Kapitel 56

Ende

"Am nächsten Tag verbrachte ich meine Mittagspause mit Quint. Sie war aus irgendwelchen Gründen immer noch mit Motor Ed zusammen. Eine Entwicklung, die wohl niemand vorhersehen konnte. Ich meine...Motor Ed? Ich verstehe es auch jetzt immer noch nicht."

"Ed hat mich gefragt, ob ich mit ihm eine Weltreise mache," sagte Quint, während sie etwas Dressing auf ihrem Salat verteilte. "Nur er und ich, in seiner selbstgebauten Superkarre."
Shego rollte mit den Augen.
"Wow, dich zu so etwas einzuladen, ist nach seinen Maßstäben fast schon so etwas wie ein Heiratsantrag."
Quint lächelte.
"Er kann nunmal richtig charmant sein, wenn er will."
"Wann soll es denn losgehen?"
"Dieses Wochenende. Ja, das ist etwas spontan, aber ich habe sowieso nichts besseres zu tun."
"Ihr wollt doch hoffentlich nicht irgendwann tatsächlich heiraten, oder? Ihr seid ja jetzt schon ewig zusammen. Warum auch immer."
"Nein, heiraten steht nicht auf dem Programm. Wir sind beide der festen Überzeugung, dass es so gut mit uns klappt, weil wir eben nicht miteinander verheiratet sind. Hast du eigentlich jemals seine Ex-Frau getroffen?"
"Nein, dazu kam es nie."
"Eine Schreckschraube ist das vielleicht. Kein Wunder, dass die Ehe mit ihr in die Brüche ging. Ich frage mich, warum die Zwei überhaupt geheiratet haben. Man heiratet niemanden, der sich selbst als Motor Ed bezeichnet und regt sich dann darüber auf, wenn er die meiste Zeit in der Garage verbringt. Ich finde es sogar richtig gut, wenn er sich manchmal tagelang in die Werkstatt zurückzieht, um irgendein Vehikel aufzumotzen. Wer will schon einen Partner haben, der Tag und Nacht um einen herumschwirrt. Und ausserdem weiss ich genau was ich tun muss, um ihn aus der Garage zu bekommen, sollte ich Sehnsucht nach ihm haben."
"Kein Wort mehr, ich esse gerade."
"Aber sein Sohn ist nett."
"Mit ihm hatte ich auch noch nie das Vergnügen."
"Apropos Sohn, wie geht es Tyler?"
Wie immer, wenn sie über ihn sprach, fing Shego zu lächeln an.
"Sehr gut. Das Magazin plant gerade eine zwölfteilige Serie über spektakuläre Gefängnisausbrüche und rate mal, wer sie schreiben soll."
Quint warf einen genauen Blick auf Shegos Gesicht.
"Du lächelst noch, also wird es wohl Tyler sein. Gratuliere ihm von mir."
"Werde ich machen."

"Nachdem Quint und Ed ihre Reise antraten, wurde es so richtig langweilig. So gut mein Plan zur Erlangung der Weltherrschaft auch zu funktionieren schien, für mich war es nur ein Schreibtischjob. Mein Sohn war aus dem Haus, meine beste Freundin auf unbestimmte Zeit verreist und ich konnte nichts machen, was zu viel Aufmerksamkeit bei den falschen Menschen erwecken könnte. Zum Glück war da aber immer noch Drakken."

"Ich habe jetzt leider keine Zeit, um mit dir zu spielen, Shego. Gleich beginnt meine Pokerrunde."
Shego sprang mit einem kurzen Satz auf den runden Tisch, den Drakken gerade verschieben wollte um darunter Staub zu saugen, und setzte sich im Schneidersitz in die Mitte. Der Doktor kommentierte diese Aktion mit einem genervten Stöhnen.
"Und das ist eine pure Männerrunde, nicht wahr? Seit wann spielst du denn eigentlich Poker?"
"Traurigerweise gibt es immer noch sehr viele Dinge über mich, die du nicht weisst," sagte Drakken und versuchte erfolglos den Tisch mitsamt Shego zur Seite zu schieben.
"Ich würde ja fragen ob ich mitspielen darf, aber ich bin kein Fan von Kartenspielen."
"Ausserdem ist es, wie du richtig vermutet hast, ein reiner Männerabend."
Mit einem Hauch von Empörung stieg Shego vom Tisch und schob ihn beiseite.
"Merkwürdig. Erst liegst du mir ewig in den Ohren, weil ich so viele Jahre nicht bei dir war und jetzt willst du mich plötzlich loswerden."
"Nur für heute Abend. Und wenn das Spiel vorbei ist, darfst du gerne vorbeischauen."
"Werde ich gerne machen. Jemand muss dich dann ja trösten."
Während er mit seiner Blume den Staubsauger zu sich heranzog, schimpfte Drakken: "Ich bin ein ausgezeichneter Pokerspieler. Danke für dein fehlendes Vertrauen."
"Gut, dann komme ich eben nicht vorbei. Du brauchst mich dann ja nicht," erwiderte Shego mit einem frechen Grinsen, gab ihm einen Kuss auf die Wange und verließ den Raum, während Drakken ihr hinterher rief: "Ich werde so etwas von verlieren! Ich bin ein Poker-Versager! Bis Mitternacht bin ich bis über beide Ohren verschuldet, glaub mir!"

"Also ging ich gelangweilt zurück in mein Büro. Dort war aber ein Briefumschlag an meine Tür geheftet. Der darin enthaltene Brief bestand aus einem Wort. 'Keller'. Aus Ermangelung an interessanten, alternativen Tätigkeiten, beschloss ich diesen Teil des Gebäudes einfach mal spontan aufzusuchen."

Kaum war der Fahrstuhl im Keller angekommen, öffnete sich seine Tür und gab einen langen, hellen, im Hawaii-Stil dekorierten Gang preis.
"Na der Trip in den Keller hat sich ja jetzt schon gelohnt," sagte Shego zu sich selbst und stieg aus dem Lift.
Vorbei an bunten Blumenketten und Postern von tropischen Stränden, die an den Wänden hingen, führte sie der Gang direkt zu einer grauen Metalltür mit der Aufschrift "Aloha".
Zögernd klopfte sie an und vernahm von der anderen Seite ein: "Immer herein!"
Shego überlegte für einen Moment, ob sie die Tür langsam und vorsichtig öffnen sollte oder doch lieber schnell und defensiv. Sie entschied sich für ersteres und je mehr sich der Türspalt weitete, desto mehr bereute sie es, überhaupt erst in den Keller gefahren zu sein.
Es waren nicht die klischeehaft mit Bambusstäben und Papierschirmchen behangene Strandbar, die mitten im Raum stand oder die zentimeterdicke Sandschicht, die quer über den Fußboden verstreut war, die sie zu dieser Einsicht bewegten.
Es war der Anblick von Professor Dementor in einem bunten Hawaiihemd und Shorts, die sie erschaudern ließen.

"Ich hatte zu dem Zeitpunkt eigentlich schon völlig vergessen, dass er noch für mich arbeitete."

"Ah, die Königin ist von ihrem Thron herabgestiegen um das Fußvolk zu begrüßen. Möchten sie etwas trinken?"
"Nein, danke," antwortete Shego. "Das ist aber eine Menge Sand, die sich hier in meinem Keller befindet."
"Naja, ohne Sand, kein Strand." Dementor klappte einen Liegestuhl auf. "Bitte, nehmen sie doch Platz."
"Ich glaube, dass ich das tatsächlich machen werde."
Während Shego sich auf den Liegestuhl setzte, klappte Dementor auch einen für sich aus und nahm ebenfalls Platz.
"Sie haben also meine Nachricht bekommen?" fragte er mit einem freundlichen Lächeln.
"Wäre ich sonst hier?"
"Vermutlich nicht. Sie haben sich in all den Jahren ja nicht einmal nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Aber wie sie sehen können, geht es mir hier ausgezeichnet!" Shego hob skeptisch eine Augenbraue. "Nein, im Ernst. Mir ging es nie besser! Am Anfang, als sie mich...nennen wir es mal 'ausgetrickst' und mich von einem gefürchteten Welteroberer zum Laufburschen degradiert hatten..."
"Ich glaube mich zu erinnern, dass die offizielle Bezeichnung 'Service Manager im Chief Executive Office' war."
"Ja, ganz recht. Service Manager blablabla. Auf jeden Fall war ich damals sehr wütend. Vor allem weil Drakken kaum eine Gelegenheit ausließ um mich herumzuschubsen. Und jedesmal wenn ich kündigen wollte, also wenn ich einfach nicht mehr zur Arbeit erschienen bin, haben mich einige ihrer Handlanger aufgespürt und zurückgebracht. Jedesmal. Egal, wo ich war."
"Ja," sagte Shego mit einem Lächeln, "dafür wurden sie auch bezahlt."
"Und sie waren jeden Cent wert. Aber wie dem auch sei, irgendwann war ich es nicht nur leid ständig wegzulaufen, mir wurde auch klar, dass es das Beste war, was mir je passiert ist! Als Welteroberer war ich ein Versager, aber hier unten war ich König! Ich war das kleine, so unwichtig scheinende Zahnrad im Getriebe dieser Organisation, ohne das nichts mehr funktionieren würde." Dementor stand auf und begann mit großen Gesten zu erklären. "Wenn jemand hier irgendetwas für seine Arbeit brauchte, vom Bleistift zur Büroklammer, musste er zu mir. Und wenn ich mich weigerte es ihm zu geben, konnte er seine Arbeit nicht oder nur langsam erledigen."

"Die meisten liehen sich dann aber einfach ihre Stifte und Büroklammern von ihren Arbeitskollegen."

"Ich fing an, eine Art Netzwerk mit den anderen Versorgungsabteilungen zu gründen. Waffen, Werkzeuge, Computerzubehör, sogar mit den Cafeteria-Angestellten. Das hatte nicht nur den Vorteil, dass ich so quasi die gesamte Organisation nach meiner Pfeife tanzen lassen konnte, ohne dass sie es merkten, sondern auch dass ich über so manche Dinge informiert war, die vor den Augen der Anderen verborgen blieben."

"In diesem Moment verlor ich jegliches Interesse an was auch immer er mir mitzuteilen versuchte. Ich war ohnehin überraschend geduldig, aber sein Geplapper darüber, wie er im Hintergrund die Fäden zog und alles sah und hörte, war genug."

Shego warf einen schnellen Blick auf ihre Armbanduhr.
"Tja, es war schön sie mal wiederzusehen, Dementor, aber ich muss leider wieder los. Die Arbeit ruft. In meiner Position hat man nie Freizeit. Aber das wissen sie ja bestimmt."
Mit Schwung erhob sie sich von ihrem Sitzplatz und ging gerade schnell genug, damit es in den Augen von Dementor nicht als "rennen" durchging, zur Tür.
"Halt, warten sie!" rief er ihr hinterher, als sie gerade die Hand an der Türklinke hatte. "Das sollten sie sich durchlesen." Der Professor drückte Shego ein Blatt Papier in die Hand. "Es könnte ihr Leben retten."
Shego warf einen Blick darauf, doch alles was dort stand, war: "BR-S gugnoi labe zutre alefugnio."
Sie hatte keine Ahnung was es bedeutete und wollte es auch eigentlich gar nicht wissen, also nickte sie kurz dankend und verschwand sofort durch die Tür.
Doch dann gab es da etwas, dass sie noch unbedingt wissen musste. Sie machte nach ein paar Schritten kehrt und öffnete die Tür zu Dementors Keller einen Spalt weit.
"Ich hätte da noch eine Frage," rief sie dort hindurch. "Was hat es mit dem Strandthema auf sich?"
Dementor zuckte mit den Schultern und antwortete trocken: "Gute Frau, heute ist Donnerstag!"
"Oh, natürlich. Mein Fehler."
Sie schloss leise die Tür und stopfte auf dem Weg zum Fahrstuhl Dementors Zettel, zu einem Klumpen zerknüllt, in ihre Hosentasche.

"Ich beschloss erneut zu vergessen, dass er hier arbeitete."

Gleichermaßen gelangweilt wie verstört zog sich Shego in ihr Quartier zurück. Vielleicht, so dachte sie, würde sich etwas interessantes im Fernsehen finden. Doch auch auf diesem Wege war keine längerfristige Ablenkung zu finden. Gerade, als sie dachte, es könnte nicht mehr langweiliger werden, erlöste sie das Telefon.
"Ja?" fragte sie kurz und knapp in den Hörer hinein.
Am anderen Ende meldete sich Tyler: "Hey Mama, gut dass du da bist."
"Konntest es wohl nicht ohne deine Mama aushalten," scherzte Shego. "Du bist so ein Muttersöhnchen."
"Ich gebe meiner Mutter dafür die Schuld. Aber jetzt mal im Ernst, Mama. Ich habe etwas herausgefunden, was dir garantiert den Tag vermiesen wird."
"Und warum erzählst du es mir dann?"
"Wenn ich es dir nicht erzählen würde, könnte es sogar noch ein paar Wochen mehr vermiesen."
Shego hielt eine Sekunde inne um sich auf die schlimme Nachricht vorzubereiten.
"Okay, dann schieß mal los," sagte sie.
"Ich schreibe doch gerade für das Magazin an dieser Serie über spektakuläre Gefängnisausbrüche. Ich bin bei der Recherche auch über den, nach deinem Fünf-Pläne-Plan gestoßen. Du weisst schon, als Bonnie einfach in einer Nacht mal eben so all deine inhaftierten Mitbarbeiter herausgeholt hat. Hast du sie jemals gefragt, wie sie das gemacht hat?"
"Hmmmmm...nö. Ed hat mal erwähnt, dass sie einfach zur Vordertür herausmarschierten, aber ich dachte, sie hätte vermutlich die Wachen betäubt oder so etwas in der Art. Ich habe da nicht weiter nachgehakt. Du weisst ja in was für einer Verfassung ich zu der Zeit war. Solange das Resultat überzeugend war, hatte mich das 'wie' nicht weiter interessiert. Aber jetzt bin ich neugierig. Wie hat sie es gemacht?"
"Bestechung. Jeder einzelne Mitarbeiter hat einen Scheck mit verdammt vielen Nullen von ihr bekommen."
"Hat sie die Leute wenigstens aus ihrer eigenen Tasche bezahlt?"
"Nun, ihre und die Tasche ihres Mannes."
"Was geht es mich dann an? Hat sie eben ihr Privatvermögen investiert um sie aus dem Gefängnis zu holen. Da hat sie doch mal Einsatz gezeigt."
"Jetzt warte doch erstmal ab," beschwichtigte sie Tyler. "Als ich das erfahren habe, recherchierte ich noch etwas weiter und scheinbar saß ihre Brieftasche sehr locker. Du erinnerst dich doch noch an den Staubsauger des Verderbens."
"Wie könnte ich den vergessen?"
"Du hast Bonnie doch damals alleine in das Labor geschickt, um die Turbine zu stehlen. Nun, sagen wir mal, sie hat sie nicht gestohlen."
"Sie hat sie gekauft?"
"Für eine ganz schöne Geldsumme."
Shego kratzte sich nachdenklich am Kinn.
"Ich glaube, damit bin ich nicht wirklich einverstanden. Ich habe sie zu einer Schurkin ausgebildet und nicht zu einer exzentrischen Millionärin, die einfach alles kauft, was sie haben will."
"Nein, aber sie war so jemand vor ihrer Ausbildung und scheinbar ist sie irgendwann in alte Verhaltensmuster zurückgefallen. All die Dinge die sie danach für dich stehlen sollte wurden nicht gestohlen, sondern für viel Geld gekauft."
"Tja, sieht so aus, als müssten sie und ich nun getrennte Wege gehen."

"Ich sagte diesen Satz ruhig, aber innerlich war ich am kochen. Ich bin niemand, der die Traditionen des Schurkentums wirklich ernstnimmt. Sind wir mal ehrlich, vieles davon ist nunmal einfach schwachsinnig. Aber ich bin der Meinung, dass Geld für etwas auszugeben, was man auch ganz einfach stehlen könnte, gegen all das geht, wofür das Schurkentum steht. Und dass es meine eigene Schülerin war, die lieber die faule Abkürzung nahm, machte alles nur noch schlimmer für mich."

"Sei aber vorsichtig, wenn du Bonnie damit konfrontierst," sagte Tyler. "Ich habe nämlich noch etwas tiefer in ihren Konten gegraben und scheinbar blieb es nicht bei einmaligen Zahlungen."
"Was soll das jetzt wieder bedeuten?"
"Viele der Wissenschaftler und Forschungseinheiten, denen sie ihre Errungenschaften abgekauft hat, bekamen noch über einen längeren Zeitraum hohe Geldbeträge von ihr überwiesen."
"Und...wofür?" fragte Shego zähneknirschend.
"Forschung. Die sollten irgendetwas für sie erledigen. Und so wie ich Bonnie einschätze, wird es wohl kaum eine Geburtstagsüberraschung für dich gewesen sein."
"Zum Glück. Ich hasse Geburtstagsüberraschungen. Aber ich glaube, ich sollte mich mal so schnell wie möglich um Bonnie und ihre Nacht- und Nebelaktionen kümmern. Hast du vorher noch irgendwelche weiteren schlechten Nachrichten?"
"Nein, aber bis morgen finde ich bestimmt noch etwas."
"Dann gehe ich mal Bonnie aufmischen. Grüße deine Frau von mir und arbeite nicht so viel."
"Ersteres werde ich, letzteres nicht. Sei bitte vorsichtig, Mama."
"Bin ich das nicht immer?" seufzte Shego mütterlich und legte auf, bevor Tyler darauf antworten konnte.
Langsam ging sie zum Schrank, tat einen tiefen Atemzug und öffnete ihn.
"Zu diesem Anlass sollte ich wohl besser in etwas bequemes schlüpfen," sagte sie zu sich selbst und holte einen Koffer aus einem Fach, ganz oben.
Sie legte ihn auf den Boden, öffnete ihn und betrachtete die Garnitur ihrer alten schwarz/grünen Kampfanzüge, die sich darin befand.
"Lang ist's her," sagte sie leise zu sich selbst, während sie den obersten Anzug aus dem Koffer holte und ihn auf Augenhöhe anhob.

"Mir war klar, das Bonnie vermutlich nicht einfach so gehen würde. Ich hatte es gehofft, weil ich zu dem Zeitpunkt einfach keine Lust mehr hatte, mich mit ihr herumzuärgern, aber ich war mir sicher, dass es nicht so einfach war. Dummerweise hatte ich sie in meinen Augen gut ausgebildet. Sicher, sie nutzte ihre Fähigkeiten nicht oft, aber das bedeutete nicht, dass sie keine hatte. Und ich hatte keine Ahnung ob sie sie einsetzen würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie einfach schmollend ihre Koffer packen und aus meinem Leben verschwinden würde, war genau so groß wie die eines Kampfes."

Entschlossen näherte sich Shego Bonnies Quartier. Mit Hilfe ihrer Generalschlüsselkarte öffnete sie die Tür, ohne sich vorher weiter bemerkbar zu machen.
"Klopf, klopf!" rief sie in den Raum hinein.
Niemand antwortete. Shego sah sich ein bisschen genauer um. Sie ging ins Badezimmer, klopfte dort aber vorher an. Dann ging sie ins Schlafzimmer, klopfte dort erst recht an. Sie sah unters Bett, in die Schränke, aber es war niemand ausser ihr da. Sofort ging sie zum nächsten Telefon und wählte #313.
"Hey Computerfuzzies," sagte sie, sobald jemand den Hörer am anderen Ende abnahm. "Lokalisiert mal Bonnie für mich."
"Bonnie wer? Wer ist denn da?" antwortete eine verwirrte Stimme.
Shego seufzte: "Shego. Jetzt lokalisiere Bonnie. Rockwaller-Senior. Sofort."
"Geht klar." Ein kurzer Moment der Stille folgte, bevor sich der Computerfuzzie wieder meldete.. "Okay, hab sie. Sie befindet sich auf der Aussichtsplattform."
Sofort legte Shego auf, lief zum nächsten Fahrstuhl und fuhr zum obersten Stockwerk.
An der Aussichtsplattform angekommen, sah sie sich erstmal verdutzt um. Auch hier war niemand ausser ihr zu sehen. Genervt griff sie erneut zum nächsten Telefon und rief bei den Computerfuzzies an.
"Bonnie ist nicht hier! Was erzählst du mir da für einen Mist!?"
"Einen Augenblick," sagte ihr Gesprächspartner ruhig. "Nein, laut meinen Anzeigen ist sie immer noch auf der Aussichtsplattform."
"Ist sie nicht!"
"Sie verstehen mich falsch. Sie ist wirklich auf der Aussichtsplattform. Draussen, auf dem Dach."
Verdutzt sah Shego an die Zimmerdecke.
"Im Ernst?"
"Ja. Bonnie, ihr Mann und noch ein paar andere Personen. Alle auf dem Dach."
"Kannst du sehen, was die da machen?"
"Leider nicht. Wir sind ja für alle Satelliten da oben unsichtbar. Leider können wir uns selber auch nicht sehen."
Shego legte den Hörer auf und sagte zu sich selbst: "Alles muss man hier selber machen."
Dann ging sie zur Küchenecke und öffnete eine Tür, in einer Nische neben dem Kühlschrank. Dahinter verbarg sich ein kleiner Raum, dessen einziger Zweck die Beherbergung einer sehr steilen Treppe war, welche aufs Dach des Verstecks führte.
Vorsichtig steckte Shego den Kopf nach draussen und sah wie Bonnie, Junior und ein Mann im Laborkittel zwei weiteren Männern dabei zusahen, wie sie des starken Windes, der in dieser Höhe herrschte zum Trotz, eine Art Antenne auf dem Dach montierten.
"Ich wusste nicht, dass unser Fernsehempfang so schlecht ist!" rief Shego in die Runde. "Aber kein Wunder. Über diese Dinger kann man doch schon seit Jahrzehnten keine Sender mehr empfangen."
Während der Rest der Anwesenden den unerwarteten Zuschauer erschrocken ansah, schien Bonnie ziemlich erfreut über Shegos Besuch zu sein.
"Schön, dass sie es doch noch geschafft haben," sagte sie mit einem Lächeln. "Ich habe sie zwar nicht eingeladen, aber ich war mir sicher, dass sie trotzdem rechtzeitig auftauchen würden."
Shego verschränkte ihre Arme.
"Rechtzeitig wofür?"
"Zur Ausführung meines Plans, natürlich."
"Ich kann mich nicht daran erinnern, dir die Ausführung eigener Pläne erlaubt zu haben. Aber erzähle erstmal weiter."

"Ich dachte mir, feuern konnte ich sie danach immer noch."

Bonnie deutete auf den mittelgroßen, grauhaarigen Mann im Laborkittel.
"Darf ich vorstellen, Professor Platzhaltername."
Shego ignorierte den Professor mit dem komischen Namen, welcher ohnehin eher damit beschäftigt war, seinen Mitarbeitern Anweisungen zur Installation der Antenne zu geben.
"Was ist das?" fragte sie.
"Das," sagte Bonnie stolz, "ist ein Blitzleiter."
"Du meinst Blitzableiter. Und so einen haben wir schon."
Bonnie stöhnte genervt.
"Nein, ich meine Blitzleiter. Wenn das ein Blitzableiter wäre, hätte ich das auch gesagt."
Sofort nahm Junior seine Frau in die Arme und küsste sie auf die Stirn.
"Nicht aufregen, Liebste. Nicht so kurz vor dem Ziel," säuselte er.
"Wie könnte ich mich in deinen starken Armen aufregen," säuselte sie zurück, woraufhin Shego beschloss, die traute Zweisamkeit mit einem lauten Würgegeräusch zu unterbrechen.
Sogar Professor Platzhaltername drehte sich angesichts der Lautstärke des Würgens zu Shego um.
"Sorry," sagte diese. "War etwas lauter als erwartet. Aber was macht dieses Ding?"
Der Professor räusperte sich und wollte diese Frage gerade beantworten, als ihm Bonnie ins Wort fiel.
"Tut mir leid, Professor, aber wenn sie es erklären, sitzen wir noch bis morgen hier. Nun, der Blitzableiter manipuliert das Wetter..."
"Schon wieder Wettermanipulation? Fällt euch denn nichts anderes mehr ein?" seufzte Shego.
"Das hier ist neu. Wir verursachen Gewitterstürme..."
"Gäääääääääääähn!"
Bonnie versuchte unbeirrt fortzufahren.
"Gewitterstürme an jedem beliebigen Punkt der Erde..."
"Doppel-Gähn."
"Egal wo."
"Gähn, gähn, gähniegähn."
"Mit diesen Gewittern sind wir in der Lage..."
"Gä-hähn, gähngähngähn. Hey, jetzt habe ich es endlich so oft gesagt, dass es sich ganz anders anhört. Gähn. Klingt wie ein völlig neues Wort."
Jetzt explodierte Bonnie regelrecht.
"Lassen sie mich gefälligst ausreden! Mit dem Ding können wir gezielt Blitze schleudern! Auf was oder wen immer wir wollen! Überall auf der Welt!" schrie sie mit einer schrillen Stimme.
Shego lächelte sie an.
"Du hast recht. Das ist mal etwas anderes." Dann verschwand das Lächeln schlagartig. "Aber rede nie wieder so mit mir." Sie sah sich den Blitzleiter etwas genauer an. "Also, gezielte Blitze überall auf der Welt? Damit könnte man schon einen ganz schönen Schaden anrichten."
"Man kann die Blitze sogar auf ganz bestimmte Personen richten," merkte Bonnie an.
"So so. Perfekt für die eine oder andere Erpressung."
"Oder Rache."

"Dann wurde mir schlagartig klar, worum es hier ging."

"Rache, sagst du? Du meinst, du willst eine bestimmte, rothaarige Ex-Cheerleaderin aus sicherer Entfernung mit einem Blitz erledigen?"
"Ja, das ist im Großen und Ganzen mein Plan."

"Das konnte ich einfach nicht zulassen."

"Da fällt mir wieder ein, warum ich eigentlich hier raufgeklettert bin," sagte Shego ruhig. "Pack deine Sachen, Bonnie. Du bist gefeuert. Ich will dich hier nie wieder sehen."
Bonnie flüsterte erst schockiert: "Was?" nur um dann ein lautes, wütendes: "Warum!?" hinten dran zu hängen.
Langsam ging Shego auf sie zu.
"Erstens gehst du mir unglaublich auf die Nerven, mit deinem ständigen Gejammere. Zweitens hast du hinter meinem Rücken gearbeitet. Und drittens..." Sie näherte sich Bonnies Gesicht, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten und sah ihr fest in die Augen. "Drittens gibt es nur einen Menschen, der Kim erledigen darf. Und das bin ich. Und ich werde sie garantiert nicht wie ein Feigling von einem sicheren Versteck aus erledigen, sondern von Angesicht zu Angesicht." Sie näherte sich mit ihrem Mund Bonnies Ohr und flüsterte: "Jetzt verschwinde."
Anstatt der Anweisung Folge zu leisten, packte Bonnie blitzschnell Shegos Arm, sprang über sie hinweg und hielt ihn auf dem Rücken fest.
"Ich gehe nirgendwo hin," sagte Bonnie.
Die Schmerzen in ihrer Schulter ignorierend erwiderte Shego nur cool: "Es freut mich, dass du mein Training doch nicht vergessen hast. Aber ich zähle jetzt bis drei und wenn du mich dann nicht losgelassen hast, hagelt es Aua. Eins...ach, egal."
Mit einer Bewegung, die zu schnell war um sie hier zu beschreiben, befreite sich Shego aus dem Griff ihrer ehemaligen Praktikantin und streckte sie mit einem gezielten Tritt zu Boden.
"Wenn du mir einen Gefallen tun willst, Bonnie, dann steh jetzt einfach auf und geh. Wenn du mir aber einen wirklich großen Gefallen tun willst, dann steh auf und kämpfe mit mir."
Mit einem Sprung stand Bonnie wieder auf den Beinen und warf sich in Kampfpose: "Dann tue ich dir doch mal den Gefallen. Der alten Zeiten wegen."
Ein wilder Kampf entbrannte. Arme und Beine bewegten sich aufeinander zu, Schläge und Tritte wurden verteilt und abgeblockt.

"Sie war gut. Sehr gut sogar. Aber ich hatte sie ja ausgebildet."

Die erste Runde endete mit einer kleineren Niederlage für die Lehrerin. Bonnie hatte es tatsächlich geschafft sie so hart zu treffen, dass Shego quer über das Dach rutschte und erst vor Juniors Füßen zum Stillstand kam.
Während sie sich langsam wieder aufrappelte, sagte er ihr leise: "Tut mir leid. Das kommt nicht von mir. Ich habe auch nicht wirklich etwas gegen Kim, aber Bonnie kann sehr nachtragend sein und hat sich da seit ihrem Schulabschluss ganz schön hineingesteigert. Um ehrlich zu sein, finde ich nicht richtig, was sie da mit ihr vorhat. Ich wüsste nicht was Kim ihr je getan hätte, um das zu verdienen. Aber sie ist nunmal meine Frau und ich sollte sie unterstützen."
"Kein Problem," antwortete Shego, während sie sich erneut kampfbereit machte. "Aber du solltest mich jetzt auch angreifen, um keinen Ärger mit ihr zu bekommen."
"Oh, du hast Recht. Clever."
Junior stürzte sich sofort auf Shego, doch so unbeholfen wie er war, war es für sie ein Leichtes ihn wie geplant zu greifen und auf Bonnie zu schleudern.

"Es mag vielleicht nicht so aussehen, aber ich wollte tatsächlich nicht, dass Junior Ärger mit Bonnie bekommt. Dass ich ihn als Wurfgeschoss benutzte, galt größtenteils dem Realismus dieser Täuschung. Überhaupt ein Wurfgeschoss zu haben, war nur ein angenehmer Nebeneffekt."

"Hast du dir wehgetan, Schatzi?" fragte Bonnie besorgt, als sie unter ihrem Mann hervorkletterte.
"Nein, alles in Ordnung. Und du?"
"Jetzt, wo ich weiss, dass es dir gut geht, geht es auch mir wieder gut." Schlagartig schlug Bonnies Stimmung um. "Aber ich bin unglaublich sauer auf dich!"
"Wa...warum denn?"
Erneut änderte sich ihre Stimmung. Sie half Junior hoch und warf sich ihm verliebt in die Arme.
"Du sollst dich doch nicht für mich in Gefahr begeben. Und so mutig es auch war, zur selben Zeit war es auch sehr dumm Shego anzugreifen."
Ein lautes Räuspern unterbrach die traute Zweisamkeit. Bonnie drehte sich um und sah Shego ungeduldig mit ihrer Fußspitze auf den Boden tippen.
"Können wir wieder?" fragte sie.
"Du bist doch nur neidisch, weil dein Freund gegen meinen Ehemann komplett abstinkt."
Für diese Bemerkung fing sich Bonnie sofort Eine.

"Drakken hatte innere Werte. Und auch wenn ich oft an seiner Intelligenz zweifelte, hatte er immer noch mehr im Kopf als Junior. Das sage ich als jemand, der Junior eigentlich ganz gut leiden konnte."

Der Kampf ging weiter. Es war sehr schwer auszumachen, wer ihn gewinnen würde. Jedes mal, wenn eine der beiden Frauen die Oberhand hatte, dauerte es nicht lange, bis sich das Blatt für sie wendete.
So ging es eine ganze Zeit lang hin und her, bis nach einer groben Viertelstunde ununterbrochenem Kämpfens, Professor Platzhaltername das Treiben unterbrach.
Er tippte Bonnie, die Shego gerade im Schwitzkasten festhielt auf die Schulter und sagte unbeeindruckt: "Entschuldigung, aber wir wären dann soweit."
"Das wurde aber auch Zeit," sagte Bonnie verärgert und ließ ihre Gegnerin auf den Boden fallen. "Ich kann also sofort meine Rache vollziehen?"
"Wenn sie es so ausdrücken wollen, ja," sagte der Professor schulterzuckend.
Shego blieb schwer atmend auf dem Boden sitzen und beobachtete die Unterhaltung der Beiden.

"Ich hätte es damals nie zugegeben, aber ich spürte in diesem Moment zum ersten Mal mein Alter. Bonnie hielt mich ganz schön auf Trab. Sie war nicht sehr viel jünger als ich, aber jung genug um mir Probleme zu bereiten."

"Gab es schon einen Testlauf," fragte Bonnie.
"Zweifeln sie an meiner Arbeit?"
"Sagen wir eher, wenn es um Kim Possible geht, sollte man ganz sicher sein. Die Frau hat das Glück immer auf ihrer Seite. Wir sollten kein Risiko eingehen." Bonnie warf einen Blick auf Shego, die langsam vom Boden aufstand. "Wie hoch ist die Zielgenauigkeit des Blitzes?"
"Bis auf 0,05mm. Sie könnten eine Erbse in einem Kiesbett treffen. Selbst wenn sie sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt."
"Das wollen wir mal sehen." Bonnie zückte ein Handy und drückte eine Schnellwahltaste. "Hey Computerfuzzies, die Show geht los! Richtet den...besonderen Satelliten auf Shego aus."
"Was!? Du hast die Computerfuzzies auf deiner Seite?!" rief Shego schockiert.
"Ja, das habe ich. Und wenn du aus dem Weg bist, gehört mir auch der Rest deiner Untergebenen. Ich hoffe, ich muss ihnen nicht so viel bezahlen, wie den Computerfuzzies. Nicht dass du sie schlecht bezahlen würdest, aber meine Gehaltsvorstellungen waren sehr überzeugend. Nun ja, ich bin sehr reich," sagte Bonnie stolz.
"Du meinst, dein Mann ist sehr reich."
"Ja, spotte nur, aber du wirst gleich vom Blitz erschlagen."
"Nicht wenn ich dich vorher erwische."
Sofort sprang Shego auf Bonnie zu und riss sie zu Boden. Ein weiterer Kampf entbrannte.
Diesmal waren beide Frauen wild entschlossen, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Egal auf welche Art.
Und leider war es Bonnie, die den Kampf mit einem kurzen, aber sehr heftigen Tritt gegen die Kniescheibe ihrer Kontrahentin vorzeitig beendete.

"Keine Sorge. Nachdem man mir ein neues Gelenk eingesetzt hatte, war mein Knie nur ein paar Monate später so gut wie neu."

Während Shego vor Schmerz schreiend auf dem Boden lag, widmete sich Bonnie wieder ihrem Handy.
"Seid ihr noch dran? Und wenn ja, habt ihr alles eingerichtet?"
"Wir sind noch da, aber es gibt ein kleines Problem. Shego ist auf dem Dach und dieses Gebäude wird eigentlich aus Sicherheitsgründen von der weltweiten Satellitenüberwachung abgeschirmt."
"Das bedeutet?"
"Der Satellit für den Blitzleiter kann sie nicht lokalisieren. Uns bleiben vier Optionen. Sie bringen sie woanders hin."
"Das ist zu umständlich."
"Sie suchen sich eine andere Person als Zielobjekt."
Bonnie sah Shego hämisch grinsend an.
"Das würde ich jetzt gerade nur sehr ungern tun."
"Dann könnten wir den Blitzleiter mit unserer lokalen Ortungseinheit, durch die wir jeden hier im und auf dem Gebäude orten können, verbinden. Aber das würde einige Stunden in Anspruch nehmen."
"Zu lang. Was ist die vierte Option?"
Der Computerfuzzie zögerte einige Sekunden.
"Wir...könnten die Satellitenblockierung kurzzeitig abschalten."
"Das klingt doch gut. Tut das."
"Ich weise sie aber darauf hin, dass wir dann plötzlich auf allen Überwachungssatelliten erscheinen werden. Zwar nur so lange, bis wir die Blockierung wieder initialisiert haben, aber wer nach uns sucht, könnte uns in dieser kurzen Zeit entdecken. Und es besteht natürlich das Risiko, dass es beim Neustart Probleme gibt und wir länger sichtbar bleiben."
"Das Risiko gehe ich ein. Sobald wir den Testlauf beendet haben, ist Kim dran. Das wird nicht lange dauern." Sie wandte sich kurz zu Junior, der Shego mit einem sichtbar unwohlen Gefühl im Bauch anstarrte. "Liebling? Sei so nett und packe unsere Koffer, während ich hier unsere Feinde vernichte."
"Ist gut, Liebling," seufzte er und verschwand durch die Luke ins Innere des Verstecks.
"Also, ihr Computerfuzzies schaltet auf mein Zeichen die Blockierung aus und die Lokalisierung ein. Sind sie bereit, Professor?"
Der Professor winkte mit einer großen, von Knöpfen und Schaltern übersähten Fernsteuerung, dessen oberes Drittel aus einer modernen Anzeige bestand.
"Sobald sie lokalisiert ist, kann ich loslegen."
"Gut, dann tut euren Job, Computerfuzzies."
"Satellitenblockierung ausgeschaltet," seufzte Bonnies Gesprächspartner am Telefon. Zwei Sekunden später fügte er hinzu: "Der Satellit hat sie lokalisiert."
Die Fernsteuerung des Professors piepte zwei mal kurz.
"Ziel lokalisiert," bestätigte er. "Initiiere Blitzleitung."
Die Antenne, die er seine beiden Handlanger auf dem Dach montieren ließ, fing bedrohlich zu brummen an.
"Wie lange wird es dauern, bis der Blitz einschlägt?" fragte Bonnie.
"So circa 10 bis 15 Sekunden."
"So lange?"
"Hey, wir manipulieren hier das Wetter. Da sind 10 bis 15 Sekunden verdammt schnell!"
Die Antenne schoss mit einem lauten Knall einen gleissenden Lichtstrahl in den Himmel. Unverzüglich bildeten sich dunkle Wolken.
"Und wir sind hier wirklich sicher?"
"Wir haben es hier mit einem durch und durch kontrolliertem Blitzschlag zu tun. Wenn sie nicht in direktem Hautkontakt mit der Zielperson stehen, sind wir sicher. Apropos. Jede Sekunde wird es passieren."
Kaum hatte er das gesagt, sprang Shego auf. Die unerträglichen Schmerzen, die ihre zertrümmerte Kniescheibe verursachte, ließen sie zwar laut aufschreien, doch sie ließ sich von ihnen nicht aufhalten. Zielstrebig lief sie auf den Blitzleiter zu. Jeder zweite Schritt verschlimmerte die Schmerzen nur, doch verglichen mit dem, was auf sie warten würde, wenn sie einfach nur auf dem Boden liegen geblieben wäre, war das in ihren Augen durchaus akzeptabel.
Bonnie, der Professor und seine zwei Handlanger, beobachteten diese unerwartete Handlung fassungslos. Es passierte zu plötzlich um einzugreifen.
Als sie nah genug dran war, sprang Shego mit einem weiten Satz auf die Blitzleiter-Antenne und klammerte sich daran fest. Keine Sekunde später fuhr der erwartete Blitz vom Himmel und traf Shego mit der versprochenen Präzision.
1,21 Gigawatt flossen für den Bruchteil einer Sekunde durch ihren Körper, wanderten aber sogleich durch die Antenne, die sie umklammerte, weiter durch die Strom- und Datenkabel, die das gesamte Versteck durchliefen.

"Dank einer sehr schlampigen Installation des Blitzleiters, flogen im ganzen Berg Sicherungen heraus, explodierten Glühbirnen und Computer fingen an zu qualmen, bevor der Notstrom ansprang. Das war nicht wirklich mein Plan. Ich suchte nur verzweifelt etwas, um den Strom durch mich hindurch zu leiten. Es funktionierte überraschend gut und hatte einen interessanten Nebeneffekt."

Shego war nicht lange ohnmächtig. Nur ein paar Sekunden. Aber als sie die Augen öffnete, war alles um sie herum grün. Es kümmerte sie nicht weiter. Sie dachte einfach, dass man nunmal komische Farben sieht, nachdem man vom Blitz getroffen wurde. Langsam fing sie an, sich wieder bewusst auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Nicht weit von ihr entfernt, sah sie wie Bonnie wütend den Professor anschrie. Sie konnte nicht verstehen, was sie sagte, da ein lautes Piepen in ihren Ohren jedes andere Geräusch übertönte, aber es war ihr egal. So wie sie Bonnie kannte, wusste sie, dass Professor Platzhaltername nun als Sündenbock für Shegos Handlung herhalten musste.
Sie versuchte langsam aufzustehen, als ein stechender Schmerz in ihrem Knie sie an dessen Verletzung erinnerte. Sie sah an sich herunter, um die Bescherung zu betrachten, da bemerkte sie, dass es nicht die Schuld ihrer Augen war, dass sie alles grün sah. Shegos ganzer Körper war in eine einzige grüne Flamme gehüllt.
"Oh, das ist neu," sagte sie zu sich selbst.
Instinktiv wusste sie, dass sie ihre neu gewonnene Kraft nur zu einem Zweck einsetzen sollte.
"Bonnie!" rief sie.
Bonnie drehte sich um und erschrak, als sie Shego nicht nur noch lebend, sondern auch in ein grünes Licht getaucht vorfand.
"Oh, du...du lebst noch?"
Shegos Gehör funktionierte mittlerweile wieder gut genug, um zu verstehen, was sie sagte.
"Sieht so aus. Du kannst eben nichts richtig machen."
Gerade wollte Bonnie darauf etwas erwidern, da wurde sie frontal von einer grünen Flamme getroffen und rutschte über das Dach. Kaum zum Stillstand gekommen, wurde sie auch schon von einem Strahl getroffen, der sie wie ein Lasso umschlang und hoch in die Luft trug.
"Das ist auch neu," lachte Shego und ließ die vor Angst schreiende Bonnie aus der großen Höhe in der sie sich befand, hart vor ihre Füße aufschlagen.
Dann erlosch die Flamme um Shegos Körper. So, als ob sie ihre komplette, neu gewonnene Energie aufgebraucht hätte.

"Ich konnte meine Kräfte nie wieder in diesem Ausmaß aktivieren. Man muss kein Genie sein um zu wissen, dass ich dafür wohl einen erneuten Blitzschlag gebraucht hätte."

Shego beobachtete die Atembewegungen der bewusstlosen Bonnie für eine Weile.
"Hast Glück, dass dein Ehemann ganz okay ist und er dich aus irgendwelchen Gründen wirklich liebt." Ein plötzlich einsetzendes Handyklingeln, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Professor und seine zwei Gehilfen, die sie verängstigt ansahen. "Werft mir mal das Handy rüber und dann verschwindet so schnell, wie ihr könnt."
Die Gruppe tat wie ihnen befohlen wurde. Sowohl was das Handy, als auch was das Verschwinden betraf.
Shego nahm währenddessen das Telefongespäch an.
"Hallo?"
Aufgeregt schrie einer der Computerfuzzies in den Hörer: "Die Computer sind alle abgestürzt! Wir sind klar und deutlich auf den Satellitenbildern zu sehen! Und das Letzte was unsere Überwachung aufgefangen hat war ein Funkspruch von Globale Gerechtigkeit. Sie sind auf dem Weg hierher! Wir verschwinden hier und sie sollten es auch!"
Mit einem Seufzen warf sie das Telefon vom Dach und humpelte auf die Einstiegsluke zu. Nachdem sie es irgendwie die Treppe hinunter geschafft hatte, kam ihr Junior entgegen.
"Oh nein, du hast sie doch nicht..."
"Nein, habe ich nicht, aber wenn ich dir einen Rat geben darf, bleib an ihrer Seite, aber bewege sie nicht von der Stelle. So etwas wie ärztliche Hilfe ist auf dem Weg."
"Danke. Und...entschuldigung."
Sofort lief er die Leiter hinauf um seiner Frau beizustehen.
Shego hüpfte zum Fahrstuhl, welcher, wie sie an der Anzeige erkennen konnte, sich gerade auf dem Weg nach oben befand. Als sich endlich die Tür öffnete, sprang ihr Drakken in die Arme.
"Shego! Ich bin ja so froh, dass es dir gut geht! Riecht es hier verbrannt?"
"Das bin ich. Erkläre ich dir später. Pass bitte auf mein Knie auf."
Mit Tränen in den Augen ging Drakken einen Schritt zurück und flüsterte: "Du...du bist verletzt?"
"Jetzt mach hier keinen auf Weichei. Wir sollten ganz dringend von hier verschwinden." Während sie auf einem Bein in den Fahrstuhl hüpfte, fragte sie: "Warum bist du eigentlich hier oben?"
"Junior hat mir gesagt, dass du in ernster Gefahr schwebst und ich sofort aufs Dach kommen soll."
"So ernst war es auch wieder nicht."
"Aber...dein Knie. Und der Brandgeruch."
"Alles halb so wild. Jetzt müssen wir erstmal so schnell wie möglich zum Parkdeck."
Als der Fahrstuhl dort ankam, erwartete sie Professor Dementor.
"Ah, gut zu wissen, dass sie noch am Leben sind." sagte er. "Meine Nachricht hat ihnen wohl dabei geholfen."
"Was für eine Nachricht?"
"Na, der Zettel, den ich ihnen gegeben habe."
"Da stand doch nur sinnloses Kauderwelsch drauf."
"Nur für das unwissende Auge. Ich wusste, was Bonnie vorhat, konnte aber weder riskieren sie direkt darauf anzusprechen, noch dass jemand anderes ausser ihnen den Zettel liest. Die Computerfuzzies hätten mich ja überwachen können. Also habe ich ihn in einer von mir entwickelten Geheimsprache verfasst."
"Und woher hätte ich die Übersetzung wissen sollen?"
Dementor hielt kurz inne und kratzte sich am Kinn.
"Sehr guter Einwand. Aber hey, sie leben noch."
"Aber nicht dank ihnen!"
"Zählt der gute Wille denn gar nicht?"
"Gut," seufzte Shego, "sie haben Recht. Können sie für mich jetzt eben noch einen Auftrag erledigen?"
"Aber natürlich. Ich muss meinen Fehler ja wieder gutmachen."
"Rufen sie einen Code 65 aus. Und zwar in unserer Sprache."
"Code 65, verstehe. Mit Bonnie?"
"Mit wem sonst," antwortete Shego mit einem Lächeln. "Wir sind dann weg. Vermasseln sie es nicht!"
"Werde ich nicht."
Dementor salutierte und machte sich auf den Weg zur nächsten Sprechanlage, um den Code 65 auszurufen.
Als Drakken ihr kurze Zeit darauf half in den Fluggleiter zu steigen, fragte er Shego wehmütig: "Das bedeutet wohl, dass jetzt alles vorbei ist, oder?"
"Ja, so sieht es im Moment wohl aus. Aber an diesem Punkt stehen wir ja nicht zum ersten Mal in unserem Leben. Komm, steig ein und flieg endlich los."
"Wohin denn eigentlich," fragte Drakken als er sich auf den Pilotensitz fallen ließ.
"Ein Krankenhaus wäre ganz gut. Ich bin ja nicht gerade empfindlich, aber ein Arztbesuch wäre wohl im Moment angebracht. Doch versuche vorher eine Telefonzelle zu finden. Ich möchte gerne Tyler sagen, dass alles in Ordnung ist. So ganz nebenbei, wie lief eigentlich dein Pokerspiel."
"Bitte fang jetzt nicht davon an."
"Ich hoffe, du hast nicht zuviel verloren."
"Ich sagte gerade, du sollst jetzt nicht davon anfangen."
Drakken startete den Gleiter und flog durch einen geheimen, unterirdischen Tunnel in Freiheit. Das Letzte, was sie hörten, war eine Lautsprecherdurchsage von Dementor.
"Achtung, an alle Mitarbeiter! Es gilt Code 65! Dies ist keine Übung! Code 65, für Bonnie Rockwaller-Senor! Ich wiederhole, Code 65, für Bonnie Rockwaller-Senor! Dies ist keine Übung."

Die 99 Jahre alte Shego trank einen Schluck Wasser, bevor sie fortfuhr.
"Code 65 bedeutete, dass die Organisation mit sofortiger Wirkung aufgelöst wurde und dass alle, die nicht ins Gefängnis wandern wollten, sofort fliehen sollten. Mit Ausnahme einer größeren Gruppe von Mitarbeitern, die extra dafür bezahlt wurden um sich verhaften zu lassen und alles auf einen Sündenbock zu schieben. Und Bonnie hatte sich als Sündenbock regelrecht empfohlen. Das war natürlich ein sehr riskanter Schachzug, schließlich hätte es ja sein können, dass Bonnie überzeugendere Argumente vorzuweisen hatte, als mein Code 65 Team, aber alles klappte wie am Schnürchen. Jeder, auch die Mitarbeiter, die eigentlich nicht zu den Code 65ern gehörten und verhaftet wurden, weil sie einfach nicht schnell genug fliehen konnten, sagten aus, das Bonnie das kriminelle Genie war, das die Organisation am laufen hielt, wofür sie natürlich eine angemessene, finanzielle Entschädigung von mir erhielten. Sicher, sie behauptete dass ich hinter allem steckte, doch es gab mehr Aussagen die bestätigten, dass ich nur ein Helferlein war. Der Nachteil von Code 65 war natürlich, dass alle laufenden Operationen abgebrochen werden mussten. Obwohl wir es damals sehr weit geschafft hatten, beherrschten wir die Welt zu diesem Zeitpunkt also immer noch nicht. Während des folgenden Aufenthalts in einem streng geheimen Schurkenkrankenhaus, beschlossen Drakken und ich uns zur Ruhe zu setzen. Wir wollten unseren Lebensabend nicht damit verbringen, einem Traum nachzujagen, den wir vielleicht nicht mehr genießen konnten. Also zogen wir uns, inspiriert von Miranda und Tyler, in ein Häuschen am Waldesrand zurück, wo uns niemand belästigte. Es gab nicht eine Sekunde, in der wir es bereut hätten. Apropos Miranda und Tyler. Sie sind seit kurzem stolze Großeltern. Schade, dass Drakken das nicht mehr miterleben kann. Und Quint und Ed haben nie geheiratet, lebten für den Rest ihres Lebens aber glücklich zusammen. Vinnie, Junior und Big Mike mussten nach dem Code 65 natürlich ihre Fast Food Kette schließen, aber sie haben sich nicht beschwert. Arbeiten war eh nicht so ihr Ding und sie hatten genug Geld angehäuft um eben dies nicht mehr tun zu müssen. Ausserdem heirateten sie kurz darauf die Drillinge, denen das 'Bueno Nacho' Imperium gehörte. Aber eigentlich hatte ich nicht mehr viel mit ihnen zu tun. Ich sah sie hin und wieder mal an Feiertagen. Tyler lud sie jedesmal ein. Schließlich waren sie seine drei Onkel. Ich habe keine Ahnung, was Dementor machte. Damals, auf dem Parkdeck, sah ich ihn zum letzten Mal und seitdem war er wie vom Erdboden verschluckt. Okay, ich habe auch nie nach ihm gesucht, aber er schien sich bedeckt zu halten. Bonnie verbrachte viel Zeit hinter Gittern. Immerhin verdankte sie ihrem Reichtum, dass sie ihre Zeit nicht in einem normalen Gefängnis absitzen musste. Dieses sogenannte "Privilegierten-Gefängnis" hatte weniger Privilegien, als der Name vermuten ließ, aber eines davon war, dass Ehepaare sich eine Zelle teilen durften. Mit Juniors Liebe und einer lang andauernden Gruppentherapie, vergaß sie ihre Rachepläne gegenüber Kim und mir und verbrachte nach ihrer Entlassung ihr Leben so, wie sie es immer wollte. Mit Einkaufsbummeln, Sonnenbädern und Partys." Shego sah einige Sekunden nachdenklich an die Zimmerdecke. "Das war's. Das war mein ganzes Leben. Es sei denn, ihr wollt noch Geschichten aus meinem Ruhestand hören, aber das Aufregendste war der eine Abend, an dem es eine Tornadowarnung gab und wir uns im Keller versteckten. Der Tornado kam übrigens nicht."
Julian lächelte seine Interviewpartnerin an.
Nein, besten Dank. Sieht so aus, als wären wir fertig."
Shego dachte kurz nach.
"Es ist lange her, dass mir jemand gedankt hat. Ich habe in meinem Leben auch nicht viele dankenswerte Dinge getan."
"Darf ich ihnen vielleicht doch noch eine Frage stellen?"
"Ich dachte, wir wären fertig?"
"Tut mir leid. Es ist wirklich nur noch diese eine Frage."
Shego sah auf die Uhr. Es war kurz vor 7:00 Uhr am Morgen.
"Dann schieß mal los," seufzte sie.
"Hat es sie jemals gestört, dass sie es nie geschafft haben, die Welt zu beherrschen?"
"Wer sagt, dass ich die Welt nicht beherrsche?"
Julian und Washington warfen sich einen kurzen, verwirrten Blick zu.
"Wie meinen sie das?"
Anstatt diese Frage zu beantworten, erhob sich Shego aus ihrem Rollstuhl und verließ laut lachend das Zimmer.
Zurück ließ sie zwei ratlose Männer, die sich fragten, ob sie tatsächlich die Welt beherrschen würde und wieviel von dem, was sie ihnen in den letzten paar Tagen erzählte, tatsächlich der Wahrheit entsprach. Sie fanden es nie heraus, aber dass sie, als sie nach Hause kamen, jeweils eine große Statue von Shego in ihrem Vorgarten fanden, gab ihnen zu denken. Genau so wie die Tatsache, dass sie in den nächsten 20 Jahren keinerlei Geld für ihren Internetanschluss bezahlen mussten. Obwohl sie das zugegebenermaßen sehr freute.
Als der Film schließlich Premiere feierte, verursachte er weniger Wirbel als erwartet. Die Kritiken waren grötenteils positiv, aber das Publikum ignorierte ihn. Julian und Washington erhielten einen Tag nach dem offiziellen Kinostart eine Vorladung zu einer Anhörung im Hauptquartier von Globale Gerechtigkeit, wurden zu ihrer eigenen Überraschung aber nur zwei Tage später wieder ausgeladen, ohne dass man ihnen auch nur eine Frage stellte. Von da an beschlossen die beiden Filmemacher, einfach nicht mehr weiter darüber nachzudenken und widmeten sich weiteren Projekten.
Und Shego? Von ihr sah oder hörte man nie wieder etwas. Es war, als ob sie in dem Moment, in dem sie das Hotelzimmer verließ, aufhörte zu existieren.

ENDE