„Ich könnte jetzt wieder damit anfangen, wie ungerecht das Schicksal, wenn es so etwas gibt, zu uns war. Erst nahm es uns unsere Eltern, dann den vielleicht einzigen Menschen in meinem Leben, dem ich selbst heute noch so etwas wie Bewunderung entgegen bringe. Obwohl er meinen Brüdern diese ganze Superheldensache in den Kopf gesetzt hat. Und obwohl er auf eine ziemlich unrühmliche Art von uns gegangen ist. Wisst ihr, Vince war ein sehr intelligenter, gebildeter und handwerklich geschickter Mensch, aber allem Anschein nach hatte er nie davon gehört, dass man, wenn man schon einen Toaster mit einer Gabel reinigt, wenigstens darauf achtet, dass er nicht an die Steckdose angeschlossen ist. Naja. Eines Dienstag morgens im Jahre 1993 klopfte es an der Tür und Mr Pink stand bei uns im Zimmer.“
„Hallo, ihr Fünf. Habt ihr gut geschlafen?“ fragte er.
Mego rieb sich die Augen und murmelte etwas wie: „Ja nein, doch wenn ich angele, ist es Cola.“
„Das ist schön“, seufzte Mr Pink, „denn leider muss ich euch mitteilen, dass Vince gestorben ist. Solltet ihr also schlecht geschlafen haben, werdet ihr es vermutlich auch die nächsten Nächte tun. Dafür müsst ihr auch vorerst nicht zur Schule und ich werde euch euer Frühstück aufs Zimmer bringen lassen. Wenn ihr Fragen habt, meldet euch. Ich lasse euch jetzt erstmal in Ruhe. Meldet euch auch, wenn ihr nicht in Ruhe gelassen werden wolltet. Schönen Ta...nein, schon gut.“
Mr Pink verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Die Geschwister saßen allesamt aufrecht in ihren Betten. Selbst die Zwillinge, obwohl sie die Situation nicht wirklich verstanden und nur deshalb wach waren, weil sie eben geweckt wurden.
Hego sah auf den Wecker, der neben seinem Bett stand.
„Kurz nach fünf. Es ist noch keine sechs Stunden her, seit wir Vince zuletzt gesehen haben.“
„Und was machen wir jetzt?“ fragte Shego.
Mr Pink betrat erneut das Zimmer. In einer Hand hielt er einen Briefumschlag.
„Ich bin's nochmal. Hab völlig vergessen, euch den hier zu geben. Der ist von Vince. Er gab ihn mir vor Monaten und im Falle seines Todes sollte ich ihn euch geben. Nun, er ist tot, hier ist der Brief. Ich habe keine Ahnung, was drinsteht. Ich gebe ihn einfach mal dir und lasse euch dann in Ruhe. Ihr wisst ja, wo ich zu finden bin.“
Er gab Hego den Brief und verließ erneut das Zimmer. Eine gute Minute lang sagte oder tat niemand etwas. Die Geschwister sahen nur auf den Brief in Hegos Hand.
„Soll...ich ihn vielleicht öffnen?“ fragte Mego.
„Nein. Nein, ist schon gut“, antwortete sein großer Bruder, öffnete behutsam den Umschlag und laß den darin liegenden Brief vor:
„Na, meine Helden? Wie geht’s euch? Nun, da ihr diesen Brief lest, bin ich wahrscheinlich tot. Buh! Erschrocken? Ich mache nur Spaß. Die Sache mit meinem Tod ist allerdings mein voller Ernst. Jetzt, zu dem Zeitpunkt, zu dem ich diesen Brief schreibe, weiss ich natürlich nicht, wann ich sterbe, aber ich hoffe, dass ich euch bis dahin alles Wichtige beigebracht habe. Wenn nicht, möchte ich euch einige Dinge auf den Weg geben. Erstens: Trainiert, trainiert, trainiert! Selbst Profis trainieren! Zweitens: Naja, ich glaube, das war's. Tut mir leid, aber ich bin ein besserer Trainer als Briefeschreiber. Ausserdem verursacht die Tatsache, dass ich einen Brief schreibe, den ihr erst nach meinem Tod lesen werdet, eine gewisse Gänsehaut bei mir. Jetzt kommt aber das Wichtigste! Geht in den Heizungskeller. Dort findet ihr eine blaue Tür mit einem „Vorsicht Hochspannung!“ - Schild. Geht durch diese Tür, aber achtet darauf, dass es die blaue ist. Hinter den anderen Türen mit diesem Schild befindet sich nämlich so einiges an Hochspannung und ich glaube niemand möchte gerne durch einen Stromschlag sterben.“
„Bittere Ironie des Lebens.“
„Der Raum hinter der blauen Tür ist leer. Sucht an der hinteren Wand einen Mauerstein mit einem eingeritzten Ausrufezeichen. Dahinter verbirgt sich etwas, was ihr für eure Karriere als Superhelden dringend brauchen werdet. Geht klug damit um. Das gilt auch für eure Fähigkeiten! Wir sehen uns. Früher oder später. Vince Bigelow.“
„Und so gingen wir kurz darauf zu dem Ort, dem er uns in seinem Brief beschrieben hatte.“
„Da! Ich hab den Stein mit dem Ausrufezeichen gefunden!“ rief Mego.
„Sicher, dass das ein Ausrufezeichen ist?“ fragte Shego. „Sieht eher aus, wie ein Semikolon.“
„Du bist ein Semikolon. Was ist ein Semikolon?“
„Hey, nicht streiten, ihr Zwei! Denkt an Vince. Ausserdem sieht das für mich wie ein Ausrufezeichen aus.“
„Gut, dann ist es eben kein Semikolon. Aber was machen wir jetzt damit?“
„Also in dem Brief steht, dass sich dahinter etwas befindet.“
„Ich weiss, aber ich meine, müssen wir ihn jetzt drücken oder ziehen?“
Hego klopfte ein paar mal mit dem Zeigefinger dagegen.
„Klingt hohl.“
Er klopfte nochmal. Diesmal leuchtete sein Zeigefinger und der Stein zerbröselte wie Knäckebrot. Dahinter befand sich ein Hohlraum. Hego steckte seinen Arm durch das Loch und holte etwas heraus. Es war nicht sehr groß. Es passte in seine geschlossene Faust.
„Eine tote Ratte“, wimmerte Hego. „Ekelhaft.“
„Nein“, sagte Shego.
„Was, nein?“
„Quiek!“ rief die Ratte, sprang von Hegos Hand und rannte davon.
„Lasst mich mal machen.“
Mego schrumpfte sich auf Rattengröße und kletterte durch das Loch in der Wand. Er hatte keine Angst vor Ratten, egal wie groß sie waren, denn am Ende war er immer größer als sie.
Hego fragte: „Brauchst du Licht?“
„Nein, ich leuchte hell genug. Hey, da ist was!“
„Noch mehr Ratten?“
„Nein, sieht aus, wie ein Koffer.“
„Und jetzt ratet mal, was in dem mysteriösem Koffer, der hinter einer mysteriösen Wand, mit einem mysteriös markiertem Ziegelstein, der aber eigentlich völlig unnütz war, weil wir einfach nur die komplette Wand einreissen mussten, war.“
„Ich glaube“, sagte Shego, als sie zusammen mit ihren Brüdern einen Blick auf den Inhalt des Koffers warf, „ich habe noch nie soviel Geld auf einen Haufen gesehen. Nicht in der realen Welt. Im Fernsehen. Und in meinen Träumen.“
„Hey, ich glaube, ich hatte den selben Traum, Schwesterchen.“
Hego klappte den Kofferdeckel zu und atmete tief durch.
„Erstmal müssen wir uns beruhigen und es muss uns bewusst werden, dass Vince uns dieses Geld vererbt hat, damit wir es verantwortungsvoll verwenden.“
„Jajaja, erstmal sollten wir es zählen.“
„Sei nicht so ungeduldig, Mego. Aber du hast recht, wir zählen es erstmal.“
„65 Millionen U.S. - Dollar in kleinen, unmarkierten Scheinen, von denen niemand wusste woher Vince sie hatte. Manchmal war dieser Mann fast schon eine Parodie seiner selbst. Man könnte meinen, mit soviel Geld könnte man all seine Probleme lösen, doch damit fingen sie erst an. Zum Beispiel ließ uns Hego keinen Cent davon ausgeben, wenn es nicht für Team Go war.“
Eines Nachmittags kam Mego ins Zimmer seiner Familie. Die Zwillinge spielten auf ihrem Bett, Shego laß eine Zeitschrift und Hego machte mitten im Raum Liegestütze.
„Hey Hego,“ sagte er, „ich nehme mir mal etwas Geld, ich wollte mit ein paar Leuten ins Kino.“
Hego fragte: „Woher willst du das Geld nehmen?“
„Aus dem Koffer, in dem noch sehr viel mehr ist?“
„Nein, das kann ich dir leider nicht erlauben.“
„Warum nicht?“
„Dieses Geld ist nicht für unser privates Vergnügen gedacht.“
„Das hat nichts mit privatem Vergnügen zu tun. Zumindest nicht hauptsächlich. Hier geht es um Imagepflege. Dieser Film mit den Dinosauriern ist das Kinoereignis des Jahres und rate mal, wer ihn noch nicht gesehen hat.“ Er zeigte mit beiden Daumen auf sich. „Ganz recht. Mego hat ihn noch nicht gesehen. Also darf Mego, das bin übrigens ich, sich jetzt mal eben ein paar Scheine aus dem Koffer nehmen, um nicht wie der letzte Trottel dazustehen?“
„Nein. Wenn du ins Kino gehen willst, musst du die Karte mit dem Geld bezahlen, dass Mr Pink uns jeden Monat gibt. Wenn du es schon ausgegeben hast, musst du bis nächsten Monat warten.“
Mego knirschte den Zähnen und drehte sich dann zu seiner Schwester, die ihr schadenfrohes Grinsen hinter der Zeitschrift versteckte.
„Shego?“
„Vergiss es.“
„Aber du weisst doch noch gar nicht, was ich dich fragen möchte, Schwesterchen.“
„Hat es was mit Geld zu tun?“
„Oh, ganz und gar nicht. Naja, vielleicht ein bisschen.“
„Nein.“
Wütend raufte sich Mego seine Haare.
„Das...ist nicht fair! Wir haben einen Koffer, mit dessen Inhalt wir einen Politiker bestechen könnten, damit er mir eine Eintrittskarte besorgt! Shego, du kannst mir nicht erzählen, dass du das in Ordnung findest.“
Shego senkte die Zeitschrift.
„Tue ich auch nicht. Aber ich habe diese Diskussion schon gestern mit unseren Schatzmeister geführt.“
„Und eine derart teure Hose von Club Banana ist garantiert schlimmer als ein Kinoticket!“ rief Hego dazwischen.
„Heisst das, ich kann mir jetzt etwas fürs Kino nehmen?“
„Nein!“
Kurz darauf gab es aber noch ein anderes Problem. Hego wurde 18 Jahre alt, dass hieß, er hatte keinen Anspruch mehr auf einen Platz im Waisenhaus, durfte uns aber nicht mitnehmen, da er zu dem Zeitpunkt unmöglich für vier Geschwister und sich selbst sorgen konnte. Ihr wisst schon, Paragraphen, Gesetze, Regelungen und so weiter. Dies führte Hego zu seiner vielleicht einzigen, illegalen Tat.“
„So, sie glauben, dass sie für ihre Geschwister sorgen könnten, weil...?“
Mr Romero, der Sachbearbeiter vom Jugendamt, blätterte leicht desinteressiert in Hegos Akte herum.
Hego rutschte angespannt auf seinem Stuhl herum. Er trug einen seriös wirkenden Anzug, um sein Gegenüber zumindest etwas zu beeindrucken.
„Nun, dafür spricht mein hohes Verantwortungsbewusstsein. Ich habe hier zum Beispiel“, er legte eine kleine, vergoldete Medaille auf den Schreibtisch vor ihm, „eine Auszeichnung von der Schule für gutes Betragen und regelmäßige Anwesenheit.“
„Er war so ein Streber!“
Mr Romero warf einen flüchtigen Blick darauf, hob eine Augenbraue und sagte: „Ja, sehr nett.
“
Hego räusperte sich unsicher.
„Ausserdem habe ich hier ein Empfehlungsschreiben von Mr Pink, dem Leiter des Go City – Waisenhauses.“
„Pink, so so. Ein merkwürdiger Mensch, aber trotz allem ein Profi.“ Er nahm das Empfehlungsschreiben an sich und legte es ungesehen in der Akte ab. „Damit hätten sie schonmal einen Punkt, der für sie spricht. Aber wie sieht es mit den wichtigen Dingen aus?“
„Bitte?“
„Sie haben vier Geschwister zu versorgen. Zwei davon sind noch Kleinkinder.“
„Äh, ja, aber--“
„Nun, bei einem Fünf-Personen-Haushalt sollten sie schon mal über eine Unterbringung in einer entsprechenden Größe verfügen. Können sie sich so etwas leisten?“
„Ich...habe gerade einen Job bei Bueno Nacho angenommen.“
„Sie sind also Burgerbrater?“
„Nicht direkt, bei Bueno Nacho gibt es...“
„Abgelehnt.“
Hego sprang vom Stuhl auf.
„Was!?“
„Abgelehnt. Ihre Geschwister bleiben im Heim.“
„Aber...“
„Hören sie, es wäre schwierig genug für sie, ein Kind mit einem Job in einer Fast-Food-Kette zu versorgen, aber vier? Plus sie selber?“
Mr Romero griff nach dem „Abgelehnt“ - Stempel, drückte ihn aufs Stempelkissen und wollte gerade einen Abdruck auf Hegos Antrag hinterlassen, als dieser ihn am Handgelenk festhielt.
„Dann...zwingen sie mich jetzt dazu, etwas zu tun, worauf ich nicht stolz bin.“
Hego ließ ihn los. Romero gähnte.
„Was wollen sie tun? Mich verprügeln? Nur zu, tun sie sich keinen Zwang an. Dann komme ich auf diese Weise vielleicht endlich mal aus diesem...diesem Fensterlosen Höllenloch raus! Sie wissen ja gar nicht, wie sehr ich diesen Job hasse. Ich wäre am liebsten Profi-Wrestler geworden, doch leider ist es dazu nicht gekommen. Stattdessen sitze ich hier und bekomme täglich von irgendwelchen frustrierten Menschen, die ich zum Teil noch nie in meinem Leben gesehen habe, Schläge angedroht. Einige davon wollen mich sogar umbringen. Wollen sie mich auch umbringen? Bitte, tun sie es! TUN SIE ES! Ich kann dieses muffige Büro nicht mehr ertragen. Das rostige Knarren des Aktenschranks! Die unerträgliche Hitze im Sommer!“ Er sprang mit beiden Füßen auf den Schreibtisch und rief: „Ich will nicht mehr!!!“
Hego sah zur Tür. Niemand kam in heller Aufregung reingerannt. Es waren keine entsetzten Schreie, die darum baten, dass jemand die Polizei rufen sollte, von draussen zu hören. Es schien so, als ob die Leute, die hier arbeiteten, dieses Schauspiel schon kannten.
„Ähm, Mr Romero. Ich hatte gar nicht vor sie zu verprügeln. Oder zu...“
„So? Was dann?“
„Sehen sie, ich habe hier einen Aktenkoffer. In diesem Koffer befindet sich eine Million Dollar. Die gehören ihnen, wenn sie mir das Sorgerecht für meine Geschwister geben.“
Mr Romero rückte seine Krawatte zurecht und kletterte beschämt vom Schreibtisch.
„Eine Million sagen sie?“
Hego öffnete den Koffer.
„In kleinen Scheinen.“
Der Mann vom Jugendamt nahm eines der Geldbündel in die Hand und blätterte es kurz durch. Danach legte er es zurück in den Koffer, schloss den Deckel, drückte einen „Genehmigt“-Stempel auf den Antrag und verließ eilig mit den Worten: „Viel Spaß als Familienoberhaupt“ sein Büro.
Anfangs lächelte Hego noch, doch nach kurzer Zeit wich das Lächeln aus seinem Gesicht und er sagte zu sich selbst: „Na toll, ich habe einen Beamten bestochen. Jetzt bin ich auch ein Verbrecher.“
„Als Hego uns schließlich aus dem Heim abholte, dauerte es nicht lange, bis er uns diesen schwarzen Fleck auf seiner weissen Weste unter Tränen gestand. Nun, wir sahen das natürlich nicht so eng wie er, klopften ihm auf die Schulter, verabschiedeten uns bei Mr Pink und kehrten nie wieder zurück. Auf diese gute Überraschung folgte aber eine schlimmere.“