Kapitel 8

Nur ein Kuss

Shego erzählte weiter.
„Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, verursachte die Geschichte mit dem Lastwagen ein regelrechtes Hochgefühl in meinen Geschwistern und mir. Wir fühlten uns fast unbesiegbar. Naja, Vince holte uns immer rechtzeitig auf den Boden zurück, bevor wir zu sehr abhoben. Auch in den nächsten Nächten konnten wir immer eingreifen, bevor es zu spät war. Team Go hat Überfälle und Gewaltverbrechen verhindert, sorgte für Ordnung, wo sich kein Polizist hin traute und nahm sich auch manchmal die Zeit, um nur ein Kätzchen vom Baum zu retten. Wie es bei Superhelden so üblich ist, hat uns ein Teil der Bevölkerung bewundert, ein Teil, und nicht nur der kriminelle Teil, gehasst und ein weiterer Teil unsere Existenz angezweifelt. Unser Selbstbewusstsein hat auf jeden Fall einen gehörigen Schub erhalten. Jeder von uns ist auf seine Weise damit umgegangen. Hego hat sich für alles mögliche freiwillig gemeldet. Schulische und ausserschulische Aktivitäten, wo immer es etwas mal mehr, mal weniger karitatives zu tun gab, war er zu finden. Er hat sogar Mr Pink bei seiner Arbeit als Heimleiter assistiert! Er musste zwar nur Akten sortieren und Kaffee holen, aber er durfte sich dafür dann auch immerhin als „persönlicher Assistent“ bezeichnen. Ich weiss bis heute nicht, wie er es geschafft hat, trotz all der Arbeit auch noch zu trainieren und nachts Go City zu retten. Mego wurde immer ich-bezogener. Innerhalb von Team Go drängelte er sich nie in den Vordergrund. Er hatte verstanden, dass Egotrips in diesem Beruf nur Schaden anrichten können, aber in seinem normalen Leben ging es nur um ihn. Schule, Freizeit, Mädchen, wenn er nicht im Mittelpunkt stand, ging es ihm schlecht. Und ich? Ich gebe zu, ich war nicht sehr viel anders, nur dass es mir egal war, was die Anderen über mich dachten. Das musste es auch, denn meine Haut, die von Mego auch, fing an sich zu verändern. Wir wurden blasser, mit einem Stich der Farbe, unseres Leuchtens. Mego machte daraus eine Art Modetrend. Anfang dieses Jahrhunderts war irgendso ein britischer Sportler mal populär, der war mit einer untalentierten Sängerin verheiratet. Heute erinnert sich niemand mehr an sie, aber wenn der Mann damals einen schlechten Haarschnitt hatte, kopierten ihn die Menschen auf der ganzen Welt. So ähnlich war es bei Mego. Er war angesagt genug, um andere Schüler dazu zu bringen, sich ebenfalls blass-bunt zu schminken. Nur, dass es bei ihm und mir keine Schminke war und Hego aus unerklärlichen Gründen seine normale Hautfarbe behielt. Aber ich schweife ab. Mego musste immer im Mittelpunkt stehen, bei mir war es so ähnlich. Früher bin ich eine ziemlich unauffällige Schülerin gewesen, dann fing ich freiwillig an, bessere Noten zu schreiben. Nur, um es den Anderen zu zeigen. Ich meldete mich in allen möglichen Clubs der Schule an, egal ob cool oder uncool. Beim Debattierclub, dem Schachclub, sogar bei den Cheerleadern. Ich ging dort hin, bestand die Aufnahmeprüfung mit Bravour und wenn alle mich auf Knien angefleht haben, ihrem Club beizutreten, bin ich einfach gegangen und habe mich nie wieder gemeldet. Warum? Weil ich etwas besseres war! Ansonsten will ich euch nicht mit Geschichten aus meiner Schulzeit langweilen. Vince...was ist?“
Shego bemerkte, dass Julian und Washington sie enttäuscht ansahen.
„Also“, sagte Julian zögernd, „wir würden gerne Geschichten aus ihrer Schulzeit hören.“
„Im Ernst?“
„Ja, doch.“
„Okay. Nein.“
Es folgten 10 Sekunden erstaunten Schweigens, bis Julian fragte: „Warum nicht?“
„Schule ist langweilig. Nichts interessantes ist dort passiert.“
Julian rutschte angespannt auf seinem Stuhl herum, als würde er sich zum Weglaufen vorbereiten.
„Gab es wirklich nichts? Noch nichtmal...ihren ersten festen Freund...oder so?“
„Wie bitte?“
Eine kleine Stichflamme glimmte in ihrer Hand auf. Trotzdem wurde Julian plötzlich mutig.
„Das...das Ziel dieses Films ist es, dem Zuschauer Shego als Menschen näher zu bringen, nicht nur als die eiskalte Verbrecherkönigin, als die man sie aus den Nachrichten kennt. Und kaum etwas ist menschlicher als die erste Liebe. Und die erste Liebe findet meistens in der Schule statt.“
Shego antwortete ungewohnt gefasst.
„Ich glaube nicht, dass das jemanden angeht.“
„Das ändert aber nichts daran, dass es viele Menschen hören wollen. Am liebsten wäre ihnen etwas peinliches.“
„Am liebsten wäre mir, wenn ich euch jetzt irgendwelche Schmerzen zufügen würde.“
„Hey, ich mache doch nichts! Er hat gefragt! Ich bediene nur die Kamera“, rief Washington.
„Okay, ich gebe euch eine, kurze, peinliche Geschichte“, seufzte Shego. „Es geht um meinen ersten Kuss.“
„Vielen Dank“, sagte Julian und versuchte dabei, nicht zu breit zu grinsen.
„Wie auch immer. Sein Name war Russell Carpenter. Er war einer von den Menschen, die zwar immer einen guten Spruch auf Lager hatten, sich aber nie wirklich getraut haben, ihn laut zu sagen. Höchstens nur so laut, dass nur die Menschen neben ihn ihn hören konnten. Meistens war ich der Mensch neben ihm. Er saß neben mir, in der letzten Reihe. Der Lehrer war ein merkwürdiger Mensch. Ein strenger Haudegen, dem Anstand und Disziplin über alles gingen. Eines Tages hat Russell mir im Unterricht etwas zugeflüstert. Einen Witz über diesen Lehrer. Ich...kann mich nicht mehr erinnern, was er sagte, aber es muss hervorragend gewesen sein. Ich fing an zu lachen. Russell ebenfalls. Es war peinlich, wir konnten nicht mehr aufhören.“

Langsam näherte sich der Lehrer den beiden Kichererbsen aus der letzten Reihe.
„Was, bitte sehr, ist hier so lustig?“ fragte er mit fester Stimme.
Für eine Sekunde hörte Shego mit dem Lachen auf und sagte: „Nichts“, nur um dann lauthals weiter zu lachen.
Der Lehrer wandte sich zu Russell.
„So, Carpenter, ich gehe davon aus, dass sie auch wegen nichts lachen.“
Russell wedelte wie wild mit den Händen, brachte aber vor Lachen kein Wort heraus. Die Schulglocke ertönte und beendete die Stunde.
„Glaubt nicht, dass die Schulglocke euch rettet. Ihr lacht gerne? Euch wird das Lachen vergehen. Beim Nachsitzen!“

„Russell und ich hatten gar nicht mitbekommen, dass wir nachsitzen sollten. Als dieser Lehrer uns nach Schulschluss am Ausgang abfing, brachte uns unsere Ahnungslosigkeit noch weitere 60 Minuten Nachsitzen ein. In all der Zeit lachte niemand von uns. Aber wir haben gegrinst, wenn er nicht hinsah.“

Nach – auf die Sekunde genau - 120 Minuten Nachsitzen, entließ man Shego und Russell wieder in die Welt, ausserhalb der Schule.
„Hey Shego. Ich muss in die selbe Richtung, kann ich mit dir mit gehen?“
„Warum nicht?“

„Ich hatte mit Russell nie viel zu schaffen. Wir redeten ab und an mal miteinander. Smalltalk. Ihr wisst schon. „Hey, hast du einen Bleistift für mich?“ „Wie geht’s?“ So ein Zeug. Er ging mir nicht auf die Nerven und seine Sprüche waren gut. Das war es dann auch schon.“

„Dieser dumme Mr. Jeser“, sagte Russell. „Nutzt seine Machtposition voll aus.“
„Naja, was nützt einem Macht, wenn man sie nicht ausnutzt?“
„Stimmt auch wieder.“
„Ich hab aber gehört, wir sind ihn bald los.“
„Echt?“
„Ja, er hat ein Angebot von einer anderen Schule. Keine Ahnung wo. Auf jeden Fall nicht hier. Ich hoffe ich, sehe ihn nie wieder, aber bestimmt laufe ich irgendwann in einem „Bueno Nacho“ oder so in ihn hinein.“ „Hm. Zu schade, dass ich seinen Abgang wohl nicht mehr mitbekomme.“
„Warum denn das?“
„Mein Vater hat einen neuen Job bekommen. Wir ziehen um.“
„Oh, wann denn?“
„Nächste Woche schon.“
„Wow. Willst du von hier weg?“
„Nein, Go City ist Klasse. Wir haben hier alles, was man braucht. Es gibt hier 65 „Bueno Nachos“, Kinos, Spielhallen, 27 Einkaufszentren...dich.“
„Ja, Go City ist schon eine was hast du gesagt?“

„Noch bevor ich begriff, was er eigentlich meinte, zeigte er es mir. Er zog mich zu sich heran, zögerte kurz und presste seine Lippen dann auf meine.“ Julian und Washington seufzten gerührt. „Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, kam aber schon der zweite. Russell hatte...nun, er...er war sehr nervös. Und er hatte in der Schulkantine gegessen. Also--“
Washington riss die Augen auf.
„Nein, oder?“
„Doch.“
„Was denn?“ fragte Julian. „Er hat doch nicht etwa...während er sie küsste?“
Shego sah auf den Boden.
„Doch er hat. Während er mir spontan seine Liebe kundtat, indem er mich küsste, rebellierte sein Magen so sehr, dass er sich einmal komplett über mich erbrach.“
Washington wickelte seinen Bart auf seinen Zeigefinger und sagte leise: „Igitt.“

Shego sah an sich herab, während sie sich mehr als angewidert den Mund abwischte.
„Was hast du getan, du Vollidiot!?“ rief sie.
„Shego, tut mir leid, ich--“
„Verschwinde!“
Sie schubste ihn von sich weg. Russell zog seine Jacke aus und wollte seine Angebetete damit säubern, doch Shego verpasste ihm nur einen Schlag in den Magen. Dieses verursachte eine weitere spritzige Entleerung seinerseits.
„Na toll, bist du immer noch nicht leer!? Verschwinde endlich!“
„Aber--“
„Du sollst verschwinden! Lass mich allein! Hau ab!“
Als Russell mit Tränen in den Augen wegrannte, verpasste ihm Shego noch einen Tritt in den Hintern.

„Ich habe ihn nie wiedergesehen. Er machte die nächste Schulwoche wohl blau und dann ist seine Familie ja umgezogen. Ich hatte etwas überreagiert, aber das hätte wohl jeder in meiner Situation. Ich hätte ihn anrufen und mich entschuldigen können, aber so etwas habe ich schon damals nicht gemacht. Das war also die Geschichte. Zufrieden?“ Julian nickte nur mit weit aufgerissenen Augen. „Gut. Dann weiter im Text. Vince leistete wahre Wunder bei der Erziehung der Zwillinge. Versucht mal zwei Kleinkindern beizubringen, dass sie sich in der Öffentlichkeit nicht vervielfältigen dürfen. Vince hat es geschafft. Der Mann war ein Genie. Für 1 ½ Jahre lief alles hervorragend. Dann war Vince eines morgens tot.“