen jungen Mann, der noch nie einen richtigen Job hatte, ein wirklich, wirklich gut gefülltes Bankkonto besaß."
"Ich muss so viele Dinge nicht, aber das hat mich noch nie davon abgehalten, etwas trotzdem zu tun. Ausserdem dürfte dir wohl klar sein, dass seit dem Zeitpunkt, an dem ich beschlossen hatte dein Haus zu bezahlen, jede Diskussion darüber hinfällig ist."
"Ja, Mama," seufzte Tyler.
"Und als nächstes beschließe ich, dass du deine alte Mutter noch einmal umarmst."
Lächelnd fielen sich Mutter und Sohn für einen kurzen Moment in die Arme.
"Seit wann bezeichnest du dich denn als alt?"
"Seitdem mir gestern die grauen Strähnen an mir aufgefallen sind?"
"Die sind dir erst gestern aufgefallen? Ich dachte jemand, der so viel Zeit vor dem Spiegel verbringt wie du, würde sie viel früher sehen."
"Quatschkopf," antwortete Shego amüsiert. "Meinst du, ich sollte sie färben?"
"Nein, ich finde die sehen gut aus. Wenn überhaupt, solltest du dir noch mehr Strähnen in die Haare machen."
"Ja, klar, vielleicht einen dicken, weissen Streifen, einmal um meinen Hinterkopf herum?"
"Warum nicht? Das stelle ich mir schon irgendwie majestätisch vor."
"Also fingen wir langsam an, unsere neue Ausrichtung in die Tat umzusetzen. Als erstes stattete ich der Chefetage von Henchco einen kleinen Besuch ab."
Shego saß im Wartezimmer von Jack Hench Juniors Büro. Jack Hench Senior hatte die Leitung seines Unternehmes schon vor einigen Jahren an seinen Sohn abgegeben. Nicht, dass Hench Sr. es gemusst hätte, aber er hatte genug Geld um sich früh zur Ruhe zu setzen.
"Mr Hench erwartet sie nun," sagte die konservativ gekleidete Assistentin, hinter dem Schreibtisch neben der Bürotür.
Shego stand auf und betrat ohne ein Wort zu sagen das Büro.
Jack Hench Jr, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, sprang von seinem Arbeitsplatz auf und schüttelte seinem Gast die Hand.
"Ah, sieh an, sieh an, was für eine Ehre sie hier begrüßen zu dürfen. Ich habe schon so viel von ihnen gehört, aber das hat wohl jeder, der mit dem Schurkengeschäft zu tun hat. Bitte, setzen sie sich."
Shego nahm das Angebot an.
"Danke. Haben sie auch gehört, dass ihr Vater mir eigentlich vor Jahrzehnten Hausverbot erteilt hatte?"
"Ja, wegen der ständigen Diebstähle, aber mein Vater leitet das Unternehmen schon lange nicht mehr," antwortete Jack mit einem Zwinkern und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. "Also, was kann ich für sie tun? Möchten sie vielleicht etwas trinken?"
"Nein, danke. Aber ich möchte gleich zum Punkt kommen."
"Ich habe von ihnen nichts anderes erwartet."
"Also, es sieht folgendermaßen aus. Sie haben doch sicher schon mitbekommen, dass ich wieder im Spiel der Welteroberung mitmische."
"Aber natürlich. Tut mir leid, dass es bis jetzt nicht geklappt hat."
"Danke, wir arbeiten daran. Und das bringt mich zu meinem Anliegen. Meine Organisation hat vor, sich auch in andere Geschäftsbereiche zu begeben. Wie zum Beispiel Entwicklung und Verkauf von Schurkenzubehör oder der Ausbildung und Vermittlung von Handlangern."
"Also das, worin Henchco schon seit Jahrzehnten ungeschlagener Marktführer ist," warf Hench mit einer Mischung aus Stolz und Defensive ein.
"Genau. Und gerade weil sie die ungeschlagene Nummer Eins sind, möchte ich ihnen eine Partnerschaft vorschlagen."
Die Defensive wich der Neugier auf eine viel versprechende Geschäftsidee.
"Eine Partnerschaft? Mit einer lebenden Legende wie ihnen? Nun, ich bin ganz Ohr, was schwebt ihnen vor?"
"Wir übernehmen den Laden, mit allem was dazugehört und sie werden einfach dabei zusehen und nichts dagegen unternehmen," sagte sie ohne Umschweife.
Hench brach für eine Sekunde in ein schallendes, schrilles Kichern aus, nur um dann schlagartig ernst zu werden.
"So gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Und jetzt bitte ihre richtigen Vorschlag."
Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht beugte sich Shego etwas nach vorne und sagte: "Wir übernehmen den Laden. Mit allem was dazugehört. Und sie werden einfach dabei zusehen und nichts unternehmen."
Jetzt beugte sich Jack etwas nach vorne, wobei er mit seinem Fuß einen versteckten Alarmknopf betätigte.
"Wissen sie, das glaube ich nicht. Und sobald ich diesen Satz beendet habe, bleiben ihnen noch ganze zehn Sekunden, um friedlich mein Büro zu verlassen."
Shego lehnte sich wieder zurück.
"Nun, das glaube ich wiederum nicht."
"Scheint so als wollten sie es nicht anders," antwortete Jack und sah auf die Uhr, die auf seinem Schreibtisch stand.
Als die vorhergesagten zehn Sekunden verstrichen waren, öffneten sich plötzlich an der Decke, den Wänden und im Boden des Büros insgesamt fünf versteckte Luken, aus denen kampfbereite Handlanger heraussprangen. Shego blieb völlig gleichgültig sitzen und ließ ihre Augen nicht von Jack.
"Ich wollte einfach nicht den Moment versäumen, in dem ihm auffiel, dass das gar nicht seine, sondern meine Handlanger waren. Ich wünschte, ich hätte ein Foto davon gemacht."
"Ich weiss nicht, wie ich es ihnen beibringen soll," sagte Shego mit gespielter Betroffenheit in ihrer Stimme, "aber so wie es aussieht, ist Henchco nicht mehr in Familienbesitz."
"Hench Jr war sehr kooperativ, was die Übergabe der Firma an uns anging. Vermutlich weil er noch ein Milliardenvermögen auf seinen Bankkonten hatte und sein Herzblut ohnehin nicht im Familienbetrieb steckte. Keine Ahnung, was sein Vater davon hielt. Ich wette, er war nicht besonders erfreut, aber das war nicht mein Problem. Nur wenige Wochen später sah auch mein Sohn einer beruflichen Umorientierung entgegen. Natürlich war seine um einiges freiwilliger."
Shego saß gerade beim Frühstück, als sich Tyler zu ihr gesellte.
"Hey, guten Morgen, Mama."
"Guten Morgen, komm, setz dich. Das ist ja schon ewig her, seitdem wir zusammen gefrühstückt haben. Was verschafft mir die Ehre."
Tyler setzte sich neben seine Mutter, griff sich ein Brötchen und begann es aufzuschneiden und zu belegen.
"Miranda und ich haben endlich ein Haus gefunden."
"Das ist ja wundervoll. Du weisst ja, an wen du die Rechnung schicken musst."
"Ja, keine Sorge. Es ist ein schönes Haus. Groß und abgelegen. Fast wie das, in dem ich aufgewachsen bin," sagte er mit einem verträumten Lächeln. "Allerdings liegt es an einem See und nicht an einer tiefen Schlucht. Sag mal, hattest du nie Angst, dass ich als Kind da mal runterfallen würde?"
"Nein. Nächste Frage."
"Keine weiteren Fragen. Aber ich habe auch einen Job."
"Im Ernst? Hat dir deine Verlobte gesagt, du sollst arbeiten?"
"Mama."
"Schon gut, schon gut. Was ist es?"
"Ich habe eine Stelle als Redaktionsassistent beim 'Villain' Magazin."
"Der erste, richtige Job meines Sohnes ist es also ein Helferlein zu sein? Du brichst deiner alten Frau Mutter das Herz."
"Sei nicht immer so melodramatisch."
"Ist ja schon gut. Ich freue mich für dich. Und ich wette es wird nicht lange dauern, bis du selber ein richtiger Redakteur sein wirst."
"Ich glaube, ich bin hier nie wirklich auf Tylers Vorlieben eingegangen, aber er war ein begeisterter Autor. Sowohl Kurzgeschichten, als auch der eine oder andere Blogeintrag stammen aus seiner Tastatur. Ich dachte mir schon, dass er, wenn er jemals arbeiten sollte, sich einen Autorenberuf suchen würde."
"Ich hoffe du willst damit nicht andeuten, dass du auch die Villain-Redaktion kaufen und mir so einen unfairen Vorteil verschaffen willst."
"Nein, keine Sorge. Ich vertraue voll und ganz auf deine Fähigkeiten."
"Ausserdem war die Villain-Redaktion so einflussreich, dass sogar ich Ang...ich meine Respekt vor ihnen hatte. So manch ein Schurke, der es sich mit ihnen verscherzt hatte, sah sich danach auf der Titelseite, mit einer völlig frei erfundenen, aber umso peinlicheren und nie wieder loszuwerdenden Story wieder."
"Also, wann werdet ihr umziehen?"
"So bald wie möglich. Wir bereiten uns auf Freitag in einer Woche vor."
"Wow, das ist...tatsächlich bald," sagte Shego und versuchte so gut wie es ging ihr schockiertes Gesicht zu verbergen. "Und wie sieht es mit der Hochzeit aus? Gibt es schon einen Termin?"
"Noch nicht, aber du erfährst es als Erste.
"Freitag in einer Woche kam schneller als mir lieb war. Auch wenn Tyler natürlich mittlerweile ein erwachsener Mann war und unser beider Leben schon länger ziemlich unabhängig voneinander verlief, verursachte es doch ein mulmiges Gefühl in meinem Magen, zu wissen, dass er jetzt nicht mehr in meiner Nähe wohnen würde."
Während einige ihrer Handlanger vorsichtig die letzten Möbel ins Haus trugen, stand Shego draussen auf der Terrasse und betrachtete den Wald, der das Grundstück umgab. Kurze Zeit später gesellte sich Tyler zu ihr.
"Schön habt ihr es hier. Keine Angst vor den wilden Tieren, die hier im Wald lauern könnten?"
"Nein. Etwas schlimmeres als Waschbären wirst du in diesen Wäldern nicht finden."
"Gerade vor Waschbären solltest du dich fürchten. Ist dir nie aufgefallen, dass die Masken tragen? Schurken die keine Masken tragen sind schon schlimm genug, aber die maskierten sind die schlimmsten. Und lass mich gar nicht erst von ihren kleinen Fingerchen anfangen. Ausserdem übertragen sie Tollwut."
"Das tun nur die Tollwütigen. Gleich sind alle Möbel und Kartons im Haus. Danke für das Bereitstellen der Handlanger. Der Umzug verlief schnell und problemlos."
"Kein Grund mir zu danken. Es sind schließlich auch deine Handlanger."
"Also...kommst du gleich noch mit rein?"
"Wozu? Ich habe euer Haus schon von innen gesehen und ausserdem wette ich, dass Miranda und du es sich erstmal in eurem neuen Heim gemütlich machen werdet. Da ist Mama nur das fünfte Rad am Wagen."
Tyler warf seiner Mutter ein Lächeln zu und umarmte sie mit einem: "Danke für alles."
Shego erwiderte die Umarmung.
"Hör auf mir ständig zu danken. Ausserdem habe ich dich nicht zu einem derart gefühlsduseligen Menschen erzogen. Ich wette, das kommt alles von dieser Miranda. Die hat einen schlechten Einfluss auf dich."
"Okay, wir sind fertig!" rief ein Handlanger Mutter und Sohn zu.
"Ist gut! Wir brauchen euch hier nicht mehr. Macht für heute Feierabend!" rief Shego zurück und wandte sich wieder Tyler zu. "Dann...auf Wiedersehen, mein Sohn?"
"Jetzt klingst du aber etwas gefühlsduselig. Ich verschwinde doch nicht für immer aus deinem Leben. Ich bin nur einen Anruf entfernt."
"Toll jetzt sind wir von gefühlsduselig zu kitschig gewechselt. Ich sollte wirklich verschwinden, bevor es noch schlimmer wird."
"Und an diesem Abend habe ich Tyler zum letzten Mal gesehen. In der Nacht wurden Miranda und er von einer Horde tollwütiger Wachbären angefallen und erlagen noch im Krankenhaus ihren Verletzungen," sagte die 99 Jahre alte Shego mit Tränen in den Augen.
Julian und Washington sahen sie schockiert an. Keiner der beiden war in der Lage etwas zu sagen, obwohl Julian immerhin ein paar Vokale stammelte.
Plötzlich wischte sich Shego die Tränen aus ihren Augen und verkündete mit einem lauten Lachen: "Sie leben noch! Ich habe euch nur verschaukelt! Und eure Gesichtsausdrücke waren Gold wert."
"Nicht lustig," sagte Julian hörbar verärgert.
"Doch, sehr lustig. Für mich zumindest. Und das ist ja wohl das Wichtigste. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Phase zwei unseres Langzeitplans startete. Ich ließ einiger meiner kreativeren Untergebenen ein Konzept und eine Marketingkampagne für eine Fast Food Kette entwerfen und ehe wir uns versahen, öffneten die ersten Filialen von 'Fastest Food' in den Großstädten der USA."
Von einem geparkten Auto auf der anderen Straßenseite aus, sahen Drakken und Shego dabei zu, wie die Massen in eine neu eröffnete "Fastest Food" Filiale stürmten.
"Also, wann fängst du an Roboter in die Kindermenüs zu packen?" fragte Drakken.
Shego drehte sich ganz langsam zu ihm um, sah ihm in die Augen und antwortete: "Dienstag."
"Im...Ernst?" fragte der Doktor perplex.
"Nein. Ich werde garantiert nicht anfangen Pläne zu wiederholen, die schon vor über 20 Jahren nicht funktioniert haben. Was wir hier haben, ist ein stinknormales Fast Food Restaurant. Gut, eines, dass alle greifbaren Daten und Vorlieben jedes einzelnen Kunden zwecks eventueller, späterer Verwendung speichert und mithilfe eines ziemlich unbegrenzten, weil größtenteils illegal erworbenen Budgets bald alle anderen Ketten aufkaufen wird, aber abgesehen davon, ist daran nichts besonderes. Darum sitzen wir auch hier und nicht dort drin. Nichts soll uns damit in Verbindung bringen."
"Und warum hast du dann die Leitung dieses Unternehmens Dumm, Dümmer und Riese anvertraut?"
"Er meinte Vinnie, Junior und Big Mike."
"Glaub es oder nicht, aber sie sind hervorragende Geschäftsleute. Sie machten ein Vermögen mit dem Flum."
"Ach ja, der Flum. Der stammt von ihnen?"
"Ja. Ausserdem haben sie gefragt, ob sie die Fast Food Kette leiten dürfen und um ehrlich zu sein, wollte ich sie auch noch aus dem Haus haben. Gut, sie gehörten zu den Hauptfinanzierern unserer Organisation, aber abgesehen davon, waren sie ziemlich nutzlos."
"Und du vertraust ihnen tatsächlich so weit?"
"Ich kenne sie etwas länger als du und weiss, was man ihnen zutrauen kann und was nicht. Und natürlich habe ich auch noch ein paar weitere Leute eingesetzt, die ihnen auf die Finger schauen und dafür sorgen, dass sie nichts falsch machen. Komm, lass uns von hier verschwinden, bevor uns jemand sieht."
"Und wie ihr sicher wisst, war 'Fastest Food' für eine lange Zeit das erfolgreichste Fast-Food-Unternehmen auf der ganzen Welt. Gut, nicht unbedingt des guten Essens wegen, denn so gut war es nicht. Wie ihr euch bestimmt denken könnt, ging hinter den Kulissen so manche, illegale Sache ab, die der tatsächliche Grund für den Erfolg war. Hier eine Bestechung, da eine Drohung, vielleicht auch mal ein Feuerchen oder ein erfundener Lebensmittelskandal und schon ist man an der Spitze. Ein Jahr später, nur kurz nachdem wir unsere Supermarkt Kette eröffnet hatten, fand schließlich auch Tylers Hochzeit statt."
Es war ein schöner, sonniger, warmer, aber nicht zu warmer Tag. Perfekt für die eine oder andere Hochzeit im Grünen. Am See hinter ihrem Haus hatten Miranda und Tyler alles für die bevorstehende Feier vorbereitet. Es wurden genügend Stühle aufgestellt, ein von Quint persönlich zusammengestelltes Buffet wartete darauf von den Gästen konsumiert zu werden und eine sorgfältig ausgesuchte Band führte einen letzten Soundcheck durch. Am späten Nachmittag ging die Trauungszeremonie schließlich los.
Die stolze Mutter des Bräutigams saß natürlich in der ersten Reihe. Als das Ehepaar gemeinsam zum Altar schritt, wechselte Shego für einen kurzen Moment wieder in den von ihr lange nicht mehr genutzten Mama-Modus. Mit einem breiten Grinsen und sogar einer Träne im Augenwinkel stieß sie Drakken, der desinteressiert neben ihr saß, mit dem Ellenbogen an.
"Schau doch, wie glücklich sie aussehen. Ist das nicht wundervoll?"
"Ja, ganz nett," stöhnte Drakken und zog damit einen bösen Blick von seiner Partnerin auf sich.
"Kannst du wenigstens so tun, als ob du dich für sie freust?"
"Ja, ja, ja. Wundervoll."
"Es wäre überzeugender, wenn du zumindest in ihre Richtung sehen würdest. Was ist eigentlich dein Problem?"
"Ich bin einfach kein Freund von Hochzeiten. Schon alleine dich dabei so überdreht zu erleben, ist mir mehr als unangenehm. Ausserdem verstehe ich nicht, warum wir zur der Hochzeit deines dummen Assistenten mussten."
Fünf Sekunden später erfuhr die Eheschließungszeremonie eine kurze Unterbrechung, als Drakken plötzlich erschrocken von seinem Stuhl fiel und laut: "Dein Sohn!? Warum erfahre ich erst jetzt davon!?" rief.
"Ach, Dr. D. Er erfuhr es immer als Letzter. Aber abgesehen von dieser kurzen Unterbrechung, war es eine echte Traumhochzeit."
Nach der Trauung ging die eigentliche Feier los. Während das Brautpaar den ersten Tanz des noch jungen Abends tanzte, erklärte Shego Drakken, wie Tyler zustande kam. Natürlich ließ sie auch hier das entscheidende Detail über seine eventuelle Vaterschaft weg und verwendete die schon oft benutzte Version, in der die Strahlen schon ohne Berührung diesen Nebeneffekt hatten.
"Ich wollte ihn nicht überfordern. Ausserdem hatte das Weglassen dieses Details die letzten paar Jahrzehnte so gut funktioniert, dass ich nicht mitten im Rennen die Strategie wechseln wollte."
Der erste Tanz des Abends gehörte natürlich dem Brautpaar, doch den zweiten Tanz, tanzte Tyler mit seiner Mutter, während Quint versuchte Drakkens Schock mit einigen ausgesuchten Häppchen vom Buffet zu lindern.
"Wie hat er es aufgenommen?" fragte Tyler Shego.
"Er wird es überleben. Die Häppchen helfen bestimmt auch dabei."
"Warum hat er erst jetzt davon erfahren? Alle wussten es. Hattest du es ihm nie gesagt?"
"Ich war mir sicher, es ein paar Mal erwähnt zu haben. Aber er neigt nunmal dazu, immer dann wegzuhören, wenn es wichtig ist. Egal. Deine Frau sieht heute wirklich wunderschön aus."
Tyler warf ihr einen schmachtenden Blick zu und seufzte: "Nicht wahr?"
"Und mein Sohn erst. Sieh dich nur an. Ich habe dich schon lange nicht mehr in einem Smoking gesehen. Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie stolz ich auf dich bin?"
"Ich kann mich nicht daran erinnern, wann du es nicht gesagt hättest. Langsam wird es langweilig."
"Gut, dann bist du ab jetzt eine unglaubliche Enttäuschung für mich."
Die Band beendete unter dem Applaus der Gäste ihr Lied. Shego drehte sich zu Drakken um, der immer noch Häppchen mampfend auf einem Stuhl neben dem Buffet saß.
"Ich glaube, ich kümmere mich mal wieder um ihn."
"Ja, tu das. Er sieht immer noch niedergeschlagen aus."
"Vielleicht solltest du solange mit dieser tätowierten Frau im weissen Kleid tanzen. Ich glaube, bei der hättest du eine Chance. Die sieht aus, als würde sie auf dich stehen!"
Shego drückte ihren Sohn noch einmal und ging dann zu Drakken.
"Hey, Dr D., geht's dir schon wieder besser?"
"Ja, doch. Die Häppchen haben mir sehr dabei geholfen," antwortete er mit einem gezwungen Lächeln.
Shego zog einen Stuhl heran und setzte sich neben den Doktor.
"So richtig überzeugend klang das aber noch nicht."
"Aber die Häppchen sind wirklich gut!"
"Doch nicht das. Ich meine deinen Zustand."
"Nun, ich bin über diesen Schock noch nicht ganz hinweg, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, das es schlimmer sein könnte. Ich meine, er könnte auch mein Sohn sein!"
Hätte Drakken in dem Moment das sehr bizarr aussehende Lächeln auf Shegos Gesicht gesehen, sowie ihren peinlichen Versuch gehört, die Wahrheit durch ein schlecht gespieltes Lachen zu überspielen, hätte es ihn vermutlich diese Aussage noch einmal überdenken lassen. Doch stattdessen stand er von seinem Stuhl auf, um seinen Teller erneut am Buffet zu füllen.
Shego entspannte sich wieder und beobachtete ihn für einige Sekunden dabei. Dann ließ sie ihren Blick zurück auf die Tanzfläche wandern, auf der sich die frisch Vermählten und viele ihrer Gäste in diesem Moment königlich amüsierten.
Als Drakken sich wieder auf seinen Platz setzte, tippte Shego ihm auf die Schulter und fragte: "Hast du jemals darüber nachgedacht, was wäre wenn?"
"Wenn was?" antwortete der Doktor gewohnt ahnungslos.
"Du weisst schon. Wenn ich nicht einfach verschwunden wäre."
"Ach so, das. Jeden Tag, seitdem du weg warst. Immerhin weiss ich jetzt, dass du einen guten Grund hattest. Okay, du hättest mir wenigstens eine Nachricht hinterlassen oder mir vielleicht sogar gleich von deiner Schwangerschaft erzählen können, aber...das liegt alles schon lange hinter uns. Es gibt keinen Grund mehr nach all den Jahren noch darüber nachzudenken."
"Weder vorher, noch nachher hatte er jemals so eine Weisheit an den Tag gelegt."
Sie sah Dr Drakken einige Sekunden dabei zu, wie er zu entscheiden versuchte, welches Häppchen auf seinem Teller er als nächstes verspeisen sollte. Gerade als er sich entschieden hatte, drückte sie ihm mit einem Lächeln einen Kuss auf die Wange.
Überrascht sah er Shego an und lächelte zurück.
"Ich habe gerade den Mund voll. Warte eine Sekunde, dann küsse ich dich auch." Er kaute hastig und schluckte seinen Bissen herunter.
"Du alter Romantiker."
Lächelnd küssten sich Shego und Drakken und kicherten dabei wie zwei Teenager.
"Wollen wir tanzen?" fragte Shego.
"Du weisst genau, dass ich nicht tanze," seufzte Drakken. "Aber da das heute so ein besonderer Tag ist, mache ich mal eine Ausnahme."
Er stand auf, stellte seinen Teller auf seinem Stuhl ab, wies einen zufällig daneben stehenden Mann, den er noch nie zuvor gesehen hatte und der wohl zum Freundes- oder Familienkreis der Braut gehören musste darauf hin, dass er ab jetzt verantwortlich dafür sei, dass niemand den Teller oder die noch darauf befindlichen Häppchen anrühren würde, nahm Shegos Hand und führte sie zur Tanzfläche.
"Dort verbrachten wir den restlichen Abend. Natürlich war Drakkens Teller bis dahin weg und er schwor grausame Rache, aber das waren wie immer nur leere Drohungen. Noch mehr Zeit ging ins Land und mein Plan, die Welt durch die Hintertür zu erobern, stellte sich sowohl als mein Bester, aber auch als mein nervenaufreibendster heraus. Nur fünf Jahre später hatten wir schon fast den halben, Internationalen Markt unter unserer Kontrolle, sowie die ersten Mitarbeiter in größeren, politischen Positionen und niemand hatte es bemerkt. Aus Furcht, dass alles, was bis jetzt erreicht wurde, in sich zusammenstürzen würde, ordnete ich an, keine groß angelegten Aktionen mehr zu starten. Nichts, dass zuviel Aufmerksamkeit auf uns lenken würde. Also nichts, was echte Superschurken normalerweise tun würden. Dass das nicht jedem gefallen würde, war ja zu erwarten."
Mit Schwung öffnete sich die Tür zu Shegos Büro und Bonnie stampfte wütend hinein.
"Das ist alles irgendwie so gar nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte!" schrie sie.
Shego sah von ihrem Computermonitor auf und fragte ruhig: "Was denn?"
"Na...alles! Ich sitze hier nur herum und trainiere anstatt irgendwie Macht über irgendetwas zu erlangen. Und Kim Possible habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wann kann ich ihr endlich in den Hintern treten?"
"Deine Zeit wird kommen. Hab einfach Geduld. Ich habe sie schließlich auch."
Bonnie schnaufte einmal wie ein wütender Stier und verließ dann ohne ein Wort zu sagen das Büro.
"Man lernt nie aus. Das war zum Beispiel der Moment, in dem ich lernte immer auf die Bedürfnisse meiner Mitarbeiter einzugehen, weil es sonst übel ausgehen könnte. Gut, ich lernte es nicht in diesem Moment, aber als ich es lernte, wurde mir klar, dass ich in diesem Moment anders hätte handeln sollen."