Später...
Julian van Helden, preisgekrönter Dokumentarfilmer, und sein Kameramann, Washington Yagher, betraten ein altes, leerstehendes Lagerhaus, irgendwo in Deutschland.
Es war kurz vor neun Uhr morgens. Dem Wetterbericht nach, sollte es ein schöner, sonniger Frühlingstag werden, doch wenn man hier drin war, bedeutete das überhaupt nichts. Es war dunkel, dreckig und staubig. So, wie man sich eine alte, leerstehende Lagerhalle vorstellen sollte.
"Meinst du, sie kommt?" fragte Washington.
Washington war ein dürrer, glatzköpfiger Mann, Ende 20, mit einem langen, zu einen Zopf geflochtenen, Vollbart.
Julian zog eine Packung Kaugummis aus seiner Jackentasche. Er war einer von den Menschen, dessen Aussehen man einfach nicht beschreiben konnte, weil sie so schrecklich durchschnittlich aussahen. Man konnte mit ihm Tagelang in einem Fahrstuhl eingesperrt sein, doch man würde sein Gesicht sofort vergessen, nachdem man von der Feuerwehr, dem Hausmeister, einem Superhelden oder sonst wem dort heraus geholt wurde.
"Sie wird kommen", antwortete er mit erzwungenem Optimismus.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Er hatte viel Geld ausgegeben um sie zu finden. Dann musste er auch noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten, damit sie überhaupt zustimmte. Nicht zu vergessen, der Flug nach Deutschland. All das machte diesen Dokumentarfilm schon jetzt viel teurer sein als seinen letzten, in dem es eigentlich nur um Schuhe ging.
Er bekam trotzdem einen Oscar dafür.
"Kaugummi?"
Washington winkte höflich ab und sah auf die Uhr.
"Neun. Was ist, wenn sie nicht kommt?"
"Sie wird kommen."
"Ja, aber was, wenn nicht? Ich meine, wie alt ist sie nochmal? 99? Ich sage ja nicht, dass sie nicht kommt, weil sie nicht will. In dem Alter kann viel passieren. Sie könnte quasi jeden Moment tot umfallen oder so."
"Washington?"
"Julian?"
"Schnauze."
"Ich sag ja nur."
Gelangweilt sah Washington zu Boden und sah vor sich eine alte Dose liegen. Der tief im menschlichen Kollektivbewusstsein verankerte "Wenn-so-etwas-wie-eine-Dose-vor-mir-liegt-trete-ich-sie-Instinkt" sagte "hallo" zu ihm. Er ging ein paar Schritte zurück um Anlauf zu nehmen und trat das wehrlose Stück Abfall mit lautem Scheppern in die dunkelste Ecke des Lagerhauses.
Julian sah erneut auf die Uhr. Es war schon eine Minute nach neun. Sie befand sich sicher noch im akzeptablen Zeitrahmen für Verspätungen, doch trotzdem wurde er langsam nervös.
"Hörst du das?" fragte Washington.
Julian horchte auf und vernahm ein merkwürdiges Quietschen, zusammen mit einer Art Rumpeln.
"Was ist das? Es kommt aus der Ecke, in die du die Dose gekickt...oh nein. Oh NEIN!"
Dutzende von Ratten stürmten, aufgeschreckt durch das Bombardement mit einer alten Dose, aus der Dunkelheit auf die Beiden zu. Weder Julian, noch Washington wussten, dass sie so schnell rennen konnten, doch sie fanden es heraus, als sie in einem Höllentempo auf ein wackeliges Baugerüst zurannten und - ebenfalls für beide - überraschend schnell daran hinaufkletterten.
Die Ratten hatten keinerlei Interesse an den Beiden. Vielleicht wollten sie sie auch nur erschrecken. Wer weiss schon, was im Kopf einer Ratte vor sich geht? Sie liefen einfach am Gerüst vorbei und verschwanden in einer anderen dunklen Ecke.
Julian atmete erleichtert auf.
"Das war gruselig."
"Definitiv Top 3 auf der Grusel-Skala."
"Aber weißt du, was das Schlimmste daran war? Das die Kamera nicht lief."
"Ist das ein Vorwurf?"
"Nur eine Feststellung von Tatsachen."
"Okay."
Sie kletterten langsam wieder hinab. Kaum auf dem Boden angekommen, bemerkten sie eine alte Frau, die sich ihnen langsam in ihrem elektrischen Rollstuhl näherte. Es war ohne Zweifel die Frau, auf die sie gewartet hatten.
"Shego", sagte Julian erfreut. "Schön, dass sie doch noch gekommen sind."
Es handelte sich tatsächlich um die mittlerweile 99 Jahre alte Shego. Ihre Haare waren Schneeweiss, ihr Gesicht war ziemlich faltig und ihre Hände zitterten, aber man konnte sie noch ohne größere Probleme erkennen.
"Ich war schon die ganze Zeit hier", sagte sie. "Hab euch beobachtet. Ihr seid solche Weicheier. Oh nein, sie ist 30 Sekunden zu spät, buhu, sie kommt nicht. Und dann sind da ein paar Babyratten, hilfe, Mami!"
Weder Julian, noch Washington fanden das besonders witzig.
"Was ist jetzt", fragte Shego. "Wollt ihr das immer noch machen?"
"Natürlich", antwortete Julian selbstbewusst.
"Gut, dann folgt mir."
"Folgen, wohin?"
"Ins Hotel. Glaubt ihr etwa, dass ich euch meine komplette Lebensgeschichte, von meinen Anfängen, meiner Familie, meinen Weggefährten, Freunden, Feinden, guten Taten, bösen Taten, Dingen, die ich noch nie jemandem erzählt habe, wie ich wurde was ich war, wie ich wurde was ich bin und wer die Menschen waren, die ich im Laufe meines Lebens wissentlich umgebracht habe, in diesem Dreckloch erzähle?"
